Risiken des Transhumanismus

Künstliche Intelligenz, Big Data und deep A.I. künden von einem technologischen Quantensprung, der die Zukunft auf der Erde wohl tiefgreifender verändern wird als alle bisherigen Innovationen. Was bedeutet dies für uns Menschen? Eine gesellschaftliche Debatte ist notwendig.

Bislang bevölkerten sie nur die Fantasie der Science-Fiktion-Autoren – die Cyborgs und Androiden, künftige Mischwesen aus Mensch und Maschine. Doch seit kurzem melden sich die Ethiker, Philosophen, Theologen und zivilgesellschaftlichen Kritiker zu Wort.

Denn mit der fortlaufenden Revolution der digitalen Welten, der Biotechnologie und Hirnforschung, rückt der Zeitpunkt wohl immer näher, bis das realisiert werden kann, was bislang nur in Romanen und Filmen denkbar war: Mischformen von Homo sapiens und Super-Computern, Schnittstellen zwischen Gehirn und Maschine, menschliches Bewusstsein auf Speicherchips, Superhirne und endloses Leben.

Der Chef-Visionär des Technologie-Konzerns GOOGLE, Ray Kurzweil, malt Visionen an die weiße Leinwand der Zukunft, die gruselnd faszinieren: „Wir werden immer mehr über unsere Biologie hinauswachsen bis zu dem Punkt, wo die technischen Anteile überwiegen werden und unsere menschliche Form weniger wichtig wird. Die intelligenten Maschinen werden so machtvoll sein, dass sie alles Biologische verstehen und nachbauen können, so dass es keinen Unterschied mehr machen wird, wenn biologische Wesen aussterben.“

Hirngespinste eines wirren Daniel Düsentrieb? Oder reale Möglichkeiten einer gänzlich anderen Zukunft, deren Schatten sich plötzlich auf die Gegenwart legt. Schon wird davor gewarnt, dass die künstliche Intelligenz sich so schnell selbst optimieren kann, dass der menschliche Geist bald hinterherhinkt. Ja, dass bei der Umsetzung des schon jetzt Machbaren in Kürze die ganze Spezies Mensch als unvollkommenes Zwischenglied der Evolution auf der Strecke bleiben könnte.

Der alternative Nobelpreisträger Nicanor Perlas, philippinischer Vordenker einer globalen zivilgesellschaftlichen Protestbewegung, hält die technische Entwicklung für gefährlicher als Atomwaffen und globale Erwärmung zusammen: „Durch die Kombination von Nano-Technologie, Gen-Manipulation, Informationstechnologie und künstlicher Intelligenz stehen wir heute am Beginn  einer ‚Intelligenz-Explosion‘, die uns in die Lage versetzen wird, super-kluge Maschinen zu bauen, die sich selbst programmieren und optimieren können. Es besteht die akute Gefahr, dass sie in ihrer Entwicklung den Menschen überholen, hinter sich lassen und damit zu einer Bedrohung für die gesamte Menschheit werden.

Und Goethes berühmtes Bild vom Zauberlehrling, der die Kräfte nicht mehr loswird, die er rief, wird lebendig, wenn Bill Gates, Gründer von Microsoft, reichster Mann der Welt und Vater des Computer-Zeitalters im Fernsehsender ‚Fox‘ vor den technischen Innovationen warnt, die aus seinen Unternehmen hervorgehen: „Ich glaube, wir sollten uns Sorgen machen und achtsam sein. Es ist nicht selbstverständlich, dass super-intelligente Maschinen, die wir erschaffen, dann auch immer die gleichen Ziele verfolgen werden, wie wir. Noch besteht kein Grund zur Panik, aber diese sorglose Naivität nach dem Motto ‚Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen!‘ kann ich überhaupt nicht teilen.“

Wer könnte etwas gegen Brillen für Diabetiker haben!

Wie konnte es dazu kommen, dass aus dem technischen Optimismus nun fast schon eine Zukunftsangst entsteht, welche die Welt zu spalten droht? Tatsächlich ist es die neue Zusammenschau der Forschungsbereiche in der Atom- und Nano-Physik, der Bio-Technologie, der Gen-Forschung, der Informations-Technologie, die gegenwärtig zu einem Komplex verschmelzen und zusammen Milliarden Euros in die künstliche Intelligenz investieren. ‚Converging Technologies‘ lautet das Schlagwort, das die Lunte darstellt, die eine ‚Intelligenz-Explosion‘ auslöst.

Dabei kommen die Innovationen zunächst als überzeugende Hilfestellungen daher: Google hat Brillen für Diabetiker entwickelt, damit diese ihre Blutwerte immer ‚im Blick‘ haben. Sie arbeiten an entsprechenden Linsen, die dann als künftige Bildschirme direkt auf der Augenlinse genutzt werden können. Schnittstellen zwischen Kameraauge und Sehnerv machen Blinde sehend, Kontakte zwischen Hörgerät und Gehirn machen Taube hörend. Gedankenkontrolle steuert schon Bein- und Hand-Prothesen und lässt völlig Gelähmte schreiben.

