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Ich oder die anderen? Nur ein scheinbarer Gegensatz

Ein Essay von Nicolas Dierks

Täglich verteidigen wir unsere Freiheit gegen Ansprüche anderer, schreibt der Philosoph Nicolas Dierks. Doch es besteht die Gefahr, dass wir in einen radikalen Subjektivismus abgleiten, der unser Leben verarmen lässt und die Gesellschaft fragmentiert. Rücksicht auf andere zu nehmen, schwächt nicht unsere Freiheit, es ist Ausdruck unserer Verbundenheit, so Dierks.

„Das ist nicht mein Problem!“ So hören wir Menschen mit abwehrender Geste sagen, ihren Blick leicht abgewandt. Der Satz zeigt eine klare Grenze: sich nicht den Ansprüchen und Erwartungen anderer zu unterwerfen, sich nicht die kostbare Lebenszeit stehlen zu lassen. Bewundern wir diese Haltung nicht manchmal?

Wir alle haben diesen Schritt in unserer Entwicklung zu vollziehen. Als Kinder glauben wir fast alles, was unsere Eltern erzählen, und übernehmen ihre Weltsicht. Unsere Eltern prägen unser Selbstbild, was wir für erstrebenswert und möglich halten sowie wie die alltäglichen Regeln guten Benehmens – dass man mit anderen teilt, dass man „bitte“ und „danke“ sagt und dass man zu Familienfeiern dieses hübsche Kleid oder die gute Hose anzieht, die keinesfalls dreckig werden dürfen.

Auch wenn wir uns bisweilen dagegen sträuben, ist die elterliche Anerkennung für uns so wichtig wie die Luft zum Atmen. Das nannte Jean-Jacques Rousseau Le Sentiment de l’existence, das „Gefühl des Daseins“. Es sei noch grundlegender als der spätere Konflikt zwischen dem Individuum und der Gesellschaft bei der Suche nach der eigenen Identität, nämlich eine fundamental soziale Seinsweise, wie in der innigen Beziehung von Mutter und Säugling.

Lange Zeit versuchen wir die elterlichen und gesellschaftlichen Standards zu erfüllen. Wir bemühen uns, so zu sein, dass wir positive Anerkennung bekommen. Aber dann, besonders in der Pubertät, entdecken wir unsere Eigenständigkeit. Wir müssen uns abgrenzen und lernen, eigene Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. Dafür brauchen wir einen neuen Zugang zu uns.

Wie Selbstinteresse uns auf Abwege führt

Als eigenständige Erwachsene sehen wir ein, dass der Weg zu unserem guten Leben nicht darin besteht, einfach Regeln, Erwartungen oder Ansprüche zu erfüllen. Es geht weder bloß darum, Applaus zu ernten noch Missbilligung zu entgehen. Vielmehr sind unsere eigenen Gefühle und Gedanken zentral, um Ideen für ein gutes Leben zu entwickeln und dieses anzustreben.

Rousseaus philosophische Schriften, aber auch seine Romane wie „Julie oder Die neue Heloise“ (1761) waren im Europa des 18. Jahrhunderts in dieser Hinsicht bahnbrechend. Natürlich war menschliche Innerlichkeit bekannt, aber dass diese Innerlichkeit zentral für die persönliche Lebensgestaltung eines jeden sein sollte, war ein revolutionäres Programm. Es schlug von der Romantik bis zu den 1968ern hohe Wellen.

Heute ist uns diese Auffassung selbstverständlich geworden. Wir reagieren sehr empfindlich, wenn andere uns dazu verleiten, von unserem individuellen Weg abzuweichen – ob durch Drohung, Bestechung, Manipulation oder die Verführungen der Bequemlichkeit.

Deshalb hegen wir Bewunderung für jene Menschen, die ihre eigenen Interessen kennen und klar äußern. Das ist auch im Alltag eine Erleichterung, etwa wenn verschiedene Ansprüche aufeinanderprallen. Vielleicht haben wir in einem beruflichen Projekt die Interessen mehrerer Akteure zu wahren. Oder wir müssen bei der Planung eines Familienurlaubs verschiedene Wünsche unter einen Hut bekommen. Und natürlich ist es eine zentrale Aufgabe der Politik, verschiedenen Interessen und Ansprüchen gerecht zu werden.

Doch so sehr wir uns bemühen: Ein Kompromiss stellt häufig wenige zufrieden und kaum jemand würdigt unseren Einsatz. Was für eine Erleichterung, wenn wir uns nur auf unser berechtigtes Selbstinteresse besinnen und sagen: „Ich kümmere mich um meine Belange, wie andere sich um die ihrigen – der Rest ist nicht mein Problem.“ Das macht das Leben viel einfacher. Aber auch besser?

