Ist der Konsum von Pornografie unmoralisch?

M-Production/ shutterstock.com
M-Production/ shutterstock.com

Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zu Ethik und Pornografie auf. „Wir kennen negative Aspekte von Pornografie, etwa die Degradierung von Frauen und ein verkürztes Bild von Sexualität. Wie ist der Konsum von Pornos ethisch zu bewerten?“

Frage: Wir hatten neulich mit Freunden eine Diskussion über den Porno-Konsum. Aufhänger war die Aussage des Popstars Billie Eilish (20), sie habe schon mit 11 Jahren Pornos angeschaut und das habe ihr Sexualleben negativ beeinflusst. Wir wissen, dass Pornos ein verkürztes, künstliches Bild von Sexualität erzeugen und dass manchmal Gewalt ausgeübt wird. Wie ist Pornographie ethisch zu bewerten?

Jay Garfield: Wenn es um Ethik und Pornografie geht, wird es schnell kompliziert. Die Gründe dafür sind:

  • die große Uneinigkeit der Menschen in fast allen Ländern über die moralischen Grundsätze, mit denen diese Frage zu beantworten ist
  • die unklare Definition von Pornografie
  • die Tatsache, dass das Prinzip der freien Meinungsäußerung mit den Grundsätzen des Schutzes des Menschen vor Schaden kollidieren kann
  • der Mangel an verlässlichen Informationen über die Auswirkungen der Pornografie auf die Zuschauer und die Darsteller.

Die Tatsache, dass Diskussionen zur Darstellungen von Sexualität mit religiösen und gesellschaftlichen Tabus verknüpft sind, erschwert eine vernünftige Bewertung zusätzlich. Wenn all diese Quellen der Komplexität und Unsicherheit zusammenkommen, sind klare Antworten schwierig.

Wir wollen trotzdem einige der ethischen Probleme durchdenken, mit denen wir als Individuen und als Gesellschaften konfrontiert sind, wenn wir unsere Einstellung zur Pornografie betrachten. Ich habe nicht den Anspruch, endgültige Aussagen zu formulieren, sondern möchte Sie mit den folgenden Überlegungen dazu anregen, Ihr eigenes Denken zu klären.

Mainstream-Pornografie

Wir definieren Pornografie für unsere Zwecke als jede explizite Darstellung – visuell, textlich oder auditiv – menschlicher sexueller Aktivitäten oder menschlicher Wesen, die darauf abzielt, die sexuelle Erregung zu steigern oder Menschen als Objekte der sexuellen Begierde darzustellen. Diese Definition ist weit gefasst, aber hilfreich.

Natürlich gibt es Pornografie, die sittenwidrig oder illegal ist, z. B. die Darstellung von Kindern und sexueller Gewalt. Ich werde dies nicht behandeln und mich auf das konzentrieren, was wir in Ermangelung eines besseren Begriffs als Mainstream-Pornografie bezeichnen könnten.

Viele Menschen finden jegliche Pornografie geschmacklos, viele andere nicht; ich halte diesen Geschmacksunterschied für moralisch irrelevant und lasse ihn beiseite.

Viele Menschen denken bei Pornografie ausschließlich an die heterosexuelle Darstellung von Frauen zum Vergnügen von Männern. Sie sehen daher den moralischen Schaden in erster Linie in der Verstärkung von Sexismus, Geschlechterungerechtigkeit und der Degradierung von Frauen zu Objekten. Dies ist der Kern der jüngsten feministischen Kritik an der Pornografie.

Doch auch wenn dies für einen Teil – ja sogar für die Mehrheit – der Pornografie gilt, trifft es nicht auf das gesamte pornografische Material zu. Es gibt auch Schwulenpornografie und Pornografie, die von und für Frauen produziert wird.

Es mag zwar zutreffen, dass jede Literatur oder Kunst, die Sexismus, Geschlechterungleichheit und die Entwürdigung von Frauen verstärkt, allein dadurch schon moralisch problematisch ist, doch ist dies kein spezifisches Problem der Pornografie. Vielmehr müsste man jede Form der Kunst kritisieren, die Frauen erniedrigt, unabhängig davon, ob sie pornografisch ist oder nicht. Und bestenfalls ist es ein Argument für Kritik, nicht für Einschränkung oder gesetzliche Interventionen.

