Foto: sör alex/Photocase.de
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Kinder ohne Vorschriften leiten

Jean-Jacques Rousseaus Erziehungsprinzipien hochaktuell

Der Philosoph Rousseau hat in seinem Erziehungsroman „Emile“ sieben Prinzipien aufgestellt, die hochaktuell sind: Freiräume für die Kinder schaffen, die Kinder wirklich kennenlernen und „verhindern, dass etwas geschieht“. Ina Schmidt stellt die überraschenden Ideen vor.

Im Jahr 1762 veröffentlichte der französische Denker Jean-Jacques Rousseau seinen Roman Emile oder über die Erziehung. Darin kritisierte er den Kern all dessen, was zu seiner Zeit als gebildet und zivilisiert galt. Das Bürgertum erschien im als künstliche Maske einer Welt, in der die Menschen sich von sich selbst und der Natur vollständig entfremdet hatten.

Mit seinem Roman versuchte er nun das Bild eines Menschen zu entwerfen, der durch eine andere Art der Erziehung in der Lage sein sollte, selbstbestimmt als Teil einer modernen Gesellschaft leben zu können. Dafür teilte er die Zeit des Heranwachsens in verschiedene Stufen ein, für die er jeweils eigene Erziehungsprinzipien geltend machen wollte. Auch wenn der Philosoph selbst keine dieser Prinzipien befolgte und es vorzog, die eigenen Kinder in ein Waisenhaus zu geben, so sind seine Gedanken auch heute noch wertvoll für unsere gegenwärtige Bildungsdebatte.

Rousseau bezieht sich in seiner Schrift explizit auf die platonischen Ideen, nach der nicht allein Eltern oder Bildungseinrichtungen für die Erziehung zuständig sind, sondern auch der Staat: „Um eine Vorstellung von der öffentlichen Erziehung zu bekommen, muss man Platons Staat lesen. Das ist kein politisches Werk, wie die Leute behaupten, die die Bücher nur nach dem Titel beurteilen: es ist die schönste Abhandlung über die Erziehung, die jemals geschrieben wurde.“

Dem platonischen Gedanken folgend, dass es in der Erziehung darum geht, jeden einzelnen bei der Entfaltung seiner eigenen Kräfte zu begleiten ist Rousseaus Roman ein frühes Plädoyer dafür, dass Erziehung nicht nur – bzw. oft eben gerade nicht – als die Vermittlung von Wissen verstanden werden sollte, sondern als Unterstützung bei der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit von Kindesbeinen an. Dies gilt für die öffentliche Erziehung genauso wie für das, was wir als Eltern an unsere Kinder herantragen.

Kinder als eigene Persönlichkeiten anerkennen

Nach Rousseau ist es zunächst zentral – und damit so etwas wie das Grundprinzip der Erziehung – unbelastete Freiräume für das Kind zu schaffen. Erst darin kann es sich selbst entdecken lernen, um erst dann mit dem Wissen versorgt zu werden, das es in einer zivilisierten Gesellschaft bestehen lässt.

Diese „Reihenfolge“ wird heutzutage gern verdreht. Schon die Jüngsten werden mit Wissen und Inhalten „gefördert“, die weder angemessen noch auf die richtige Weise angeboten werden – in der Hoffnung, „viel hilft viel“. Dahinter steht der Gedanke, dass jedes Kind auf die gleiche oder zumindest ähnliche Weise zu lernen in der Lage sei. Die Zeit, um das eigene Kind wirklich kennenzulernen und ihm das passende Wissen anzubieten, ist kostbar, steht aber immer seltener zur Verfügung – sowohl in der Familie als auch in den Einrichtungen, die die Erziehung unserer Kinder mit übernehmen.

So besteht nach Rousseau auch das erste elementare Prinzip der Erziehung darin, den „Eigenwert der Kindheit“ anzuerkennen. Rousseau will die Kindheit nicht als einen ersten Schritt zum Erwachsenwerden verstanden wissen, sondern als eine Phase mit ganz eigenen Bedürfnissen, Verhaltensweisen und Eigenarten. Und diese sind es wert, „studiert zu werden“, wie es im zweiten Prinzip bereits heißt.

Allein aus der „Beobachtung von Kindern“ lerne man, wie man erziehen müsse. Den Vorwurf, den Rousseau an die Erziehungslehre richtet, ist, dass sie die Kindheit selbst gar nicht kenne. Das Studium dieser Phase allein dürfe die Grundlage dafür sein, um aus dem Kind später ein gutes Mitglied der Gesellschaft zu machen.

„Verhindern, dass etwas geschieht“

Wie aber kann dieses Studium im Umgang mit dem Kind selbst aussehen? Dazu formuliert Rousseau das dritte Prinzip, das heute mit dem Schlagwort der „negativen Erziehung“ zusammengefasst wird: Das Ziel liegt darin, zu verhindern, dass etwas geschieht. Das mutet gerade in Zeiten hektischer Betriebsamkeit befremdend an, bedeutet aber nichts anderes, als das Kind von den Zwängen und Zwecken einer von Erwachsenen beherrschten Welt fernzuhalten.

