Michael von Brück und der Dalai Lama

Wie kann das Überleben der Menschheit auf unserem Planeten gesichert werden? Der Religionswissenschaftler Michael von Brück und der Dalai Lama tauschten sich dazu über ethische Fragen aus. Dieses aktuelle, sehr persönliche Gespräch über den Balanceakt zwischen Wagnis und Verzicht liegt jetzt in Buchform vor. Es regt zum Nachdenken über Ethik an und ermutigt zu Engagement.

 

Hat die Menschheit überhaupt noch eine Chance? Geht es nach den beiden Weisheitslehrern Michael von Brück und dem Dalai Lama, dann lautet die Antwort: Ja! Die beiden Freunde, die sich nun schon seit vierzig Jahren kennen, trafen sich in Dharamsala, dem Wohnort des Dalai Lama im indischen Exil, zum Gespräch.

Das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, 84 Jahre, und Michael von Brück, Religionswissenschaftler und emeritierter Professor der LMU München, gerade 70 Jahre alt geworden, hielten Rückschau auf ihr Leben. Sie machten sich Gedanken über eine lebenswerte Zukunft für die gesamte Menschheit und beabsichtigen mit diesem Buch vor allem eines: Mut zu machen.

Welch ein Glück, dass die reichhaltigen Lebenserfahrungen dieser beiden weitblickenden, gebildeten alten Herren für eine breite Leserschaft jetzt in Buchform vorliegen. Die spannenden Interviews zu Themengebieten Religion, Bildung, Ökologie, Ökonomie, Technologie und globale Ethik im interkulturellen Kontext regen die Leserschaft zu vielfältigen Diskussionen an.

Gegen den Strom schwimmen

Fragen, die sicher viele Leserinnen und Leser antreiben, werden angesprochen, etwa: Wie sollen wir mit dem globalen Wandel umgehen und den damit verbundenen Ängsten? Die Autoren  ermutigen dazu, das Abenteuer und Wagnis einzugehen, selbst nachzudenken und gegen den Strom zu schwimmen. So ginge es für das Überleben der Menschheit nicht nur um Verzicht, sondern auch einen Gewinn an Lebensfreude und Lebensqualität.

Im Vorwort fassen beide Gesprächspartner die Aussage des Buches trefflich zusammen: Soll die Menschheit nicht in Zerstörung und Resignation verfallen, muss der Mensch vertraut Gewordenes aufgeben. „Vor allem brauchen wir Geduld, und das ist die kluge Balance von Wagnis und Verzicht, von Mut einerseits und Selbstbeschränkung andererseits.“

Werte lenken die Aufmerksamkeit

Thematisiert werden der gefährliche Nationalismus des „America first“- und der Brexit-Politik. Der Dalai Lama wiederholt besonders die wertvolle integrierende Politik wie die der EU. Hoffnung sieht er in der Erfahrung von Abhängigkeit und Vernetztheit aller Lebewesen.  „Diese Wahrnehmung hängt ab von Werten“, so Michael von Brück, “Werte lenken die Aufmerksamkeit.“

Ziel sei es, die Menschheit nicht als Umwelt, sondern als Mitwelt zu sehen, insbesondere in Bezug auf das Leiden der Flüchtlinge weltweit. Auch für den Dalai Lama ist die Aufteilung in „Inländer“ und „Ausländer“ eine oberflächliche, wenn auch für viele identitätsstiftende Sicht, die eine Trennung in „wir“ und  „andere“ voraussetzt. Als Wagnis bezeichnete es der Dalai Lama, das Einssein der Menschheit zu begreifen. „Es erfordert eine Form des Verzichts, was das eigene Ego angeht.“ Einen Schlüssel zur Lösung des Problems sieht er in der Erziehung.

Dies ist auch wesentlich für Michael von Brück: „In der Schule trainieren wir das Rationale, und die Emotion überlassen wir dem Zufall.“ Die tägliche Reinigung des Geistes und die Regulierung der Emotionen seien genauso wichtig wie die des Körpers. Der Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ist für Michael von Brück einer der größten Irrtümer unserer Zeit und eine Illusion, die zur mentalen Versklavung führe.

Der Dalai Lama betont besonders die Intelligenz des Menschen. Viele, die spirituell interessiert sind, verließen sich im Westen auf selbsternannte Gurus und Autoritäten. Dagegen müsse man die  eigene Intelligenz entwickeln. Und das ist vielleicht der größte Schatz des Buches: die Ermutigung zu selbständigem Denken, das nicht auf Ideologie basiert. Es ist auch ein Appell, Eigenverantwortung zu übernehmen, Geist und Herz zu schulen und dieses Weisheitswissen an die Jugend weiterzugeben.

So hält der Dalai Lama das Erziehungssystem für einseitig materialistisch ausgerichtet. Innerer Frieden und geistige Entwicklung würden unterbewertet. Die ganze Gesellschaft sei durch eine materialistische Kultur geprägt, in der Geld, Macht und Ruhm zu einem Werteverfall im öffentlichen Leben führten. „Unsere Hoffnung liegt darin, unser Erziehungssystem vom Kindergarten bis zur Universität ernsthaft zu überdenken und zu verändern.“

Aufruf zu einer globalen Ethik und interkulturellen Debattenkultur

Vorschläge, um den sozialen Frieden zu sichern, sind im interessanten Schlusswort zu lesen. Hier setzt sich von Brück in Bezug auf eine globale Ethik für einen öffentlichen interkulturellen Ethikdiskurs ein und ruft zu mehr Debatten auf. Gerade in Zeiten des religiösen Fanatismus sei es heute wichtig, in einem interreligiösen Dialog altüberlieferte Glaubensmuster und überlieferte Traditionen neu zu überdenken.

Für den Dalai Lama bleiben die entscheidenden Werte Liebe und Mitgefühl: „Meine begrenzte Erfahrung hat mich gelehrt, dass nichts zu größerem inneren Frieden führt als die Entwicklung von Liebe und Mitgefühl. Je mehr wir uns um das Glück anderer bemühen, desto mehr wächst unser eigenes Wohlbefinden.“

Michaela Doepke

Dalai Lama, Michael von Brück: Wagnis und Verzicht, Kösel Verlag, München 2019

Der Dalai Lama ist das spirituelle Oberhaupt der Tibeter. Der 14. Dalai Lama wurde 1935 geboren. Nach der Besetzung Tibets durch China floh er 1959 nach Indien, wo er seitdem im Exil lebt.

Michael von Brück, Jahrgang 1949, studierte Ev. Theologie, Vergleichende Sprachwissenschaften und Sanskrit. Er lehrte in Madras (indien), bevor er 1988 seine erste Professur an der Universität Regensburg antrat.