Standpunkt einer jungen Mutter

Eine Mutter zweier Kinder berichtet, wie sich ein Kindergeburtstag in einem Vorort von Frankfurt zum Horrorfest auswächst. Geschenkewettbewerb, maßloser Konsum und Konkurrenz setzen ihr zu. Doch sie führen bei ihr auch zu einem Bewusstseinswandel.

„Mama, warum habe ich nicht so tolle Sachen?“ fragt mein 5-jähriger Sohn Julius enttäuscht. Traurig blickt er dem vierjährigen Nachbarskind Konstantin hinterher, der mit einem roten Elektrokinderfahrzeug Marke Mercedes Cabrio und grinsendem Gewinnerblick durch unsere Reihenhaussiedlung gerade um die Ecke düst. Ich starre meinen Sohn entgeistert an. In meinem Körper steigt ein Gefühl von Hilflosigkeit hoch. Alle Kinder in der Siedlung wollen jetzt so ein Elektroauto.

Die neureiche Familie von Knirps Konstantin und dessen Zwillingsschwester Isabella bringt mich gerade etwas aus der Fassung, merke ich. Und ich überlege ernsthaft, ob wir aus unserem neu gekauften Haus, das mein Mann und ich hier in der Nähe von Frankfurt vor einem Jahr bezogen haben, wieder ausziehen sollen.

Wir hatten uns so gefreut, unseren Kindern Julius und der zweijährigen Hannah ein schönes Zuhause in der nachbarlichen Gemeinschaft, Haus an Haus mit acht jungen Elternpaaren und ihren Kindern zu bieten, alle im gleichen Alter wie die unseren. Alles begann so friedlich mit gegenseitigen Einladungen zum Frühstück, zum Spielen und dann zum Kindergeburtstag.

Das war so: Mein Sohn Julius wollte seinen 5. Geburtstag mit einigen Nachbarjungen feiern. Natürlich war auch Konstantin eingeladen, aber nicht dessen Zwillingsschwester. Jungsgeburtstag eben. Die Eltern, Familie Stahl, waren beleidigt, weil wir ihre kleine Prinzessin Isabel nicht eingeladen hatten. Doch das erfuhren wir jedoch nicht direkt.

Eine Nachbarin, die mich mochte, wie sie sagte, trug mir heimlich flüsternd am Gartenzaun zu, dass alle in der Siedlung über mich schlecht redeten, weil wir Isabella nicht eingeladen hatten. – Aber das hatten wir doch gar nicht, mein Sohn wollte doch einfach nur Jungs zum Spielen einladen, blubberte die Sprechblase in meinem Kopf.

Beim nächsten nachbarlichen Treffen bei Stahls war unsere Familie nicht eingeladen. Die Sprechblase in meinem Kopf platzte fast. Ich fragte mich: Wie soll ich mit dieser Situation und den Nachbarn umgehen? Warum lasse ich mich eigentlich wegen so einer Lappalie aus der Ruhe bringen? Meinen Mann kratzte das nicht.

Kann man Freunde kaufen?

Vater Hans-Walter Stahl, 30 Jahre, brachte mit seinem spendablen Gehabe nach und nach alle Eltern und Kinder der Reihenhaussiedlung auf seine Seite. Früh war der junge IT-Entwickler zu Geld gekommen. In der Überzeugung, etwas Gutes zu tun, machte es ihm Freude, seinen Kindern alles kaufen zu können, was sie wollten.

Aber nicht nur das. Regelmäßig lud er alle Familien zu großen Events ein, vom Wellnesstempel bis hin zu feudalen Essenseinladungen. Freunde kann man doch nicht kaufen, oder doch? Aber ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis war mir auch wichtig. In meinem Gehirn waberte es geleeartig, dann entspann sich ein heftiger Dialog im Oberstübchen.

Kurzfristig beruhigte sich die Lage wieder, denn alle Eltern und auch wir wurden mit den Kindern nun von den Stahls zum Geburtstag ihrer Zwillinge in eine Pizzeria eingeladen. Mein Sohn Julius war ganz aus dem Häuschen vor Freude. Da die Stahls sich stets großzügig zeigten, gerieten viele junge Eltern in der Nachbarschaft unter Druck. Sie meinten, sie müssten sich mit immer größeren Geschenken entsprechend revanchieren. Viele glaubten sich unter Zugzwang. Eine verunsicherte Mutter schenkte Sohn Konstantin Stahl eine Ritterburg und Isabella Stahl ein Playmobilschloss zum Geburtstag. Wahnsinn!

In der Pizzeria kamen mein Mann und ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Acht Elternpaare mit Kindern – insgesamt 30 Personen – wurden von einem Clown, einem Seifenblasenclown und einer Kinderschminkerin empfangen. Die Kinder waren ganz aufgeregt und sprangen neugierig im Lokal herum. Mir wurde mulmig und ich dachte an unsere Geburtstagseinladungen, wo eigentlich „nur“ gespielt wurde.

