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Im Boden liegt die Zukunft!

Angelo Casto / Unsplash
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Humusschicht: Fundament allen Lebens

Der Boden ist ein Wunderwerk. In zwei Händen voll Boden gibt es so viele Mikroorganismen wie Menschen auf der Erde leben. Doch die industrielle Landwirtschaft und der Hunger nach billigen Lebensmitteln haben ein Drittel aller fruchtbaren Böden zerstört. Geseko von Lüpke hat recherchiert, wie die Böden wieder fruchtbar werden können, z.B. durch Regenerative Landwirtschaft.

Im Moment passiert etwas ganz Neues: Da schauen Bäuerinnen und Bauern in den Untergrund ihres Landes wie ein Tiefenpsychologe ins Unterbewusste. Sie wollen endlich verstehen, was es mit dem Wunderwerk Boden unter der sichtbaren Oberfläche auf sich hat.

Denn die dünne Humus- und Bodenschicht, aus der letztlich alles Leben entsteht, galt bislang eher als ‘Dreck’. Dieser musste als solcher unter allen Umständen produktiv sein und jährlich steigende Erträge hervorbringen. Der Boden wird Jahr für Jahr vom Pflug aufgerissen und auf den Kopf gestellt, Wind und Wasser ausgesetzt, erodiert, mit chemischem Dünger und Gülle traktiert, von Monokulturen ausgelaugt, von schweren Maschinen verdichtet. Alles diktiert von einem Markt, der immer mehr wollte – mit dramatischen Folgen. Aus dem Boden – der eigentlich der Schatz eines Landes ist – hat die moderne Landwirtschaft immer öfter eine wertlose Wüste gemacht.

Weltweit, so warnen die Vereinten Nationen, hat falscher Umgang mit dem Land bereits ein Drittel der fruchtbaren Böden vernichtet. Alle drei Jahre gehen zurzeit ein weiteres Prozent des wertvollen Humus kaputt. Hochgerechnet wird damit ein weiteres Drittel der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche zum Ende des Jahrhunderts zerstört sein, hat Brüssel errechnen lassen. Der finanzielle Verlust an Böden summiert sich in der Europäischen Union auf 38 Milliarden Euro jährlich.

Das geschieht vor unseren Augen, ohne dass wir es wahrnehmen. Pro Hektar verschwinden in Deutschland auf intensiv genutzten Flächen jährlich bis zu 20 Tonnen Boden pro Hektar Ackerfläche.

Biodiversität unter der Erde größer als über der Erde

Erosion, Versalzung, Austrocknung oder Versiegelung haben zur Folge, dass global jährlich zwischen fünf und sieben Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verschwinden – alle fünf bis sechs Jahre eine Fläche von der Gesamtgröße Deutschlands. Der amerikanische Geologe David Montgomery, international führender Experte, spricht von einer Katastrophe in Zeitlupe.

Man könnte es auch eine Krise in Zeitlupe nennen. Es ist eines der größten Probleme, mit denen wir als Spezies in Bezug auf die Umwelt und unsere Fähigkeit, uns und unsere Nachkommen zu ernähren, konfrontiert sind. Aber es ist ein Problem, das sich ganz langsam bemerkbar gemacht hat und sich auch langsam fortsetzt. Und gerade das macht es zu einer der schwierigsten Herausforderungen unserer Zeit.

In zwei Handvoll Boden befinden sich so viele Organismen wie Menschen auf der Erde leben. Foto: Spiske/ Unsplash

Jetzt geht es darum, ehrlich darauf zu schauen, wie die moderne Zivilisation sich selbst den Boden nimmt, auf dem sie steht. Und diese unsichtbare Basis allen Lebens, die bisher meist völlig ignoriert, zerstört und ausgebeutet wurde – und schlicht unverstanden blieb – in ihrem Wert und ihrem Wunder zu begreifen.