Technische Telepathie: faszinierend und gruselig 

Die Forschung ist voll von solchen erst mal guten Ansätzen, die manchmal aber weit über das Ziel hinaus zu schießen scheinen: „In München gab es vor zwei Jahren Untersuchungen, wo Piloten in einem Flugsimulator es allein mit dieser Gehirn-Computer-Schnittstelle geschafft haben und ein Flugzeug landen und starten konnten, sagt der Medizinethiker Ralph Jox an der Universität in München: „Das heißt, die haben ihre Hände nicht benutzt, die haben allein durch ihre Gedankenkraft im Simulator das Flugzeug gesteuert.“

Ebenso kann man schon rudimentär ein Gehirn digital mit einem  anderen Gehirn verbinden und so über Gedanken kommunizieren. Praktisch oder gefährlich? So sehr eine technische Telepathie fasziniert, so gruselig sind die Fantasien des möglichen Missbrauchs, wenn Gehirne oder Körper ferngesteuert werden können. Körperintegrierte Bildschirme und Tastaturen mögen hilfreich sein, und doch sprengen sie die Grenzen des Menschen, wie er ist.

Schnittstellen zwischen dem menschlichen Gehirn und dem Computer werden heute schon benutzt, um Behinderten und Kranken zu helfen, die dadurch Lebensqualität zurückgewinnen. Was aber geschieht mit dem Menschen, wenn er sein Gehirn mit dem Weltwissen des Internets verbindet, in virtuellen Welten verschwindet oder irgendwann sein Bewusstsein auf Festplatten herunterlädt, um damit dann Roboter zu bestücken?

„Höhere Stufe natürlicher Evolution“: Entwicklung einer Super-Intelligenz

Denn so weit gehen die Visionen der Forschung, warnt der Alternative Nobelpreisträger Nicanor Perlas: „Die meiner  Meinung nach zentrale Absicht dieser Forschung ist die Entwicklung einer Super-Intelligenz, die dann tatsächlich die nächste dominante Spezies in der Evolution sein soll. Diese Visionäre nennen das tatsächlich nicht eine ‚technische‘, sondern die höhere Stufe ‚natürlicher Evolution‘.“

Sie gehen davon aus, dass die menschliche Spezies eine Übergangserscheinung darstellt, unperfekt ist und voller Mängel. Und dass jetzt die Möglichkeit besteht, eine fehlerlose superkluge Maschine zu entwickeln, die unsterblich ist. „Und wenn wir diese superintelligenten Maschinen haben, könnten wir damit unser Sonnensystem und letztendlich die ganze Galaxie besiedeln. Das sind tatsächlich die Visionen dieser Leute, die man vielfach nachlesen kann. Wir sind am Beginn dieses Prozesses und die künstliche Intelligenz wächst bereits exponentiell“, so der alternative Nobelpreisträger Nicanor Perlas.

Das mag verrückt klingen, scheint aber die linear logische Konsequenz aus der gegenwärtigen Entwicklung. Tatsächlich organisieren sich die Vertreter dieses Ansatzes international bereits unter dem Ansatz des ‚Transhumanismus‘, einem Begriff, der sagt, worum es geht: Die Überwindung der Grenzen des Menschlichen. Die ganz radikalen Visionäre im kalifornischen Silicon Valley sprechen noch deutlicher vom ‚Posthumanismus‘, also einer Zeit, in der das originär Menschliche hinter uns liegt.

Die Geschwindigkeit, in der die Technik fortschreitet, ist angesichts der konvergierenden Technologien heute so schnell, hat man errechnet, dass in hundert Jahren Entwicklungen möglich werden, die früher 20.000 Jahre gedauert hätten. Trans- und Posthumanisten bejubeln das und streiten sich nur darüber, wann der Punkt erreicht werden wird, an denen die künstliche Intelligenz die menschliche überholt und in den Schatten stellt.

Ray Kurzweil rechnet damit, dass es 2045 soweit ist. Fachleute wie der Philosophieprofessor und ‚Transhumanist‘ Stefan Lorenz Sorgner sprechen vom dem Moment der ‚Singularität‘: „Das ist der ‚Point of no Return‘, an dem der digitale Fortschritt so weit vorangeschritten ist, dass er sich von der menschlichen Entwicklung abkoppelt und wo wir keine Möglichkeiten mehr haben, aktiv in die Entwicklung der Digitalisierung einzugreifen.“

Dabei geht der Transhumanismus davon aus, dass der Mensch sich entweder technologisch weiterentwickeln wird oder aussterben wird. Deshalb, so Sorgner „bejaht der Transhumanismus die neuesten Techniken, weil sie die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die Grenzen des Menschseins zu sprengen und wahrscheinlich wird, dass das Individuum auch in Zukunft ein gutes Leben führen kann.“

Dr. Geseko von Lüpke ist freier Journalist und Autor von Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung, ökologische Ethik, Schamanismus, Spiritualität. Fortbildungen in Tiefenökologie bei Joanna Macy, Tom Brown. Absolvent des Holon-Trainings. Durch ausgedehnte Reisen wurde er zum Netzwerker zwischen verschiedenen Kulturen und Welten. Ausbildung zum Visionssucheleiter an der School of Lost Borders, Kalifornien.