Ein Interview über Medienkompetenz

Wir nutzen Medien passiv, beklagt der Medienethiker Prof. Matthias Rath. Dabei wäre es wichtig, Medienkompetenz zu entwickeln. Ein Interview über Gefahren der Manipulation, Filterblasen und emotionale Trigger. Es sei die Aufgabe von Schulen, junge Menschen fit für den Umgang mit Medien zu machen und Werte wie Respekt zu vermitteln.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Welche Kompetenz brauchen wir, um mit der Medienlandschaft heute konstruktiv umzugehen? Wie kann ich herausfinden, welche Inhalte vertrauenswürdig sind?

Rath: Wir lernen heute schon früh, wie man digitale Medien wie Smartphones technisch bedient, gehen aber sehr passiv damit um. Wir nehmen Informationen auf, schauen Filme an, spielen Spiele, kommunizieren. Aber wir bräuchten auch eine neue Lesekompetenz.

Das Problem, mir Ereignisse, die ich nicht mit eigenen Augen und Ohren erlebt habe, anzueignen, gab es immer schon. Aber natürlich explodiert die Quellenlage bei den digitalen Medien.

Jeder, der Zeitung liest, muss sich überlegen, ob er ein Qualitätsblatt liest, woher die Informationen kommen und wie man sie deutet. Jeder Mensch, der Fernsehen schaut, muss unterscheiden können, ob er es mit einer fiktionalen oder einer Nachrichtensendung zu tun hat, ob er öffentlich-rechtliche oder private Programme schaut, die ganz andere Interessen haben.

Die Lösung ist nicht, bestimmte Medienformate abzulehnen, sondern möglichst früh zu lernen, die Qualität der Medienangebote einzuschätzen. Zum Beispiel gibt es die App „Fake News Check“, mit der sich Informationen auf ihre Verlässlichkeit prüfen lassen.

Die Qualität hängt nicht vom Medienformat ab. Es gibt schreckliche Bücher, ideologisierte Zeitungen und ausgezeichnete Online-Quellen. Wenn wir wollen, dass die junge Generation mit Informationsangeboten im Internet kreativ und kritisch umgeht, müssen wir diese Angebote in der Schule zulassen und nutzen.

Vielen ist nicht klar, dass sie sich auf Facebook und YouTube im öffentlichen Raum befinden.

Welche Kompetenzen bräuchte es in der Bildung oder eigentlich auch bei Erwachsenen?

Rath: Im vordigitalen Zeitalter musste man für Informationen zahlen, z.B. für eine Zeitung. Diese Barriere ist gefallen. Wer heute etwas digital anbietet, will damit meist Geld verdienen, indem er Inhalten bietet, die in der Gesellschaft akzeptiert sind. Viel Traffic bringt dann auch Werbeeinnahmen.

Dann gibt es die Ideologen oder Verschwörungserzähler. Sie wollen ihre Ideologie verbreiten und haben nicht notwendigerweise ein Interesse an gelingenden gesellschaftlichen Beziehungen.

Kurz: Mit digitalen Medien kann jede Person mit verhältnismäßig wenig Aufwand im Internet Öffentlichkeit erzeugen. Deshalb ist es im medialen Raum wichtig zu prüfen, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke.

In den sozialen Medien wird also jeder zum Sender. Es braucht daher auch die Kompetenz, wie ich mich selbst einbringe.

Rath: Ja, als Akteur kann ich entscheiden, wie ich meine Äußerungen inhaltlich und formal gestalte. Was viele Menschen nicht wissen: Sie bewegen sich nicht im privaten Raum. Sie betreiben einen Massenmedienkanal und kommunizieren „One to Many“.

Bei Facebook habe ich „Freunde“, im Englischen „Follower“. Vielen ist jedoch nicht klar, dass sie sich hier nicht im „privaten“ Raum bewegen, sondern ein Massenmedium bedienen. Sie wissen nicht, was mit ihren Inhalten geschieht. Diese verbleiben in dem Medium und ich kann nicht kontrollieren, was andere damit machen.

Oft bin ich mir auch nicht bewusst, welche Folgen es für diejenigen hat, mit denen oder über die ich kommuniziere. Hier sollten die Wertmaßstäbe denen entsprechen, die allgemein gelten: andere nicht beleidigen, die Würde des Menschen schützen, unsere eigenen Worte wägen und überlegen, was wir sagen.

Was ich in den digitalen Raum hinausgebe, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, so leid es mir auch tut. Und es ist von jedem anderen nutzbar gegen mich oder andere Personen.

Die sozialen Medien erzeugen eine extreme Gruppenbildung.

Das aber trifft nicht nur auf Facebook zu, sondern auch auf Twitter, Instagram und YouTube.

Rath: YouTube funktioniert durch Follower. Ich kann mich frei darin bewegen und die Inhalte aussuchen, die mich interessieren. Dabei meinen viele Menschen, dass alle Inhalte, die nicht als Unternehmen erkennbar sind, privater Natur wären. Das ist nicht der Fall. Es gibt mittlerweile eine ganze Internetindustrie, bei der Angebote aus finanziellen, materiellen oder ideologischen Beweggründen gemacht werden.

Ein Beispiel sind die sogenannten „Howl-Videos“, wo meistens junge Frauen ihre Shopping-„Beute“ vorstellen. Das ist ein bezahltes Product Placement, das den Anschein des Privaten erweckt.