Kurzfristig vielleicht ja, langfristig nicht. Ich bin überzeugt, dass unsere Entwicklung einen Schritt weiter gehen muss. Bleiben wir in dieser Phase des ausschließlichen Selbstinteresses stecken, dann verarmt unser Leben und ein wichtiger Teil von uns verkümmert. Solange diese Einstellung in unserer Gesellschaft vorherrscht, treiben wir in die soziale Fragmentierung.

Die Gefahr ist folgende: Indem wir uns nur auf unser Selbstinteresse konzentrieren, neigen wir dazu, alles abzulehnen, was ein Anspruch von außen zu sein scheint. Dabei schießen wir über das Ziel hinaus. Schauen wir uns einmal die dafür entscheidende Weichenstellung an.

Von der Bedeutung des Gewissens

Wie ist uns unser Selbstinteresse zugänglich? Wir fragen uns in einer Situation etwa: „Ist das in meinem Interesse? Wollen das andere von mir oder will ich es selbst?“ Wie beantworten wir diese Fragen?

Wir haben starke Gefühle angesichts dessen, was wir wollen und manchmal noch stärkere angesichts dessen, was wir nicht wollen. Und manchmal haben wir anderen Menschen gegenüber ein „schlechtes Gewissen“. Rousseau nannte dies die „Stimme der Natur in uns“, bei der wir uns emotional unserer selbst bewusst würden. Sie gehe zurück auf unser „Gefühl des Daseins“, das wir unter Menschen ausgebildet haben, die uns wichtig waren. Durch die Besinnung auf unser Gewissen können wir uns unserer Verbundenheit mit anderen emotional bewusst werden.

Wenn wir uns mit einer Entscheidung schlecht fühlen, weil sie schlechte Konsequenzen für andere hat, dann sagen wir in der Abgrenzungsphase: „Ich fühle mich schlecht, weil die Anderen Ansprüche an mich richten – die machen mir ein schlechtes Gewissen. Ich muss mich davon befreien und an mich denken.“ Wir wollten Eigenständigkeit, grenzen uns von aber unserem Gewissen ab und drohen, zu hartherzigen Egozentrikern zu werden.

Machen wir uns den Unterschied klar. Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, dann reagiere ich nicht auf äußere Ansprüche. Es bedeutet nicht, dass ich etwa Angst vor Missbilligung habe. Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, dann bedeutet das, dass die anderen mir wichtig sind. Es bedeutet, dass ich selbst es für richtig halte, etwas für die anderen zu tun – oder zumindest so zu handeln, dass ich auf das Wohlergehen der anderen Rücksicht nehme.

Das ist kein Tauziehen und kein Kampf gegen gesellschaftliche Vorgaben. Es herrscht hier kein Konflikt zwischen dem, was ich will und dem, was die anderen wollen. Ich merke einfach, dass mir das Wohlergehen der anderen wichtig ist. Nicht sie wollen mich durch emotionale Erpressung dazu bringen, etwas zu tun, was ich nicht will. Sondern sie sind mir wichtig und deshalb will ich etwas für sie tun.

Es ist sehr wichtig, dass wir dieses zunächst oft unklare moralische Gefühl klären, um es nicht mit der Abgrenzung gegen Ansprüche von außen zu verwechseln. Einen möglichen Weg beschreibe ich in meinem Buch „Luft nach oben“ (erscheint im Mai 2017).

Dieser weitere Schritt in unserer Entwicklung äußert sich praktisch darin, dass wir versuchen, die Situation der anderen besser zu verstehen. Wir fragen etwa „Wie würde meine Entscheidung deine Situation beeinflussen?“ – und dann hören wir dem anderen zu. Wenn wir uns darauf einlassen, dann können wir ohne Preisgabe unserer persönlichen Freiheit in uns selbst die Verbundenheit mit anderen entdecken.

Auf der gesellschaftlichen Ebene können wir so eine Entwicklung fördern, bei der wir nicht hinter die Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen zurückgehen, sondern jeder für sich und wir alle miteinander Schritte gehen in Richtung einer fürsorglichen Gemeinschaft freier Wesen.

Nicolas Dierks

Nicolas Dierks_Portrait_WebDr. Nicolas Dierks ist Philosoph und Autor, zuletzt erschien von ihm der SPIEGEL-Bestseller „Was tue ich hier eigentlich?“ (Rowohlt 2014). Am 19. Mai erscheint sein neues Buch „Luft nach oben“ (Rowohlt 2017). Er gibt an der Leuphana Universität Lüneburg Seminare in Wissenschaftstheorie, berät Unternehmen zum Thema Innovation und vermittelt Philosophie mit Leidenschaft und Humor. www.nicolas-dierks.de

Nicolas Dierks wird im 4. Modul des Weisheitstrainings unterrichten, das vom Netzwerk Ethik heute ab September veranstaltet wird.

