Portrait eines Unternehmers

Stefan Topp ist Geschäftsführer eines Textilunternehmens mit 200 Mitarbeitern an vier Standorten. Das Besondere: Topp teilt die Gewinne mit seinen Mitarbeitenden. Wertschätzung und Verantwortung sind seine zentralen Werte. Seine Firmen arbeiten klimaneutral und engagieren sich für die Umwelt, zum Beispiel für die Renaturierung von Grundstücken.

Die erste Corona-Welle im Frühjahr 2020 bereitete Textilunternehmer Stefan Topp schlaflose Nächte. Er erhielt im März einen Großauftrag der Bundesregierung für die Herstellung von OP-Masken – eine Riesensache. In dreieinhalb Monaten mussten Maschinen angeschafft, begehrte Materialien besorgt und neuartige Verpackungen konzipiert werden. Die medizinische Zertifizierung brauchte länger als sonst. Obendrein drohten Vertragsstrafen, wenn nicht pünktlich geliefert würde.

Auf die Frage, warum er dieses Risiko eingegangen ist, lächelt Stefan Topp und meint: „Mein Vater hätte gesagt, warum ich nicht einfach mit Kurzarbeit und Sparmaßnahmen die gesunde Basis des Unternehmens erhalten?“ Aber er ging einen anderen Weg. Er wollte sich der Verantwortung stellen und sah gleichzeitig die wirtschaftliche Chance, stärker im medizinischen Bereich tätig zu werden. Aus der Notlage machte er eine Möglichkeit und steht heute besser da als vor der Krise.

Den Gewinn teilen

Vor 17 Jahren übernahm er den Familienbetrieb, der industrielle Textilien für die Kleiderbranche, die Innenausstattung von Automobilien oder Wohnungseinrichtung herstellt, von seinem Vater und ging neue Wege. Eine seiner ersten Entscheidungen war radikal: Er entschloss sich, die Mitarbeitenden am Gewinn des Unternehmens zu beteiligen. Diese ungewöhnliche Entscheidung begründet er so:

„Ich habe die Gewinnbeteiligung schon einige Monate nach der Übernahme eingeführt. In dieser Phase ging es dem Unternehmen nicht so gut und ich musste von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Überstunden fordern. So war es für mich selbstverständlich, dass ich etwas zurückgeben muss, denn wir sitzen alle im selben Boot.“

Schon als Jugendlicher schlug er seinem Vater vor, die Mitarbeiter stärker am Gewinn zu beteiligen. Dieser bemerkte dazu, dass die Mitarbeiter nichts davon hätten, wenn es dem Unternehmen schlechter geht. Doch Stefan Topp sah das in einem größeren Zusammenhang:

„Zu solch einem Schritt gehört eine andere Unternehmensführung und Informationspolitik. Die ältere Generation war es gewohnt, bestimmte Geschäftsdaten für sich zu behalten. In den neuen Strukturen ist Transparenz wichtig, die Mitarbeiter werden über die Geschäftsentwicklung informiert. Es wird eine Atmosphäre von Vertrauen und Wertschätzung gepflegt.“

Das Ziel ist, über 50 Prozent des Gewinnes nach Steuern auszuzahlen, meist sind es um die 90 Prozent, in manchen Jahren sogar 100 Prozent, wenn die Mitarbeiter in schwierigen Zeiten besonders engagiert waren.

Textilien Made in Germany

Die Gewinnauszahlung setzt sich zusammen aus einer Erfolgs- und einer Leistungsbeteiligung. Jede und jeder bekommt einen Anteil am Gesamtgewinn, der sich am Einkommen orientiert. Diese Summe kann je nach Leistung noch bis auf das Dreifache gesteigert werden. Dazu wird die Leistung im Mitarbeitergespräch mit dem Vorgesetzten eingeschätzt und beide unterschreiben eine entsprechende Vereinbarung.

