Retten, was die Deutschen so lieben

Lutz Freytag hat 330 Hektar Wald vom Land Brandenburg erworben. Damit erfüllte er sich einen großen Lebenstraum. Er will nicht nur Holz aus seinem Wald zu guten Preisen zu verkaufen, sondern versteht sich auch als Naturschützer. Dafür nimmt er viele Mühen auf sich. Doch die Verbraucher sind kaum bereit, für nachhaltiges Holz mehr zu zahlen.

Lutz Freytag, Mitte 40, ist in dritter Generation Förster. Sein Vorfahr Karl Freytag hat schon 1833 als Berghauptmann und Bürgermeister von Wernigerorde den Wert der nachhaltigen Holzerzeugung erkannt. Nun ist er der Erste in seiner Familie, der einen Wald gekauft hat.

Praktische, haptische Erfahrungen hat er gesucht, nachdem er zunächst eine Buchhändlerausbildung absolvierte und ein Geschichtsstudium begann. Nach dem Grundstudium sattelte er auf Forstwissenschaften um. Und das, obwohl die Berufsaussichten schlecht waren, weil die staatlichen Forstverwaltungen zusammen gestrichen wurden.

Viele haben ihm damals vom Forstwirtschaftsstudium abgeraten. Doch Freytag blieb hartnäckig. Nach dem Referendariat ging er erst einmal in die Holzindustrie. Im neuen Zellstoffwerk der Firma Mercer in Stendal war er für Holzeinkauf und -transport verantwortlich. Doch der Wunsch, einen eigenen Wald zu haben, hat ihn nie verlassen. Finanziell schien dieses Ziel jedoch viele Jahre unerreichbar. Freytag hat gewartet, zehn Jahre lang. 2005 war seine Zeit gekommen.

Bis dahin war Waldbesitz ökonomisch unattraktiv, die Holzpreise in Deutschland waren nicht auskömmlich. Doch Freytag kannte den Markt. 2005 kurbelte auch das neue Zellstoffwerk von Mercer den Bedarf nach Holz an. So konnte er eine Bank davon überzeugen, den Waldkauf zu finanzieren. Aus eigenen Mitteln hätte er das nicht stemmen können.

Wald wechselt selten den Besitzer. Der Wald von Lutz Freytag nahe Hohenleipisch in Brandenburg an der Grenze zu Sachsen war für ihn erschwinglich, weil etliche Altlasten vorhanden waren. Das hat viele Interessenten abgeschreckt.

Waldbesitz als Nebenerwerb

Der Wald ist bis heute Nebenerwerb geblieben, wie für fast alle Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer in Deutschland. Heute arbeitet Freytag als angestellter Förster in einer staatlichen Forstverwaltung.

Foto: Lutz Freytag

Um dauerhaft ein stabiles Einkommen zu erwirtschaften, bräuchte er aufgrund der Preisschwankungen, Stürme, Schäden durch Borkenkäfer und weiterer Folgen des Klimawandels nach seiner Einschätzung mindestens 500, besser 1000 Hektar Wald. Im Durchschnitt besitzen deutsche Waldeigentümer aber weniger als 20 Hektar. Nur die allerwenigsten können nachhaltig von ihrem Waldbesitz leben. Oft ist es so, dass der Wald eine „Sparkassen-Funktion“ hat und jede Generation nur ein- oder zweimal im Leben Holz ernten darf.

Waldwirtschaft ist in Deutschland mit Kosten für die Berufsgenossenschaft, Grundsteuern, Abgaben für Boden- und Gewässerverbände und anderen Aufwendungen verbunden. Schon allein deshalb muss man wirtschaftlich arbeiten. Darüber hinaus verfolgen die Eigentümer die unterschiedlichsten Ziele, beispielsweise Holzeinschlag, Artenschutz oder Jagd.

Wald nachhaltig nutzen

Beim Wald nahe Hohenleipisch spielt das alles eher eine Nebenrolle, denn er ist etwas Besonderes: Schon vor dem Zweiten Weltkrieg richtete die Luftwaffe der Wehrmacht hier eine Munitionsfabrik mit Hallen, Gleisen, Straßen und Bunkeranlagen ein. Nach dem Krieg begann die Armee der Sowjetunion mit der Weiterverwendung dieser Anlagen. Ihr Schwerpunkt: Lagerung von Spezialmunition, teilweise auch Atomwaffen.

