Ethischer Standpunkt der Ärztin Friederike Boissevain 

Für die Palliativärztin Dr. Friederike Boissevain ist die Trennung von gesund und krank künstlich. Jeder Kranke hat Potenziale und jeder Gesunde ist verwundbar. In einem Medizinbetrieb, der Krankheit als Makel sieht, wünscht sie sich Begegnungen zwischen Ärzten und Patienten auf Augenhöhe. Kranke und Gesunde hätten viel mehr gemeinsam als wir denken.

Es ist Feiertag. Ich mache Zugangsvisite in der Notaufnahme und drücke den Lichtschalter an: „Guten Morgen!“ Sechs Augen blinzeln mich verschlafen hinter den mit Vorhängen versehenen Bettgestellen an. Die Monitore blinken rhythmisch.

Meine Blicke streifen den in einer entlegenen Ecke des großen Raumes liegenden Dr. S. nur kurz, woraufhin wir beide kurz erstarren. Wir kennen uns. In der Nacht ist Dr. S., der leitende Oberarzt einer anderen Klinik, wegen Herzbeschwerden aufgenommen worden. Im Flügelhemd und ohne seine Brille deutet nichts, aber auch gar nichts auf den resoluten Kollegen hin, der schon manche Berufsanfängerin das Zittern gelehrt hat.

Zahm beantwortet er wenig später all meine Fragen und gibt mir, beinahe ergeben, zum Abschied die Hand. Vor seiner Entlassung nach Hause treffen wir in der Röntgenabteilung erneut aufeinander. Er trägt Brille, glänzende Lederschuhe und demonstriert seinen unbeugsamen Schritt, für den er so bekannt ist. Seine ganze Aura strahlt „Ich bin Arzt, aber nicht Patient“ aus. Wir nicken einander zu: als Kollegen.

Wenn Gesundheit optimiert werden soll

Gesundheit, dieses oft zitierte „kostbarste Gut“ ist Teil einer sich zunehmend an Leistung, Ressourcensteigerung und Anpassungsfähigkeit orientierenden Gesellschaft geworden, die sich durch die jeweiligen sozialen und ökonomischen Bedingungen definiert. Wir sind auch im Gesundheitsbereich gehalten, unseren Lebensparcours ständig zu optimieren: Wenn wir schon nicht ewig jung bleiben können, so möchten wir möglichst lange jung, attraktiv, fit und „gesund“ erscheinen. Folglich gilt in unserer Gesellschaft jemand als bewundernswert, wenn er mit achtzig Jahren biologisch jünger aussieht, idealerweise normalgewichtig ist und sich körperlich wie geistig aktiv und rege hält.

Das zeigt unter anderem auch die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Gesundheit als „… einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ bezeichnet und somit die Nähe von Gesundheit und Glück betont.

Vernachlässigt wird hierbei, dass Gesundheit kein Garant für Glück darstellt, genauso wenig wie Reichtum. Betont wird ferner das Missverständnis, welches suggeriert, dass ein bestimmter genormter Zustand erreicht werden muss, um „gesund“ zu sein bzw. dass jedwede somatische oder psychische Unbehaglichkeit medizinisch korrigiert werden sollte – was teilweise in unserem Gesundheitsbetrieb bereits geschieht.

Reparatur im Medizinbetrieb: „Was fehlt Ihnen?“

Tuschezeichnung von Friederike Boissevain

Es liegt nahe, dass der Medizinbetrieb komplett auf die Reparatur etwaiger, überwiegend somatischer „Defizite“ fokussiert bleibt. Gesundheit im Krankenhaus wird als das Fehlen von codierbaren Diagnosen betrachtet. Wir fragen: „Was fehlt Ihnen?“ und konzentrieren uns, insbesondere bei lebensbedrohlichen Erkrankungen, zu 100 Prozent auf das Eruieren sowie Behandeln der jeweiligen Diagnose.

Das ist zunächst richtig und verständlich. Es sollte auch niemals der Eindruck entstehen, dass diese nicht das Hauptaugenmerk von uns Behandlern darstellen würde. Schließlich ist es die Erkrankung, welche das Leben unserer Patienten vorzeitig beenden könnte.