Rousseau spricht den Erzieher direkt an: „Erzieher, ich lehre dich eine schwere Kunst: Kinder ohne Vorschriften zu leiten und durch Nichteinwirken alles zu erreichen.“ Die Idee, man könne durch Erziehung einen bestimmten – den gewünschten – Menschen hervorbringen, ihn gewissermaßen „herstellen“ wird damit vehement verneint.

So sagt Rousseau weiter: „Unsere pedantische Lehrsucht bemüht sich fortwährend, die Kinder das zu lehren, was sie allein viel besser lernen, und übersieht, was allein wir sie lehren können. Gibt es eine größere Torheit, als die Mühe, die man aufwendet, ihnen das Gehen beizubringen?“

Auch im vierten Erziehungsprinzip geht es darum, die Kinder durch die eigenen Erfahrungen lernen zu lassen. Hier wird die Natur als die eigentliche Lehrmeisterin bezeichnet. Die Natur ist es, die die Kinder das Leben lehrt und viel weniger der Mensch, der sich in irgendeiner autoritären Form dazu aufschwingt.

Dennoch betont Rousseau, dass die Natur, die Welt der Dinge und der erwachsene Mensch ein Dreiergespann bilden, das die Erziehung des Kindes übernimmt und dabei in keinen Widerspruch zueinander geraten sollte. Diese Form der Freiheit sieht in den verschiedenen Altersstufen des Zöglings unterschiedlich aus. Eine sogenannte Stufung legt vier Phasen der Entwicklung jedes Kindes zugrunde1 und fordert eine „altersgemäße Erziehung, die sich von Stufe zu Stufe verändern muss.

Die beiden letzten Prinzipien gehen dann den Schritt von der persönlichen Entwicklung des einzelnen Schülers zur Integration in die Gemeinschaft. Das sechste Prinzip bereitet den Zögling auf die Gesellschaft und seine Pflichten als Bürger vor. Denn jeder Mensch wird in irgendeine Form von Gemeinschaft hineingeboren und kann nach Rousseau auch nur in einem Miteinander seine wahre Aufgabe finden kann. Dies beginnt mit der Verbindung in der Liebe zu einem Partner und geht bis zur Unterordnung des eigenen Willens in die gemeinschaftliche Vorherrschaft des „volonté generale“.

Dies leitet über zum siebenten und letzten Prinzip der „natürlichen Religion“, die ebenso wie die politische Ausrichtung des einzelnen eine selbst gewählte sein soll, die Prinzipien eines gemeinschaftlichen Denkens – die Vernunft und die Gebote der Toleranz – aber nicht verletzen darf.

Gelebte Erziehung

Die sieben Prinzipien, die Rousseau aufgestellt hat, zeigen, dass die höchste Aufgabe für uns moderne Eltern darin liegen könnte, die eigenen Vorstellungen und Erwartungen erst einmal wahrzunehmen, um sie dann zurückstellen zu können. Bewusstes Wahrnehmen, Beobachten und Kommunizieren sind vielleicht die drei Fähigkeiten, die Eltern auszeichnen sollten. Auf dieser Basis können sie entscheiden, wie sie diese Fähigkeiten im Gespräch und Zusammenleben mit ihrer Familie einsetzen.

In der Erziehung geht es damit vielfach mehr um die „Bedingungen der Möglichkeit“, um den Rahmen, den wir zur Verfügung stellen, als darum, unseren Kindern das vorzugeben, was „gut“ und „richtig“ ist. Zeit ist dafür eine wichtige Ressource, die oft zu wenig zur Verfügung steht. Aber gerade die Idee einer „Familienethik“ lebt nicht von der Quantität, sondern der Qualität der zusammen verbrachten Zeit. Und dafür können wir auch sehr viel tun, wenn wir nicht mit den Kindern in der Puppenecke sitzen oder Zimtsterne backen. Das Gute hat viele und sehr verschiedene Gesichter, aber gerade diese Unterschiedlichkeit gilt es, kennenzulernen, allein und gemeinsam.

ina schmidtDr. Ina Schmidt, Jg. 1973, studierte Kulturwissenschaften und Philosophie, 2004 Promotion über den Einfluss der Lebensphilosophie auf das Denken Martin Heideggers. 2005 Gründung der denkraeume, einer Initiative für philosophische Praxis in Reinbek. Buchautorin, Referentin der Modern Life School in Hamburg und freie Mitarbeiterin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“, Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg.

 

1 Kindheit (0-3), Knabenalter (bis 12), Vorpubertät (12-15), Pubertät oder Jünglingsalter (bis 20), S.53

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