Nach diesen Vorbemerkungen stellt sich die Frage, was an der so verstandenen Pornografie zumindest auf den ersten Blick moralisch verwerflich ist. Ich werde nach und nach vier gängige Kritikpunkte diskutieren:

1. Argument: In der Pornografie werden Menschen auf Sex reduziert

Das erste Argument beinhaltet, dass Menschen in der Pornografie oft auf ihre Körper oder darauf, Objekte der sexuellen Begierde zu sein, reduziert werden. Dadurch werden Subjektivität, Handlungsfähigkeit, Vielschichtigkeit und vieles, was uns zu Menschen macht, ausgeblendet. Viele Menschen empfinden dies als erniedrigend für die dargestellten Personen.

Pornografie reduziert die Menschen und stellt sie als Objekte sexueller Lust dar und nicht viel mehr. Aber das allein ist ein Grund für ästhetische, aber nicht für moralische Kritik.

Vieles in Kunst und Literatur reduziert die jeweiligen Personen, zum Beispiel auf visuelle oder politische Eigenschaften. Das macht sie vielleicht oberflächlich, aber nicht unmoralisch, es sei denn, man glaubt, dass Sexualität an sich grundsätzlich unmoralisch ist.

Es steht uns frei, Pornografie zu meiden, weil wir diese Oberflächlichkeit nicht mögen. Und wir könnten junge Menschen vor diesen Darstellungen schützen. Das ist aber kein spezifisch ethisches Problem, geschweige denn ein Grund, Maßnahmen zum Verbot von Pornografie für Jugendliche zu ergreifen. Bestenfalls ist es eine Motivation, sie zu boykottieren.

2. Argument: Pornografie fördert ausbeuterische Beziehungen

Zweitens, so wird vorgebracht, kann Pornografie ihre Betrachter dazu ermutigen, andere in erster Linie als Quelle sexueller Lust zu sehen, und damit oberflächliche, sogar ausbeuterische und narzisstische Beziehungen fördern. Dies kann ein Grund sein, den Konsum von Pornografie zu vermeiden und sicherzustellen, dass unsere Kinder sie nicht konsumieren.

Es gibt immer mehr Fachliteratur, die darauf hindeutet, dass Pornografie zumindest manchmal die beschriebenen Wirkungen hat. Sie veranlasst Menschen dazu, ein Verhalten, das eigentlich als unangenehm empfunden wird, normal zu finden oder zu erwarten.

Dies kann dazu führen, dass sie negative oder verletzende sexuelle Erfahrungen machen oder dass sie Zwangsbeziehungen für akzeptabel und sogar wünschenswert halten.

Das heißt aber nicht, dass Pornografie zu verbieten wäre. Bei der politischen Entscheidungsfindung müssen die Risiken oder Schäden gegen das hohe Gut der Rede- und Meinungsfreiheit abgewogen werden.

Ein anderes Beispiel: Einige Sportarten verursachen eine große Zahl von Verletzungen. Wir tolerieren sie gesellschaftlich und gesetzlich, weil wir der Meinung sind, dass die freie Entscheidung höher wiegt als die Schäden.

Der Einzelne kann sich jedoch dafür entscheiden, an diesen Sportarten nicht teilzunehmen oder sie zu boykottieren. Genau so können wir als Einzelpersonen starke moralische Gründe haben, die Pornoindustrie zu boykottieren, weil wir die Schäden, die sie verursacht, missbilligen.

3. Argument: Pornografie vermittelt ein verzerrtes Bild von Sexualität

Das dritte Argument lautet, dass Pornografie ein verzerrtes Bild von Sexualität und sexueller Lust vermittelt und unrealistische oder ungesunde Erwartungen an sexuelle Intimität fördert.