Doch hiermit verbunden ist eine durchgehend negative Verbindung aller Schattierungen von „Kranksein“, die als Makel betrachtet werden, welche es „hinweg“ zu „medikamentieren“ gilt, damit der Erkrankte möglichst schnell wieder in den Pool der Aktiven zurückkehren kann.

Ist Kranksein schlecht?

Diese künstliche Aufteilung hat auch andere Bereiche unseres Lebens erfasst: Wir trennen zum Beispiel, anders als noch vor 100 Jahren, viel stärker zwischen „Arbeit“ und „nicht Arbeit“, zwischen „meine Zeit“ und „nicht meine Zeit“. Auf emotionaler Ebene wird alles, was nicht der jeweiligen Wunschaktivität entspricht, als negativ bewertet. Das gleiche gilt für den Gesundheitszustand. Kranksein und, damit verbunden, anders auszusehen oder nicht das Gewünschte tun zu können, gar an Schmerzen oder anderen unangenehmen Symptomen zu leiden ist „schlecht“ und muss deswegen „repariert“ werden.

Im Falle einer lebensbedrohlichen, chronischen Erkrankung funktionieren diese polaren Verarbeitungsmuster nicht mehr: Die Krankheit ist unheilbar, sie wird bleiben.

Wir fragen zu selten: Gibt es in meinem schwerkranken Patienten auch gesunde Bereiche, die ich – in dem vorgegebenen zeitlichen Rahmen – als Kraftquelle für ihn nützen könnte? Abgesehen von einer gewissen moralischen Aufwertung für den erkrankten Menschen, in dem es natürlich auch Organe und biologische Abläufe gibt, die noch reibungslos funktionieren, könnte diese Betrachtungsweise unsere Haltung zueinander variieren: Wir begegnen uns nicht nur an den relativ eng abgesteckten Polen krank/gesund mit stets klar verteilten Rollen, sondern wir könnten uns auch dazu bewegen lassen, einander zumindest gelegentlich als zwei „Gesunde“ zu treffen.

Tuschezeichnung von Friederike Boissevain

Der Zen-Meister Unmon lehrte die Versammlung und sagte: “Medizin und Krankheit entsprechen einander. Die ganze große Erde ist Medizin. Was ist Euer wahres Selbst?”2

Selbst wenn man die Zeit der Pflege am Patienten, etwaige Physiotherapie oder psychologische Betreuung hinzurechnet, ist, im Hinblick auf den 24-Stunden-Tag, die eigentliche Kontaktzeit mit schwer kranken Menschen im allgemeinen Krankenhausalltag äußerst gering.

Hinzu kommt, dass gerade in Anbetracht der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit anzunehmen ist, dass dieser Austausch vornehmlich krankheitsspezifisch orientiert sein wird.

Im Fall einer lebensbedrohlichen Erkrankung ist das jedoch eine zu eindimensionale Betrachtungsweise: Die Verwandlung eines Gesunden in einen Erkrankten bedeutet auch deswegen einen derart schweren Schock, da sie, neben vielem anderen, mit dem Verlust der Geschichten verbunden ist, aus denen wir unsere Identität konstruieren. Somit leiden Erkrankte vielfach: an Ihrer Ausgrenzung aus der Welt der physisch Gesunden sowie am Wegdriften der ideellen Basis, welche ihre Identität – physisch wie psychisch – bislang ausgemacht hat.

Fehlender Austausch von Mensch zu Mensch

Doch kann nur vermutet werden, dass ein durchgehendes Einhalten der vorgegebenen Rollen, insbesondere bei schwer Erkrankten mit ihren vielfältigen Sorgen und Nöten, zumindest die Gefahr birgt, dass eine Kommunikation ausschließlich in der Rollenverteilung „gesund“ und „krank“, trotz aller professioneller Empathie, eines erschweren wird: den gemeinsamen Austausch über die Belange der Medizin hinaus: von Mensch zu Mensch.

