Foto: Nils Altner

Kinder sind natürlicherweise achtsam

Interview mit Nils Altner

Fast alle Grundschulen in Solingen haben mit Achtsamkeit experimentiert, zunächst die Schulleiterinnen, dann Lehrer und zuletzt die Schüler. Dr. Nils Altner berichtet im Interview von seinem ungewöhnlichen Forschungsprojekt.

 

 

Das Interview führte Birgit Stratmann

Frage: Sie haben 2016 in Solingen das Modellprojekt GIK (Gesundheit, Integration, Konzentration, Achtsamkeit in der Schule) mit geplant und umgesetzt. Worum geht es da?

Altner: Es geht um etwas Außergewöhnliches: Wir wollten Achtsamkeit in den Grundschulen einer ganzen Stadt stärken. Und haben dies in Zusammenarbeit mit dem Schulamt sowie dem Landesbildungsministerium und dem Landesgesundheitsministerium in Düsseldorf erreicht.

Im ersten Schritt haben wir allen Schulleiterinnen und Schulleitern ein Schulungsangebot unterbreitet, dann die Lehrerinnen und Lehrer in Achtsamkeit ausgebildet, die es wiederum an die Kinder weitergaben. Von den 370 Grundschullehrern in Solingen haben 300 mitgemacht – ein großer Erfolg!

Bei diesem Projekt geht es um die Menschen, um die Fähigkeit, mit Hilfe der Achtsamkeit gut für uns zu sorgen. Natürlich gab es auch kritische Stimmen: „Es gibt so viele Probleme an den Schulen: Lehrermangel, große Klassen, mangelhafte Ausstattung, marode Schulgebäude – es fehlt an Ressourcen. Und jetzt sollen wir Achtsamkeit praktizieren, um die Missstände zu kompensieren!“

Ich verneine nicht, dass es diese Probleme gibt und die Ressourcen oft knapp sind. Aber die Frage ist doch: Was kann ich trotzdem für mich, für mein Team und für die Kinder tun – unter den vorhandenen Bedingungen?

Von der Operrolle in die Gestalterrolle

Steckt hinter der Skepsis auch die Befürchtung, dass man mit Achtsamkeit ein System stabilisiert, das eigentlich politisch verändert werden müsste?

Altner: Ja, dieses Thema haben wir in Organisationen immer, ob wir Achtsamkeit in die Unternehmen oder Schulen bringen. Manche fragen dann: Macht ihr uns nur fit, damit wir länger durchhalten in einem System, das eigentlich untragbar ist?

Ich bin da in meiner Motivation ganz klar: Ich möchte die Menschen unterstützen und inspirieren. Wenn das authentisch ist und wir nicht den Eindruck erwecken, dass wir von der Schulleitung eingekauft wurden, um die Lehrer stillzuhalten, dann kann etwas Fruchtbares entstehen. Und wir können dann auch gemeinsam überlegen: Was muss sich ändern, was können wir tun?

Könnte Achtsamkeit eine Bedingung dafür sein, um die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten wahrzunehmen und klarer zu sehen, was auch politisch geändert werden kann?

Altner: Ja, so sehe ich das. Manche, die sich auf Achtsamkeit einlassen, kommen weg vom Klagen, also „was tun die anderen nicht für mich“, hin zu einem konstruktiven Ansatz: Was kann ich, was können wir im Kollegium gemeinsam tun, damit sich die Lage verbessert. Achtsamkeit ermöglicht, von der Opferrolle in eine Gestalterrolle zu kommen. Und so erleben wir das auch in verschiedenen Schulen.

Barfuß im Yogadress

Wie kam die Achtsamkeit bei den Schulleitern an?

Altner: Wir haben mit ihnen einen 20-Stundenkurs durchgeführt, aufbauend auf dem MBSR-Programm, mit Abwandlungen für den Schulbereich. Wir sind dafür aus der Schule herausgegangen in einen großen, lichtdurchfluteten Gemeindesaal. Hier konnten die Kolleginnen und Kollegen einander außerhalb des Tagesgeschäfts begegnen und Neues ausprobieren. Die Schulleiter, die Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes und die Schulrätin hatten einander vorher noch nie in Jogginghosen, barfuß auf einer Yogamatte gesehen (lacht).

Von den Schulleitern und Lehrern ging es dann weiter zu den Schülern, wie haben Sie das gemacht?

