Ein Denkanstoß von Carsten Petersen

Menschen, die natürlicherweise Fehler machen, bekommen Konkurrenz durch Maschinen. Doch wohin soll die Optimierung des Lebens führen? Carsten Petersen spinnt den Gedanken weiter: Hätte es je ein Optimum gegeben, wäre die Entwicklung beendet. Eine Kritik an Optimierungswahn und menschlicher Überheblichkeit.

Wir wollen Fehler vermeiden, weil sie unpraktisch sind, weil sie teure Folgen haben können oder anderswie Schaden nach sich ziehen. Gleichzeitig scheinen Fehler dem Menschsein inhärent zu sein. Alle Menschen machen Fehler, immer wieder. Das ist auch nicht so schlimm, denn die Systeme, in denen wir leben, sind in der Regel so stabil, dass sie eine Menge Fehler aushalten.

Nur mit Intentionen lassen sich Fehler begehen. Den falschen Schlüssel ins Schloss zu stecken, ist in Bezug auf das Aufschließen ein Fehler, in Bezug auf andere Ziele, z.B. das Ausprobieren aller vorhandenen Schlüssel, nicht. Jeder Fehler ist mit seiner Intention fest verbunden und kann nicht ohne diese gedacht werden.

Die mit Fehlern behafteten Menschen bekommen jetzt eine starke Konkurrenz: Maschinen werden immer intelligenter und bedrohen unsere Fehlergemütlichkeit. Wir werden unsere Jobs verlieren, weil Maschinen keine Fehler machen und in unsere angestammten Aufgabengebiete vorstoßen.

Künstliche Intelligenz wird sich nicht mehr damit begnügen, Aufgaben nach unseren Zielen abzuarbeiten sondern schon bald selbst Ziele setzen, weil sie erkennt, dass die Ziele, die wir ihr setzten, selbst Fehler sind.

Gibt es Sie, Mister Johns?“

Viele Menschen stellen sich bereits der Aufgabe und versuchen, sich mittels einer Flut von Ratgebern, sei es in Buch-, Tutorial-, Workshop-, oder Workoutform selbst zu optimieren, um ein fehlerloses Leben darbieten zu können. Der perfekte Angestellte hat die perfekte Familie, die perfekte Geliebte, optimalen Sex, eine austarierte Work-Life Balance; Anti-Aging, Power-Food und Meditation werden uns demnächst unsterblich machen, natürlich bei dauerhafter Jugend.

Auf anderer Ebene gewinnt der Maschinenmensch immer mehr an Faszination. Mit künstlichen Hüftgelenken fängt es an, mit Chips, die Teil des Gehirns werden könnten, hört es noch nicht auf.

„Gibt es Sie, Mister. Johns?“ Die geniale Glosse von Stanislav Lem (1972) markiert den möglichen Endpunkt dieser Entwicklung bei einem Mann, Mr. Johns, dem wegen einiger Autounfälle alle Glieder, dann die Organe und schließlich der ganze Körper ersetzt wurde. Da er seine Prothesen nicht bezahlt hat, will die Herstellerfirma ihre (seine) Bauteile zurück. Er wehrt sich vor Gericht dagegen, da dies seinen Tod bedeuten würde. Die Firma erwidert, er könne gar nicht sterben, weil es ihn gar nicht gäbe.

Maschinen in Menschen oder Maschinen als Konkurrenten von Menschen, das ist unsere, je nach Blickwinkel, schöne oder schreckliche neue Welt: Werden Maschinen die Menschen versklaven oder die Welt vom Menschen erlösen ?

Freier Wille nur eine Illusion?

Ein dritter Angriff auf den fehlerhaften Menschen geht von der Neurobiologie aus. Sie hat in den letzten Jahrzehnten mehr Fortschritte machen können, als in den letzten Jahrhunderten zusammen. Denn die sog. bildgebenden Verfahren ermöglichten es, das Gehirn live bei seinen Aktivitäten zu beobachten.

Dabei kamen die Neurowissenschaftler zu dem Schluss, dass es für einen freien Willen, eine freie Entscheidung des Menschen keine Voraussetzungen im Gehirn gäbe. Es handle sich um eine Illusion. Auch das Gehirn folge einem Algorithmus, der nur vorprogrammierte Lösungen in Entscheidungsprozessen kenne.

Setzt sich diese Ansicht durch, gegen die viele Philosophen wie Peter Bieri argumentieren, gibt es für die herausragende Stellung des Menschen vor den Maschinen keinen Grund mehr. Im Gegenteil könnte sich die Hoffnung breit machen, dass Maschinen die Sache der Menschheit besser ausfechten als diese selbst, was in Anbetracht der Gefährdung des Planeten durch den Menschen nicht allzu weit hergeholt erscheint.

