Ein Essay von Peter Vollbrecht

Unsere demokratische Gesellschaft wird vielfältiger. Die Identitätspolitik prangert Diskrimierung an: von People of Colour, Transmenschen, Migranten. Doch manchmal folgt auf Gruppenzugehörigkeit Ausgrenzung. Der Philosoph Peter Vollbrecht ordnet das Thema ein und plädiert für eine differenzierte Auseinandersetzung.

Die Identitätspolitik mischt derzeit die politische Landschaft auf. Neue soziale Figuren entstehen und irritieren mit Ansprüchen, die sich nicht mehr im traditionellen politischen Schema verorten lassen. Es ist nicht leicht, Orientierung zu gewinnen. Mal überkreuzen sich linke Positionen mit rechten, dann stellen die postcolonial studies alte Besitzstände infrage. Oder eine weitere Dekonstruktion im Genderdiskurs bringt neue sexuelle Orientierungen zu Gehör. Man kann darauf wetten, dass alsbald irgendwo die nächste Bastion geschliffen wird, denn alles ist ins Fließen geraten.

Es tut sich was da draußen. Es tut sich immer was da draußen auf der Bühne der Öffentlichkeit, im Blätterwald, in den Informationskanälen und den sozialen Netzwerken. Manchmal ist es einfach nur ein aufgeregtes Geschnatter mit kurzer Halbwertszeit, manchmal aber überwintern die rhetorischen Figuren und lassen einen neuen politischen Stil entstehen. Für die Länge einer kurzen Strecke können sich dann sogar Akteure zusammenfinden, die sich bislang als Feinde betrachtet haben. Unter dem Banner der Identitätspolitik geschieht das gerade.

Kürzlich hat die Stadt Hannover einen Vortrag des Afrika-Historikers Helmut Bley zur Kolonialgeschichte abgesagt. Die »Initiative für Diskriminierungssensibilität und Rassismuskritik« hatte Widerspruch gegen den Afrika-Experten eingelegt mit dem Argument, für das Thema wäre eine schwarze Stimme weitaus besser geeignet.

Noch um eine Spur exkludierender sind die identitätspolitischen Einwände gegen die »weiße« Übersetzung des »schwarzen« Gedichts der amerikanischen Lyrikerin Amanda Gorman. Zugehörigkeit buchstabiert sich in diesen Fällen über Hautfarbe und historische Erfahrungen aus, und es wird einer weißen Übersetzerin die Kompetenz abgesprochen, sich in die Erlebnis- und Gefühlswelt einer schwarzen Schriftstellerin hineinzuversetzen.

Abgesehen davon, dass dieses Argument literaturwissenschaftlich nicht belastbar ist (denn ein poetischer Text ist mehr und anderes als ein Abdruck von Erlebnissen und Gefühlen, und eine Übersetzung ist immer schon eine Anverwandlung des Originals): Zugehörigkeit verbunkert sich zum Lagerdenken, Herkunft und Abstammung strecken sich zu autoritärer Größe und gelten mehr als Kompetenz und Erfahrung.

Identitätspolitik und Politik der Identitären

Alle identitätspolitischen Aktivitäten klagen Defizite ein, ja schärfer noch: es geht um Diskriminierung. ›People of Colour‹ erleben sie als Rassismus, Frauen als Machismus, Lesben, Bisexuelle und Schwule als Homophobie, Migranten als Islamophobie.

Gegen Diskriminierung streiten, darin besteht der kleinste gemeinsame Nenner der Identitätspolitik. Ihre politischen Ziele verfolgt sie je gruppenspezifisch, und in und durch ihre Handlungen formiert sie ebenso spezifische Identitäten. Lautstark betreibt sie eine Sprachenpolitik in der aufklärerischen Absicht, Formen der Diskriminierung im grammatischen und semantischen Gefüge der Sprache zu bekämpfen.

