Edward Snowdens Buch

Edward Snowden deckte die Massenüberwachung durch die US-Regierung auf. In diesem Buch erzählt er detailliert seine Geschichte: wie er als junger Mann fasziniert war vom World Wide Web, als Datenspezialist für NSA und CIA arbeitete und dann zum Whistleblower wurde. Ein Aufruf, sich für die Freiheit im Netz einzusetzen.

Regierungen der Welt wissen, dass du das hier liest. Woher wir wissen, dass sie das wissen? Durch Edward Snowden, den ehemaligen Mitarbeiter von CIA und NSA, den berühmten Whistleblower. „Permanent Record“ ist seine Geschichte. Geschrieben im Exil in Moskau, umfasst das Buch Snowdens Leben bis zum Wendepunkt 2013 und legt die Gründe für seine folgenreiche Entscheidung offen.

Was mit entlarvenden Artikeln über die Überwachungsaktivitäten der US-Regierung begann, wurde ein globaler Skandal. Fünf Jahre nachdem Snowden tausende geheimer Dokumente an Journalisten geliefert hatte, erschien das Buch im September 2019 – zum Ärger der US-Behörden. Es gibt der Weltgesellschaft eine Lektion in Sachen digitale Freiheit.

Was, so die tiefere Frage des Buches, sind wir bereit für das Gute aufzugeben? Snowden saß an der Quelle des Übels. Unter großer persönlicher Gefahr tat er, was er für das Richtige hielt – und gab damit seine Karriere auf, brachte sich selbst in Gefahr. Auch wusste er, dass Familie und Freunde würden Leid zu erdulden haben.

Snowdens Geschichte erinnert etwas an die von Luther. Ähnlich wie der Reformator machte Snowden der Öffentlichkeit etwas Geheimes zugänglich und entzog sich den Autoritäten. Auch er konnte wohl nicht anders. „Wie hat er es geschafft?“, möchten wir als Leser wissen. Wann ist die Entscheidung gefallen? Und wären wir selbst dazu in der Lage gewesen?

Die Welt zum Besseren verändern

Die Geschichte beginnt mit Snowdens Kindheit in North Carolina. Er wuchs als einziger Sohn zweier Regierungsbeamter auf, im Umfeld von anderen Regierungsbeamten. Schon früh begeisterte er sich für Computer. In der Highschool fühlte sich Snowden deplatziert und saß lieber nächtelang am Computer.

Als Teenager entdeckte er seine Leidenschaft für das Hacken. Nicht immer zur Freude seiner Eltern: Sie waren schockiert, als sie einen Anruf des Los Alamo Atomlabors bekamen (wo die erste Atombombe entwickelt wurde): Der 13-jährige Edward hatte sich in der Verzeichnisstruktur von dessen Webseite umgesehen und dann per Telefon auf Sicherheitsmängel hingewiesen.

Aufgrund der Anschläge vom 11. September 2001 ging er zur Armee – als Zwischenstop zur „Intelligence Community“ der US-Regierung. In dieser Zeit, mit 22 Jahren, lernte er seine spätere Frau Lindsay kennen. Snowden durchlief die Schulungen der CIA. In seiner Abteilung wurde die weltweite Kommunikationsstruktur der CIA verwaltet. Als Systemadministrator hatte er privilegierten Zugang und begann, das Puzzle zusammenzufügen.

Zu Beginn war Snowden ein Idealist – er wollte die Welt zum Besseren verändern. Das Internet versprach eine Welt gleicher Chancen. Er glaubte – und glaubt noch heute – an das Ideal einer Meritokratie, wo Wissen zugänglich ist und Herkunft, Rasse oder Wohlstand nicht über Erfolg entscheiden.

Snowden war zu dieser Zeit stark von John Jerry Barlow beeinflusst, dem ehemaligen Texter von The Grateful Dead. Dieser hatte 1996 in Davos die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace vorgetragen. Deren Grundannahmen würde mancher vielleicht als naiv bezeichnen, aber definitiv weht dort ein nicht völlig unsympathisches Pathos der Freiheit.

Verstoß gegen die Verfassung der USA

Jedoch ganz anders sind laut Snowden die Vorstellungen von Regierungen und Technologie-Konzernen. Deren Lösungen seien mit Gefahr verbunden: „Vor allem aber glauben beide, diese Lösungen seien von ihrem Wesen her unpolitisch, weil sie auf Daten basieren, und diese, so glauben beide, haben Vorrang gegenüber den chaotischen Launen des gemeinen Bürgers.“ (S. 158f.)