Wie komplex und wie divers es ist, kann man sehr gut veranschaulichen. Wenn Sie eine Handvoll Boden anfassen, tragen Sie sieben Milliarden Organismen in Ihren Händen. Das sind in zwei Handvoll Boden so viel Organismen, wie wir Menschen auf der Erde leben: Viren, Bakterien, Pilze, einzellige Tiere, mehrzellige Tiere. Es gibt auch Säugetiere im Boden. Da haben die Füchse und Maulwürfe ihre Bauten. Das ist eine enorme Vielfalt.  Und diese Organismen spielen für die Entstehung und für die Funktionen der Böden eine enorm wichtige Rolle. Die Bildung von Boden, das ist ein Phänomen, ein Prozess, der über mehrere Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende läuft.

Tatsächlich ist heute erahnbar, dass die Biodiversität unter der Erde deutlich größer ist als über der Erde. Wenn wir auf dem Boden Wildtiere, Schmetterlinge, Insekten, Vögel sehen, so ist diese sichtbare paradiesische Vielfalt direkter Ausdruck der Biodiversität unter der Oberfläche. Das Unsichtbare ist das Wesentliche, sagt der amerikanische Geologe David Montgomery nach jahrelanger Regeneration des Bodens in seinem großen Versuchsgarten.

Die Humusschicht ist dünner als die menschliche Haut

„Wir haben festgestellt, dass, als wir das Leben im Boden wiederherstellten, explodierte das Leben über der Erde und wurde reichhaltiger, vielfältiger und gesünder. Zuerst kamen die Mikroben zurück, man konnte die Pilze und Pilzsporen auftauchen sehen.

Dann bemerkten wir die Würmer, Spinnentiere und die Bestäuber. Und schließlich Vögel, die das fraßen, was sie aus dem Rasen ziehen konnten, dann Adler, die die Baby-Krähen fraßen, die die Würmer fraßen, die den Kompost fraßen, den wir auf den Garten aufbrachten.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass ein gesünderes Ökosystem unter der Erde zu einem biodiverseren und gesünderen System über der Erde führt. Und diese oberirdische Artenvielfalt hilft den Landwirten, ihre Abhängigkeit von Pestiziden zu verringern.“

Es wird schnell deutlich, dass unsere Beziehung zum Boden gestört ist. Statt es als ‘Dreck’ abzuwerten, müsste es eher als „magisches Natur-Recycling-Wunder“ bezeichnet werden. Aus Überresten vergangenen Lebens wird das Rohmaterial für neues Leben.

Boden – so die Wissenschaft – ist das komplexeste Umweltphänomen, das es auf der Erde gibt. Und wohl auch das empfindsamste: Die zarte Humusschicht, die den Planeten bedeckt, ist im Größenvergleich viel dünner als die menschliche Haut, aber zugleich das Fundament allen Lebens und jeder menschlichen Zivilisation.

Landwirtschaftliche Bodenchemie hat fast 150 Jahre lang den komplexen Organismus Boden zerstört und ausgeraubt. Damit steigerte sie zwar kurzfristig Erträge, zerstörte aber langfristig die Bodenfruchtbarkeit. Durch fehlerhafte Bodenbearbeitung, Mechanisierung, synthetische Düngemittel und Pestizide hat man den Boden in eine industrielle Produktionsstätte verwandelt.

So kam die ökologische Selbstregulation des Organismus Boden zum Erliegen. Die Folge: Humus-Abbau, Erosion, Versteppung, Artenverlust, Wertverlust. Die Konsequenz: Es braucht dringend ein neues Bewusstsein für den lebendigen Boden, aus dem die Fruchtbarkeit erst entsteht.

Gute Landwirtschaft fördert Böden und Leben

Ein radikaler Systemwandel ist notwendig: weg vom Kampf gegen die Natur hin zu einem partnerschaftlichen Umgang. Wenn wir das verstehen, dann findet man auch Ideen, mit denen wir diese Probleme lösen können.

Die Regenerative Landwirtschaft setzt darauf, zerstörte Böden zu heilen und den Bodenwert nicht weiter zu minimieren, sondern zu verbessern. Sie wird zum neuen Schlüsselbegriff einer Landwirtschaft der Zukunft. Der amerikanische Geologe und Bodenspezialist David Montgomery versucht eine Definition.

