Krasovski Dmitri/ shutterstock.com
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In der Emotion gefangen

Psychogramm eines Rachsüchtigen

Willi Achten zeichnet in seinem neuen Roman „Nichts bleibt“ das Portrait eines Menschen, der in Rachsucht gefangen ist. Die Philosophin Heidemarie Bennent-Vahle stellt das Werk vor. Sie erklärt, wie Zorn und Vergeltungssucht Oberhand gewinnenn können, wenn man die eigene Verletzlichkeit, Trauer und Hilflosigkeit verleugnet.

 

 

Je nach dem, wie die Dinge stehen, kann ein Mensch restlos von Rachsucht erfasst werden. In diesem Fall vermag ein destruktiver Sog alles mit sich fortzureißen, jedweden Sinn zu zermalmen, so dass am bitteren Ende „Nichts bleibt“.

Dieses Fazit kündigt bereits der Titel des jüngsten Romans von Willi Achten an. Virtuos entfaltet der Autor an seiner Hauptfigur Franz Mathys das Psychogramm einer Persönlichkeit, die sich widerstandslos dem Drang nach Vergeltung überantwortet.

Nachdem jugendliche Gewalttäter seinen geliebten Vater im Wald niederschlugen und lebensbedrohlich verletzt liegen ließen, öffnet sich ein Abgrund vor Mathys. Bis zum düsteren Finale wird das Trachten nach Vergeltung für ihn zur letzten, vermeintlich unverzichtbaren Kraft- und Überlebensquelle.

Was war geschehen? Mathys, ein existenziell angeschlagener Kriegsfotograf, hat sich am Rande eines Waldstückes ein ländliches Refugium eingerichtet. Eines Nachts wird er durch aufgeregtes Hundebellen alarmiert. Dann fallen Schüsse. Kurz darauf sieht er sich mit brutalen Akten von Tierquälerei konfrontiert, verübt von zwei jungen Unbekannten.

Zunächst betrachtet er die Situation – die malträtierten Tiere und ihre Peiniger – aus der Deckung heraus. Doch wenig später schlägt er hinterrücks mit einem Eichenstecken brutal auf die jungen Burschen ein. Der eine sackt bewusstlos, der andere blutend und vor Schmerz stöhnend zusammen.

Durch diesen aggressiven Akt trägt Mathys zur Eskalation der Ereignisse bei. Ohne sein brutales Einhieben auf die Übeltäter wäre der erst später hinzukommende Vater möglicherweise verschont geblieben.

Mathys Mitschuld ist unabweislich, auch wenn er im Moment des Angriffs nicht ahnen konnte, dass sein Vater ebenfalls in den Wald aufgebrochen war. Er erfasst dies schnell, wenngleich es lange uneingestanden bleibt. Erst zum Ende der Geschichte hin räumt er ein: „Ich hatte Vaters Unglück ausgelöst“.

Dies ist nur eine der zwingenden Einsichten, die den Protagonisten im Schlusskapitel ereilen. In den öden, eisigen Bergwelten werden seine Rachegelüste, die eigentlich süß sein sollten, von bitteren und düsteren Erkenntnissen durchkreuzt.

Plötzlich wird er sich der „abwegige(n) Gemeinschaft“ mit den verhassten Gegnern bewusst. Und es trifft zu: Im Zuge seiner verbissenen Revanche ist er diesen immer ähnlicher geworden. Wie sie zeigt er sich manisch getrieben, sozial unverbunden und von kruden Machtgedanken besessen.

Gefahr, sich selbst zu zerstören

Angesichts der Schluchten und Steilwände des Hochgebirges, wo die Endszenen spielen, erlebt der verzweifelte Held zuletzt existenzielle Erfahrungen des Menschseins. Kurzzeitig scheint jeglicher Selbstbetrug ausgesetzt. Schlagartig transformieren sich auch seine diffusen Schuldgefühle – die weit zurückreichende Wurzeln haben und ihn gleichsam unablässig begleiten – zum glasklaren Eingeständnis folgenschwerer Unterlassungen:

„Ich hätte bei dem Jungen sein müssen, bevor das Eis ihn fraß“. Dies ist nur eines der späten Bekenntnisse von Schuld oder wenigstens doch von Mitschuld. Am Ende rückt diesem Mann die eigene Grundproblematik unabweisbar zu Leibe: „Wer sich verkannte, verkannte das Maß“, lautet der lakonische Befund.

Darin liegt weitaus mehr als eine persönliche, nur auf ihn bezogene Wahrheit. Vielmehr spiegelt sich, wie ich meine, in Franz Mathys’ Geschichte etwas grundsätzlich Menschliches. Der Roman gibt zu bedenken: Wer wie Mathys die eigenen Möglichkeiten und Grenzen missachtet, wer Herausforderungen unterschätzt und permanent bestrebt ist, eigene Ohnmacht und Schwächen zu überdecken, geht ein hohes Risiko ein. Aufs Ganze gesehen läuft er Gefahr, sich selbst und alles Übrige zu zerstören – „Es gab nichts als Verlust“, lautet die traurige Schlussbilanz.

