Der Autor in seiner Lieblingsjacke. Foto: Michaela Doepke
Der Autor in seiner Lieblingsjacke. Foto: Michaela Doepke

Lebenskunst statt Lebensversicherung

Michael Feike, 33, über sein Leben als Schriftsteller

Schon in der Schule beschloss Michael Feike, anders zu leben – mit wenig Geld auszukommen, um Zeit für die wichtigen Dinge zu haben. Denn das Leben ist unsicher, so oder so. Wie es ist, wenn er krank wird und warum er trotzdem nicht tauschen möchte, schildert er in diesem Artikel.

Meine Tochter hat Keuchhusten und auch ich huste seit zwei Wochen kläglich vor mich hin. Letzte Woche saß ich, eingenebelt in den Dunst meiner Grippe, vor meinem Rechner und versuchte vergeblich, brauchbare Artikel zu schreiben. Es wollte mir nicht recht gelingen und das stellt mich vor ein gewisses, handfestes Problem: Womit soll ich meine nächste Monatsmiete bezahlen?

Ich schleppte mich daher, nicht frei von Selbstmitleid, trotz Hustenattacken in die kleine Töpferei, in der ich zwei Tage die Woche arbeite. Einmal mehr wurde mir klar: ich kann es mir einfach nicht leisten, krank zu sein!

Nun trage natürlich allein ich selbst die Schuld an dieser Situation. Noch bevor ich die Schule verlassen hatte, stand für mich fest: ich will Schriftsteller werden. Seither schreibe ich und verdiene mir nebenher mein Brot mit diversen Jobs, wie eben jener beschaulichen Beschäftigung in meiner kleinen Töpferei.

Über die Jahre erwarb ich mir ein gewisses Geschick darin, mit bescheidenen finanziellen Mitteln zurechtzukommen. Ich habe kein Auto, nicht einmal einen Führerschein, finde bisher immer bezahlbare Behausungen, trage gebrauchte Kleidung etc.. Bisher musste ich mich nie groß verschulden und habe auch nicht das Gefühl, arm zu sein. Nur krank sein geht halt irgendwie nicht.

Einmal arbeitete ich ein Jahr lang als Pflegehelfer in einem Seniorenheim, drei Tage die Woche in Festanstellung. Zwar war es auch dort aus personellen Gründen nicht einfach, krank zu sein, aber ich genoss den unerhörten Luxus bezahlten Urlaubs und war ein Jahr lang völlig sorgenfrei was die finanzielle Seite meines Lebens betraf.

Das Leben ist unsicher – so oder so 

Aber warum lebe ich so? Warum suche ich mir nicht einfach einen soliden Job so wie jeder vernünftige Mensch? Zum einen traf ich, wie gesagt, einige wegweisende Entscheidungen noch während der Schulzeit und machte weder einen staatlich anerkannten Schulabschluss noch irgend eine Berufsausbildung. Zum anderen gibt es einfach Dinge im Leben, die mir wichtiger sind als finanzielle Sicherheit. Mein Leben hat einfach eine etwas andere Ausrichtung als das vieler Zeitgenossen.

Wie lange das Ganze gut geht, weiß ich nicht, aber wer von uns könnte mit Sicherheit sagen, dass er das nächste Jahr überhaupt überleben werde. Keiner von uns weiß, wann er sterben wird, egal wie akribisch wir alles planen und inszenieren. Wir wissen auch nicht, wie unsere Lebensumstände sich uns in zehn Jahren präsentieren. Wir können die Umstände niemals total kontrollieren, und bezüglich unserer Zukunft gibt es keinerlei Sicherheit, sondern bestenfalls Wahrscheinlichkeiten.

Daher verwende ich einen ganzen Teil meiner Zeit darauf, zu lernen, mit den gegebenen Umständen zurecht zu kommen. Ein derartiges Training erfordert Geduld und Zeit. Und hier liegt der eigentliche Grund, warum ich mich bisher nicht darum kümmern konnte, meine Finanzen auf ein solides Fundament zu stellen.

Meine persönliche Lebensversicherung ist jene besagte Fähigkeit: wie komme ich zurecht in dem, was sich gerade ereignet – ohne unglücklich zu sein und andere unglücklich zu machen. Je länger ich mich darin schule, umso geschickter werde ich hier und umso zuversichtlicher blicke ich in die Zukunft.

Ob sich meine wirtschaftliche Situation in absehbarer Zeit verbessern wird, weiß ich nicht und es ist auch letztendlich nicht von Bedeutung. Immerhin verdiene ich mir inzwischen einen Teil meines Geldes mit jener Tätigkeit, die ich mir bereits als Schüler zum Beruf auserkor. Und wer weiß, vielleicht kann ich irgendwann auch einfach krank sein, ohne mich sorgen zu müssen, mit welchem Geld ich die nächste Monatsmiete bezahlen soll.

Michael Feike

Gerade ist sein neues Buch erschienen: We will die. Buddhismus für Lebenshungrige. Arkana 2014

Michael Feike stammt aus einer Familie, in der der Tod sehr präsent ist. Viele seiner engsten Familienmitglieder sind von einer sehr aggressiven Krebsform betroffen, so dass er sehr früh mit dem Thema Sterben konfrontiert wurde. Wie er damit umgeht und wo er Hilfestellung, Trost und Orientierung findet, steht in diesem Buch.

 

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Ein Gedanke zu „Lebenskunst statt Lebensversicherung

  1. Schöner Artikel Michael,

    erst am Ende habe ich erfahren, dass du ein Buch über Buddhismus geschrieben hast. Vorher sah ich im Artikel eher stoische Ansätze, was aber auch daran liegen kann, dass ich gerade wieder Mark Aurel lese 🙂

    Ich mag es, dass du im „Jetzt“ lebst und dich um die Probleme die unmittelbar vor dir liegen kümmerst und nicht dein ganzes Leben schon in der Zukunft ausgemalt hast. Bis ich zu dieser Realisierung kam hat es bei mir echt lange gedauert – ich finde es toll, dass du in deiner Schulzeit schon so eine Weitsicht hattest.

    Liebe Grüße,

    Daniel

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