Identitätspolitik ist von der Politik der Identitären, also der national und völkisch ausgerichteten rechten Gruppen, scharf zu unterscheiden. Zwar sehen sich auch die Identitären diskriminiert, aber sie sehen sich nicht als eine Minorität, sondern als verfolgte Mehrheit, bedrängt und bevormundet von einer linksliberalen Minderheit, der es um die Auflösung eines ›gesunden‹ und ›normalen‹ Volkskörpers zu tun sei.

Sie sind xenophob, eliten- und medienfeindlich eingestellt und hängen nationalistischen Idealen an. Auch hier gibt es, wie bei den identitätspolitischen Aktivistinnen und Aktivisten auch, viele Facetten, sie reichen von frustrierten Grantlern über querdenkende Verschwörungstheoretiker bis zu völkischen und antisemitischen Nationalisten.

Identitätspolitik als soziale Bewegung

Die verschiedenen identitätspolitischen Stimmen sind sich darin einig, dass das öffentliche Leben ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit und Anerkennung entgegenbringt. Sie klagen über partizipatorische Defizite – unter denen sie weniger als Individuen, sondern als Gruppierung leiden.

Bei der Identitätspolitik geht es im Kern um Minderheitenpolitik, sie kämpfen um Anerkennung, Partizipation und Repräsentation. Das reiht die Identitätspolitik in die Traditionen sozialer Bewegungen ein. Das ist der solide Sockel, auf dem sie steht, von dort bezieht sie ihre Berechtigung.

Und ja, es gibt von dort auch schrille Töne – davon gleich mehr – , sie schießen über ihre eigenen emanzipatorischen Ziele hinaus. Bisweilen vergreifen sich sogar die radikalen Akteure der Bewegung in ihren Methoden und bekämpfen Diskriminierung mit Diskriminierung. Das aber sind Auswüchse, die den identitätspolitischen Kampf um Selbstbestimmung zwar kontaminieren, nicht aber diskreditieren können. Dies sei gleich zu Beginn gesagt, um späteren Missverständnissen vorzubeugen.

Im Unterschied zu den klassischen Frontlinien sozialer Bewegungen – Arbeit, Kapital, betriebliche Mitbestimmung etc. – greifen die identitätspolitischen Strömungen der Gegenwart Konflikte auf, die typisch sind für spätmoderne, multikulturelle Gesellschaften. Dort sind Fliehkräfte entstanden, die das, was früher für unhinterfragt ›normal‹ gegolten hatte, aufgesprengt haben.

Die sexuellen Orientierungen haben sich aus heterosexueller Norm zu LGBTQ-Kulturen befreit. Auf #Metoo greifen Frauen übergriffige Männer an, die sich unter dem Deckmantel künstlerischer Freiheit bislang in einem scheinbar rechtsfreien Raum bewegt haben.

Menschen mit Behinderungen fordern, im öffentlichen Leben nicht mehr behindert zu werden. ›People of colour‹ wird zum Emblem der rassistisch Verfolgten, sogar der klassische Kanon der Musik mit seiner eurozentrischen Deutungsmacht gerät ins Visier der Postcolonial Studies. Überall wird er zum Feindbild, der alte weiße Mann.

Identitätspolitik als Cancel Culture

Immer wenn eine neue politische Vokabel die Runde macht, halten manche dagegen: Gab es schon immer. Globalisierung? Begann mit der Eroberung Amerikas. Identitätspolitik? Schon im 19. Jahrhundert kämpften Frauen für ihre Rechte. Gleichwohl – Identitätspolitik, so wie wir sie heute verstehen, hat eine andere Farbe.

Deutlich wird das, wenn man sich noch einmal der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erinnert. Martin Luther Kings Traum ging 1963 Weiße und Schwarze gleichermaßen an. Und auch sechzig Jahre später beteiligen sich Weiße solidarisch an den Black-Lives-Matter-Protesten.

