Interview mit Dr. Martina Aßmann

Krisen sind Zeiten großer Unsicherheit. Ärztin Dr. Martina Aßmann erklärt, was im Gehirn geschieht: Angst wird aktiviert, das Belohnungssystem ist auf Diät gesetzt. Jetzt gilt es, sich gezielt zu beruhigen und nicht zuzulassen, dass uns das Mitgefühl abhanden kommt.

 

Das Interview führte Birgit Stratmann

Frage: Sie sind Ärztin, Therapeutin und Achtsamkeitslehrerin. Was ist in Zeiten von Corona Ihre größte Sorge?

Aßmann: Mir bereitet Sorge, dass uns die Angst kopflos machen könnte. Es ist wichtig, dass wir die Angst, diese innere Alarmanlage haben, um die Gefahren einzuschätzen und die Regeln, die unsere Gemeinschaft schützen sollen, auch einzuhalten.

Aber da ist auch übertriebene Aufgeregtheit, ja geradezu Alarmismus im Spiel, etwa wenn Corona als Feind bezeichnet und uns suggeriert wird, wir befänden uns im Krieg. Dann besteht die Gefahr, dass uns das Mitgefühl abhanden kommt. Denn in Zuständen großer Angst ist das Mitgefühl einfach abgeschaltet.

Kann das passieren, wenn man sich in die Angst hineinsteigert?

Aßmann: Ja, das geschieht z.B. bei Massenpanik, denken wir an die Love Parade. Im schlimmsten Fall rennen die Leute andere um und merken es nicht einmal. Ich lese in Presseberichten, dass Menschen Kloopapier und Mehl in rauen Mengen kaufen – das ist eine ähnliche Reaktion. Wir denken dann nur noch an uns selbst und vergessen, dass es jetzt um das große Ganze geht. Machen wir uns klar: Das Corona-Virus ist für gesunde Menschen in der Regel nicht so schlimm. Aber es geht darum, unser Gesundheitssystem nicht zum Kollaps bringen zu lassen.

Was passiert jetzt eigentlich in unseren Gehirnen?

Aßmann: Anthropologisch betrachtet haben wir immer noch unsere Gehirnstrukturen wie vor 70.000 Jahren. Es gibt drei große Systeme von Gefühlen: Das älteste ist das Reptiliengehirn, das ist das Angst-Angriffssystem, wo all die Gefühle lokalisiert sind, die anspringen, wenn unser Organismus attackiert wird: Wut, Ärger, Angst und Unsicherheit, auch Ekel und Abscheu. Das Angst-Angriffssystem wird über Adrenalin und, wenn es länger aktiviert ist, über Cortisolausschüttung reguliert.

Unberechenbarkeit und Kontrollverlust

Ist das Angstsystem automatisch hochgefahren in einer Krise?

Aßmann: Ja, allein dadurch, dass wir nicht wissen, was morgen ist. Kann ich nächsten Monat noch meine Miete bezahlen? Gibt es genügend Lebensmittel, wenn die Krise länger dauert? Werde ich erkranken? Meine Angehörigen? Unberechenbarkeit, verbunden mit Kontrollverlust aktivieren in unserem Gehirn die Angst. Dazu tragen auch Bilder bei, etwa wie aus China Anfang des Jahres von Leuten in Schutzanzügen, oder Berichte aus Italien. Das versetzt unser Gehirn in Alarmzustand und in Panik.

 

Illustration: Die drei Gefühlssysteme im menschlichen Gehirn vereinfacht dargestellt

Das nächste System in uns ist das Belohnungssystem. Dazu gehört alles, was mit Freude und Neugier zu tun hat. In dem Moment, in dem ich mich sicher fühle – und nur dann – kann ich mich der Welt öffnen, Neues erkunden. Aber nicht nur das: Ich will dann auch besitzen, immer mehr haben. Bei jeder Belohnung wird eine kleine Menge Dopamin ausgeschüttet, was sich sehr angenehm anfühlt und davon wollen wir immer mehr haben. Das ist der Hauptmotor unserer westlichen Leistungsgesellschaft und des Konsumismus.

Aber im Moment sind die Möglichkeiten für Belohnung sehr begrenzt, weil vieles wegfällt, was Spaß macht.

Aßmann: Genau, viele Belohnungen stehen uns nicht zur Verfügung. Wir können nicht einkaufen gehen, keine kulturellen Veranstalungen besuchen, haben weniger Zerstreuuung. Auch die Stabilisierung über das Arbeiten funktioniert für viele im Moment nicht. Die Belohnungen, die daraus entstehen, dass wir Aufgaben abarbeiten, werden weniger, weil viele nicht mehr so viel oder gar nicht arbeiten.

