Interview mit Joan Halifax

Joan Halifax ist eine amerikanische Zen-Meisterin und Aktivistin. Im Interview spricht sie über ihren Weg. Sie kritisiert den Achtsamkeitshype und das Kreisen um sich selbst und ruft dazu auf, sich auf der Basis von Meditation gesellschaftlichen Problemen zuzuwenden: dem Rassismus ebenso wie dem Klimawandel und einer gerechten Wirtschaft.

 

 

Das Gespräch führte Antje Boijens

Als Sie in den 1960er Jahren mit dem Meditieren angefangen haben, war Meditation noch kein so selbstverständliches Thema wie heute. Wie sind Sie damals zur Meditation gekommen?

Halifax: Ich habe mit der Meditation begonnen, um meinem eigenen Leid zu begegnen. Damals war ich Anfang 20 und von einem gesellschaftlichen Klima umgeben, das extrem ungerecht war. Die Gesellschaft war von offenem Rassismus geprägt – wie heute auch noch. Und dann steuerten die USA geradewegs auf den Vietnam-Krieg zu. Mir ging es damals darum, meiner Wut, aber auch meiner Angst Ausdruck zu verleihen. Da war es fast wie ein Wunder, dass ich durch die Meditation entdeckte, dass das Leid der Welt um mich herum praktisch identisch war mit meinem eigenen Leid.

Ich las damals „The only revolution“ von Jiddu Krishnamurti (auf deutsch „Die totale Erneuerung“). Der zweite Teil des Buches handelte von der „Revolution in einem selbst“. Und mir ist da schon klar geworden, dass ich erst einmal meinen eigenen inneren Zustand verändern musste, um fähig zu werden, die Themen anzusprechen, unter denen viele junge Leute damals litten, mich eingeschlossen.

Das war dann auch die Zeit des Vietnam-Kriegs, der 1964 begann. Sie und viele andere sind damals auch auf die Straße gegangen und haben protestiert.

Halifax: Ja, ich war damals mit vielen anderen in der Anti-Kriegs- und Bürgerrechtsbewegung engagiert. In den 1960er Jahren gab es eine starke Polarisierung in der Gesellschaft der USA. Wir Jüngeren waren ausgesprochen wütend darüber, dass wir in einer Gesellschaft voller Gewalt und Diskriminierung lebten – und natürlich auch über die Gewaltbereitschaft unserer Regierung.

Der Hype der Selbstfürsorge

Heute gibt es eine Bewegung unter jungen Menschen, die sich weniger mit den Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft beschäftigt als mit der Innenschau. Dazu gehört Meditation, aber auch die Hinwendung zum Yoga, zur Selbstfürsorge und zu mehr Achtsamkeit. Was halten Sie davon?

Aus meiner Sicht ist Achtsamkeit oder Selbstfürsorge in diesem Kontext oft nur eine weitere Spielart des Konsums innerhalb des kapitalistischen System. Wenn viele jetzt Selbstfürsorge als einen Weg anpreisen, um mit eigenem Leid besser umgehen zu können, dann geht es oft nur darum, etwas Neues zu verkaufen. Das Ziel ist dann, dass der Einzelne in diesem System weiter gut funktioniert. Dagegen stelle ich Meditation und Selbstfürsorge in einen ganz anderen Kontext.

Was wir heute mehr denn je verstehen müssen, ist, dass wir alle Teil eines großen Ganzen sind. Wir sind durch ein „Wir“ verbunden. Der vietnamesische Zen-Lehrer Thich Nhat Hanh hat das mit dem Begriff Inter-Sein ausgedrückt. Durch den Klimawandel erfahren wir heute ganz konkret, dass niemand außerhalb der Gesellschaft oder der Umwelt leben kann. Unsere Selbstbezogenheit, das Konkurrenzverhalten, der ständige Vergleich mit anderen sowie der Wunsch, immer der oder die Beste zu sein, haben die Werte unserer demokratischen Gesellschaft zersetzt. Noch schlimmer ist, dass dieses Verhalten auch unsere Umwelt total zerstört hat.

Sie sprachen gerade vom Hype der Selbstfürsorge und von Kapitalismus. Wie bringen Sie das in Beziehung?

Halifax: Selbstverständlich ist es wichtig, sich zunächst einmal um sich selbst und um das eigene Leid zu kümmern. Das habe ich, wie gesagt, selbst erlebt. Doch all die Praktiken, die im Zusammenhang mit der Bewegung hin zu mehr Achtsamkeit entstanden sind, haben inzwischen einen riesigen Wirtschaftskomplex hervorgebracht, angefangen beim Psychotherapie-Boom, der die „soft skills“ gesellschaftsfähig gemacht hat, über die Coaching-Unternehmen mit ihrem Zwang zur permanenten Selbstverbesserung bis hin zur Achtsamkeits-Industrie, wo der Fokus jetzt auf Selbstfürsorge liegt.