Das politische Ziel lautet hier: Gleichheit. Der karibisch-afrikanischen ›Négritude‹ geht es dagegen noch um ein weiteres, nämlich um das Formieren einer schwarzen Identität, die eine historische weiße Schuld anklagt. Die Négritude tritt ausschließend auf. Zwar kann man mit ihr sympathisieren, doch angehören kann man kann ihr nur als Schwarzer.

Zugehörigkeit bei Exklusion der Anderen, das ist das doppelte Identifikationsmerkmal der Identitätspolitik heute. Identität tritt dabei ausgrenzend auf: wer nicht dazugehört, kann auch nicht mitsprechen, ihm oder ihr fehlt schlicht die Legitimation. Das ist der Schritt zur Cancel Culture. Damit überschreitet die Identitätspolitik eine rote Linie, wie in den eingangs erwähnten Beispielen dargestellt. Sie trennt zwei verschiedene Konzepte des Politischen voneinander.

Ein besonders interessanter Fall von Cancel Culture ereignete sich 2017 in der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Eine Gruppe von Feministinnen empfand ein Gedicht Eugen Gomringers als frauenfeindlich. Es hänge einem patriarchalischem Kunstverständnis an und erinnere an die alltägliche sexuelle Belästigung, die Frauen zu erleiden hätten.

In großen Lettern an einer Hausfassade hieß es: avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador1. Die Hochschulleitung ließ das Gedicht entfernen. Sie beugte sich einer Argumentation, die auf die Macht empfundener Beleidigung setzt.

Ähnliche Fälle häufen sich in der bildenden Kunst mit Darstellungen des weiblichen Akts, die von Feministinnen als Verletzungen weiblicher Würde empfunden werden. Würde – das ist großes Geschütz. Doch darf man es gegen die Kunst in Stellung bringen? Gibt eine Befindlichkeit allein einen hinreichenden Grund dafür, nach Zensur zu rufen?

Historische Schuld und Verantwortung

Erhellend anders nämlich lagen die Dinge, als im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung in der englischen Stadt Bristol eine Statue Edward Colstons, eines üblen Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert, demontiert und anschließend in das Hafenbecken geworfen wurde.

Zuvor zelebrierten die Demonstrantinnen und Demonstranten in Erinnerung an die Ermordung George Floyds ein Ritual: Neun Minuten knieten sie auf dem Hals der Bronze. Im Gegensatz zu den eingangs genannten Beispielen lebt der Protest aber nicht allein von der Macht empfundener Beleidigung, denn ein breiter gesellschaftlicher Konsens samt entsprechender Rechtsordnung (dem Slavery Abolition Act von 1833) ächtet den Sklavenhandel seit fast zweihundert Jahren.

Zudem hat eine Statue eine doppelte Natur, sie ist künstlerisches Artefakt und politisches Bekenntnis. Mit Letzterem haben die Aktivistinnen und Aktivisten abgerechnet, und es ist durchaus möglich, dass die Black-Lives-Matter-Bewegung nicht im Hafen von Bristol stehenbleibt, sondern Kompensation einfordert für die jahrhundertelange Diskriminierung. Wir dürfen gespannt sein auf künftige gesellschaftspolitische Debatten, in denen darüber befunden wird, welche historische Reichweite Schuld und Verantwortung haben können und müssen.

Wie umgehen mit Intoleranz?

Mittlerweile regt sich im linken kulturellen Spektrum beträchtlicher Widerstand gegen die cancelkulturellen Auswüchse der Identitätspolitik. Das Wort vom neuen Jakobinertum macht die Runde. Es vergleicht die gegenwärtigen inquisitorischen Tribunale einer »Generation beleidigt« (Carolin Fourest) mit dem Blutrausch der Tugendwächter der Französischen Revolution.

Auf Polemik folgt also Polemik. Wir erleben den Beginn eines neuen Kulturkampfes um Deutungshoheit über Moral, Wahrheit und Geschichte. Wie soll man sich dazu positionieren? Wie umgehen mit den offenkundig intoleranten Ausfällen der Cancel Culture? Und wie mit den nicht minder deftigen Repliken?