Das, was seit Jahrhunderten die Grundlage unserer beruflichen Tätigkeit war, das Anhören und Zuhören, das Beistehen und Mitgehen neben dem Diagnostizieren und Analysieren, ist mittlerweile an den Rand gedrängt worden – wie die durchschnittlichen acht Arztminuten pro Patient zeigen.

Dabei war es dieser Austausch, der höchstwahrscheinlich das Grundmotiv der Berufswahl für die meisten der heute im Gesundheitswesen Tätigen gewesen ist und dies auch nach wie vor darstellt. Dieser fundamentale Kontakt bildet den Dreh – und Angelpunkt unserer Arbeit: von Mensch zu Mensch, von Erkrankter zu „noch nicht Erkrankter“, von „vorhin noch Gesunder“ zu „gerade noch Gesunder“.

Zwar ist es Palliative Care zu verdanken, dass durch die Integration eines multiprofessionellen Teams der Patient über den ärztlichen Blick hinaus unter anderem auch aus pflegerischer, psychologischer, sozialer und physiotherapeutischer Perspektive gemeinsam beleuchtet wird und dies erheblich zur Vervollständigung und Abrundung seines Menschenbildes beiträgt. Doch dürfte dies für die meisten Schwerkranken im Krankenhausalltag eher die Ausnahme darstellen.

Gerade im Bereich der spirituellen Fürsorge, die von uns Behandlern nochmals eine ganz andere Offenheit und Sensibilität erfordert, als das in der modernen Medizin allgemeinhin der Fall ist, wären wir gut darin beraten, einander auch einmal „bar und ledig“ zu begegnen.

Spiritual Care im Krankenhausalltag

Spiritual Care im Krankenhausalltag kann jedoch auch ohne ein Angewiesensein auf zusätzliche Berufsgruppen gelingen. Hierfür müsste innerhalb des bereits stattfindenden Austausches mit den Hauptversorgern in der Pflege und insbesondere der Ärzteschaft, so kurz diese Kontakte auch sein mögen, ein kleiner Spalt seitens der Behandler geöffnet werden: von der Übermacht an professioneller Fachlichkeit und Distanz hin zu etwas mehr Bewusstsein dafür, wie viel uns eint und wie relativ, wie situativ die Einteilung in „gesund“ und „krank“ tatsächlich ist.

Es bestünde die Chance, dass eine gewisse Wiedereingliederung stattfindet, die auf Seiten des Kranken in eine „Gesundung“, ein „Heilwerden“ im Sinne einer Wiedererlangung von seelischer Integrität und Ausgeglichenheit münden könnte. Auf Seiten des noch nicht Kranken könnte sie einen Zugewinn an beruflicher Zufriedenheit sowie eine Abnahme des ansteigenden Prozentsatzes an „Burnout“ unter den Ärztinnen und Ärzten bewirken.

Zusätzlich würden wir die Gelegenheit nützen, etwas zu lernen, was manche schwer Kranke uns vermeintlich Gesunden voraus haben: wiederholte Einblicke in die Verwundbarkeit und Vergänglichkeit unseres eigenen, kostbaren Lebens. Sie könnten eventuell dazu dienen, unsere eigenen Prioritäten neu zu sortieren, unserer Sorge untereinander zu bestärken und unsere Furcht vor etwaigem − mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann eintretendem − Funktionsverlust ein klein wenig zu verringern. Das wäre tatsächlich eine spirituelle Fürsorge in mehrere Richtungen und von hoher Nachhaltigkeit.

Friederike Boissevain 

 

Dr. med. Friederike Boissevain arbeitet als Ärztin für Krebskranke und Palliativmedizin am Städtischen Krankenhaus in Kiel, wo sie das Klinische Ethikkomitee leitet. Sie ist Vorsitzende des Hospizvereins Dänischer Wohld, der gerade ein Hospiz für Kinder und Erwachsene plant. Mehr: www.hospiz-im-wohld.de

 
 
 
 
 
 

Anmerkungen:

1) Illich, I. (2007). Die Nemesis der Medizin. München, C.H. Beck.

2) Hekiganroku, Fall 87, in: Schwarz, E. (1999). Bi-Yän-Lu; Aufzeichnungen des Meisters vom Blauen Fels: Koan Sammlung. München, Kösel – Verlag.