Standpunkt von Ina Schmidt

Laut einem Bericht des Umweltministeriums wird Deutschland seine Klimaziele bis 2030 verfehlen. Warum setzt die Politik Gebote und Verbote kaum um, fragt sich Ina Schmidt. Warum pochen wir als Individuen so sehr auf Freiheit, statt kleine Einschränkungen zum Wohl des großen Ganzen zu akzeptieren?

„Die Welt steht in Flammen“ – 2019 hat uns Greta Thunberg in Davos wütend und verzweifelt vom Podium aus zugerufen: „Unser Haus brennt“. Und 2021 brennt es weiter. Menschen fliehen vor den Flammen, vor Überschwemmungen, retten das Nötigste und stehen am Ende vor unbewohnbaren Landstrichen.

Wie gehen wir mit diesen Entwicklungen, diesen Einsichten und wissenschaftlichen Erkenntnissen um? Was ist geboten, was sollte verboten werden bzw. wie ist das zu diskutieren und wer kann das entscheiden?

Eines ist bei all diesen Fragen klar. Die Zeit drängt, aber es scheint, als würden einige lieber den Feueralarm ausschalten als mutig das Ausmaß der Zerstörung in den Blick zu nehmen und nach neuen Wegen zu suchen.

Als Kohle- und Gasexporteur möchte z.B. Australien sich auch nach dem Bericht des Weltklimarats IPCC lieber nicht verbindlich auf CO2-Ziele einlassen, für die es noch keinen klaren Plan gibt. Und andere Länder halten nicht zu Unrecht der Europäischen Union vor, auch sie hätten schließlich einen Anspruch auf einen Wohlstand, der in Europa lange wie selbstverständlich auf Kosten anderer aufgebaut wurde.

All diese Argumentationen sind nachvollziehbar. Es geht nicht gerecht zu, auch nicht bei der Bekämpfung einer Krise, die diejenigen am härtesten trifft, die sie am wenigsten verschuldet haben.

Aber haben wir im Angesicht der Flammenmeere im Mittelmeerraum, in Südamerika und Afrika und den Überschwemmungen und Flutkatastrophen auch direkt vor unserer Haustür wirklich eine Wahl? Können wir überhaupt noch etwas lieber nicht machen wollen und warten, was die anderen tun?

Ich kann als Individuum nicht das Klima retten

Seit Jahrzehnten wird gemahnt und erklärt, geforscht und berichtet. Gremien ohne Entscheidungsbefugnisse oder Vetorechte setzen sich zusammen, und kurz hört die Weltöffentlichkeit zu. Klimaziele werden vereinbart und sind dann doch nicht so wichtig – wie also geht es jetzt weiter?

Freiwillige Selbstverpflichtungen? Eigenverantwortung mündiger Bürger und demokratisch gewählter Politiker mitten im Wahlkampf? Warten auf den technischen Durchbruch? Oder die Hoffnung auf eine Generation, die nicht weiß, ob sie noch eine Zukunft hat, von der dann aber Solidarität mit den Älteren gefordert wird, die einfach weiter mit dem SUV zur Arbeit fahren möchten?

Ganz ehrlich, es fällt mir schwer, sich in all dem zurecht zu finden, wohl wissend, dass mein eigenes Entscheiden und Verhalten ebenfalls an vielen Stellen zu wünschen übrig lässt. Aber auch wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge, so steht doch fest: Ich kann mich nach Kräften bemühen, gute Entscheidungen zu treffen, aber ich kann als Individuum nicht das Klima retten. Die Hauptverantwortung dafür liegt auf politischer Ebene.

Es gibt Instanzen, Institutionen und politische Systeme, die an dieser Stelle eingreifen können und müssen. Denn sie wurden dafür geschaffen, verbindliche Regelungen und Maßnahmen zu entwickeln und damit den Rahmen für uns als soziale Gemeinschaft zu schaffen, den wir uns offenbar als Individuen und einzelne Mängelwesen nicht immer geben können. Und die gesetzlich dazu verpflichtet sind, dies auch für kommende Generationen zu gewährleisten.

Demokratische Regierungen sind also nicht nur dazu da, uns unsere persönliche Freiheit zu garantieren, sondern sie eben auch auf lange Sicht zu ermöglichen, auch wenn das in der Gegenwart mit Zumutungen verbunden ist.

Worauf dürfen wir in einem brennenden Haus ein Recht haben?

Nicht immer kann Freiheit bedeuten, alles tun und lassen zu dürfen. Wenn unser Haus brennt, sollten wir dann über persönliche Vorlieben und ein Grundrecht auf Kurzstreckenflüge diskutieren? Ernsthaft?

Wenn ein kostbares Gut knapp wird, dann ist es in kaum einem wirtschaftlichen Kontext problematisch, dafür die Preise anzuheben. Wenn aber die Luft zum Atmen knapp wird, dann ist eine angemessene CO2-Steuer offenbar nur schwer umzusetzen oder gar die Überlegung, ob wir uns alle gemeinsam darauf einlassen sollten, 130 km/h auf Autobahnen zu fahren oder noch irrwitziger: Das Auto tatsächlich einmal stehen zu lassen bzw. gefahrene Kilometer pro Kopf zu limitieren.

