Eine kurze Meditation

Dankbarkeit ist die Quelle eines erfüllten Lebens. Regelmäßig kultiviert, überwindet sie Unzufriedenheit und negatives Denken. Die Autorin lädt mit einer Meditation ein, Dankbarkeit zu einer ständigen Begleiterin zu machen.

 

In einer Gesellschaft, in der man fast alles kaufen kann, ist Dankbarkeit nicht angesagt. Ich kaufe eine Ware, eine Dienstleistung und zahle dafür. Und so scheint es, als ob ich mein Leben aus eigener Kraft bestreiten könnte. Je mehr ich habe, um so unabhängiger scheine ich zu sein.

Doch lassen wir uns nicht täuschen: In Wirklichkeit sind wir ganz und gar auf andere angewiesen. Keinen Tag könnten wir ohne das, was andere uns geben, bestreiten. Wir wären schlicht nicht überlebensfähig. Sich dies bewusst zu machen, kann eine tiefe Erfahrung sein, die unsere Sicht auf das Leben und unsere Beziehungen verändert.

Gerade in den reichen Ländern erleben wir Menschen oft geistiges Leiden, das aus Unzufriedenheit, negativen Bewertungen und mangelnder Wertschätzung für sich und andere resultiert. Wenn wir das nicht bemerken, driften wir leicht ab in chronisches negatives Denken, ja sogar Schwermut. Dies wirkt sich auch negativ auf das Zusammenleben mit anderen Menschen aus.

Der Dalai Lama schreibt über den Nutzen dieser Meditation: „Ohne Dankbarkeit und Wertschätzung für Güte und Freundlichkeit bricht unsere Gesellschaft zusammen.“ (Dalai Lama: Die Liebe – Quelle des Glücks, Herder Verlag 2005) Wir brauchen die anderen, die Gesellschaft, da wir nicht in Isolation leben können. Wir sind von Natur aus voneinander abhängig. Die folgende Übung hilft, das Zusammenleben mit anderen in Dankbarkeit und auf der Basis von Wertschätzung zu gestalten.

Kurze Meditationsanleitung

Wir nehmen an einem Ort Platz, wo wir einige Minuten ungestört sein können: zu Hause oder draußen auf einer Bank. Wir sitzen gelöst und entspannt, der Rücken ist gerade.

Wir atmen einige Male bewusst ein und aus, um uns zu sammeln. Dabei lassen wir den Atem natürlich fließen. Atmen ist ein Geschenk des Lebens, das erste Geschenk, das wir empfangen.

Wir sind mit nichts auf die Welt gekommen. Alles, was wir sind, lernen und besitzen, verdanken wir anderen. Überlegen Sie einige Momente: Was ist es, das mein Leben in diesem Moment bereichert? Machen Sie sich zwei oder drei Dinge bewusst, für die sie jetzt dankbar sind. Nehmen Sie sich etwas Zeit, um den Gefühlen nachzuspüren, die damit einhergehen.

Wenn Sie Zeit und Lust haben, meditieren Sie etwas ausführlicher. Hier einige Anregungen:

Die Nahrung, die ich zu mir nehme, das Wasser, das ich trinke – nichts davon habe ich mit eigener Hände Arbeit erschaffen.

Die Kleidung, die ich auf der Haut trage, verdanke ich anderen Menschen. Und obwohl ich dafür bezahle, würde mir mein Geld nichts nutzen, wenn andere sie nicht gefertigt hätten.

Das Haus, in dem ich wohne, haben andere für mich erbaut. Die Räume könnten all die Menschen, die am Bau beteiligt waren, nicht aufnehmen – so viele sind es.

Die Gesellschaft, in der ich lebe, die demokratischen Strukturen, die vielen Möglichkeiten, mich zu verwirklichen, sind die Frucht solidarischen Handelns unzähliger Menschen.

Wir lassen das Gefühl der Dankbarkeit entstehen für das, was wir an äußeren Dingen zur Verfügung haben.

Dann machen wir uns bewusst, was unser Leben innerlich bereichert: die Menschen, die uns liebevoll durchs Leben begleiten. Die Fähigkeiten und Talente, die wir entwickeln konnten. Die vielen Momente des Glücks, des Friedens und der Heiterkeit, die wir mit anderen teilen durften.

Tauchen Sie noch einmal ein in das Gefühl der Dankbarkeit und Verbundenheit. Wir sind wie in einem Netz mit anderen verbunden – einem Netz aus Freundlichkeit und Güte, das uns durch dieses Leben trägt. So zu kontemplieren wirkt unserer normalen Einstellung von Gleichgültigkeit, Ignoranz und Selbstbezogenheit entgegen, aber auch Frustration, Trübsinn und Schwermut.

Am Ende lassen wir die Meditation ruhen und verweilen noch einige Momente in Stille.

Dankbarkeit im Alltag

Wir versuchen, das Gefühl der Dankbarkeit mit in den Alltag zu nehmen. Wenn wir zum Beispiel eine Freundin oder einen Freund treffen, machen wir uns kurz das Gefühl der Nähe bewusst und erfreuen uns an der Beziehung. Wenn wir ein gutes Essen genießen, lassen wir Dankbarkeit entstehen. Wenn wir beruflich etwas gut gemeistert haben, sind wir dankbar für diese Möglichkeit.

Es gibt ständig Gelegenheiten, das, was uns zuteil wird, wertzuschätzen. So kann das Gefühl der Dankbarkeit unseren Alltag begleiten und zu einem erfüllten Leben beitragen.

Birgit Stratmann

Lesetipp: David Steindl-Rast. Dankbar leben – ein inspirierendes Praxisbuch. Vier Türme Verlag 2018