Interview mit einem Hochschulseelsorger

Tobias Obele ist katholischer Pastoralreferent und Hochschulseelsorger in Aalen. Er ist Ansprechpartner für Studierende und betreibt u.a. ein Ethik-Café. Obele spricht im Interview über seine Arbeit, die Isolation der Studenten in Corona-Zeiten und wie wichtig Beziehungen sind, um sich menschlich zu entwickeln.

Das Gespräch führte Sabine Breit

Frage: Herr Obele, erzählen Sie mir etwas was über sich. Wir wird man Seelsorger an einer Hochschule?

Obele: Ich war gerade dabei, mich neu zu orientieren. Ich wollte nicht mehr nur Gemeindearbeit machen, sondern mehr in den Eins-zu-Eins-Austausch gehen. Da bot sich die Hochschulseelsorge für mich an. Meine Klientel ist in einem spannenden Alter von rund 18 bis 25-30. In dieser Lebensphase verändert sich viel. Da lernt der Mensch dazu, auch was die Reife und die Weltsicht angeht. Und auch das „Glaubensgebäude“ entsteht.

Gleichzeitig war mir aber klar, dass das für mich kein Missionierungsfeld ist. Vielmehr ging es mir darum, auf der Grundlage meiner christlichen Werte, die ich lebe und verinnerlicht habe, meinen Dienst zur Verfügung zu stellen.

Wie lebt man das dann? Welchen Dienst kann man den jungen Menschen zur Verfügung stellen? Für was brauchen die Sie?

Obele: Also zuallererst brauchen die Studierenden jemanden, der unvoreingenommen ist, der ein offenes Ohr hat, der nicht gleich mit dem Rosenkranz oder mit dem Vater Unser um die Ecke kommt, sondern sie einfach so nimmt, wie sie sind: mit ihren Bedürfnissen, ihren Ängsten, Sorgen und Nöten. Da versuche ich, ein Stück Weg mit Ihnen zu gehen.

Ich hoffe, sie sehen mich ein bisschen wie einen Tankwart, bei dem sie auftanken können. Wo Herz und Seele vielleicht ein bisschen leichter werden und Resonanz möglich ist. Jemand, dem man im menschlichen Sinne begegnen darf, ohne dass das gleich für die Studienbewältigung relevant ist im Sinne von Noten oder Credit Points. Wie eine Tankstelle möchte die evangelische und katholische Hochschulgemeinde sein. Überkonfessionell und überreligiös. Jeder ist willkommen.

Also im wahrsten Sinne des Wortes eine Seelsorge. Mit welchen konkreten Themen kommen die Studenten üblicherweise zu Ihnen?

Obele: Heute Morgen klagte jemand in einer englischen Mail über „social problems“. Dahinter verbergen sich oft Konflikte innerhalb des Studentenwohnheims. Sie können sich vorstellen, dass es bei 20 verschiedenen Nationen in einem Wohnheim manchmal zu Unverständnis, zu Missverständnissen kommt. Dann dreht es sich auch um allzu Menschliches, wie etwa Beziehungsprobleme oder Schwierigkeiten mit Distanz oder Nähe zur Familie. Weiter natürlich auch um studientechnische Probleme. Manche kommen zu mir und sagen: „Ich bin kurz davor, das ganze Studium hinzuschmeißen. Ich hab solche Angst, dass ich einen schlechten Abschluss mache, und dann krieg ich niemals einen Job.“

Ich komme an meine Grenzen, wenn der andere für Argumente nicht mehr zugänglich ist.

Sie haben das Zusammenleben im Studentenwohnheim erwähnt. Angesichts der Vielfalt dort und an der Hochschule ist es wahrscheinlich besonders wichtig, dass Sie überkonfessionell und eher auf der Grundlage übergeordneter ethischer Werte arbeiten. Was sind für Sie dabei die wichtigsten Werte?

Foto: privat

Obele: Da gibt es ganz viele. Ich weiß nicht, ob ich alle zusammenbringe. Im Kern geht es um Gerechtigkeit. Es geht um gelingendes Leben, um Chancengleichheit, das Streben nach Glück. Es geht um Freiheit, Verantwortlichkeit, aber auch um Selbstbestimmung. Um Fürsorgepflicht und Rücksichtnahme.