„Ich neige dazu, die regenerative Landwirtschaft als Methode zu sehen, die den Boden wieder aufbaut und gesund erhält, was im Grunde das krasse Gegenteil der modernen industrialisierten Landwirtschaft ist. Ein unverzichtbares Fundament ist dabei: Bodenleben zu fördern, Humus und organische Substanz im Boden aufzubauen und die Erosion zu begrenzen. Diese drei Dinge sind im Grunde genommen die Grundlagen des Ganzen.

Was wir brauchen, ist eine breitere Neudefinition dessen, was gute Landwirtschaft ist. Und dass gute Landwirtschaft die Gesundheit des Bodens fördert. Denn das wirkt sich auf die Gesundheit der Ernte, des Viehs und letztlich die Gesundheit der Menschen aus.“

Wichtig ist eine Landwirtschaft, die mit dem Boden arbeitet, nicht gegen ihn. Eine solche Agro-Ökologie versucht, die Naturgesetze und Selbstregulation des Bodens zu verstehen, zu kennen und zu fördern und dafür alle technischen Möglichkeiten und Forschungsergebnisse intelligent zu nutzen.

Dieses ehrgeizige Vorhaben in die Realität zu bringen, hat sich das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle zur Aufgabe gemacht. Dort wird im Moment nicht nur in großen Feldversuchen analysiert, wie schädlich sich der Klimawandel in den nächsten 50 Jahren auf das Bodenleben auswirkt.

Die Wissenschaftler tragen auch riesige Menge von Daten zusammen, die mittlerweile über das Bodenleben bekannt sind. Ziel ist der Umbau der Landwirtschaft und eine Antwort auf die Gefahren des Klimawandels, die nach den bisherigen Einsichten auch das unterirdische Leben schädigen werden.

Agro-Forst hilft, Böden zu regenerieren

Von herausragender Bedeutung für die Erhöhung und Regeneration des Bodenwerts wird jene landwirtschaftliche Methode sein, die heute als Agro-Forst bezeichnet wird – also eine Mischung aus Waldkulturen, Forstwirtschaft, Gartenbau und Agrarkultur. Wälder sind so etwas wie ein Allheilmittel. Nirgendwo ist der Humus so gesund wie im Wald, die Artenvielfalt so hoch, die Produktion an Biomasse so immens.

Bäume und Büsche saugen Wasser aus der Tiefe und verhindern Winderosion, binden Kohlendioxid. Im Agroforst gibt es Ernte in Stockwerken: Früchte auf den Bäumen, Ernte unter den Bäumen und zwischen den Bäumen plus Weidefläche. Und der Humus wächst.

Wenn man die Bäume, die man herausgerissen hat, alle wieder pflanzen würden, wäre die Atmosphäre sofort wieder abgekühlt. Wenn man das Ganze vernetzt, dann könnten wir die Artenvielfalt wiederherstellen, das Wasser wäre wieder sauber. Wenn wir unsere Ernährung so umstellen würden, wie es unserem Wesen auch entspricht, dann wird ziemlich schnell klar, dass die Landwirtschaft sich radikal verändern würde.

Aus Sicht der Bodenwissenschaftler und Praktiker steht die moderne Zivilisation an einer entscheidenden Gabelung. Die heutige Landwirtschaft entscheidet darüber, wie unsere Kindeskinder morgen leben werden. Und das Wissen darüber ist da.

Im Boden, dem verborgenen Schatz unter unseren Füßen, liegt die Zukunft. Wir laufen darauf herum, aber sehen noch viel zu wenig hinein. Ihn zu verstehen, dürfte eine Bildungsaufgabe der Zukunft werden. Wir müssen den Boden kennenlernen wie uns selbst, so der amerikanische Bodenspezialist David Montgomery.

Dr. Geseko von Lüpke ist freier Journalist und Autor von Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung und ökologische Ethik.

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Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

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