Maschinen machen keine Fehler. Wenn also, wie z.B. Erfolgsautor Yuval Harari nahelegt, die Rettung der Welt in Zeiten des Klimawandels künftig in der Hand von künstlicher Intelligenz läge, stiegen vielleicht die Überlebenschancen der Menschheit und der Natur. Die Menschen wäre nicht mehr die Herren der Welt und das wäre gut so. Wir hätten zwar nicht mehr die Entscheidungsgewalt aber die ist ja offenbar eine Illusion, also entbehrlich.

Die Welt: eine Fehleransammlung

Alle Menschen machen Fehler, aus Fehlern zu lernen ist schwierig, daraus gibt es kein Entrinnen. Und da es mit der KI Alternativen gibt, warum sollte man vernünftigerweise auf dem Menschen als Führungskraft in dieser Welt bestehen ?

Die Antwort ist: Weil Fehler die Ursache für die Gegenstände der Welt und für Veränderungen sind. Die Mannigfaltigkeit der Natur und ihrer Wesen, einschließlich des Menschen, ist nichts anderes als eine riesige Fehlersammlung. Denn wenn es je ein Optimum gegeben hätte oder geben könnte, wäre es längst erreicht und die Entwicklung wäre beendet.

In der Biologie sagt man, die Vielfalt der Arten beruhe auf Mutationen. Mutationen sind jedoch nichts anderes als Fehler, die während des genetischen Reproduktionsprozesses, dessen eigentliche „Intention“ eine fehlerfreie Genkombination der Elterngene war, hin und wieder auftauchen.

Die Optimierungsidee als Beweger der Weltentwicklung, einschließlich des „Survival of the fittest“, ist eine Erfindung des englischen bürgerlichen Wirtschaftsliberalismus im 18. Jahrhundert. Damals und dort war es vielleicht so, dass jeder Konkurrent und Feind seines Nachbarn war, aber die Verallgemeinerung auf alle Menschen und im Zuge dessen auf alle Wesen der Natur ist Humbug. Es geht und ging nie um Optimierung.

Denken Sie an Schwimmen: Alle Wesen, die schwimmen können, wollen von einem Ausgangspunkt zu einem Ziel, d.h. ihre Intentionen sind dieselben. Dennoch hat sich die Natur den Spaß erlaubt, unzählige Formen des Schwimmens zu entwickeln. Fische, Delfine, Schlangen, Enten, Hunde, Menschen schwimmen auf ganz verschiedene Weisen und natürlich wäre es unsinnig zu sagen, eine Spezies schwimmt am Besten. Jede schwimmt am Besten für ihre Möglichkeiten und Beweggründe.

Nur der Mensch stellt solche Hierarchieüberlegungen an, den Gedanken, wie etwas, am Besten alles verbessert werden könnte. Die Natur hat das nicht vorgesehen, sonst hätte es ja gereicht, ein einziges Wesen hervorzubringen, nämlich das beste.

Könnte es nicht gerade umgekehrt sein? Ist vielleicht der Optimierungswahn der Menschen der Grund für ihren Untergang? Was die Zerstörung der Vielfalt der Natur betrifft, so sind wir schon weit gekommen: Täglich sterben auf der Welt zwischen 3 und 130 Arten aus. Am Ende bleibt vielleicht nur das traurige Optimum der Natur übrig: der Mensch.

Fehler sind gescheiterte Versuche, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Da jedoch Ziele selbst immer fraglich bleiben, dient der gescheiterte Versuch auch zur eventuellen Neu- oder Nachjustierung des Ziels. Das ist sein Wert.

Jedes Wesen lebt irgendwo in einer Nische, in seiner Fehlergemütlichkeit. Nur der Mensch hat sich angemaßt, seine Spezies für überlegen zu halten und die anderen entsprechend für unterlegen, ausbeutbar, nutzbar, schlachtbar. Seine Arroganz und Überheblichkeit lässt ihn nun zu einer echten Gefahr werden. Wahrscheinlich wird die Natur diesen Versuch bald verwerfen und mit fröhlichem Lächeln neue Wesen in die Welt stoßen.

Eine Bäuerin ging täglich zum Brunnen, um Wasser für ihren Garten zu holen. Ihre Gießkanne hatte ein Leck, so verlor sie immer einen Teil des Wassers auf dem Weg. Störrisch, wie alte Menschen manchmal sind, weigerte sie sich aber, eine neue zu kaufen, obwohl ihre Nachbarn sie auslachten. Eines Tages bemerkte sie, dass auf dem Weg vom Brunnen zum Garten ein feiner, schöner Streifen von Gras und Blumen wuchs, der vorher nicht dagewesen war und nun ihren täglichen Weg markierte. Da lachte sie und die Nachbarn freuten sich auch.

 

Carsten Petersen geb. 1954, studierte Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte.  Er ist Lehrer, Erzieher, Vater und Imker. Lebt mit seiner Familie in Uelzen.