Interview mit dem Friedensaktivisten Aviv Tatarsky

Es gibt tiefe Gräben zwischen Aktivisten und Meditierenden, sagt der israelische Friedensaktivist Aviv Tatarsky. Für ihn selbst ist Aktivismus eine spirituelle Praxis. Im Interview spricht er über gewaltlosen Widerstand, die Arbeit an sich selbst und die Angst der Meditierenden vor Konflikten.

 

 

Im Herbst tragen die Olivenbäume des palästinensischen Dorfes Al-Walaja Früchte. Es liegt in der West Bank, einige Autominuten von Jerusalem entfernt. Und die Bewohner begeben sich auf ihre landwirtschaftlichen Anbauflächen, um zu ernten.

Während der Zeit der Olivenernte verschärfen sich die Konflikte zwischen den Dorfbewohnern und jüdischen Siedlern, der israelischen Polizei oder der israelischen Armee. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen“, erklärt Aviv Tatarsky aus Jerusalem; er ist ein israelisch-jüdischer Friedensaktivist und Übender der Vipassana-Meditation. „Heute spricht in Israel im Grunde niemand mehr über Frieden“, sagt er.

Mit der Initiative „Engaged Dharma Israel“ (EDI) setzt er sich für eine Annäherung zwischen jüdischen Israelis und ihren palästinensischen Nachbarn ein. So reist er seit zehn Jahren zusammen mit anderen Meditierenden nach Al-Walaja, um bei der Olivenernte zu helfen. Für ihn ist es ein Akt des gewaltlosen Widerstands, inspiriert durch die Werte und Methoden des sozial engagierten Buddhismus. Tatarsky, 49, praktiziert seit etwa 20 Jahren Kampfkunst und buddhistische Meditation.

Das Gespräch führte Oren Hanner

Frage: Warum weigern sich die buddhistischen Gemeinschaften in Israel, sich offiziell mit einer bestimmten sozialen Initiative zu verbinden?

Tatarsky: Auf politischer Ebene sehen wir eine ständige Einengung des demokratischen Spielraums für Menschrechtsorganisationen, links orientierte Gruppierungen und ähnliches. Es wurden auch einige Gesetze erlassen, um deren Arbeit einzuschränken.

Zu Ihrer Frage: Die buddhistischen Übenden und Gemeinschaften unterscheiden sich nicht so sehr von den normalen Menschen. Die Mehrheit der jüdisch-israelischen Bevölkerung ignoriert die Besatzung. Sie haben zu viel zu verlieren.

Die Politik ist ein schwieriges Feld. Wenn ich als spiritueller Lehrer über Politik spreche, dann werde ich immer jemanden vor den Kopf stoßen oder verärgern. Das ist ein hoher Preis.

Es gibt Gräben zwischen Aktivisten und Meditierenden.

Gibt es denn überhaupt einen Unterschied zwischen dem buddhistischen sozialen Aktivismus und gewöhnlichen Formen des sozialen Aktivismus?

Tatarsky: Viele Aktivisten können mit Buddhisten nichts anfangen, sie werden als nur „spirituell“ wahrgenommen. Andererseits denken viele Meditierende, dass Aktivisten sehr verärgerte Menschen seien.

Ich kenne Aktivisten, die noch nie in ihrem Leben Meditation geübt haben, aber sich mit einer bewundernswürdigen Begeisterung für Gerechtigkeit einsetzen. Und ich erlebe es auch andersherum: bei Menschen, die durch die spirituelle Praxis eine moralische Stärke gewannen. Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit mit einigen Menschenrechtsgruppen entwickelt.

Wenn es einen Unterschied gibt, dann vielleicht den, dass wir als EDI immer auch die Aufmerksamkeit auf den inneren Wert der Menschen richten. Es geht nicht nur um soziale Themen. Wir fragen auch: Was geschieht mit mir, wenn ich mich in solche Situationen begebe, wenn ich frustriert bin, wenn ich „gewinne“ oder „verliere“? Aber an diesen Fragen ist die Gemeinschaft der Aktivisten in Israel nicht so interessiert.

Für uns ist der Aktivismus eine spirituelle Praxis. Wenn wir z. B. Oliven pflücken, dann tun wir das im Kontext der Praxis. Wir richten zuerst am Morgen unseren Geist und unser Herz aus, wir versuchen, unser Gewahrsein während des Tages offen zu halten und finden am Abend die Gelegenheit, uns auszutauschen und das Erlebte zu reflektieren.