So soll eine Transparenz gewahrt werden, die Stefan Topp in Zukunft weiter ausbauen möchte. Er will ein transparentes Bezahlungssystem entwickeln, in dem die Unterscheidung zwischen Angestellten und Arbeitern aufgelöst wird. In Workshops mit den Mitarbeitern sollen dann die Bezahlungen gemeinsam ausgehandelt werden.

Warum Topp überhaupt den Gewinn weitergibt? „Ich empfinde das Unternehmen nicht als mein Eigentum, obwohl es das formal natürlich ist. Gefühlt ist es eher eine Leihgabe, und ich habe die Aufgabe und Ehre, es zu verwalten und weiter zu entwickeln. Daher habe ich nicht das Gefühl, dass mir etwas weggenommen wird. Ich möchte, dass es den Menschen und der Umwelt gut geht, das ist meine Zielsetzung.“

„Wenn mir das Wohl der Mitarbeiter am Herzen liegt, stärkt es auch die Firma“

Wertschätzung ist für Stefan Topp ein zentraler Wert. Hier musste er als Unternehmer viel dazulernen. Ein Beispiel: „Vor ungefähr 10 Jahren sagte eine Mitarbeiterin aus der Produktion in einem Mitarbeitergespräch, sie würde gern im Büro arbeiten, solche Verwaltungstätigkeiten würden ihr Spaß machen. Ich vertröstete sie erst einmal, da ich sie dringend in der Produktion brauchte, signalisierte aber, dass sie später noch einmal auf mich zukommen solle.

Wäre ich verbunden und achtsam gewesen, hätte ich gemerkt, dass es ihr ein starkes Bedürfnis war, aber aus vermeintlichen Firmeninteressen entsprach ich nicht ihrem Wunsch. Ein Jahr später verließ sie das Unternehmen. So schadete ich letztlich auch dem Unternehmen, denn sie wäre mit ihrem Wissen über die Produktion in der Verwaltung eine große Hilfe gewesen.“

Solche Erfahrungen haben ihn gelehrt, wie wichtig es ist, sich in erster Linie für das Wohlergehen der Menschen im Unternehmen verantwortlich zu fühlen. „Wenn mir das Wohl aller wirklich am Herzen liegt, stärkt es auch die Firma.“

Topp sucht den Kontakt und das Gespräch mit den Mitarbeitern, um zu erfahren, ob jeder sich wohlfühlt und wie er geführt werden will. Diesen flexiblen Umgang aus der Beziehung heraus bezeichnet er als situative Führung: „Jede Führungskraft, die ihre Aufgabe ernst nimmt, muss wissen, was ihre Mitarbeiter bewegt. Früher gab es für mich in der Führung zwei primäre Zielsetzungen: dass ich nachhaltig wirtschafte und dass meine Handlungen mit meinen Wertvorstellungen übereinstimmen. Heute ist es mir darüber hinaus ein Anliegen, Räume für eine gelebte Herzlichkeit zu öffnen.“

So entsteht auch für ihn selbst eine tiefere Zufriedenheit: „Vor ca. zehn Jahren erkannte ich, dass der wirtschaftliche Erfolg und die Zielerreichung nicht wirklich nachhaltig meine Zufriedenheit steigern, sondern dass es die tägliche Interaktion mit den Menschen ist und die tieferen Begegnungen dabei.“ Jeden Tag macht er einen Rundgang durch den ganzen Betrieb und spricht mit den Leuten.

Auch durch Meeting-Strukturen und kleinere und größere Strategiesitzungen versucht Stefan Topp, alle Mitarbeiter in größere Entscheidungen einzubinden. Er ist offen für Anregungen und neue Ideen, die eingebracht werden. Alle vier Jahre findet eine mehrtägige Strategietagung statt, bei der es um grundsätzliche Themen geht und zu der jeder ist eingeladen ist teilzunehmen.