Einer will den anderen toppen

Ansage von Vater Stahl: Alle sind eingeladen und wir könnten uns aussuchen, wonach unser Herz begehrt.  Viele Eltern, die nicht so gut betucht waren, ließen sich das nicht zweimal sagen. Meine Nachbarin schaufelte sich hastig delikate Vorspeisen und Hauptspeisen auf den Teller, trank den teuersten Rotwein und argumentierte lässig: „Vater Stahl schreibt doch alles auf die Firma ab.“

Während die Kinder sich nach dem Essen von den Clowns bespaßen ließen, spielte mein Sohn Julius, so wie er es meistens tut, mit einem Nachbarjungen Phantasiespiele. Kurz darauf nahte Mutter Stahl. Ihr Sohn Konstantin wolle, dass mein Sohn Julius auch eine Kindergeschichte am Laptop anschaue. „Darf Julius mitspielen?“ fragte sie süßlich.

Ich schaute mich entgeistert um. Alle Kinder saßen plötzlich mit Kopfhörern vor einem Laptop oder einem Handy und stierten gebannt auf die Bildschirme, so dass die Eltern in Ruhe weiter essen konnten. Ich erlaubte es unter dem Gruppenzwang, aber innerlich kochte ich. So ein Kindergeburtstag widersprach allen meinen Werten von Kindererziehung.

Zu Hause auf dem Sofa diskutierte ich erst mit meinem Mann und dann mit mir selbst. Ich fühlte mich gestresst und immer unwohler in einer Nachbarschaft, die sich zusehends in eine Zwangsgemeinschaft verwandelte. Wie sollen wir mit dieser Situation umgehen?

Ich reflektierte: Viele Eltern waren von Vater Stahl, der langsam die Siedlung im Griff hatte, angetan. Er war hilfsbereit, fuhr alle bei Bedarf zum Flughafen, lud zu großen Feiern ein. Die Männer in der Siedlung waren „Best friends“.

Die Nachbarschaft genoss die zweischneidige Freundschaft und Großzügigkeit, viele wussten auch wie ich nicht, wie damit umgehen. Einer wollte den anderen toppen. …Stopp!, dachte ich. Schluss jetzt!, rief ich mir innerlich zu.

Verteidigung meiner Werte

Plötzlich gewann ich Klarheit. Ich will mich und meine Kinder von meinem Umfeld nicht so negativ dominieren lassen. Eigentlich habe ich generell das Problem, dass ich mich zu sehr von der Außenwelt bestimmen lasse, gestand ich mir ein.

Aber jetzt ist der Punkt, wo ich mich ändern muss. Es ist Zeit, dass ich mir treu bleibe und darauf höre, was ich gut finde und was mir wichtig ist. Diese Werte will ich künftig auch nach außen hin vertreten, auch gegenüber meinen Nachbarn.

Ich möchte aus dem Nachbarschaftsverhältnis lernen und nicht ausweichen. Ich werde Herrn Stahl und anderen sagen, dass Besitz und Konsum für mich keine Werte an sich sind. Mir sind im Verhältnis zu meinen Kindern Verbundenheit, Bescheidenheit, Kreativität und Offenheit wichtig. In meiner Nachbarschaft schätze ich Respekt im Umgang miteinander, Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit, ein Zusammenleben ohne Konkurrenz und Neid.

Ich möchte meinen Beitrag zum Nachbarschaftsleben leisten, indem ich mich authentisch mit meiner Lebensfreude zeige. Seit neuestem lade ich die Kinder aus der Nachbarschaft zum Kinderdiscoabend ein. Jeder darf kommen, keiner muss. Jedes Kind darf sich Musik wünschen, die ihm gefällt. Und jedes darf auf die Art und Weise tanzen und sich ausdrücken, wie es möchte. Die Kinder lieben es.

Liebe steht für mich an erster Stelle, damit sich meine Kinder sicher, geborgen und angenommen fühlen. Das ist die Grundvoraussetzung, damit sie sich frei entfalten und Selbstvertrauen entwickeln können. Und ich weiß, dass ich die Liebe nicht mit Geschenken kaufen kann, sondern dass sie aus Vertrauen gedeiht.

Mir ist es wichtig, meinen Kindern Lebensfreude vorzuleben, denn folgen sie den Dingen, die sie glücklich machen, werden sie das Leben mit Leichtigkeit meistern können. Die Konflikte lasse ich emotional jetzt nicht mehr so nah an mich ran. Das habe ich mir zumindest fest vorgenommen. Vielleicht mache ich noch mal ein Studium oder eine Weiterbildung zur Persönlichkeitsentwicklung, um mich zu stärken.

Natürlich verstehe ich junge Eltern, die unsicher sind und nur das Beste für ihre Kinder wollen. Aber das Beste ist nicht, ihnen alles zu kaufen und sich im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft gegenseitig mit Geschenken zu übertrumpfen.

Es ist ein schwieriger Prozess, sich nicht anpassen zu wollen. Und wenn ich an die Einschulung meiner Kinder denke, wird das sicher nicht einfacher. Dann geht es darum, wer hat die tollsten Markenklamotten, das tollste Handy. Auch dann werde ich ab jetzt den schwierigeren Weg gehen, Konflikte durchstehen. Ich werde meinen Kindern erklären, dass andere Werte wichtiger sind als Konsumartikel. Ich frage mich, ob es vielen Eltern auch so geht wie mir und wünsche mir ein Feedback.

Rebecca Bartus

(Namen von der Redaktion geändert)