Unser Belohnungssystem wird also auf Diät gesetzt?

Aßmann: Das ist gut ausgedrückt. Und dann gibt es noch ein drittes System: das Beruhigungssystem. Es ist dann aktiv, wenn wir Verbundenheit und Zugehörigkeit spüren, mit anderen Menschen, mit Tieren, mit der Natur, auch zu uns selbst, etwa in der Meditation.

Und hier gibt es auch eine Einschränkung aufgrund der „sozialen Distanzierung“. Wir treffen unsere Freunde nicht mehr, nicht einmal enge Familienmitglieder. Wir können keinen Schnack mit den Kolleginnen machen oder das Gespräch im Pausenraum oder in der Kantine. Das bricht alles weg und wir müssen hier neu denken und kreativ werden.

Verbundenheit wahrnehmen und wertschätzen

Wie können wir konstruktiv mit der Angst umgehen?

Aßmann: Als Therapeutin würde ich empfehlen, öfter mal den Realtiy Check zu machen: „Ist das wirklich so, gibt es kein Klopapier?“ Ich habe einen schönen Artikel gelesen, wo es hieß, dass Klopapier immer gleich verbraucht wird, mit oder ohne Krise. Wir sollten auf Vernunft setzen.

Martina Aßmann arbeitet als Therapeutin und Achtsamkeitslehrerin. Foto: Gaby Bohle

Und wir sollten darauf achten, dass wir uns maßvoll informieren, aber nicht ständig im Internet unterwegs sind, fernsehen oder auf Social Media aktiv. Viele Informationen können wir im Übrigen gar nicht beurteilen.

Ich selbst habe zum Beispiel den Tick, dass ich ständig nachschaue, wieviel Infektionen wir gerade haben und wie die Zahlen von Tag zu Tag steigen. Das löst in mir Panik aus. Hier können wir auch mit Achtsamkeit schauen: Was ist jetzt? Was macht das mit mir, wenn ich ständig Zahlen checke? Ist das jetzt gut für mich?

Was wären weitere Mittel, um das Beruhigungssystem hochzufahren?

Aßmann: Als Meditationslehrerin muss ich sagen, dass wir uns mit Meditation hervorragend beruhigen können. Die Atembetrachtung, der Blick nach innen erhöhen diese ganze sogenannte interozeptive Wahrnehmung. Wir stärken das Gewahrsein für unsere inneren Prozesse, das aktiviert die beruhigenden Gehirnanteile in uns. Das wirkt sofort, schon nach ganz wenigen Minuten.

Der Neurowissenschaftler und Meditationsforscher Richard Davidson hat dies in Studien nachgewiesen. 30 Stunden Meditation über ein paar Wochen sollen die Aktivität der Amygdala, unserer inneren Alarmanlage, um die Hälfte reduzieren!

Darüber hinaus gibt es viele andere Möglichkeiten: Wir können noch in die Natur gehen, das ist wohltuend, gerade jetzt im Frühling. Wir können Verwandte und Freunde online treffen, telefonieren, skypen, Messenger-Dienste nutzen. Ich bekomme neuerdings aus allen Richtungen kleine Nachrichten, lustige Filmchen. Früher hätte mich das gestört, heute denke ich: „Ach schau mal, da denkt jemand an mich!“ Wir können also versuchen, uns für Verbundenheit zu öffnen, auch wenn diese etwas anders aussieht als früher. Wir sollten uns auch fragen: Was kann ich mir Gutes tun? Und wenn wir mal am Mittag fernsehen, sollten wir großzügig mit uns sein.

Verbundenheitsmomente, die schon da sind, können wir mehr wahrnehmen und wertschätzen. Und das Naheliegende nicht vergessen: Wenn ich erkranke, kann ich die Nachbarn fragen, ob sie für mich einkaufen. Was für ein gutes Gefühl! Und was für eine gute Übung: Ich muss mal jemanden um Hilfe bitten.

Nachsichtig mit sich selbst sein

Eine andere Sache ist, dass jetzt Aggressionen aufkommen, weil wir uns einschränken müssen.