 

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2 Gedanken zu „Ich oder die anderen? Nur ein scheinbarer Gegensatz

  1. „Auch wenn wir uns bisweilen dagegen sträuben, ist die elterliche Anerkennung für uns so wichtig wie die Luft zum Atmen.“ Die elterliche Anerkennung ist so wichtig für uns, wie die Luft zum Atmen. So ist es, es ist ein schlichter Fakt, eine natürliche Gegebenheit.

    Aus unterschiedlichen Gründen setzte ich mich vor einiger Zeit mit der Frage von Missbrauch und Sektentum auseinander. Weit weg vom Thema? Ich denke, nein. Bei meinen Recherchen stieß ich auf ein interessantes Statements: „es gibt in unserer Kultur viele Mini Sekten, im Arbeitsleben und in Familien, in welchen elterliche Liebe und Anerkennung nur gegeben wird, wenn das Kind alle Erwartungen der Eltern erfüllt.“

    Dies beschreibt den einen extremen Pol in der Interaktion zwischen Gesellschaft und Individuum, den der totalen Unterwerfung des Individuums unter die Wünsche der Gemeinschaft. Der andere extreme Pol ist der der totalen Individualität, der Einstellung „me first“ und die Interessen der anderen interessieren mich nicht. Das diese Einstellung längerfristig nicht gut gehen kann, sollte unmittelbar einsichtig sein.
    Die Resultate, wie gesellschaftliche Fragmentierung werden in dem Artikel beschrieben. Interaktion zwischen Individuum und Gemeinschaft sind ein unglaublich spannendes Thema. Insbesondere dann, wenn ein Individuum, ich meine jetzt nicht ein Kind, sondern einen erwachsenen Menschen, den Wunsch hat, eine Gemeinschaft voranbringen zu wollen, sei es durch Erfindungen, sei es durch neue Erkenntnisse, sei es durch Gestaltungswillen im soziokulturellen oder politischen Kontext.
    Wie kann das Individuum die Qualitäten erwerben, die es benötigt, um die Aufgabe zu erfüllen? Ein Soziologieprofessor sagte einmal „um an die Spitze einer Gesellschaft zu gelangen, um in eine Führungsposition zu kommen, muss man von anderen, die eventuell geringere Fähigkeiten haben, für geeignet befunden werden. In der Regel geht der lange Prozess an die Spitze mit so viel Anpassung einher, dass man dann, wenn man oben angekommen ist, die Führungsfähigkeit verloren hat.“

    Eine Variante, dem Anpassungsdruck zu entgehen, wäre die gewissenlose Verfolgung der Einzelinteressen, egozentrisches Machtstreben.

    Eine andere Variante wäre der unbedingte Wunsch, aus rein altruistischem Interesse heraus allen Menschen helfen zu wollen und keinerlei Eigeninteressen zu verfolgen. Das ist ein sehr hohes Ideal und wird sicherlich nur von wenigen Menschen erfüllt – ich bin allerdings durchaus der Meinung, das es solche Menschen gibt.

    Ein mittlerer Weg zwischen den beiden genannten Alternativen wäre der im Text vorgeschlagene: die Rückbesinnung auf das eigene Gewissen, die emotionale Bewusstwerdung der Verbundenheit mit anderen Menschen. Wenn die Gesellschaft als Ganzes reift, wenn man sich seiner emotionalen Verbundenheit mit anderen bewusst ist, dann wir man bei seinen Entscheidungen auch die Auswirkung der eigenen Entscheidung auf das Interesse anderer in Betracht ziehen. Selbst in den Wirtschaftswissenschaften, genauer der Spieltheorie, hat man erkannt, dass das ausschließliche Verfolgen der Eigeninteressen längerfristig gesehen sowohl in der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung als auch in der individuellen Bewertung nicht zu einem stabilen wirtschaftlichen Zustand führt.
    Somit kann ich dem von Nicolas Dierks vorgeschlagenen Weg nur zustimmen.

    1. Liebe Ingrid Haas,

      danke für Ihren ausführlichen Kommentar. Sie haben die Stoßrichtung des Artikels sehr klar erfasst und Ihre Anmerkungen zu Sektenphänomenen und der Spieltheorie liefern einen erhellenden Kontext. Besonders der Punkt der heute geforderten Anpassungsfähigkeit in Führungspositionen ist spannend – sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht.

      Vielen Dank für die Anregungen und herzliche Grüße,

      Nicolas Dierks

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