Das sind alles Dinge, mit denen man als junger Mensch, auch wenn man vielleicht schon einen Bachelor-Studiengang absolviert hat, noch nicht fertig ist. Und in denen sie vielleicht auch manchmal ein Korrektiv brauchen oder Begegnungen, die neue Sichtweisen und Öffnung ermöglichen.

Das bringt mich nahtlos zu meiner nächsten Frage: Sind Sie manchmal nicht nur Vertrauter oder Seelsorger, sondern auch Sparringspartner? Und wenn ja, wo kommen Sie da an Ihre eigenen Grenzen? Oder sagen Sie: „Nichts Menschliches ist mir fremd“?

Obele: Also in meinem Alter ist einem tatsächlich nicht mehr viel fremd. Diese „Korrektivfunktion“ macht aber nur einen sehr kleinen Teil meiner Arbeit aus. Wo komme ich dabei an meine Grenzen? Ich komme an Grenzen, wenn es fundamentalistisch wird und der Gesprächspartner für rationale, sachliche Argumente nicht mehr zugänglich ist. Also bei diesem sogenannten „confirmation bias“. Wo man selber die eigene Meinung überhöht und den „Gegner“ oder Gesprächspartner nicht mehr wirklich wahrnimmt und ernst nimmt. Da komme ich an meine Grenzen.

Brechen Sie dann auch ein Gespräch ab?

Obele: Ich bin eigentlich kein Mensch, der ein Gespräch abbricht. Aber es gibt im Verlauf so eines Gesprächs tote Punkte, wo alles gesagt ist. Und über das Unsagbare muss man dann auch schweigen. Denn sonst wird es übergriffig und auch respektlos gegenüber dem anderen.

Unsere Ethik-Cafés sind kein Format, wo man innerlich abschaltet und das Ende herbeisehnt.

Sind Sie vor dem Hintergrund Ihres Wertegefüges eigentlich auch auf die Idee mit dem Ethik-Café gekommen, oder gab es das schon, bevor Sie nach Aalen kamen?

Obele: Das gab es schon seit ein paar Semestern, bevor ich 2011 nach Aalen kam. Es wurde von meiner Vorgängerin Elisabeth Beyer initiiert, die mir aber auch sagte, dass der Zulauf etwas zu wünschen übrig lasse. Aber das hat sich wider Erwarten sehr gut entwickelt. Irgendwann haben wir von der Hochschule „Credits“, also „Workload“, für unsere Veranstaltungen der Ethik-Cafés bekommen. Damit wurden sie für die Studierenden attraktiver. So hatten wir auf einmal 30, 40, z. T. sogar 120 Gäste. Das war natürlich phänomenal.

Waren die Studierenden dann zuweilen überrascht, was ihnen das Ethik-Café außer den 5 Punkten noch gebracht hat?

Obele: Davon bin ich überzeugt. Viele haben das vielleicht zunächst nur unter dem Aspekt der 5 Punkte Workload gesehen. Aber sie merkten schon am Anfang eines Vortrags, dass das kein Format ist, bei dem man sich reinsetzt, innerlich abschaltet und wartet, bis die Veranstaltung zu Ende ist.

Vielmehr gab es angeregte und sehr persönliche Diskussionen und Dialoge, wahrscheinlich weil es um relevante, hoch aktuelle Themen geht und die Vortragenden mit Herzblut dabei sind. So hatten wir als Vortragende schon den ehemaligen CEO von Zeiss, Prof. Dr. Dr. Michael Kaschke, Personen aus der hiesigen Wirtschaft oder einen Koordinator für Organtransplantationen. Ein Comboni-Missionar hat von seiner Tätigkeit und seinem Verständnis von ethischem Leben und Handeln und von Verantwortung erzählt.

In unseren Angeboten geht es immer um Gemeinschaft.

Welchen Anteil an Ihrer Arbeit macht das Ethik-Café aus?

Obele: Das Ethik-Café ist ohne Frage eines unserer Highlights. Aber es gibt natürlich auch noch Anderes: etwa unseren Mittagstisch unter dem Titel „Sauerkraut und Gottvertrauen“. Das ist so eine Herdstelle, bei der es auch mal zu einem informellen Austausch zwischen „Lehr“- und „Lernkörper“ kommen kann.

