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Jerusalem: Eine Plattform für Frieden

Burkard Vogt
Burkard Vogt

Wie Palästinenser und Israelis gemeinsam ein Magazin machen

The Palestine Israel Journal ist das einzige Magazin, das von Palästinensern und Israelis gemeinsam gestaltet und verantwortet wird – für alle, die sich am Friedensprozess beteiligen wollen. Die gemeinsame Arbeit schafft in schwierigen Zeiten auch Vertrauen zueinander. Johannes Zang hat die Redaktion besucht.

Ost-Jerusalem, in der Redaktion der Quartalszeitschrift Palestine Israel Journal (PIJ). „Wir wollen nicht für immer Sklaven Israels sein!“ Nisreen Abu Zayyad hat Feuer. Die Palästinenserin, Muslima ohne Kopftuch und Mitte 30, redet sich in Rage. Der nächste Satz: „Israel hat alles unternommen, um die Zwei-Staaten-Lösung kaputtzumachen. Die wäre für uns Palästinenser ohnehin ein riesiger historischer Kompromiss.“

Hillel Schenker gibt lächelnd seine Sicht der Dinge wieder. Auch er redet Klartext, nur ruhiger: „Israelis dominieren Palästinenser, die keine Rechte haben. Es ist eine Art Apartheid.“ Eine Palästinenserin und ein israelischer Jude im Gespräch? Und sie arbeiten auch noch zusammen?

Hillel Schenker ist der israelische Chefredakteur der Zeitschrift, und Nisreens Vater, Ziad Abu Zayyad, sein gleichberechtigtes palästinensisches Pendant. Letzterer hatte 1994 die einzige gemeinsame Zeitschrift zwischen Mittelmeer und Jordanfluss mitgegründet.

Die Palästinenserin Nisreen Abu Zayyad und der Israeli Hillel Schenkel bei der Redaktionssitzung, Foto: Burkard Vogt

Als 1993 der mittlerweile verstorbene israelische Journalist Victor Cygielman zu Abu Zayyad kam, und mitten im Oslo-Friedensprozess fragte: Sollten wir nicht unsere eigene Zeitschrift haben?, schlug die Geburtsstunde der Publikation. Ziad Abu Zayyad: „Wir waren aufgeregt und froh über die Verhandlungen. Wir dachten: Jetzt bewegen wir uns in die richtige Richtung.”

Ziel war es, eine Plattform zu schaffen für alle am Friedensprozess Beteiligten. Doch welchen Titel sollte man wählen? Die Palästinenser baten ihre israe­lischen Kollegen: „Ihr habt einen Staat, wir noch nicht. Dann lasst uns wenigstens im Titel den Vorrang.“ So kam es zum Namen Palestine-Israel Journal.

Um der Gleichberechtigung willen hat das Magazin zwei Chefs und Herausgeber, auch bei den Autoren sowie dem regelmäßigen Runden Tisch sind Israelis und Palästinenser gleich stark vertreten. „Wir sind wie die Arche Noah, von jeder Art gibt es zwei“, charakterisiert es Hillel Schenker.

Siedlungsbau, Trauma, Diskriminierung

Das Journal behandelt brennende Fragen, bricht Tabus und regt an, jenseits von Denkschablonen kreative Ideen zu entwickeln. Das Credo aller Redakteure: Sie glau­ben an eine friedliche Lösung des Konflikts, lehnen israelisch-jüdische Siedlungen in den besetzten palä­stinensischen Gebieten ab und befürworten die Zwei-Staaten-Lösung.

Wie kommt eine Ausgabe zustande? Die Redaktion einigt sich auf ein Thema und sucht Autorinnen und Autoren. Vierteljährlich erscheinen 128 Seiten, je zur Hälfte von Israelis und Palästinensern gestaltet. Alle Aspekte des Konflikts hat das Journal schon beleuchtet, das Epizentrum des Konflikts Jerusalem schon siebenmal.

Andere Ausgaben behandelten das Schicksalsjahr 1948, der Gründung des Staates Israel in Palästina, das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge, den Siedlungsbau, Kinder im Konflikt, Trauma oder Berichterstattung der Medien. Eine Nummer erörterte, was Israelis und Palästinenser vom nordirischen Friedensprozess lernen können, eine andere das Dreiecksverhältnis Israel-Germany-Palestine. Die aktuelle Ausgabe heißt “Israel and the Apartheid Threshold – A Wake-up Call” und hält einen Gastbeitrag der deutschen Nahostexpertin Muriel Asseburg.

Das PIJ kann ohne ausländisches Geld nicht publizieren. Mal kommt es von der Europäischen Union, der Heinrich Böll-Stiftung, vom Institut für Auslandsbeziehungen ifa oder einer ausländischen Botschaft in Israel/Palästina.