Ich kritisiere das, denn wir können uns nicht getrennt von der Welt sehen, in der wir leben. In diese Perspektive der Verbundenheit schließe ich unsere soziale und natürliche Umwelt mit ein. In indigenen und in den asiatischen Gesellschaften, in denen Achtsamkeit in eine buddhistische Perspektive eingebunden ist, ist das völlig klar.

Wenn man jetzt meint, das Gegenteil wäre richtig und einer Art pathologischem Altruismus anheimfällt, so ist das auch gefährlich, wie ich es in meinem letzten Buch „Gratwanderung“ beschrieben habe: Man brennt aus, verletzt sich dadurch selbst und versteht nicht, wie wertvoll eine gesunde Beziehung zu sich selbst ist. Das wirkt sich dann nicht nur auf einen selbst aus, sondern auch auf die Familie, Freunde und schließlich alle, die mit uns in dieser Welt leben.

Bewusst gemeinschaftlich handeln

Ergibt sich aus diesem Bewusstsein der Verbundenheit auch eine neue Perspektive für die Menschheit? Könnten wir so unseren destruktiven Wirtschafts- und Lebensstil transformieren?

Halifax: Das ist wirklich eine große Frage und ich habe keine letztendliche Antwort darauf, denn ich bin keine Expertin für Wirtschaft oder dafür, wie man zum Beispiel anders produzieren könnte. Was ich jedoch beobachte, ist, dass viele Menschen schon heute einen anderen, einfacheren Lebensstil suchen. Sie teilen Autos, leben in gemeinschaftlichen Wohnformen, wollen möglichst wenig Müll produzieren und nehmen sehr bewusst wahr, wie sehr das viele Plastik unserer Umwelt schadet.

Und überall auf der Welt sind Menschen engagiert, um Verhältnissen von struktureller Gewalt zu begegnen, die der Kapitalismus hervorgebracht hat; ihnen schließe ich mich an. Das sehen wir jetzt auch bei den Protesten gegen den gewaltsamen Tod von George Floyd durch die Polizei.

Die Antwort auf die Gewalt kann heute nicht mehr „Kommunismus“ oder „Sozialismus“ lauten. Mit Sicherheit müssen wir als Menschen, die in dieser bewussten Beziehung miteinander und mit der uns umgebenden Welt leben, in Zukunft noch bewusster gemeinschaftlich handeln. Und dann müssen wir Wirkung durch ein Handeln erzielen, das von Liebe und Achtsamkeit getragen wird.

Wie ich in unserer offiziellen Erklärung von Upaya gesagt habe, haben alle, die auf dem spirituellen Weg sind, eine moralische Verantwortung, auch ihren eigenen Rassismus zu hinterfragen und die Unterdrückungssysteme in unserer Gesellschaft zu transformieren.

Und wenn wir über nachhaltiges Leben sprechen, so üben wir das beispielsweise in den Sesshins (Perioden intensiver Zen-Meditation) im Upaya Zen Center. In so einem Sesshin müssen beispielsweise tagtäglich 70 Personen verköstigt werden. Dazu praktizieren wir „Oriyoki“, eine rituelle Form des gemeinsamen Essens miteinander. Dabei wird prinzipiell alles aufgegessen, was an Essen ausgeteilt wird, wobei jeder individuell angibt, wieviel er oder sie essen möchte.

Am Ende wird jede Essschale mit der Hand und etwas heißem Wasser ausgespült. So produzieren wir nicht nur Null Abfall, wir sparen auch die Arbeit der Spülmaschine sowie Unmengen an wertvollem Wasser. Und wir belasten die Umwelt nicht mit giftigen Spülmitteln. Die Praxis des Oryoki ist so gesehen ein wunderbares Beispiel, wie sehr wir uns als Zen-Gemeinschaft unserer Beziehung zur Umwelt bewusst sind und wie wir diese Beziehung liebevoll, achtsam und ganz praktisch ausdrücken und verkörpern.

Wir brauchen weise Hoffnung

Sie haben in letzter Zeit den Begriff der weisen Hoffnung ins Spiel gebracht. Wenn man sich allerdings die verheerenden Produktionsbedingungen an vielen Orten der Erde ansieht und die weiterhin unerschöpfliche Gier nach Geld und Reichtum, was stimmt sie dann hoffnungsvoll?

Halifax: Für diese Hoffnung brauche ich keine Beweise und ich suche auch nicht danach. Wenn ich von weiser Hoffnung spreche, dann spreche ich unseren Möglichkeitssinn an. Ich lebe im Bewusstsein dessen, was möglich ist. Das ist die Frucht meiner täglichen Praxis.

Denken Sie, dass die tägliche Praxis und der Buddhismus eine gesamtgesellschaftliche Perspektive anbieten? Vielleicht auch als Teil einer größeren Bewegung?

Halifax: Jeder, der sich heute aktiv sozial engagiert, interagiert automatisch mit vielen anderen Organisationen, die sich um das Wohlergehen unserer Planeten kümmern. Ich arbeite zum Beispiel mit Jodie Evans von Code Pink zusammen, einer Antikriegs-Organisation von Frauen. Eine vergleichbare Zusammenarbeit gab es auch bei der Aktion vor einiger Zeit vor dem Weißen Haus. Dort habe ich mit Jane Fonda und Greenpeace kooperiert. Diese Zusammenarbeit mit Greenpeace ist inzwischen ein sehr wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Aber ich arbeite auch mit Father John Deere von Pax Christi zusammen, Buddhisten haben schon immer mit anderen kooperiert.

Für mich ist das eigentlich gar kein besonderes Thema, es ist so selbstverständlich. Schließlich arbeiten heute überall auf der Welt soziale und religiöse Organisationen zusammen, wenn sie die gleichen Werte und Vorstellungen teilen. Um das Leid zu beenden, brauchen wir die Kooperation in einer übergeordneten, größeren Bewegung.

Die Menschen, die zu Ihnen ins Upaya Zen Center kommen, wollen in erster Linie meditieren. Gleichzeitig lehren Sie hier die Praxis des Sozial Engagierten Buddhismus. Wie kommen Menschen heute von der Meditation ins Handeln und in die politische Aktion?

Halifx: Die kommen von sich aus, da brauchen wir gar nichts zu tun. Einer meiner Zen-Schüler hier hat eine hohe Position innerhalb der Trump-Administration im Weißen Haus; ein anderer arbeitet im State Department.

Gewaltfreier ziviler Widerstand

Haben solche Menschen nicht Angst, offen für Ihre Überzeugungen einzutreten? Es könnten Ihnen ja sozial und beruflich Nachteile entstehen?

Halifax: Menschen werden nicht gleich ihren Job verlieren, nur weil sie Prinzipien haben und ihnen folgen. Man muss sich doch nur mal klar machen, wie privilegiert wir als Weiße sind. Uns kann bei Aktionen, wo es um zivilen Ungehorsam geht, gar nichts passieren.

Beim Sit-in im Hart Senate Office Building in Washington, dem größten Bürogebäude des US-Senats, wurde ich im Dezember letzten Jahres selbst mit weiteren 143 Personen vorübergehend festgenommen. Wir haben dort gegen die Tatenlosigkeit der Regierung in Bezug auf den Klimawandel durch einen Akt des gewaltfreien zivilen Widerstands protestiert. Ja und?

Mir könnte ja auch etwas passieren, wenn ich einfach nur über die Straße gehe oder weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort bin. Für mich sind solche Ängste irrational und daher kümmere ich mich auch nicht weiter darum.

Sagen Sie anderen Menschen dann:„Lasst einfach Eure Ängste und tut was!“ ?

Halifax: Genau so ist es. Man muss etwas tun, man muss rausgehen und handeln! Jane Fonda, die auch in Washington dabei war, ist ein gutes Beispiel dafür. Sie hat eine Zeit durchgemacht, in der sie ziemlich ängstlich und depressiv war. Dann hat sie sich entschieden, etwas zu tun. Sie hat Geld in die Hand genommen und ihre sonstigen Möglichkeiten genutzt, um sich für den Umweltschutz zu engagieren. Natürlich hätte sie sich auch Sorgen machen können, dass jemand sie erschießen wird, wenn sie sich engagiert, so, wie damals Martin Luther King erschossen wurde.

Natürlich könnte uns das in Upaya genauso passieren. Jeder könnte in unser Zen-Center hineinspazieren und uns niedermachen. So etwas kann heutzutage jederzeit und überall passieren. Aber wenn es denn so ist, warum dann zuhause sitzen und verrückt werden vor Angst? Warum dann nicht jetzt, in diesem Moment, sein Bestes geben?

Roshi Joan Halifax ist eine amerikanische Zen-Lehrerin, Anthropologin und buddhistische Aktivistin. Sie ist Gründerin und Leiterin des Upaya Zen Center, einem buddhistischen Kloster in Santa Fe, New Mexico, USA. In ihrer Lehre verfolgt sie ein Konzept des Sozial Engagierten Buddhismus, das u.a. auf den vietnamesischen Meditationslehrer Thich Nhat Hanh zurückgeht, der sie auch als Nonne ordiniert hat. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, zuletzt erschien „Gratwanderung“.