Foto: Monkey Business Images/ shutterstock.com
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„Ich habe es leicht, ich muss ja nur lernen“

Was chinesischen Schülern wichtig ist

Mari Benn lebt seit August 2013 in der chinesischen Millionen-Stadt Nanjing und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache. Chinesische Schulen sind wie Gemeinden inmitten der Megastädte. Hier lernt man nicht nur. Hier lebt man und findet Gemeinschaft. Lesen Sie den ungewöhnlichen Bericht.

„Es ist das Dümmste auf der Welt, gegen die Wahrheit zu rebellieren.“ Nach nur sechs Monaten Deutschunterricht kann mein chinesischer Schüler Fenix Aphorismen produzieren, die Konfuzius stolz machen würden. Fenix ist ein selbstbewusster 15-Jähriger, für dessen ‚deutschen Namen‘ ein Charakter aus einem Computerspiel Pate stand.

Wir befinden uns im Deutschunterricht an einer chinesischen Eliteschule in Nanjing, die das Ausmaß einer Kleinstadt hat. Wir diskutieren, weshalb chinesische Schüler eine deutlich schwächer ausgeprägte Pubertät zu durchleben scheinen als ihre deutschen Gleichaltrigen. Warum sie deutlich seltener rauchen und nicht Bushido hörend die Welt verachten.

Sie sind umgängliche, fröhliche und unkomplizierte Zeitgenossen. Wir Lehrer stehen nicht automatisch unter Feindesverdacht. Zwar können wir Vertrauen verspielen, müssen es aber nicht erst in einem langwierigen Prozess gewinnen. Chinesische Schüler stellen nicht immer alles sofort grundsätzlich in Frage, sind deshalb aber nicht zwangsläufig leichtgläubig, unterwürfig oder unselbständig.

Die wichtigste „Wahrheit“, gegen die es sich in den Augen chinesischer Schüler jedoch nicht zu rebellieren lohnt, lautet: Schule ist ihre erste Pflicht. Ihr Job. Ihre Aufgabe. Diese Sicht wird von der chinesischen Sprache gestützt, in der 班 (ban) sowohl Schulklasse als auch Dienst bedeuten kann.

Die jungen Menschen akzeptieren, dass sie „zu jung und zu naiv“ sind, um zu verstehen, was es bedeutet, ein Erwachsenenleben in einer Leistungsgesellschaft wie China zu führen. Sie finden, dass sie es leicht haben im Leben, denn sie müssen ja nur lernen.

Ein ganz normaler Schultag in China

Der Tag beginnt für meine Schülerinnen und Schüler um 7:30 Uhr damit, den Körper ein wenig in Schwung zu bringen und für die folgenden Lernaufgaben vorzubereiten. Sportlehrer oder Wohnheimbetreuer radeln gemütlich auf ihren Rädern an den Wohnungen der Auslandslehrer vorbei. Mit Trillerpfeife geben sie den Rhythmus vor, zu dem die Schulklassen auch bei Temperaturen jenseits der 35° Grad verschlafen nebenher trotten.

Wenn die jungen Körper derart warmgekurbelt sind, können die Köpfe bis Mittag mit Unterrichtsstoff befüllt werden. Nach einer etwa einstündigen Mittagspause, die oft für Powernapping genutzt wird, geht der Unterricht bis etwa 17 Uhr weiter. Es folgt ein Zeitfenster für Pflichtduschen und Aufräumen, aber natürlich auch etwas Erholung und Spiel.

Von 18:30 bis 19:15 gibt es dann Pflichtvergnügen im Klassenzimmer in Form von Serien und Filmen überwiegend amerikanischer Produktion, ehe zwei Stunden lang Zeit für betreute Hausaufgaben ist. Dann gibt es noch etwas Klönen, Kuscheln und Computerspielen. Am nächsten Morgen um halb sieben schallt Chopin übers Schulgelände und ein neuer Lerntag beginnt.

Die Schüler sehen vieles auch kritisch

Auf mich wirken die Schüler manchmal wie Lernroboter. Und doch versichern sie glaubhaft, dass sie ein gutes Leben haben, weil sie ja nur lernen müssen. Ist das chinesische Gehirnwäsche?

Wohl kaum. Die Schüler sehen vieles auch kritisch, allen voran das Essen in der Mensa und die harten Betten im Wohnheim. Und natürlich hinterfragen die 15- oder 16-Jährigen auch das Verbot erster zaghafter Liebesbeziehungen.