Liebe zur Natur

Wie sich sein Handeln auf die Natur auswirkt, ist für Topp ebenfalls von Bedeutung. Als er das Unternehmen übernahm, gab es für ökologisches Engagement kaum Freiräume. Man versuchte zwar, ressourcenschonend zu arbeiten, z. B. durch das Auffangen und Wiederverwenden von Regenwasser oder die Nutzung von Sonnenenergie, aber größere Maßnahmen konnten erst umgesetzt werden, als das Unternehmen eine solide finanzielle Basis hatte.

Für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz ist Wertschätzung wichtig

Heute produziert die Firma energieautark und ist weitgehend unabhängig von der Stromversorgung. Man hat ein Biotop-System entwickelt, in welches das Oberflächenwasser auf dem Grundstück geleitet wird. Topp ist als Industriebetrieb im Netzwerk „klimaneutrales Allgäu“ beteiligt und bereits in diesem Jahr klimaneutral.

Seit 2017 gibt es einen gemeinnützigen Umweltfond, in den der Betrieb schon eine halbe Million Euro eingezahlt hat. Mit diesem Geld sollen Grundstücke in der Gegend aufgekauft und renaturiert werden. Wenn Topp von diesen Plänen erzählt, leuchten seine Augen: „Ich habe schon als Kind gern Biotope angelegt, auf diese Projekte freue ich mich sehr.“ Auch kleinere ökologische Projekte wie die Fassadenbegrünung der Industriehallen verfolgt er mit großer Leidenschaft.

Auch privat ist die Natur für Stefan Topp eine Ressource. Als kleiner Hobby-Biobauer betreibt er einen kleinen Gemüse- und Obstanbau, hält Hühner und Bienen. Zudem ist die Meditation für ihn eine tiefe Kraftquelle, die er auch für seine Mitarbeiter anbietet. Dafür hat er in der Firma einen Meditationsraum eingerichtet, der allen offensteht. Hier finden auch Achtsamkeitstage mit Mönchen des nahelegenden buddhistischen Klosters Metta Vihara statt.

Dieses Angebot ist eine offene Einladung: „An unserem deutschen Standort arbeiten Menschen aus 14 Nationen, darunter Muslime, Buddhisten, Christen. Alle können den Raum nutzen, um Abstand zum Alltag zu gewinnen.“

Wie ein Unternehmen zu einem gesunden Organismus wird

Für Stefan Topp ist die Meditation eine Praxis der inneren Verwurzelung, um mit den Herausforderungen des Unternehmerseins umgehen zu können. Sie liegen für ihn „ im ganz Menschlichen, also zum Beispiel nicht sofort emotional zu reagieren, wenn man an seine eigenen Grenzen stößt, sondern erst mal durchzuatmen, die Situation mit Abstand zu betrachten und den eigenen Anteil daran erkennen.“

Als Unternehmer wird man oftmals mit einigen „Ur-Themen“ konfrontiert, wie Kontrollverlust, Macht und Geld sowie Existenzängsten. Als Sohn einer Unternehmerfamilie erfuhr er ursprünglich eher die negativen Seiten, z. B. die Belastung für das Familienleben. Heute sieht er aber den unternehmerischen Gestaltungsspielraum als ein Riesengeschenk.

Er setzt auf frei Faktoren: die ökonomische, soziale und ökologische Nachhaltigkeit. Wenn diese drei im Gleichgewicht sind, lebt ein Unternehmen wie ein gesunder Organismus:

„Ich nehme das Unternehmen zunehmend als einen Organismus wahr, der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Liebe braucht, damit er funktioniert und in einem ausgeglichenen Zustand ist. Ein Unternehmen gestaltet Lebenswirklichkeiten und Erfahrungsräume für Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden. Und es ist etwas Wunderschönes, wenn Menschen in diesem Prozess Vertrauen erfahren und sich mit ihren Fähigkeiten einbringen können.“

Mike Kauschke ist Autor, Übersetzer, Dialogbegleiter und Redaktionsleiter des Magazins evolveZu seiner Website