Achtens Romanfigur ist als Prototyp des Rachsüchtigen zu verstehen, eine Persönlichkeit, die sich ihrer existenziellen Angst und Verunsicherung nicht zu stellen wagte. Der Held widersetzt sich der eigenen Sensibilität schon durch seine berufliche Aktivität, indem er als Kriegsfotograf ins Zentrum unermesslicher Gräuel vorstößt. Damit ignoriert er seine eigene Verletzlichkeit und Labilität. Er vermag die Eindrücke psychisch nicht mehr zu integrieren. Schwere Traumatisierungen bleiben nicht aus.

Es ist eine extreme Geschichte, die uns Willi Achten hier mit literarischer Bravour erzählt. Franz Mathys ist kein Durchschnittsmensch, was ihm widerfährt ist alles andere als alltäglich. Und dennoch demonstriert sein Schicksal gleichsam wie in einem Vergrößerungsspiegel ein für jeden gültiges Gefährdungspotential.

Gezeigt wird, dass auch im eigentlich friedfertigen Menschen unter gewissen Umständen archaische Impulse übermächtig werden können. So dient der Kampf mit konkreten Gegnern oftmals dem Zweck, grundlegende mit der conditio humana verknüpfte Bedrohungen und Risiken nicht annehmen, sondern besiegen zu wollen.

Erkennbar wird zudem, dass es sich dabei häufig um Gefährdungen handelt, die eine Person zumindest teilweise selbst heraufbeschworen hat, weil sie ihre subjektiven Begrenzungen nicht wahrhaben will und somit kein adäquates Maß der eigenen Handlungsmacht entwickelt.

Selbsttäuschung und Selbstüberschätzung

Kehren wir, um dies besser zu verstehen, nochmals zu den Anfängen der Geschichte zurück. Hier ist die Erzählung atmosphärisch verdichtet, in den Naturbeschreibungen von magischer Intensität und Suggestivkraft. Auf diese Weise wird der Leser machtvoll in die innere Wirklichkeit des Ich-Erzählers Mathys hineingezogen.

Beinahe unweigerlich beginnt er, die Geschehnisse aus dessen Blickwinkel zu erleben, wird mehr und mehr von dessen schwankenden Gefühlslagen durchtönt und erspürt – noch ohne ein klares Verständnis – dessen vielstimmige emotionale Melange:

Da sind auf der einen Seite tiefe Liebe zu Sohn und Vater, ebenso wie das intensive Erleben von Naturstimmungen, die Zuneigung zu Tieren; auf der anderen Seite aber auch große Hilflosigkeit sowie ein hohes Maß uneingestandener Scham und stetig wachsender Wut.

Entscheidend für diesen Identifikationseffekt ist die von Achten meisterhaft konstruierte Verschachtelung unterschiedlicher Zeitebenen. So rufen die barbarischen Vorfälle, die den Auftakt der Handlung geben, in Mathys reflexartig Erinnerungen an seine Zeit als Kriegsfotograf wach. Indem die Leserinnen und Leser aus Mathys’ Blickwinkel heraus zu Zeugen abartiger Untaten werden, rückt seine Innenwelt an sie heran. So erscheint sein unwiderstehlicher Hunger nach Rache logisch, plausibel und nachvollziehbar.

Mathys erlebt Grauenvolles – in den Kriegsgebieten, aber auch danach an seinem privaten Rückzugs- und Ruheort. Schon Jahre vor dem nächtlichen Überfall zerbricht die Idylle des Miteinanders von Vater, Sohn und Großvater. Mathys geliebter Sohn – in der Erzählung immer nur „der Junge“ genannt – erkrankt an einer lebensgefährlichen Kontaktallergie; später dann verunglückt das Kind auf dem vereisten Teich, wird zwar in allerletzter Sekunde gerettet, gelangt danach aber unwiderruflich in die Obhut der getrennt lebenden Mutter.

Mathys und auch der zu diesem Zeitpunkt noch lebende (Groß-)Vater müssen den Jungen fortan schmerzlich entbehren. Existenzielle Grenzsituationen von Trennung und Verlust häufen sich im Leben des Helden. Seine Ehe, aber auch eine spätere Liebesbeziehung scheitert. Auch wegen der Untreue der einen Frau wird er im Fall der anderen zum Opfer rasender Eifersucht.

Immer wieder ist zu beobachten, dass Mathys Trauer, Hilflosigkeit und Schuld zurückdrängt – all dies in Wut und Aggression verwandelnd. Zug um Zug tritt die fatale Neigung dieses Mannes zutage, sich destruktiven Impulsen blind anzuschließen.

