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„Im interreligiösen Dialog wollen wir einander verstehen“

Stephan Koelliker
Stephan Koelliker

Interview mit Martin Rötting

Interreligiöser Dialog bedeutet, voneinander zu lernen und mehr zu wissen, so dass Ängste abgebaut werden. Religionswissenschaftler Martin Rötting spricht im Interview über die friedensstiftende Qualität des Dialogs und warum er sich für Häuser der Kultur und Religion einsetzt.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Wie sehen Sie die Bedeutung des interreligiösen Dialogs heute?

Rötting: Man muss den interreligiösen Dialog vor der gegenwärtigen Hybridisierung von Religion sehen. Viele Menschen bekennen sich nicht mehr eindeutig zu einer Religion oder wenn sie es tun, dann würden sie ein kleines „aber“ dahinter setzen: Ich bin Protestant, aber … ich bin katholisch, aber …

Bei den allermeisten Menschen, die sich mit Religion beschäftigen oder die zu einer Religion gehören, steckt dahinter ein Ringen, eine Entscheidung, die sie entweder in Distanz zu den Religionen bringt oder sehr intensiv in eine Religion hinein. Wenn die Religionen die Tribüne des Dialogs betreten, dann symbolisieren sie Aspekte der Gesellschaft. Vertreter der Religionen werden zu Repräsentanten ihrer Religion. In einer pluralen Gesellschaft geht es darum, dass verschiedenste Aspekte von Gesellschaft miteinander auskommen müssen.

Religionen haben über viele Jahrhunderte Narrative gepflegt, die eher auf Ausschluss ausgerichtet waren: Nur wenn du diesen religiösen Pfad gehst, wirst du zum Ziel kommen. Nicht selten haben Religionen Gewalt ausgeübt, um diese Ideen durchzusetzen. Deswegen ist es relativ neu, wenn Vertreterinnen und Vertreter von Religionen zusammenstehen, auch wenn sie nicht die Gesellschaft widerspiegeln.

Wo liegen die Wurzeln des interreligiösen Dialogs?

Rötting: Als Meilenstein des interreligiösen Dialogs wird oft das große Friedensgebet der Religionen in Assisi erwähnt, das 1986 auf die Einladung von Johannes Paul dem Zweiten stattfand. Dieses Gebet für den Frieden führt in ein Miteinander. Dadurch gewinnen die Religionen in gewisser Weise eine neue Identität. Sie sind nicht mehr Akteure, die gegen andere arbeiten, sondern mit anderen zusammenarbeiten.

Dieses Paradigma des Miteinanders ist die Voraussetzung dafür, dass Religionen ein Teil der pluralistischen Gesellschaft sind. Jede Art von interreligiösem Dialog, sei es ein formelles Treffen von Religionsvertretern, ein Gebet, ein Alltagsgespräch oder ein Seminar in der Schule ist ein wichtiger Lernprozess, der auch zeigt, dass die Religionen sich nicht ausschließen

Je mehr wir voneinander wissen, um so weniger Angst haben wir.

Was kann ein interreligiöser Dialog bewirken?

Rötting: Es geht im Dialog nicht darum, dass wir alle in eine Religion konvertieren und alles eins wird, sondern dass wir einander verstehen können. Wenn ich weiß, was der andere denkt, dann geht keine Gefahr von ihm aus. Interreligiöser Dialog bedeutet, dass wir voneinander lernen, wie wir denken und durchs Leben gehen. Je mehr wir voneinander wissen, desto weniger Angst haben wir.

Dialog kann man verschieden verstehen. Die unterschiedlichen Religionen können dadurch lernen einander zu verstehen, aber die eigene Tradition unberührt lassen und schützen. Oder geht der Dialog so weit, dass man auch eigene Glaubensinhalte auf den Prüfstand stellt oder sogar Veränderungsbereitschaft zeigt.

Foto: privat

Rötting: Es gibt völlig unterschiedliche Dialog-Typen. Man kann den Menschen, der mit einem Gottesbild nichts mehr anfangen kann und deswegen Advaita, Zen oder Yoga praktiziert, nicht mit einem Imam vergleichen, der als Religionsvertreter auf eine Bühne kommt und dort mit anderen Religionsvertretern spricht. Je nach der Ausgangssituation entstehen völlig unterschiedliche Formen von Dialog. Wenn man Dialog-Prozesse generieren möchte, muss man darauf achten, was vom Dialog erwartet wird.

Wie sehen Sie die Rolle von Religion und Spiritualität in der säkularen Gesellschaft?

Rötting: Religionsfreiheit ist nur möglich in einem Staat, der einen säkularen Raum beschreibt. Frankreich hat quasi die Religionen aus dem öffentlichen Leben entfernt. Viel angenehmer für die Religionen und damit auch für Spiritualität jeglicher Art sind Staaten wie Deutschland oder Österreich, die eine positive Partnerschaft pflegen, in der Religionen gefördert werden.

Religionen erhalten bestimmte Rechte, sie dürfen zum Beispiel in Schulen wirken, auf öffentlichen Plätzen Gebäude errichten und Anteile am öffentlichen Rundfunk einnehmen. Diese Partnerschaften sind natürlich kulturell konnotiert und deswegen nie gerecht.