Das eigentliche Monster erwachte in Genf – ein globales Netzwerk als neues Mittel der Intelligence Community. Es veränderte die Arbeit der Geheimdienste grundlegend. Ab jetzt begann Snowden, zuvor unwissend, nach und nach das System zu durchschauen – und wir Leser mit ihm, Schritt für Schritt.

Er nimmt uns mit nach Japan, wo er ab 2009 für die NSA arbeitete. Dort wurden Ausschnitte von Signalen aus dem ganzen Pazifikraum gesammelt und über Hawaii an das US-Festland übermittelt. Das Ziel war eine dauerhafte Speicherung aller aufgezeichneten Dateien, der Permanent Record.

Dabei rückt Snowden vor allem Metadaten in den Fokus, also etwa wann und wo wir wie lange mit wem telefoniert haben. Diese werden automatisch durch die Geräte erzeugt, die wir verwenden und mit uns als Nutzern verknüpft. Mit massenhaft erhobenen Metadaten kann man größere Zusammenhänge und Muster erkennen. Und man kann daraus Vorhersagen über das Verhalten von Einzelpersonen ableiten.

Und so dämmerte es ihm: „Was China offen mit seinen eigenen Bürgern machte, machte Amerika womöglich im Geheimen mit der ganze Welt.“ (S. 219) Bei der Arbeit als Systemadministrator fand Snowden schließlich ein geheimes Dokument, das der offziellen Darstellung in der Öffentlichkeit widersprach: „Vor mir lag […] die vollständige Darstellung der geheimsten Überwachungsprogramme der NSA sowie die behördlichen Weisungen und Taktiken des Justizministeriums, die man genutzt hatte, um das US-amerikanische Recht zu unterwandern und gegen die Verfassung der USA zu verstoßen“ (S. 225)

Loyalität gegenüber dem Guten

Hätte Snowden einen anderen Weg wählen können? Er selbst sagt nein. Die Behörden selbst hätten von dieser Illegalität gewusst. Deshalb hätte er nichts von innen heraus ändern können. Und so verließ er schließlich das Land und traf sich in einem Hotel in Hong Kong mit Journalisten.

Seine einzigen Auflagen an Journalisten waren: Nur das sollte publiziert werden, was für die Öffentlichkeit wichtig war. Snowden selbst gab etwa sechs Monate lang keine Interviews, um nicht durch seine Person von der Sache abzulenken. Die Artikel bekamen 2013 den Pulitzer Preis.

Ziel von Snowden ist es, öffentlichen moralischen Druck zu erzeugen, damit sich Regierungen und Geheimdienste wieder an ihren Idealen orientieren. Die Achtung vor den Rechten der Bürger sei der Gradmesser für die Freiheit eines Landes.

Zugegeben, das Buch von Snowden ist nicht unbedingt ein Page-Turner. Es ist kein Jason Bourne-Thriller, sondern es sind persönliche Memoiren mit einem Spannungsbogen im Rahmen von Technikgeschichte und Weltpolitik.

Während das Buch sich am Anfang leicht und flüssig liest, wird es später technischer. Aber es meistert die Aufgabe, die für das Verständnis notwendigen Zusammenhänge einsichtig machen zu können, ohne dabei zu technisch zu werden. Es ist wenig technisches Wissen vorausgesetzt – wenngleich der Leser bereit sein sollte, notfalls dazuzulernen.

Sehr berührend fand ich das vorletzte Kapitel. Es besteht aus Tagebucheinträgen von Lindsay, heute mit Snowden verheiratet. Der Leser erlebt entscheidende Ereignisse nochmal aus ihrer Perspektive – ein sehr spannender Perspektivwechsel gegen Ende, vielleicht der emotionale Höhepunkt.

Snowden sagte in einem Interview mit Joe Rogan, Loyalität sei gut – aber nur, wenn man loyal ist gegenüber etwas Gutem. Wenn man loyal gegenüber einer schlechten Person ist oder einem schlechten Staat, könne Loyalität schädlich sein. Er sei überzeugt, dass wir viel mehr Transparenz brauchten. Der Staat sei viel mächtiger als wir Einzelne – und deshalb sollte er so wenig wie möglich über uns wissen.

Sollen wir Snowden also als einen Helden ansehen? Er selbst meint, er glaube nicht an Helden, sondern an heroische Entscheidungen. Demensprechend zu handeln sei eben manchmal ein Risiko – aber ohne Risiko im Leben verlören wir unsere Freiheit.

Nicolas Dierks

Edward Snowden. Permanent Record. Meine Geschichte. S. Fischer Verlag 2019