Wir haben es mit einem Helden zu tun, dessen Leiden durch Selbstverkennung und Selbstüberschätzung gesteigert wird. Von einem Krisenherd zum nächsten reisend, mutet er sich unsäglichen Horror zu. Obwohl er in keiner der beschriebenen Situationen das Grauen hätte verhindern können, rufen das passive Zuschauen und distanzierende Fotografieren immense Gefühle der Schuld und Ohmacht in ihm wach.

Längst schon hatte er sein individuelles Maß verkannt. So betrachtet gewinnt seine unbezähmbare Rachsucht tatsächlich den Charakter von Zwangsläufigkeit.

Es gab Chancen zur Selbstbestimmung

Zugleich verweist dieses Psychogramm auf die Kraft der Liebe als Gegenmittel. Denn wäre ihm der geliebte Sohn nicht – durch eigene Mitschuld – frühzeitig genommen worden, und wäre er bei Karen geblieben und hätte auf sie gehört, hätte die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Über die zuletzt mehrfach wiederholte Möglichkeitsform „Ich hätte…“ konzediert Mathys, dass es durchaus Chancen zu besonnener Selbstbestimmung gab.

Wichtig ist: Die Wurzeln der Wut dieses Helden reichen tief, aber sie entspringen keinesfalls frühen Kindheitserlebnissen. In diesem Roman geht es nicht um elementare kindliche Schädigungen oder familiäre Fehlentwicklungen, sondern um Verhaltensweisen, die grundsätzlich der Selbstreflexion offenstehen und damit letztlich der eigenen Handlungslenkung zugänglich bleiben.

Mathys hätte die eigenen Grenzen durchaus registrieren und akzeptieren können. Er hätte seine Schwächung durch Schuldgefühle und sein Verlangen nach Liebe an sich heranlassen können. Er hätte bei vielem, was im Vorfeld der Kernhandlung geschah, beizeiten die eigene Mitverantwortung erkennen können, um dem dumpfen Strudel aus Rache und Vergeltung zu entgehen.

Hätte er sich seiner Trauer gestellt, so wäre sein erster fataler Gewaltakt gegen Haakan und Loupp, so die Namen der jungen Gewalttäter, unterblieben. Er hätte die Klärung der Angelegenheit in die Hände der Strafverfolgung geben können.

Die vielschichtigen Erzählstränge des Romans zeigen zwar die Zwangsläufigkeit menschlicher Rache, am Ende aber fördern sie doch die Sinn- und Wirkungslosigkeit dieser Haltung zutage.

Rachegedanken entspringen einer archaisch-magischen Denkweise. Sie sind genährt vom me-taphysischen Glauben daran, dass es für schwerwiegende zwischenmenschliche Verletzungen einen Ausgleich geben könne, dass Leid mit Leid zu kompensieren sei. Doch, so muss man sich am Ende fragen, gelingt diese Art der Wiedergutmachung tatsächlich?

Bringen Tod oder Qualen der Täter uns einen geliebten Menschen zurück, heilen sie unsere Wunden? Lindert Rache die Schmerzen schwerer Verluste? Auch angesichts kleinerer Vergehen, durch die jemand sich geschädigt oder missachtet fühlt, wäre zu fragen, ob Herabsetzung oder Demütigung der Übeltäter dem eigenen Status irgendwie zugute kommt. Ist es nicht sogar eher umgekehrt?

Was, wie Willi Achtens Romanfinale deutlich macht, schon emotional nicht aufzugehen scheint, ist aus ethischer Perspektive ohnehin fraglich. Die Philosophin Martha Nussbaum schreibt: „Am wichtigsten ist es, zu verstehen, dass es das Opfer nicht erhebt, wenn man seinen Peiniger in der Würde herabsetzt. Würde ist kein Nullsummenspiel.“

Dass man einem Menschen genau dann nicht gerecht wird, wenn man ihn mit seinen wutentbrannten Taten identifiziert, legt Achten durch die Zeichnung seiner Hauptfigur nahe. Alles ist darauf ausgerichtet, unsere Sympathie für diesen empfindsamen, vom Leben gebeutelten Mann zu wecken, einen Mann, der keineswegs frei von Schuld ist. Sollte man im Rückschluss deshalb nicht den Gedanken zulassen, dass auch desolate Jugendliche wie Haakan und Loupp letztendlich im Blick auf eine verbesserte Zukunft nicht unseren Hass, sondern unser Mitgefühl benötigen?
Heidemarie Bennent-Vahle

Dr. Heidemarie Bennent-Vahle betreibt eine philosophische Praxis. Lehr- und Vortragstätigkeit, Buch-Veröffentlichungen „Glück kommt von Denken“ (Herder-Verlag 2011) sowie „Mit Gefühl Denken – Einblicke in die Philosophie der Emotionen“ (Alber-Verlag 2013).

Willy Achten. Nichts bleibt. Pendragon 2017

 

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