Ich plädiere für eine kommunikative Vernunft, die sich entschieden gegen eine identitätspolitische Parzellierung der Gesellschaft stellt, die aber auch ein Ohr hat für die Klage, dass die Türen zur Teilnahme an Öffentlichkeit nicht allen gleichermaßen offen stehen. Die Identitätspolitik kann der gesellschaftlichen Vernunft die Augen öffnen für deren eigene blinde Flecke. Das Versprechen auf demokratische Teilhabe am Gemeinwesen ist immer noch nicht eingelöst. Die Diskursmacht liegt in wenigen Händen. Das alles ist zu konzedieren. Und damit es nicht nur beim Wort bleibt, kann es eine wertvolle Erfahrung für die ›alten weißen Männer‹ (sowie deren weibliche Pendants) sein, selbst einmal cancelkulturell ausgeschlossen zu werden.

Konkreter: das einfach einmal aushalten. Es als ein seltenes Lehrstück betrachten, unerwünscht zu sein und nicht mehr über die gewohnten Diskursprivilegien zu verfügen. Das kann auch zu einem Moment selbstkritischen Nachdenkens führen. Dann ist Schweigen angesagt, nicht aber – wie in den Stellungnahmen von Wolfgang Thierse und Gesine Schwan zur Identitätspolitik – ausgeleierte Mantras zur dialogischen Verständigung. („Das ist das Geheimnis der Verständigung, sich an die Stelle der anderen zu setzen“ – Gesine Schwan.) Die nämlich meinen das unpersönlich Allgemeine – das, was der Andere niemals ist.

Wert und Würde der kommunikativen Vernunft – und ihre Grenzen

Aber es gibt auch etwas zu verteidigen: den Wert und die Würde der kommunikativen Vernunft. Sie nahm ihren Weg aus den Schreibstuben der Philosophen und gelangte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die demokratische Öffentlichkeit einer Gesellschaft. Dort verhandelt sie in freien Diskursen die menschlichen Angelegenheiten, und dabei ist sie auch in Zonen der Gesellschaft vorgedrungen, die vormals dem öffentlichen Blick verborgen geblieben waren wie Schule und Familie.

Dort hat sie die jahrhundertealten autoritären Strukturen aufgeweicht. Mit ihrer wissenschaftlichen Streitmacht hat sie gesellschaftliche Praktiken humanisiert, die bislang im Schatten lagen, man denke nur an den Strafvollzug. Aber auch das Innenleben von Institutionen, Betrieben und diversen sozialen Zellen hat die kommunikative Vernunft nachhaltig verändert.

Alle diese Leistungen sind unbestreitbar. Unbestreitbar aber ist auch, dass jeder Vernunftgebrauch von einem einzelnen Individuum getätigt wird. Und das hängt – nicht immer vernünftig – in den Seilen einer Gruppierung.

Die kommunikative Vernunft darf von den Akteuren des gesellschaftlichen Gesprächs fordern, ihre Räume zu öffnen. Die kommunikative Vernunft muss respektieren, wenn das nicht immer geschieht. Es bleibt ein Akt freiwilliger Zustimmung, der kommunikativen Vernunft anzugehören. Und das ist vielleicht ein wertvolles Zwischenergebnis aus der gegenwärtigen Debatte um Identitätspolitik.

1 Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer

Peter Vollbrecht, nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft DAAD-Lektor an der University of Delhi. 1997 Gründung des ‚Philosophischen Forums Esslingen‘, seitdem philosophische Reisen in Europa und Südasien, Kooperation mit „Die Zeit“ seit 2006. 2017 erschien sein philosophischer Roman „Ich allein bin wirklich. Die Philosophie und das launige Leben“ bei Klöpfer & Meyer. Das philosophische Programm auf www.philosophisches-forum.de