Jan Martin Will/ shutterstock.com
Jan Martin Will/ shutterstock.com

Klimawandel: Vor uns die Sintflut

und wie wir damit umgehen

Das Klima erwärmt sich immer schneller. Es sind düstere Aussichten für menschliches Leben auf der Erde. Doch wie gehen wir damit um? Wie schaffen wir es, weder zu resignieren noch unser Möglichkeiten zu überschätzen? Wie können wir uns engagieren und dabei besonnen bleiben?

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel sind erdrückend: Seit Beginn der Industrialisierung ist die globale Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad gestiegen. Das klingt wenig, aber die Folgen sind jetzt schon dramatisch: Extreme Wetterlagen häufen sich, dadurch gibt es mehr Überschwemmungen, Sturmfluten, Dürreperioden. Diese bedrohen vor allem Menschen in den Ländern des Südens und entziehen ihnen die Ernährungsgrundlagen.

Die Ärmsten tragen die Hauptlast, obwohl sie die wenigsten Treibhausgase emittieren. Die Verursacher sitzen in den reicheren Ländern. Es gilt als gesichert und ist vom IPCC, dem Klimagremium der Vereinten Nationen, bestätigt, dass die rapide voranschreitende Erderwärmung kein natürliches Phänomen, sondern von Menschen gemacht ist.

Das massive Verbrennen fossiler Energieträger wie Kohle und Öl, jetzt auch in bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien, macht die Erde zum Treibhaus. Das Treibhausgas Kohlendioxid wird immer dann emittiert, wenn wir Energie verbrauchen, die nicht aus erneuerbaren Quellen stammt. Ob wir Kaffee kochen, am Computer arbeiten, Autofahren – wir selbst sind die Klimamacher.

Der Energieverbrauch steigt weltweit, stetig. Auch internationale Klima-Verhandlungen brachten keine Wende. Hier dominieren Partikular-Interessen. Die Erdbewohner haben noch nicht realisiert, dass sie das gleiche Schicksal teilen und dass es auf mittlere und lange Sicht nur Verlierer geben wird.

Das 3 Grad-Ziel, also die Begrenzung der Erderwärmung auf drei Grad bis zum Jahr 2050 (gemessen an 1750), liegt in weiter Ferne. Drei Grad wäre das, woran sich die Ökosysteme der Erde noch anpassen könnten. Wenn wir so weitermachen wie bisher und sorglos Energie verschwenden, sind tatsächlich 5-6 Grad Temperaturanstieg denkbar. Und dann ist das Leben auf der Erde insgesamt in Gefahr – eine düstere und ängstigende Vorstellung.

Wie reagieren Sie?

Kaum eine Generation sah sich damit konfrontiert, dass das Leben auf der Erde, zumindest menschliches Leben, ausgelöscht sein könnte – und zwar durch den Menschen selbst. Wie reagieren wir darauf?

Die meisten verschließen die Augen vor der Situation. Sie leben, als sei nichts geschehen, als sei das alles nur ein böser Traum. Sie gehen zur Arbeit, sorgen für sich und die Familie, gönnen sich hin und wieder Urlaub und Erholung. Wenn sie Nachrichten von der Erderwärmung hören, vergessen sie sie gleich wieder. Sie sind nicht schockiert und empfinden keine Trauer angesichts dieses gewaltigen Leidens.

Nichts von dem, was gesagt wird, erreicht sie wirklich. Und sie bringen das Geschehen auch nicht mit sich selbst in Verbindung – nicht mit ihrem Lebensstil, ihren eigenen CO2-Emissionen. Aus diesem Grund konsumieren sie, wie es ihnen gefällt, fahren sorglos Auto, fliegen durch die Weltgeschichte – alles ganz normal.

Dann gibt es die Katastrophen-Typen wie Prof. Dr. Guy McPherson, ein amerikanischer Wissenschaftler, der im Frühjahr 2015 auch in Deutschland auf Vortragsreise war. „Wir sind nicht mehr zu retten“, so seine Botschaft. „Wir rotten uns selbst aus“, vielleicht bleiben uns maximal noch 100 Jahre – dann ist zumindest die menschliche Art dahin.

Schon die Warnungen von Dennis Meadows 1972 von den „Grenzen des Wachstum“ seien geflissentlich überhört worden. Und die Schwerhörigkeit hat seinen Beobachtungen zufolge sogar noch zugenommen. Nicht einmal das 3 Grad-Ziel sei zu erreichen. Die Schlussfolgerung, die McPherson zieht: das Leben in vollen Zügen genießen, solange es noch geht, und den Mitmenschen mit Mitgefühl und Achtung begegnen.

Und dann haben wir noch ein paar Eifrige, Engagierte: Sie kennen die Studien, die Zahlen, sie wissen, wie es um die Erde bestellt ist. Aber damit wollen sie sich nicht abfinden. Sie kämpfen – für das 3 Grad-Ziel, für politische Beschlüsse, etwa gegen den Kohle-Ausbau, für eine Bewusstseinsveränderung, für ethischen Konsum, Maß halten, Mitte finden.