Altner: Wir haben dies detailliert mit der Schulrätin und den Schulleitern besprochen. Dabei wurde deutlich: Wenn wir dauerhaft die Kultur in den Schulen verändern wollen, kann es nur über die Lehrerinnen und Lehrer selbst gehen, die Achtsamkeit und Mitgefühl verinnerlichen und sie den Kindern im Alltag vermitteln.

Daher haben wir mit den Lehrern gearbeitet. Wenn sie das Achtsamsein verkörpern, können sie authentisch Übungen und Formate in ihren Unterricht einbauen. Die Verantwortung und Expertise, wie sie es in der Klasse anwenden, bleibt bei ihnen.

Kinder brauchen Bewegung und Ruhe

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Kinder meditieren oder solche Übungen machen. Wie bringt man sie dazu, und ist es überhaupt sinnvoll?

Altner: Eine unserer Schulen in Solingen hat alle Lehrer und Schüler befragt: Was braucht ihr für eine gute Schule? Was sich bei allen heraus kristallisierte: Sie wünschten sich mehr Ruhe. Die gängige Vorstellung ist, dass Kinder herumtollen, rennen, schreien, aktiv sein wollen. Doch die Befragung ergab: Kinder brauchen eine gute Mischung aus Bewegung und Ruhe, beides muss im Gleichgewicht sein.

Schauen wir uns ganz kleine Kinder an, zum Beispiel wenn sie anfangen zu essen. Sie reden kaum beim Essen, sie sind meist ganz bei der Sache. Sie essen, schmecken, spüren – das ist alles. Auch wenn ein Baby beginnt, seine Finger und Zehen zu entdecken, ist es mit der Aufmerksamkeit voll bei dem, was es gerade sieht und fühlt. Kinder sind natürlicherweise achtsam im Sinne von präsent im gegenwärtigen Moment fokussiert.

Maria Montessori hat ihre ganze Pädagogik auf dieser Fähigkeit aufgebaut. Sie spricht von der Polarisation der Aufmerksamkeit und davon, dass Kinder sich mit dem beschäftigen, was für sie gerade relevant ist. Dabei sind sie so fokussiert und wiederholen etwas so lange, bis sie es können oder begriffen haben. Die ganze Montessori-Pädagogik orientiert sich daran, die Kinder in diesen Zustand einzuladen.

Kinder können achtsam sein, und sie wollen das auch. Es gilt, Bedingungen zu schaffen, damit sie diese Fähigkeit ausüben und kultivieren können.

Sich verwundbar zeigen

Welche Erfahrungen machen die Kinder mit Achtsamkeit in der Schule?

Altner: Eine Lehrerin hat uns berichtet, wie sie an einem Montag Morgen gestresst in die Schule kam. Als sie in die Klasse hetzte, stieß sie sich das Knie und hatte schlimme Schmerzen. So stand die vor ihrer 2. Klasse und sagte mit Tränen in den Augen: „Ich habe mir gerade mein Knie so weh getan, ich muss erst einmal verschnaufen.“

Aus dieser geteilten Erfahrung ist eine Blitzlicht-Runde entstanden, wo alle Kinder erzählt haben, wie es ihnen selbst gerade geht. Sie sagte, es habe in der Klasse noch nie ein Gefühl solcher Verbundenheit gegeben wie in diesem Moment. Seit dem startet die Klasse jeden Montag mit so einer Runde in den Unterricht.

Eine andere Kollegin beginnt jeden Tag mit einer Runde ohne zu sprechen. Die Kinder sitzen im Kreis und geben ein Glas mit einem Teelicht herum: Ein Kind entzündet das Teelicht, schaut dem nächsten in die Augen und gibt ihm das Licht z.B. mit den Worten: „Guten Morgen, schön, dass du da bist.“ So wird das Teelicht einmal im Kreis weitergereicht.

Eine weitere Lehrerin hat einen Gong in die Klasse gehängt. Jeder, ob Lehrerin oder Schüler, darf den Gong schlagen, wenn es ihm zu laut wird. Dann halten alle für kurze Zeit inne.

Kinder gewöhnen sich schnell an Achtsamkeitselemente, ja sie fordern sie sogar ein, wenn einmal eine Vertretung den Unterricht übernimmt. Selbst wenn z.B. der Schulleiter die Lehrerin vertritt, meldet sich ein Kind und sagt: „Wir fangen jetzt eigentlich immer mit einer Stille-Phase an.“

Für eine menschenfreundliche Schule

Welchen Beitrag kann Achtsamkeit leisten, wenn man sich die Probleme in der Schule anschaut?

Altner: Eine Kollegin berichtete z.B. vor dem Achtsamkeitskurs, ihre Tage seien so eng getaktet, dass sie kaum Zeit findet, zwischendurch einen Schluck Wasser zu trinken. Sie sagt, sie spürt oft über Stunden nicht, dass sie Durst hat, weil ihre Aufmerksamkeit non-stop nach draußen gerichtet sei. Ich sehe hier ein großes Potenzial, mit mehr achtsamer Selbstwahrnehmung und Selbstregulation die Gesundheitskompetenzen und die Fürsorge zu stärken.

Achtsamkeit kann helfen, Mini-Auszeiten zu nehmen, eine wertschätzende und fürsorgliche Atmosphäre im Klassenzimmer zu schaffen und mehr Mitgefühl und Verständnis im Lehrerkollegium. So können wir die Qualitäten in den Menschen stärken, die die Schulkultur gesünder, menschenfreundlicher und lernfördernder werden lassen.

Aber es gibt sicher auch Pädagogen, die der Achtsamkeit skeptisch gegenüber stehen.

Altner: Das Kultivieren von Achtsamkeit in der Schule ist nur auf freiwilliger Basis möglich. Wir hatten eine Schule, wo der Schulleiter nicht mitgemacht hat. Er findet den Ansatz „Quatsch“ und legte seinem Lehrerkollegium nahe, es nicht zu machen.

Unsere Erfahrungen zeigen, dass Achtsamkeitsinterventionen nicht für jede Person zu jedem Zeitpunkt passen. Manchmal stehen andere Themen im Vordergrund, und es ist nicht die Zeit, nach innen zu gehen. Aber wo es Interesse gibt, hat Achtsamkeit eine transformative Kraft.

Es ist ein Wunder, dass wir hier sind!

Wie hat Achtsamkeit Ihr Leben bereichert?

Altner: Wie viel Zeit haben wir für die Antwort (lacht)?

Zwei Minuten!

Altner: Ich war immer neugierig, schon als Kind. Was mich interessiert hat, sind die Zwischenräume, nicht die Oberflächen. Ich mag es, die Resonanz der Erscheinungen in mir wahrzunehmen. Das Achtsamsein hat mir ermöglicht, diese Qualität zu erhalten und zu kultivieren. Und ich kann dies mitten in der Welt tun und Menschen inspirieren, die dazu auch Lust haben.

Praktizieren Sie Achtsamkeit auch in der Familie?

Altner: Ja, Achtsamsein hat bei uns einen festen Platz. Meine Frau und ich nehmen uns abends 20 bis 30 Minuten Zeit, um gemeinsam in Stille zu sitzen. Und wir tauschen uns auch über unsere Erfahrungen damit aus. Dadurch vertieft sich unsere Beziehung immer mehr.

Mein Sohn ist neun Jahre alt. Abends vor dem Einschlafen mache ich mit ihm einen kurzen Bodyscan – eine Minute den Körper spüren vom Kopf bis zu den Zehen. Das bringt ihn zu sich und in die Ruhe. Und wenn ich es mal vergesse, dann erinnert er mich daran.

Es ist ein Wunder, dass wir Kinder und Erwachsene hier auf der lebendigen Erde gemeinsam leben und wachsen. Wenn wir achtsam sind, können wir dieses Wunder spüren und dafür sorgen, dass es erhalten bleibt.

Dr. phil. Nils Altner ist Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler u.a. an der Universität Duisburg-Essen. Er forscht, unterrichtet und publiziert zu den Schwerpunkten Achtsamkeit und Gesundheit, freudvolles Lernen, Prävention und Gesundheitsförderung bei Kindern und Erwachsenen in Kindergarten, Schule, Therapie und in der Betrieblichen Gesundheitsförderung. Autor mehrerer Bücher: Achtsamkeit im Kindergarten. Wie das Miteinander gelingt.  Beltz Verlag, 2012. Rieche das Feuer, spüre den Wind. Wie Achtsamsein in der Natur uns und die lebendige Welt stärkt. Essen: KVC Verlag, 2016, Download des Buches. Mehr über Nils Altner

Informationen für interessierte Lehrerinnen, Lehrer und andere Multiplikatoren

Aktuelle Veröffentlichung „Achtsamkeit in den Grundschulen einer ganzen Stadt fördern – ein NRW-Landesmodellprojekt“ in der Zeitschrift Gruppe, Interaktion, Organisation 2/2018

 

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