Zur notorischen Geldknappheit kommt politisches Bauchweh: Ziad Abu Zayyad war es jahrelang vom israelischen Innenministerium verboten, in das Redaktionsbüro nach Jerusalem zu kommen. 2001 wurde der palästinensischen Kollegin Leila Dabdoub die Einreise nach Israel verwehrt. Als sie nach einer Englandreise in Tel Aviv landete, teilten ihr die Beamten mit, ihr Name finde sich nicht im Computer. Seitdem lebt sie in Chile. „Schikane“ fällt Hillel Schenker dazu ein.

Europa soll auf Friedensprozess im Nahen Osten drängen

Auch Schenker kennt Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. Trotzdem hat er sein Engagement nie eingestellt. „Es gibt keine Alternative“, meint er. Es sei Israelis und Palästinensern ein existenzielles Bedürfnis, „eine Lösung zu suchen, um meiner Kinder und Enkel willen.“

Seine Arbeit bei der einzigen israelisch-palästinensischen Publikation nennt er einen Einsatz „an der Front, wo man nach Lösungen sucht. Ich bin nicht nur pessimistisch und deprimiert, ich bin aktiv und ergreife die Initiative.“ Gemeinsam mit den Kollegen versucht er, die Lage zu verstehen und Antworten zu finden, wie man die Friedens-Sackgasse verlassen kann. „Genau diese Aktivität verleiht mir Energie.“

Dass der amtierende Premierminister Israels Yair Lapid kürzlich vor der UNO-Vollversammlung von einer Konfliktlösung sprach, hat Schenker gefreut. Das sei ein „erfrischender Wandel”, denn Lapids Vorgänger Bennett hatte die Zwei-Staaten-Lösung abgelehnt und vor der UNO-Vollversammlung 2021 kein Wort über Frieden verloren. Schenker merkt jedoch auch Kritik an: Lapid hat keinen Fahrplan zur Zwei-Staaten-Lösung vorgelegt, außerdem „hat er es vermieden, sich mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas zu treffen.”

Johannes Zang

Für Schenker hat dies mit den vorgezogenen Wahlen Anfang November 2022 zu tun: Lapid wolle offenbar Wähler des rechten Spektrums nicht verprellen. Der Chefredakteur wünscht sich zweierlei: Lapid „sollte den Mut haben, sich mit Abbas zu treffen.” Dazu sollten ihn die EU, Deutschland und die Staatengemeinschaft ermutigen.

Schon seit Jahren mahnt der in Tel Aviv lebende Schenker seitens Nordamerika und Europa eine stärkere Einmischung an. Seine Botschaft ans deutsche Publikum lautet klar: „Habt keine Angst, euch stärker bei der Konfliktlösung zu engagieren! Vielleicht habt ihr alle möglichen Bedenken. Um unseretwillen rufen wir euch auf, euch einzumischen. Ihr müsst aktiver dabei werden, euch der Besatzung und dem Siedlungsbau zu widersetzen. Helft, dass Wege gefunden werden, damit Israelis und Palästinenser vorwärtskommen.“

Die Sicherheit von Israelis und Palästinensern ist miteinander verknüpft

Und Abu Zayyad, der Vater von acht Kindern, der frühere Minister, der mehrmals in israelischer Haft saß, hat auch eine Botschaft: „Ich weiß, dass ihr Deutschen ein moralisches Problem habt, wenn es sich um die Juden oder Israel handelt. Aber wenn ihr wirklich euren Fehler gegenüber den Juden bereuen wollt, dann helft ihnen, Frieden zu schließen.”

Dazu gehört für ihn, der israelischen Regierung die Wahrheit zu sagen. „Habt keine Angst. Die Sicherheit der Israelis ist mit der der Palästinenser. verknüpft Wenn Israelis es akzeptieren, Sicherheit und Frieden den Palästinensern zu geben, werden sie selbst Sicherheit und Frieden haben.”

Die beiden Männer sitzen schon wieder am Schreibtisch. Sie sowie die 15 israelischen und 15 palästinensischen Kollegen im Redaktionsrat trotzen weiterhin allen Hindernissen. Mit jeder Ausgabe des Journals beweisen die schreibenden Friedensbefürworter, dass Israelis und Palästinenser sehr wohl miteinander können. Sie reden, einigen sich und schaffen nicht nur eine Zeitschrift, sondern Vertrauen zueinander.

Johannes Zang, Jg. 1964, hat fast zehn Jahre in Israel und Palästina gelebt. Er ist Autor, sein aktuelles Buch heißt “Erlebnisse im Heiligen Land”, erschienen bei Promedia Wien. Zang betreibt einmal pro Monat den Podcast Jeru-Salam. Seit 2008 hat er über 60 Reisegruppen durch Israel, Palästina und Jordanien begleitet.

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Warchi/ iStock

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