Doch in schwachen Stunden glauben die Retter selbst nicht mehr an die Rettung. Zu erdrückend sind die Zahlen, zu träge die Systeme, zu stark die Einzelinteressen, zu gering Gemeinschaftsgefühl der Erdbewohner und ihre Solidarität untereinander.

Wir haben eine Mitverantwortung

Sich angesichts der drohenden Klima-Katastrophe zu engagieren ist dringend geboten, denn wir haben eine Mitverantwortung. Einfach nur in den Tag zu leben, nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“, wird unserer Verantwortung nicht gerecht und verletzt die Rechte zukünftiger Generationen.

Der erste Schritt ist anzuerkennen, was ist und die eigenen Anteile am Geschehen zuzugestehen: Das Klima erwärmt sich, weil wir, speziell in den westlichen Industrienationen, seit Jahrzehnten über unsere Verhältnisse leben, weil wir konsumieren und Energie verschwenden, ohne auf die Ressourcen zu achten, weil wir maßlos sind und auf Privilegien beharren, die wir uns selbst genommen haben.

Entsprechend dieser Erkenntnis und in dem Bewusstsein, dass mein Handeln Konsequenzen für unzählige Lebewesen auf der Erde hat, geht es im zweiten Schritt darum, umzukehren und anders zu handeln: die Interessen anderer stärker in den Blick zu nehmen.

Die veränderte Einstellung kann Ausdruck finden in kleinen Alltagshandlungen: im Kauf- und Konsumverhalten, in der Urlaubsplanung, im Lebensstil insgesamt. Wenn einige wenige damit anfangen, kann sich eine kritische Masse bilden. So könnte neues Handeln Kreise ziehen, Wirtschaft und Konsumgewohnheiten verändert werden, wie es in Ansätzen auch schon geschieht.

Wir sind nicht allmächtig

Doch auch wenn es um Leben und Tod geht, dürfen wir unsere Besonnenheit nicht verlieren. Missionarischer Eifer, allzu große Strenge und eine hohe Erwartungshaltung sind nicht Ausdruck von Engagement und Lebendigkeit, sondern von Erstarrung. Denn letztlich müssen wir uns auch eingestehen, dass unser Einfluss als Einzelne begrenzt ist.

Ob ich eine Flugreise antrete oder lieber mit der Bahn fahre, hat eine gewisse Auswirkung, vielleicht eine Signalwirkung auf andere. Aber es ändert fast nichts an der CO2-Bilanz dieses Landes. Ich bin nicht allmächtig, wie sich das Klima entwickeln wird, steht nicht in meiner Macht. Die Kunst besteht darin, die Mitte zu finden zwischen Nihilismus und Resignation einerseits und blindem Aktionismus und Übereifer andererseits. Ein schmaler Grat.

Entscheidend ist die Absicht, nicht das Resultat

Die unermüdliche Joanna Macy, Tiefen-Ökologin und langjährige Aktivistin, bringt es ihrem neuen Buch „Hoffnung durch Handeln. Dem Chaos standhalten, ohne verrückt zu werden“ (Junfermann 2014) auf den Punkt: Entscheidend ist unsere Absicht, nicht das Resultat. Denn wir haben es nicht in der Hand, wie sich unsere Handlungen – und die der anderen – letztlich auswirken. Die Zukunft ist offen, wir können sie nicht vorhersagen oder planen.

In komplexer Welt können wir nicht wie ein Kaufmann zu Werke gehen: Wenn ich so viel investiere, kommt am Ende das dabei heraus. Gerade beim Klimawandel spielen so viele Aspekte hinein, dass selbst aufwändig programmierte Großrechner kaum verlässliche Prognosen abgeben können.

Die Absicht ist entscheidend: Wir engagieren uns, um dem Leben zu dienen, und leben mit der Ungewissheit, wie es ausgeht. Betrachten wir nur die Generation unserer Ekelkinder, werden wir sofort und ohne zu zögern wollen, dass sie eine lebenswerte Zukunft auf der Erde haben und dass wir ihnen ein gutes Erbe hinterlassen.

Je mehr Menschen sich konstruktiv dafür einsetzen, den Klimawandel zu stoppen und das 3 Grad-Ziel zu erreichen, um so besser. Das Engagement ist wichtig für die Erde, von der wir ein Teil sind, es ist wichtig für andere Menschen, auch jene, die vielleicht noch gar nicht geboren sind, und auch für uns selbst.

Je mehr wir die Interessen anderer ins Zentrum unseres Denkens und Handelns stellen, je mehr wir einfach nur dienen, ohne auf den Lohn zu schauen, um so kraftvoller kann unser Handeln sein. Und das gibt unserem Leben einen Sinn.

Birgit Stratmann

Birgit Stratmann ist Redakteurin bei Ethik heute, sie hat viele Jahre als Texterin für Greenpeace gearbeitet.

Beitrag teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.