Dies kann sich besonders auf Jugendliche negtiv auswirken; es kann geschehen, dass sie das, was abgebildet sehen, für die einzige Realität halten und sich daran orientieren. Das Thema hat in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erregt – und das zu Recht.

Junge Menschen verbringen viel Zeit im Internet; sie sind sehr beeinflussbar. Ihre Einstellung zu Themen, mit denen sie keine direkten Erfahrungen haben, wird wahrscheinlich zu einem großen Teil von dem geprägt, was sie online sehen.

Aus diesem Grund erlauben wir es nicht, dass junge Menschen Werbung für Alkohol oder Tabak sehen. In diesem Sinne könnte man Pornografie als Werbung für verletzendes sexuelles Verhalten betrachten, auch wenn klar ist, dass Jugendliche Pornografie für ihre Sexualerziehung nutzen.

Dies könnte nicht nur ein Argument für eine strenge elterliche Kontrolle des Zugangs junger Menschen zur Pornografie sein, sondern auch für Gesetze, die den Zugang von Kindern und Teenager zur Pornografie verbieten. Darüber kann man diskutieren.

4. Argument: Pornoindustrie beutet Darsteller aus

Viertens wird vorgebracht, dass die Produzenten von Pornografie die Darstellerinnen und Darsteller ausbeuten und erniedrigen, um Reichtum anzuhäufen. Dieses Argument ist mit Vorsicht zu genießen.

Zunächst einmal ist es Ansichtssache, ob es sich hier um eine Entwürdigung handelt. Viele Pornodarstellerinnen und Darsteller, ob Profis oder Amateure, berichten, dass ihnen ihre Arbeit Spaß macht und dass sie diese nicht als erniedrigend empfinden.

Manche sagen, dass diese Arbeit aus einer Reihe von Gründen eine gute Möglichkeit sei, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und viele andere Berufe in der heutigen Wirtschaft sind auf andere Weise entwürdigend oder belastend und bieten oft eine noch geringere Entlohnung.

Die Ausbeutung von Arbeitnehmern, durch die mächtige Personen hohe Gewinne erzielen können, ist in einer kapitalistischen Wirtschaft weit verbreitet. Sie ist keine Besonderheit der Pornoindustrie. Das Argument spricht eher für eine sorgfältige Regulierung der Industrie, um Ausbeutung zu verhindern.

Fazit: Persönliche Entscheidungen treffen

Ich habe argumentiert, dass es gute Gründe gibt, den Konsum von Pornografie zu vermeiden: dass wir sie geschmacklos und oberflächlich finden; dass wir die Einstellungen gegenüber Personen und intimen Beziehungen, die ihnen zugrunde liegen, missbilligen; und dass sie den intimen Beziehungen schadet.

Der erste Grund hat kein moralisches oder politisches Gewicht. Der zweite Grund könnte ein Anlass sein, Pornografie zu boykottieren. Das dritte Argument spräche dafür, jungen Menschen den Zugang zu erschweren oder das Thema zumindest mit ihnen intensiv zu besprechen.

Die dargelegten Argumente können uns helfen, darüber nachzudenken, was wir unterstützen, wenn wir Pornografie konsumieren, und ob wir uns dabei wohl fühlen.

In Familien kann das Nachdenken ein Anlass sein, mit jungen Menschen Gespräche über die moralischen und sozialen Fragen zu führen, die die Porno-Industrie aufwirft. Auch ist es wichtig, über das Frauenbild und die Darstellungen von Frauen und Sexualität in der Pornografie kritisch zu diskutieren.

Aus dem Englischen übersetzt von Mike Kauschke.

Wenn Sie eine Frage haben, eine ethische Zwickmühle, schreiben Sie uns: redaktion@ethik-heute.org

Jay Garfield ist Professor für Philosophie am Smith College, Northhampten, USA, und Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Alle Beiträge von Jay Garfield in der Rubrik „Ethische Alltagsfragen“ im Überblick
iStock-991407492-haengematte_Warchi-dunkel
Warchi/ iStock

Newsletter abonnieren

erscheint ca. 1 Mal pro Monat

Shutterstock

Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

Shutterstock

Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare