Andrey Yurlov/ shutterstock.com
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Kinder erziehen oder wachsen lassen?

Eltern zwischen Freiheit und Verantwortung

In der Diskussion um KITA-Streik und die Qualität der Vorschulentwicklung geht es oft um eine Erziehung, die einem bestimmten Zweck dient. Für die Philosophin Ina Schmidt ist Freiheit ein ebenso wichtiger Wert. Erziehung muss den Kindern Raum für Entdeckungen und Erfahrungen geben.

Was bedeutet Erziehung? Welche Aufgaben haben Eltern, Lehrer und Erzieher? Welche Bedingungen braucht eine gute Erziehung und was ist das eigentliche Ziel? Der Streik in den KITAS und die schwierigen Verhandlungen über Verantwortlichkeiten zeigt, dass wir vor vielen ungelösten Fragen stehen.

Oft schieben wir den schwarzen Peter zwischen Politik, Bildungsinstitutionen und Elternhäusern hin und her und stehen recht ratlos vor der Umsetzung vieler gut gemeinter Reformen. Auch wenn es in diesen Debatten auf politischer Ebene Handlungsbedarf gibt, können wir dennoch versuchen, eigene Antworten zu finden, unabhängig von Erzieherinnenschlüsseln oder kommunalen Haushalten.

Wo können wir individuell und persönlich ansetzen, wie eine eigene Haltung zu dem entwickeln, was Erziehung bedeuten sollte, was notwendig und richtig – für unsere Kindern und uns als Familie? Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass wir entscheiden, gestalten und immer auch etwas anderes tun könnten – selbst wenn uns das nicht immer so vorkommt.

Vor kurzem berichtete die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ in einer Serie (Mai/Juni 2015) unter der Überschrift „Wasmacht intelligent?“ über verschiedene Einflussfaktoren auf das, was wir Intelligenz nennen und für ein Schlüsselfaktor auf dem Weg in ein gelungenes Leben halten. Im ersten Teil ging es um die Frage nach dem Heimvorteil, also dem, was Kinder bereits mitbringen bzw. nicht mitbringen, wenn sie in Kindergärten und KITAS ankommen. In Gemeinschaft mit anderen Kindern werden sie vor neue Aufgaben gestellt und lernen neue Gesichter kennen, die ihnen sagen, wo es lang geht und welche Regeln hier – vielleicht sogar im Gegensatz zum gewohnten Kinderzimmer – gelten.

Raum schaffen für Entdeckungen

In den ersten Jahren ihres Lebens machen alle Kinder ihre prägendsten Erfahrungen. Sie erleben die Welt in jeder Hinsicht zum ersten Mal, lernen gehen, sprechen und was sonst alles noch dazu gehört, um sich ein erstes Bild von dieser Welt zu verschaffen. Diese ersten Erfahrungen sind es, die einen Unterschied machen. Dies festzustellen bedeutet nicht, die alarmierte und bestens präparierte Elternschaft weiter unter Druck zu setzen, damit sie jedes „Zeitfenster“ nutzen, um bereits den Jüngsten so viel Input zur Verfügung zu stellen, wie möglich.

Es geht in diesem Stadium der Entwicklung nicht zwingend um Inhalte oder Fähigkeiten, sondern darum, mit welcher Form der Zuwendung und Unterstützung Kinder auf ihrer Entdeckungsreise von Eltern und Bezugspersonen begleitet werden. Es geht darum, wie diese Personen ersonen miteinander sprechen und aufmerksam für die Schritte sind, die das Kind zu gehen versucht. Diese Form der Unterstützung hängt nicht von Geld ab, sondern ist eine Frage der eigenen Haltung und der Bereitschaft, ein anderes kostbares Gut zu geben: Zeit. Zeit, die in fast allen Familien immer zu knapp ist.

Das bedeutet nicht, dass alle Frauen nun schleunigst zurück ins traute Heim beordert werden sollten, aber es heißt, wachsam zu sein, wie wir die Zeit mit unseren Kindern nutzen. Wie viel „Heimvorteil“ für das Kind schaffen wir einfach, indem wir zuhören, nachfragen, Katzen malen und uns Geschichten ausdenken? Einen Tag am Wochenende kommen und gehen lassen, wie es gerade passiert – ohne Tierpark, Kunsthalle oder Indoorspielplatz?

In diesen zweckfreien Zeiträumen entsteht eine Qualität, die für unsere Kinder schon zu etwas Besonderem geworden ist – ein Schutzraum, in dem sie sich frei bewegen und entdecken können, was „ist“ und nicht was „sein sollte“ oder „noch kommt“.

Das Erleben prägt den Geist des Kindes

Der englische Philosoph John Locke, der besonders für seine politische Theorie berühmt geworden ist, in der er die Freiheit als politisches Recht des einzelnen in den Vordergrund rückte, hat Ende des 17. Jahrhunderts ebenfalls unter Betonung der persönlichen Freiheit auch enormen Einfluss auf die Idee einer „guten“ Erziehung genommen (die damals allein für „gentlemen“ galt, zum Glück aber heute weniger geschlechtsspezifisch gelesen werden sollte).

Locke ging in seinem Essay „Concerning Human Understandig“ („Ein Versuch über den menschlichen Verstand“) von 1690 zunächst davon aus, dass der Geist eines Menschen einem weißen Blatt Papier gleiche – einer tabula rasa. Durch die Erziehung solle es so beschrieben werden, dass am Ende ein anständiger Mensch dabei herauskomme. Dieser Ansicht sind wir heute nicht mehr. Aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass es bestimmte Veranlagungen, Talente und Begabungen gibt, mit denen jeder Mensch auf die Welt kommt, so bleibt die Frage bestehen, wie wir diese Anlagen zur Entfaltung bringen. Und darin bleiben die Gedanken Lockes sehr aktuell.

Er betont, dass es die sinnlichen Erfahrungen sind, die in der Erziehung gefördert und begleitet werden wollen: das Erleben in Beziehung zu den Dingen, zur Welt und zu den Menschen ist es, was einen Geist prägt. Dies geschieht am eindringlichsten, wenn diese Erfahrungen nicht schon im Kern vorgegeben oder angeleitet werden – also „zu etwas gut sein“ müssen.

Die freiheitliche Entwicklung ist das Ziel der Bildung

Etwa ein Jahrhundert später finden wir bei Wilhelm von Humboldt ähnliche Ideen, die allerdings den menschlichen Geist nicht als „tabula rasa“, sondern als ein „unbekanntes Etwas“ beschreiben, ein Etwas, das aber in unterschiedlichster Weise schöpferisch und kreativ zu Vermittlung der Welt in der Lage sei.

Humboldt setzte schon zu Beginn des 19.Jahrhunderts in der preußischen Schulreform durch, dass die menschliche Bildung, die wir aus unseren geistigen Fähigkeiten heraus anstreben können, eine auf den Menschen gerichtete Bildung sein müsse, die weniger das kompetente Funktionieren des einzelnen in einem staatlichen Gebilde, sondern die freiheitliche Entwicklung des einzelnen Menschen im Blick haben müsse:

„Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist“ so Humboldt 1809 in einem Brief an den damaligen König.

Dieses Ziel eines „guten“ Menschen als Ziel von Bildung und Erziehung zu formulieren klingt nicht besonders originell. Wir alle würden sofort zustimmen, aber interessant ist doch, dass wir in dem, was wir heute vielfach für unsere Kinder entscheiden, doch sehr zweckorientiert geblieben sind.

Musikunterricht fördert die Verknüpfung der linken und rechten Gehirnhälfte. Fremdsprachenkenntnisse eröffnen schon für Kindergartenkinder die Möglichkeit internationaler Studiengänge. Und selbst die tägliche Portion frische Luft steht im Dienste irgendeiner gesundheitlichen Entwicklung.

Musik, Fremdsprachen und Waldspaziergänge bleiben natürlich etwas Wunderbares, wenn wir unseren Kindern die Welt zeigen und eröffnen wollen, aber zentral ist das, was wir damit verbinden: Wollen wir sie zu etwas erziehen oder an den Erfahrungen, die sie machen wachsen lassen – beides ist notwendig. Und die Verantwortung für eine gelungene Mischung aus beidem kann uns keine KITA oder Schule abnehmen.

Der Umgang mit Freiheit ist eine hohe Kunst. Und in Anbetracht einer immer schneller und komplexer werdenden Welt, ist es vielleicht die wichtigste Aufgabe von Erziehung, diesen Umgang zu lernen: Eine Erziehung, die sich an Regeln hält und gerade deswegen die Bedingungen dafür schafft, dass Kinder Erfahrungen sammeln, um wachsen zu können. Einen größeren „Heimvorteil“ können wir unseren Kindern wahrscheinlich kaum bieten.

 

ina schmidtDr. Ina Schmidt, Jg. 1973, studierte Kulturwissenschaften und Philosophie, 2004 Promotion über den Einfluss der Lebensphilosophie auf das Denken Martin Heideggers. 2005 Gründung der denkraeume, einer Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School in Hamburg und freie Mitarbeiterin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg.

 

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