Eigenschaften wie Achtsamkeit vertragen sich nicht mit Widerstand und Protest.

In einem Ihrer Artikel haben Sie geschrieben, dass Achtsamkeit und liebende Güte den sozialen Wandel behindern können. Warum können Widerstand und Protest nicht aus Achtsamkeit und liebender Güte entstehen?

Tatarsky: Theoretisch sollte zwischen beidem kein Gegensatz bestehen und wir sollten in der Lage sein, achtsamen Widerstand zu leisten, mit offenem Herzen. Aber betrachten wir unsere tatsächliche Erfahrung. Wann sind wir besonders achtsam und mitfühlend? Geschieht es in Situationen der Nähe, Harmonie und Verbundenheit oder in Situationen mit Streit, in denen wir verärgert sind, uns anstrengen und damit ringen, etwas zu verändern?

Irgendetwas im Menschen führt zu dieser Spaltung. Hier vertragen sich Achtsamkeit oder liebende Güte nicht mit Widerstand und Protest. Es ist schwer, jemanden anzulächeln, der mich anschreit.

Israelische Aktivisten helfen Palästinensern im Dorf Al-Walaja bei der Olivenernte., Foto: Aviv Tatarsky

Was tue ich, wenn ich mit israelischen Soldaten konfrontiert bin, die das Haus eines Palästinensers zerstören wollen, weil er es ohne Genehmigung gebaut hat? Dabei weiß ich, dass Israel gar keine Genehmigungen in Gebieten ausstellt, aus denen man die Palästinenser vertreiben will.

Da sind also die Soldaten, und manchmal kenne ich die Familie, deren Haus zerstört werden soll, schon seit Jahren. Es geht also nicht nur um Politik, es betrifft mich auch ganz persönlich. Was heißt es, in einer solchen Situation achtsam zu sein? Was bedeutet es, hier gegenüber den Soldaten mitfühlend zu sein?

Ich kann sehr achtsam sein und für alle in dieser Situation Mitgefühl empfinden – denn aus buddhistischer Sicht erkenne ich, dass auch die Soldaten leiden, auch wenn sie sich dessen manchmal nicht bewusst sind. Aber dann stelle ich mich zwischen die Bulldozer und das Haus, um meinen Widerstand auszudrücken.

Wenn ich eine friedvolle Stimmung schaffe, dann wird es schwer, mich im Konflikt dort herauszubewegen.

Aber widerspricht das nicht der religiösen Idee, dass heilsame Geisteszustände wie Mitgefühl und Achtsamkeit die Grundlage dafür sind, angemessen und geschickt zu handeln?

Tatarsky: Hier wirkt etwas, was ich als „Paradox des Mitgefühls“ bezeichne: Wenn ich für mich selbst durch Qualitäten wie Achtsamkeit und Mitgefühl eine sehr harmonische Stimmung schaffe, dann wird es schwer, mich dort im Falle eines Konflikts herauszubewegen – und Widerstand ist solch eine Konfliktsituation.

In gleicher Weise ist es für Menschen, die bereit sind, in Konfliktsituationen zu gehen, nicht so leicht zu verstehen, warum sie Herzensqualitäten entwickeln sollten. Vor Ort sehe ich, dass Mitgefühl und Herzlichkeit zu einem Verhalten werden kann, das uns begrenzt.

Wenn meine Herzlichkeit die Wirkung hätte, dass dadurch die israelischen Soldaten überzeugt würden, das Haus der Palästinenser nicht zu zerstören oder die Olivenbäume nicht zu entwurzeln, dann wäre es ein sehr effektives Werkzeug beim Kampf gegen Ungerechtigkeit. Aber so funktioniert es leider nicht, Herzlichkeit hat nicht diese unmittelbare Wirkkraft.

Ich verstand, dass ich die Situation nicht vollkommen kontrollieren kann und nicht so sehr auf die Resultate fixiert sein sollte.

Wie könnte es Ihrer Ansicht nach gelingen, dass Mitglieder der buddhistischen Gemeinschaft sich im sozialen Aktivismus mit der nötigen Entschlossenheit und Begeisterung engagieren, ohne an der Sache oder der Bewegung, für die sie kämpfen, anzuhaften?

Tatarsky: Das ist eine sehr große Herausforderung. Anhaftung kann als Reaktion auf eine vorübergehende Situation geschehen oder als Problem auf größerer Ebene. Ein Beispiel: Vor kurzem gab es eine gewaltsame Razzia der Polizei in einem palästinensischen Stadtviertel namens Issawiya in Ost-Jerusalem.

Aviv Tatarsky verbindet Meditation und Engagement, Foto: privat

Die Polizei kam in das Viertel und machte das Leben für die Bewohner unerträglich und gefährlich. Ich beteiligte mich an einer Aktion, bei der Aktivisten im Schichtsystem präsent waren, um die Polizei dazu zu bringen, sich zurückzuhalten.  Dabei machte ich die Erfahrung, dass niemand auf uns achtete. Ich beobachtete, wie mich die Anhaftung daran, durch unsere Aktion positiv auf die Polizei einzuwirken, ruhelos, aggressiv und ängstlich machte.

Dann verstand ich: Ich kann die Situation nicht vollkommen kontrollieren. Deshalb sollte ich mich entspannen und nicht so sehr auf die Resultate fixieren. Mit zunehmender Erfahrung sehen wir, wie unsere Handlungen auf vielerlei Weisen Wirkung zeigen. Unsere Aktion mahnte vielleicht die Polizei zur Zurückhaltung, es unterstützte die Palästinenser, wir konnten die Informationen über den Vorgang mit den israelischen Medien teilen. Diese Dinge merkst du aber nicht sofort.

Aber es gibt größere, übergreifende Probleme wie den Klimawandel oder die ökologische Krise. Es kann uns auf zweifache Weise negativ beeinflussen, wenn wir auf die Resultate und Veränderungen fixiert sind, die wir uns bei diesen Problemen erhoffen, aber stattdessen sehen, wie es immer schlimmer wird.

Eine Folge könnte sein, dass uns Groll und Hass erfüllt, dass wir uns von unserer Gesellschaft entfremden – es gibt so viel Wut in uns. Eine andere Möglichkeit wäre aufzugeben, apathisch zu werden, abzustumpfen. Beides erfahren manche Aktivisten. Eine Praxis wäre, die Wut oder die Hoffnungslosigkeit zu bemerken und zu erkennen, wie beide durch Anhaftung entstehen. Dann können wir mit dieser Anhaftung arbeiten, was zu einer sehr sinnvollen spirituellen Praxis werden kann.

Sie haben das „Paradox des Mitgefühls“ angesprochen. Wie können wir diese inneren Hindernisse überwinden, die uns davon abhalten, uns mit dem Leiden anderer zu solidarisieren?

Tatarsky: Der Schlüssel liegt darin, dass wir nicht perfekt sein müssen. Wir sollten auch nicht warten, bis wir gut genug sind. Es wird immer Hindernisse geben, wir werden immer Fehler machen und wir brauchen nur etwas Hilfe, um zu beginnen.

Wir sollten dort beginnen, wo wir sind, und dann tun, was wir tun können. Wenn wir unseren Schwächen begegnen – wenn wir wütend oder erschöpft sind – dann sollten wir uns um uns selbst kümmern. Wenn deine Energie nachlässt, brauchst du etwas Raum für dich, du kannst dich ausruhen.

Ich erinnere mich immer daran, dass es nicht den einen Weg des Aktivismus gibt. Wir sollten auf unser Herz hören und darauf vertrauen, dass unsere Motivation und Fürsorge da sein werden, wenn wir sie brauchen. Sie werden auf ihre Weise wirken, auch wenn wir sie in dem Moment gerade nicht fühlen können.

Aus dem Englischen übersetzt von Mike Kauschke

Aviv Tatarsky, 49, praktiziert seit etwa 20 Jahren Kampfkunst und buddhistische Meditation. Er gründete Initiative „Engaged Dharma Israel“ (EDI) im Jahre 2009 nach dem Gaza- Krieg von 2008/2009, in dem mindestens 1100 Palästinenser und 13 Israelis ihr Leben verloren. Die Gruppe will Solidarität zwischen den zwei Völkern stärken und auf gewaltlose Weise den Ausdrucksformen israelischer Unterdrückung Widerstand leisten, unter denen Dörfer wie Al-Walaja zu leiden haben.  Seit 2012 arbeitet er auch als Vertreter der gemeinnützigen Organisation „Ir Amin“ (Stadt der Völker), die vor allem in Jerusalem arbeitet. Die Initiative möchte Jerusalem für die Israelis und Palästinenser, die dort leben, zu einer gerechteren und nachhaltigeren Stadt machen.