Wir regen uns über andere Nationen auf, in denen es nicht gelingt, Verbote gegen Lobbyisten durchzusetzen, die das Recht des einzelnen auf Selbstverteidigung auf ihre Fahnen geschrieben haben. Gleichzeitig kämpfen wir hier Kämpfe, die sich auf andere Freiheiten beziehen, aber im Angesicht der Weltlage ebenso absurd sind.

Warum schaffen wir es im Großen wie im Kleinen so oft nicht, die Ärmel hochzukrempeln, um sich zu fragen: Was kann ich tun? Wie kann ich helfen? Warum berichten wir nicht stolz und ohne ideologischen Machtanspruch, wo wir CO2 eingespart haben und wie das vielleicht noch besser gelingen kann – selbst wenn mein Nachbar dies nicht tut, wenn mein Chef ständig neue Autos kauft und die Frau meines Cousins schließlich auch keine Vegetarierin ist. Na und?

Mir fällt es zugegeben selbst schwer genug, immer wieder die Wahl zu haben, herausfinden zu wollen und zu müssen, was das Richtige sein könnte und wo ich mir selbst in die Tasche lüge. Manche klare Leitlinie wäre mir da eine Hilfe.

Also warum gibt es so wenig klare Leitlinien, Gebote und Verbote, die uns helfen können, mit Hilfe einer kurzfrisitgen Einschränkung oder Unannehmlichkeit heute bestimmte Grundrechte auch für die Zukunft abzusichern? Warum können wir Regeln und Verbote in einem brennenden Haus nicht auch als etwas anerkennen, das Klarheit und Bedingungen schafft, um überhaupt noch an eine Zukunft glauben zu können, in der wir dann wieder munter über alles andere streiten und diskutieren können?

Kluge Verbote und klare Ansagen sind notwendig

An der Flensburger Förde, nicht weit von dort, wo ich aufgewachsen bin, gibt es ein Schild, das an einer kleinen hölzernen Seebrücke angebracht ist: „Kluge Menschen fahren hier kein Fahrrad, für alle anderen ist es verboten.“

Früher fand ich dieses Schild oberlehrerhaft und unsinnig. Mittlerweile frage ich mich, ob es nicht zumindest dafür sorgt, dass diejenigen, für die es verboten ist und die es dennoch tun, mit einem anderen Gefühl über die Brücke radeln – nicht als lässige Regelbrecher, die sich nicht wie die Schafe an Schilder halten, sondern als diejenigen, die nicht klug genug sind, zu verstehen, warum es besser ist, manche Dinge nicht zu tun.

Wenn wir es mit der Klugheit als alter aristotelischer Tugend ernst nehmen, dann steckt darin eine ziemlich aktuelle Weisheit, die sich auch auf die dramatische Weltlage beziehen lässt: Wir alle wissen eigentlich, was zu tun wäre, auch wenn der Ausgang offen ist. Keiner bekommt die Garantie dafür, dass sein oder ihr Einsatz sich lohnt.

Aber wir wissen, dass es so, wie es ist, nicht bleiben kann. Das, was uns abhält, neue Wege zu gehen, ist Bequemlichkeit und die Unsicherheit, ob diese Wege irgendwohin führen, die Sorge, dass Veränderung eher eine Bedrohung bedeutet und keine Bereicherung

Vielleicht auch der Ärger über politische Entscheidungen und Maßnahmen, die zweifelhaft und kritikwürdig waren.

Wir haben aber bei allem berechtigten Unmut immer die Möglichkeit, zu überprüfen, gute Gründe zu suchen und uns im konkreten Fall eine Meinung zu bilden:

Was spricht dagegen, eine Institution zu schaffen, die dafür sorgt, dass bereits global vereinbarte Klimaziele eingehalten werden? Nichts. Was spricht gegen ein Tempolimit auf Autobahnen? Nichts. Wir werden auf manches verzichten müssen, aber vielleicht auch Neues hinzu gewinnen.

Vielleicht irren wir uns auch und ganz sicher machen wir Fehler, aber wenn wir uns jetzt nicht auf neue Wege und Regeln, auf Gebote und Verbote einlassen wollen, dann verzichten wir auf eine Zukunft, in der Menschen noch eine Rolle spielen.

Aber: Können wir es nicht wenigstens versuchen?

Ich wünsche mir mehr und mehr kluge Menschen, die nicht nur nicht mit dem Fahrrad auf Seebrücken herumfahren, sondern als Konsumenten oder Einzelkämpferinnen im Alltag mit den richtigen Entscheidungen ringen. Und die darüber hinaus mutig Gebote und Verbote auf politischer Ebene akzeptieren, auch wenn sie dadurch ihr Leben einschränken müssen, etwa weil Fleisch oder Benzin teurer werden, wir Strom sparen müssen oder weniger Urlaub machen können.

Menschen, die dafür sorgen können, dass wir uns alle solche Einschränkungen leisten können und die endlich ein Veto einlegen dürfen, wenn wir wieder Gefahr laufen, nur an uns denken und nicht an das, was nach uns kommt.

Foto Gaby Bohle

Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Sie ist Buchautorin, Lehrbeauftragte der Professional School an der Leuphana Universität und Referentin u.a. für das Netzwerk Ethik heute. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und ihrer Familie in Reinbek bei Hamburg.