Was sie 1994 nach dem Abzug zurückließen, waren Bunkeranlagen, Munitions- und vor allem Schrottreste. Nachdem verschiedene Entwicklungskonzepte zu Freizeitparks und Ähnlichem gescheitert waren, eroberte sich zügig die Natur das Gebiet zurück. So weit, dass die Landesregierung 2004 einen Teil des Waldes zum Naturschutzgebiet mit einer Kernzone von 90 Hektar ohne forstliche Nutzung auswies.

Dieses Naturerbe übernahm Freytag. Und so ist der Umgang mit seinem Wald auch von diesem Erbe geprägt. Er nutzt das Gebiet außerhalb der Kernzone forstwirtschaftlich. Nachhaltigkeit steht dabei an erster Stelle. Das hat er sich auch durch die Zertifizierungen mit den Waldsiegeln von FSC und PEFC bestätigen lassen.

Obwohl die Kosten für die Dokumentation und die Zertifizierung hoch sind und mit den Siegeln Einschränkungen für die Bewirtschaftung des Waldes vorgesehen sind, hat Freytag die Mühen auf sich genommen. Er bedauert, dass sich diese Mehrkosten nicht durch höhere Holzpreise erwirtschaften ließen.

Offenbar seien die Verbraucher noch nicht bereit, für nachhaltig erzeugtes Holz mehr zu zahlen, er müsse sie also selbst finanzieren. Anders ist es bei der Zertifizierung der Ökolandwirtschaft: Der höhere Preis für Biogemüse ist heute selbstverständlich. Für Holz gilt dies nicht: „So können wir weder Regenwälder schützen noch Anreize für besonders naturnahe Forstwirtschaft in der Heimat schaffen“, beklagt Freytag.

Klimawandel setzt Waldbesitzer unter Druck

Das zweite Standbein von Waldbesitzer Freytag ist der Naturschutz. Mit Hilfe eines Flächenkompensationspools kann er verschiedene Maßnahmen für den Naturschutz in seinem Wald finanzieren. In diesen Pool zahlen Unternehmen wie die Deutsche Bahn, ein, um den Verlust von Naturflächen durch Baumaßnahmen auszugleichen.

Der Auerhahn ist in den Wald zurückgekehrt. Die Tiere aus Schweden werden hier angesiedelt

Durch seine Bemühungen werden die Hinterlassenschaft der militärischen Nutzung stückweise beseitigt oder anderweitig transformiert wie bei den Bunkeranlagen. In ihnen sind Fledermäuse heimisch geworden, deren Lebensbedingungen Freytag nun verbessert. Seltene und bedrohte Arten wie Auerhuhn, Wildkatze, Seeadler und Wolf sind in seinen Wald heimisch.

Um den Wald fit für den Klimawandel zu machen, reichert Freytag ihn nach und nach um weitere Baumarten an und gestaltet so einen Mischwald. Der bisherige reine Kiefernwald wird dabei mit Eichennachpflanzungen gemischt und durch forstwirtschaftliche Nutzung des alten Kiefernbestands verjüngt.

Der ungewöhnlich lange heiße und trockene Sommer 2018 hat auch seinen Wald getroffen. Nicht nur war Freytag in ständiger Sorge vor drohenden Waldbränden, die ihn glücklicherweise nicht trafen. Im Herbst sieht er die Folgen des extremen Sommers trotz seiner ökologisch angepassten Bewirtschaftung an vorgeschädigten Kiefernbeständen: Der zwölfzähnige Kiefernborkenkäfer ist zurück.

Noch ist Freytag erspart geblieben, aus der Not heraus sehr viel mehr Bäume zu fällen, als es dem Gebot der Nachhaltigkeit entspräche. Doch noch so einen Sommer und auch Freytag wird reagieren müssen. Und wer weiß, was im Zuge der Erderwärmung noch auf den Wald zukommt.

So warnt Lutz Freytag im Gespräch mit Ethik heute: „Solange der Forst nicht abbrennt und noch einigermaßen aussieht, gibt es kaum Aufmerksamkeit in Öffentlichkeit und Politik. Der geschädigte Wald.hat keine Aufmerksamkeit und keine Lobby. Aber hunderttausende Familien, die in Deutschland Wald besitzen, wissen, dass die Schäden und Risiken so groß sind wie nie zuvor. Sie stehen ziemlich allein vor der Aufgabe zu retten, was die Deutschen so lieben.“

Stefan Ringstorff