Wenn man zum Beispiel das deutsche Grundgesetz anschaut, dann sind die Religionen genannt, die im sogenannten Staatskirchenrecht beschrieben sind, das noch aus der Weimarer Verfassung stammt. Darin kommen Islam oder Buddhismus noch nicht vor.

Ich persönlich bin der Meinung, dass es vom Staat ehrlicher ist, diese Partnerschaft zu benennen. Dadurch entsteht eine Debatte, wer in dieser Partnerschaft enthalten ist. So wird die Gesellschaft kontinuierlich aufgefordert, darüber nachzudenken, welche Formen von Religionen ihr gut tun, welche sie fördern will.

Diese Ungleichheit halte ich für besser als eine vermeintliche Gerechtigkeit bei kompletter Religionsfreiheit im säkularen Raum, die sich aufgrund von historischen Gegebenheiten nicht durchhalten lässt.

In solchen Partnerschaften können religiöse Gruppen auch weniger verdeckte Absichten hegen, denn sie müssen ihre Aktivitäten transparent machen. Das sehen wir bei Missbrauchsfällen sowohl in der katholischen Kirche als auch bei buddhistischen Meistern. Weil religiöse und spirituelle Gruppen Partner der Gesellschaft sind, tragen sie Verantwortung. Das destabilisiert die feudalen und hierarchischen Systeme, aus denen alle religiösen Systeme kommen.

Im Katastrophenfall können Religionen stabilisierend und kräftigend in die Gesellschaft wirken.

Wie unterstützen Sie in Ihrer eigenen Tätigkeit den interreligiösen Dialog?

Rötting: Es gibt eine große Debatte darüber, ob Religionswissenschaftler aktiv im Dialog sein dürfen. Ich bin davon überzeugt, dass wir das tun sollten. Und es ist ja kaum zu vermeiden. Wenn ich als Wissenschaftler etwas über Religionen oder Spiritualität sage, wird diese Aussage eine Wirkung erzielen.

Es ist die Verantwortung der Wissenschaftler, ihr Wissen und ihre Fragen mit der Gesellschaft zu teilen. Manchmal muss ich dabei die Rollen trennen. Dann muss ich deutlich machen, ob ich als Wissenschaftler oder als religiöser Mensch spreche.

Wie können solche interreligiösen Lernprozesse die Gesellschaft positiv beeinflussen? Gerade auch im Hinblick der vielen Krisen, in denen wir uns befinden?

Rötting: Bei extremen Ereignissen wie Bombenanschlägen, Naturkatastrophen oder jetzt dem Ukraine-Krieg, erhalten die Religionen eine besondere Bedeutung. Sie beten für den Frieden, zünden Lichter an, halten Schweigeminuten. Hier sind Rituale, wie sie religiöse oder spirituelle Gruppierungen bieten können, sehr gefragt.

Im Katastrophenfall können Religionen performativ stabilisierend und kräftigend in die Gesellschaft wirken. Egal, ob das der Yoga-Verein ist, der während der Pandemie eine Online-Meditation anbietet, oder der Bischof, der einen Brief an alle Gläubigen schreibt.

Ein anderes Beispiel für den Dialog ist das Projekt in München, ein Haus der Kultur und Religion zu gründen. Dabei sind wir im Gespräch mit dem Bürgermeister, der Stadt, dem Bauamt, Politikern verschiedener Parteien und der Bevölkerung. Hier ist Dialog wichtig, weil sich eine ganze Stadt mit der Frage beschäftigt, ob man solch ein Haus braucht. Letztlich wird damit aber auch die Frage bewegt: Was braucht die pluralistische Gesellschaft, um miteinander in die Zukunft gehen zu können?

Ein Haus der Kulturen und Religionen symbolisiert die Notwendigkeit des Dialogs, es könnte ein Ort für eine Schule des interreligiösen Dialogs für die gesamte Stadt werden – von den religiösen Akteuren, die dort Räume mieten können, über spirituelle Sucher, die sich Vorträge anhören können, bis zu den Studenten, die dort vorübergehend leben und ihren Abschluss machen können.

Ob es dazu kommt, weiß ich nicht. Aber wichtiger ist für mich der Prozess, der dadurch angeregt wird. Es zeigt, dass der Gesellschaft diese Prozesse etwas wert sind und gleichzeitig müssen die interreligiösen Lernprozesse mit so einem Projekt beweisen, dass sie das Vertrauen wert sind, das man ihnen schenkt.

Martin Rötting ist Religionspädagoge und Religionswissenschaftler. Er arbeitete als katholischer Religionslehrer, Auslandsseelsorger und Studentenseelsorger. Nach Studienaufenthalten mit praktischen Übung der Zen-Meditation in Südkorea 1996-1997 beschäftigt er sich mit dem interreligiösen Dialog.Mitgründer und Vorstandsmitglied des Instituts OCCURSO für interreligiöse und interkulturelle Begegnung und Vorstandsvorsitzender des Haus der Kulturen und Religionen e.V.  Seit 2018 ist er Professor für Religious Studies an der Paris Lodron Universität in Salzburg.  

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Warchi/ iStock

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