Dann sind da noch der Fair Trade-Verkauf oder die regelmäßigen Hochschulgottesdienste. Im Wintersemester bieten wir z. B. Schneewanderungen mit Glühwein und Fackeln an oder „Advent and Breakfast“, also Morgen-Impulsgeschichten mit anschließendem Frühstück.

Wir organisieren Spiele- oder Kinoabende mit Filmen abseits vom Mainstream. Letztlich geht es immer um Gemeinschaft und ums Zusammensein. Um die Möglichkeit, ohne Vorbedingungen und Vorleistungen in den Austausch zu kommen, auch über das eigene Studienfach und Semester hinaus. Schließlich gibt es natürlich auch noch die persönliche Begleitung der Studierenden. Gerade jetzt auch in Corona-Zeiten.

Stichwort Corona: Welches Ihrer Angebote darf jetzt noch stattfinden?

Obele: Es darf gerade nichts stattfinden, nur persönliche Gespräche. Man darf nicht an die Hochschule, wenn man nicht eine Präsenzveranstaltung hat, und selbst dann muss man eigentlich sofort wieder raus aus dem Gebäude. Die Erstsemester haben, glaube ich, nur 15 oder 20 Prozent aller Veranstaltungen in Präsenz. Und wir haben natürlich auch eine Verantwortung.

Wir Menschen geben uns gegenseitig Energie, Kraft und Motivation.

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Studierenden?

Obele: Ich mache mir in der Tat Sorgen. Um einzelne Studenten, aber auch generell: Vielleicht wird jetzt mancher in der Wirtschaft frohlocken, weil er sagt – das ist jetzt die höchste Effizienz. Es gibt keine Ablenkung mehr. Es wird nur noch gearbeitet, und das Kaffeepäuschen, das Quatschen auf dem Gang, das fällt alles weg. Das können Sie auch auf die Studierenden ummünzen.

Die Interaktionen sind weg. Die jungen Menschen drohen zu verarmen – menschlich und auch kognitiv. Gerade junge Menschen brauchen den Austausch und soziale Kontakte.

Wir Menschen geben uns gegenseitig Energie, Kraft und Motivation. Wenn man nur allein in seiner Studentenbude hockt, dann kann’s auch passieren, dass ein eigentlich stabiler Student in ein komisches Fahrwasser kommt oder in krisenhafte Zustände. Dass die Vereinsamung zunimmt, seelische, psychische Probleme sich verstärken und extremer werden. Das treibt mich schon um. Verrückte Zeiten.

Verrückte Zeiten. Was würden Sie sich denn wünschen, nach dem Ende dieser verrückten Zeiten?

Obele: Dass wir das Leben wieder feiern, Kontakte mit Freunden haben. Aber auch in meiner beruflichen Rolle würde ich mir wünschen, dass die Studierenden wieder aufatmen können. Dass sie sich frei treffen und entspannt an der Hochschule begegnen können, dass sie sich stärker beheimaten können.

Mit diesem Minimal-Präsenzkonzept, mit diesen vielen Online-Veranstaltungen, da ist keine Beheimatung und auch keine Identifikation als Student wirklich möglich. In der Isolierkammer der Studentenbude kann ich mich ethisch und menschlich nicht weiterentwickeln.

Ich würde mir wirklich wünschen, dass es wieder freier wird, lebendiger, menschlicher. Ich glaube, wir sind gerade in einer Phase der Entmenschlichung, der Verfremdung oder Entfremdung voneinander. Das tut uns nicht gut. Als Gesellschaft nicht. Als Einzelperson nicht. Als Familien nicht. Das kann man eigentlich auf alles übertragen.

Tobias Obele ist Pastoralreferent und Hochschulseelsorger an der Hochschule Aalen. Nach dem Studium der Katholischen Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen führte ihn sein Weg über verschiedene Stationen der Seelsorge im Oberen Nagoldtal und Schwäbischen Wald im Jahr 2011 an die Hochschule Aalen. Dort organisiert er unter anderem das Ethik-Café, geistliche Angebote und vielseitige andere Gemeinschaftsangebote für die Studierenden.