Sklaven

Konsum: Moral nicht auslagern

Ein moralischer Appell in Buchform

Das Buch ist so provokant wie der Titel: „Wie viele Sklaven halten Sie?“ Der Durchschnittskonsument hält 60 Sklaven, so Professor Evi Hartmann. Sie appelliert an die Verantwortung des Einzelnen, mit kleinen Kaufentscheidungen für eine gerechte Welt einzustehen. Die Produzenten und politischen Strukturen bleiben außen vor.

 

Evi Hartmann will mit ihrem Buch „Wie viele Sklaven halten Sie?“ mit wenigen Worten viel erreichen: Sie erklärt, warum Globalisierung in ihren Augen nicht moralisch ist, warum selbst Menschen, die das erkannt haben, häufig trotzdem nicht entsprechend handeln, und drittens fragt sie, wie man diese ungewollten Muster aufbrechen kann. Das ist die Stärke, vielleicht aber auch Crux dieses Buches, aus dem man spielend hätte drei oder mehr machen können.

Von diesem Buch der Professorin für Betriebswirtschaftslehre geht ein starker Appell aus. Es schreit förmlich nach Moral. Aber nicht nach jener, die wir gern nach außen kehren, um uns als bessere Menschen zu fühlen, sondern nach einer Moral, die versteht und Verantwortung übernimmt. Es geht um den Konsum, und die Autorin wendet sich hier nicht an die Hersteller, nicht an die Politik, sondern an die Verbraucherinnen und Verbraucher.

„Lagern Sie Ihre Moral nicht aus! Die Kosten sind zu hoch“ warnt Evi Hartmann und plädiert dafür, unsere menschlichen empathischen Impulse nicht einem strategischen Spiel nach Gewinn- und Nutzenmaximierung unterzuordnen. „Wir produzieren und konsumieren uns um Kopf und Kragen: Wirtschaften und konsumieren wir noch zehn Jahre so weiter wie bisher, ungebremst und unmoralisch, werden wir schließlich einen Grad gesellschaftlicher Degeneration und seelischer Verwahrlosung erreichen, gegen die Dantes Inferno wie ein Kindergeburtstag mit lustigen Hüten anmutet.“

Jeder hält 60 Sklaven

Nach ihren Berechnungen ist jeder Einzelne an den Auswüchsen der Globalisierung beteiligt: „Wenn Sie wie ich Kleidung tragen, Nahrung zu sich nehmen, ein Auto fahren oder ein Smartphone haben, arbeiten derzeit ungefähr 60 Sklaven für Sie und mich. Ob wir es wollen oder nicht. Und ohne dass wir das veranlasst hätten.“ Langfristig verlören wir alle an der Globalisierung: die ‚Lohnsklaven‘ verlieren ihre Freiheit und physische Gesundheit, wenn nicht gar ihre Existenz, und wir Nutznießer verlieren unsere geistige Gesundheit, unsere sozialen Bindungen und die moralische Integrität.

Nun mag man sich fragen, wie wir überhaupt in diese missliche Lage gekommen sind. Als Hauptgrund sieht Evi Hartmann das Spiel mit der Angst und den Druck, unter dem jedes Glied in der Kette der Globalisierung steht: Die Hersteller orderten in fernen Ländern, um möglichst billig zu produzieren, die Arbeiter müssten sich unter dem Druck ihrer schrecklichen Armut verdingen, die Konsumenten trauten sich nicht, dem allgegenwärtigen Konsumdruck etwas entgegenzusetzen. „Wenn die Logistik der Motor der Globalisierung ist, ist Druck der Motor der globalen Wirtschaft.“

Suchen wir in diesem System von gedankenlosem Reagieren auf Druck nach einem Schuldigen, werden wir uns bei der eigenen Nase fassen müssen: Gehören auch wir zu denjenigen, die morgens in den Nachrichten von Hunderten von toten Näherinnen einer eingestürzten Fabrik in Bangladesch erfahren und nachmittags ein T-Shirt für 2,99 Euro kaufen?

Was nun – was tun?

Wir haben die Wahl, wir haben Selbstverantwortung, ist die Autorin überzeugt. Mit jeder kleinen Kaufentscheidung, die wir treffen, nähmen wir Einfluss darauf, ob wir Ausbeutung oder fairen Handel unterstützen.

Um nicht nur bei uns selbst aufzuräumen, sondern an dieser eingespielten allgegenwärtigen Praxis etwas zu ändern, könnten wir noch etwas anderes tun: Das Gegengift zu Mitläufertum heißt, auf Missstände aufmerksam zu machen und gedankenlose Kaufentscheidungen, die zur Ausbeutung beitragen, in unseren Umfeldern zu thematisieren.

Evi Hartmann führt Solomon Aschs Konformitätsexperiment ins Feld und Beispiele, in denen Mitläufertum gebrochen werden kann, wenn einer in der Gruppe den wahren Sachverhalt anspricht. Wir können authentisch, ohne anzuklagen auf die Kosten unmoralischen Konsums aufmerksam machen. Das ist sicher nicht bequem, aber es fördere unsere Integrität und hebe die Moral.

Es erfordert Mut, keinen Erfolg zu haben

Empathiefähigkeit, Gewissenhaftigkeit und eine gewisse Zentriertheit sind für Evi Hartmann die psychologischen Voraussetzungen für einen moralischen Menschen. Mit diesen Qualitäten kommen wir auf die Welt. Warum aber handeln Menschen wider bessere Einsicht trotzdem nicht entsprechend? Die kurze Antwort wäre Erziehung oder Anpassung. Im Laufe der Zeit spielen wir das übliche Spiel um uns herum mit, weil wir dazu gehören wollen, weil wir Erfolg haben wollen. Der heutige „Wahnsinn der Normalität“ erklärt Ausbeutung für normal und Mitgefühl für verrückt.

Dem setzte bereits Theodor W. Adorno, den Evi Hartmann zitiert, entgegen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Darin liegt die Aufforderung: Es brauche Mut und Rückgrat, in einem falschen Leben nicht mitzuspielen. Ob wir es wollen oder nicht, es bliebe uns keine andere Wahl als selbst zu entscheiden und die Verantwortung für unsere Handlungen zu übernehmen. Hoffentlich erinnern wir uns dabei oft an unser Mitgefühl.

Dieser letzte Teil, der quasi positive Ausblick, wie wir aus der Globalisierungsfalle herauskommen, bleibt etwas theoretisch und skizzenhaft. Jeder, der sich einmal auf den Weg gemacht hat, auch nur kleine Verhaltensmuster zu verändern, weiß, wie leicht man dabei in alte Gewohnheiten zurück fällt. Da mutet wortgewaltiger Zusprich in wenigen Zeilen ein wenig naiv an. Da bedarf es einer beständigen Praxis und vermutlich einiger anderer mutiger Mitstreiter zur Unterstützung. Aber zumindest mag es einem schwerer fallen, „das dümmste Spiel des Jahrhunderts“ weiter mitzuspielen, nachdem man dieses Buch gelesen hat. Das hat sich Evi Hartmann, Mutter von vier Kindern, vermutlich gewünscht.

Anja Oeck

Evi Hartmann: Wie viel Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral, Campus 2016, 224 Seiten

 

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