Aßmann: Ärger und Wut gehören zum Angst-System und springen bei manchen „einfach so“ mit an, wenn dieses System aktiviert wird. Ich glaube, wenn wir dazu neigen, schnell wütend und aggressiv zu werden, so ist dies jetzt kein guter Zeitpunkt, das zu ändern. Wir sollten eher nachsichtig und milde mit uns und anderen sein. Wir können uns sagen: „Ach Mensch, schau mal, die Angst spült einfach alles, was in mir drin ist und was ich schon jahre- und jahrzehntelang mache, an die Oberfläche. Ich brauche mich nicht anzustrengen, das jetzt zu ändern oder zu verhindern, sondern dann darf es mir verzeihen.

Aber ich sollte es vielleicht nicht im engeren Familienkreis auslassen?

Aßmann: Natürlich nicht, aber das wussten wir auch schon vor Corona. Ich glaube, dass eine echte gesellschaftliche Krise echte persönliche Krisen hervorruft. Krisen bringen uns in Kontakt mit unseren Lebensthemen.

Andererseits ist es ein guter Zeitpunkt, das zu sehen: Was ist jetzt eigentlich mein Thema, wenn ich die Politik massiv kritisiere oder 10 Packungen Mehl kaufe. Und nicht alles nach außen zu agieren.

Aßmann: Wir können uns in jedem Moment fragen, was hat das jetzt mit mir zu tun? Aber Akzeptanz und Freundlichkeit – das sind wichtige Qualitäten jetzt. Hilfreich ist auch, sich Projekte und Aufgaben zu suchen, um im Mitgefühl und in der Verbundenheit zu bleiben. Viele tun das schon, z.B. Nachbarschaftshilfe leisten, online Menschen aufbauen und beglücken.

Neue Erfahrungen machen

Inwieweit betrifft die Krise Ihre Arbeit?

Aßmann: Als Theraeutin berate ich meine Einzelpatienten nur noch per Video, das geht recht gut. Meine Meditations- und Achtsamkeitskurse habe ich auf online umgestellt. Dagegen habe ich mich früher immer gesträubt, und ich musste mich überwinden. Aber es geht erstaunlich gut, und die Menschen sind dankbar für jede Unterstützung. Wir können Ängste auch über ein Videogespräch gemeinsam ansprechen, uns auf den Atem richten.

Natürlich ist alles unsicher. Es gibt viele Absagen für Firmentrainings. Ich denke, die Krise wird uns alle treffen, auch wirtschaftlich. Aber ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, wenn ich Menschen bei ihrer Angst beistehen kann. Das macht mich zufrieden.

Und wie geht es Ihnen persönlich mit dieser ungewohnten Situation?

Aßmann: Mir geht es gerade gut. Nur noch von zu Hause zu arbeiten hat auch Vorteile. Ich bin heute Morgen spazieren gegangen, das kann ich sonst nie. Ich koche mir plötzlich selbst das Mittagessen. Das sind neue Erfahrungen, das gefällt mir. Heute morgen saßen zwei Raben auf einem Baum. Die hätte ich in meinem stressigen Alltag vermutlich gar nicht gesehen. Auch rufe ich jetzt meine Kinder dreimal am Tag an und nutze die Kanäle von Social Media anders. Dadurch aktiviere ich andere Formen von Verbundenheit.

Kann die Krise also kreative Geister wecken?

Aßmann: Ich bin fest überzeugt, dass in der Krise eine starke Kraft steckt, sich auf die Gemeinschaft, das Mitgefühl, den Gemeinsinn zu besinnen. Auch wenn ich allein zu Hause bin, fühle ich mich nicht getrennt von der Welt, sondern verbunden, fast noch mehr als vorher, weil dieses Herumhetzen und die vollen Terminkalender uns nicht wirklich glücklich machen.

Wichtig ist jetzt, dass wir die drei oben genannten Systeme in Balance bringen: Die Angst muss mit, weil sie uns und andere schützt. Gleichzeitig sollten wir nicht in Panik verfallen und Vernunft walten lassen. Achtsamkeit und alles, was Verbundenheit fördert, ist gut, damit wir das Mitgefühl wachhalten und uns solidarisch verhalten können.

Ausschnitte aus dem Webinar mit Martina Aßmann vom 26. März 2020: „Der Angst begegnen, Verbundenheit stärken“ gibt es in unserer Audiothek für Mitglieder des Freundeskreises. Mitglied werden und das Online-Magazin unterstützen!

Dr. Martina Aßmann ist Ärztin für Arbeitsmedizin und Psychotherapie, seit 2015 in eigener Privatpraxis für Psychotherapie tätig. Sie ist Achtsmkeitslehrerin und Vorstand im MBSR-Berufsverband. Mehr Infos: https://www.resilienz-zentrum.net/ www.mbct-Hamburg.de