Auch Themen, die nicht so unmittelbar ihre primären Bedürfnisse betreffen, sehen sie kritisch. Sie fragen: Hat das, was wir lernen, einen praktischen Nutzen? Warum lässt Lehrer Bian uns das Lehrbuch auswendig lernen und rezitieren? Sie denken nach. Sie erkennen, dass diese Methode keinen besonders langfristigen Lernerfolg erzielt. Sie wissen, dass sie wenige Tage später alles wieder vergessen werden, um Neuem Platz zu machen. Sie denken aber auch, dass es ihnen dabei hilft, Tests zu bestehen.

Der Clou ist das Gefühl der Zugehörigkeit. Nicht Gehirnwäsche, sondern ein Zugehörigkeitsgefühl ermöglicht dieses intensive Lernprogramm. Ein Beispiel: Nach zwei Wochen Deutschunterricht kannten meine Schüler den Unterschied zwischen „mein“ und „ich“. Dennoch schrieben sie unverhältnismäßig häufig „Ich Schule“ statt „meine Schule“.

Es dauerte etwas, bis ich verstand, dass sie Chinesisch dachten. Es gibt im Chinesischen das Partikelwort ‚de‘, das Besitz anzeigt. Ich + 的+ Buch wird mein Buch, Vater + 的+ Buch wird das Buch des Vaters und so weiter. Ein Chinese erklärte mir jedoch, dass das nicht für „Einheiten, zu denen man gehört“ gelte. Solche „Einheiten“ sind die Familie, die Schule, die Uni, die Arbeit. Sie sind zentraler Teil deines Lebens und deiner selbst, und die beiden Wörter verschmelzen einfach miteinander.

In der Schule nicht sein Bestes zu geben, ist fast schon ein Verrat an sich selbst und der Gesellschaftsordnung. Deshalb gibt es im Chinesischen auch kein Wort für „Streber“, denn Streber sind alle. Es ist das Ideal. Dass es dafür ein negativ besetztes Wort im Deutschen gibt, erscheint Chinesen unvorstellbar.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass alle chinesischen Schüler immer nach dem Höchsten streben. Faulheit, Unlust oder Desinteresse sind dafür zu menschlich. Aber in China herrscht ein anderes Ideal vor: Wer in der Schule nicht gut ist, lässt seine Gemeinschaft im Stich. Es ist uncool, schwach. Wer beim Spicken erwischt wird, wird anschließend von Ängsten geplagt. Die schlechte Note ist weniger Strafe als der drohende Vertrauensentzug der Gemeinschaft.

Bildung hat einen hohen Stellenwert

Die Schüler, die ich unterrichte, gehen nach nur einem Jahr Deutschunterricht nach Deutschland, um dort Abitur zu machen. In den Ferien kommen sie zurück nach China, um Familie und sonstige Einheiten zu besuchen. So treffe ich zu meiner großen Freude noch häufig die Schüler des vergangenen Schuljahres. Auch mit einigen Monaten Erfahrung an einer deutschen Schule bleibt das Urteil für die Heimkommenden gleich: Der hohe Stellenwert von Bildung und das Gefühl von Zugehörigkeit sind sehr motivierend für den Lernerfolg und entschädigen oftmals für mangelnde Freizeit.

Aus Schülerperspektive kann ich mir das noch immer nur schwer vorstellen. Aus der Perspektive einer deutschen Lehrerin ist die Lernkultur ein Traum. Ich arbeite zusammen mit den Schülern auf ein klar definiertes Ziel hin. Im Unterricht bei meinen chinesischen Kollegen sind die Hierarchien noch strenger. Aber die Jugendlichen sind anpassungsfähig. Sie gewöhnen sich schnell an flachere Hierarchien. Und sie freuen sich, wenn ich ihnen zuhöre und deutlich mache, dass auch ich etwas von ihnen lernen kann. Etwa wie unkompliziert und entspannt die Arbeit sein kann, wenn man das Gefühl hat, zusammenzugehören. Ich gehöre wirklich gerne zu ich Schule.

Mari Benn lebt seit August 2013 in der 8-Millionen-Stadt Nanjing und unterrichtet dort Deutsch als Fremdsprache. Zuvor war sie Deutschlehrerin an einer hessischen Fachoberschule. Vom Leben und Arbeiten in China erzählt sie in ihrem Blog Strahlend grauer Himmel.

 

 

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