Zur Medienkompetenz gehört unterscheiden zu können, welche medialen Angebote ich rezipiere, von wem sie eingestellt sind, ob es Indizien gibt, durch die ich erfassen kann, welche Absicht hinter diesem Medienangebot steht. Es ist eine Aufgabe der Bildungsinstitutionen, diese Unterscheidungsfähigkeit zu vermitteln.

In den digitalen und sozialen Medien ist eine Manipulation in die Algorithmen eingebaut, die mir bestimmte Angebote machen. Wie sehen Sie das?

Rath: Wenn Sie Manipulation als ein Setting verstehen, bei dem Ihnen ein Medium ein bestimmtes Verhalten nahelegt und Sie, wenn Sie nicht besonders vorsichtig sind, diesem Setting folgen, dann ist auch die Einrichtung eines Supermarktes manipulativ.

Aber Sie haben natürlich recht, soziale Medien wie Facebook sind darauf ausgerichtet, mit einer zielgerichteten Angebotsstruktur Ihre Interessen zu bedienen. Das Interesse von Facebook ist nicht, Ihnen irgendwelche Inhalte zu verkaufen, sondern es wählt Ihr Interesse aus – das kann eine Meinung sein, das können Waren sein.

Dieser Algorithmus funktioniert auch auf der Ebene des politischen Interesses. Deshalb entsteht um Sie mit der Zeit eine Filterblase, in der Sie nur bestimmte Informationen erhalten, wenn Sie sich keine anderen Quellen suchen. Diese Algorithmen wollen Ihre Zeit haben. Sie sollen möglichst lange im Netz bleiben, damit anhand Ihrer Interessen Werbung platziert werden kann. Daran verdient Facebook und die meisten anderen digitalen Medien.

Facebook ist keine verlässliche Informationsquelle – es als solche zu nutzen, ist eine Fehlanwendung.

Das heißt, die Inhalte scheinen umsonst zu sein, aber ich zahle mit meiner Aufmerksamkeit.

Rath: „Es gibt nichts umsonst“, hat mein Vater immer gesagt. Das ist im Internet nicht anders. Das ist der primäre Imperativ in den digitalen Medien, den man jedem Menschen, auch Kindern beibringen sollte.

Hinzukommt aber, dass diese Medien eine extreme Gruppenbildung erzeugen. Es ist absurd, aber ich bin Nutzer eines sozialen Mediums wie Instagram mit Millionen von Nutzern und erlebe mich dennoch als Teil einer Community. Das führt dazu, dass ich diese Quelle immer wieder anlaufe.

Der Unterschied zwischen der Tagesschau oder Ihrer Lokalzeitung und Facebook liegt darin, dass die Journalisten, auch „Gatekeeper“ genannt, die Kompetenz haben zu entscheiden, was für das alltägliche und politische Leben ihrer Nutzerinnen und Nutzer maßgeblich ist. Diese Überlegung stellt Facebook nicht an. Dieses Medium versucht, Sie so lange wie möglich im Netz zu halten, um Ihnen Werbung zu verkaufen.

Wenn man das versteht, ist klar: Man darf sich nicht auf eine Quelle verlassen. Ich suche dann andere Quellen im Internet, schaue Fernsehen, lese eine Zeitung. Wenn man sich auf eine Quelle verlässt, entsteht eine Art Trichter. Sie bekommen nur noch das angeboten, was ihrem Interesse entspricht; das nennt Filterblase.

Facebook macht das nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Gleichgültigkeit. Facebook ist unsere politische Einstellung egal. Facebook ist keine verlässliche Informationsquelle – es als solche zu nutzen, ist eine Fehlanwendung. Das zu verstehen, ist eine Grundlage der kritischen Medienkompetenz.

Diese Dynamik hat auch politische Konsequenzen, weil Menschen in einer Filterblase die Grundtugenden von Bürgerinnen und Bürgern verlieren: gut informiert zu sein und fähig zur politischen Partizipation. Diese Tugenden verliere ich, wenn ich mich nur auf eine Quelle verlasse, völlig egal, welche.

Wir müssen die Menschen innerlich stark und kompetent machen, um mit den digitalen Medien umzugehen. Das ist ein Bildungsauftrag.

Sehen Sie hier auch die Gefahr einer zunehmenden Polarisierung durch diese medialen Dynamiken?

Rath: In den USA haben wir gesehen, was passiert, wenn eine Gesellschaft dieses Phänomen der Filterblase nicht aktiv angeht. Die Polarisierung der Gesellschaft ist auch eine Folge der einseitigen Nutzung digitaler Medien. Mir wird suggeriert, dass alle anderen meiner Meinung sind.

Man nutzt Medien also nicht, um Informationen zu erhalten und herauszufinden, wie es wirklich ist, sondern möchte hören: „Ich habe Recht“. Das ist ein Bildungsproblem. Wir haben in den USA gesehen, was geschieht, wenn ideologische Akteure oder andere Staaten diese Schwachstellen der digitalen Medien ausnutzen. Diese Dynamik muss ein zentraler Inhalt der Medienbildung werden.

Viele dieser digitalen Medien arbeiten auch mit emotionalen Triggern. Das erfordert neben der Unterscheidungskraft auch eine emotionale Reife. Oder wie sehen Sie das?

Rath: Ja, emotionale Übergriffigkeit ist auch bei herkömmlichen Medien häufig wie z. B. im Privatfernsehen. Durch die digitalen Medien wird es noch verstärkt. Da hier externe Regulierungen schwer greifen, erfordert es die Kompetenz der Nutzerinnen und Nutzer, damit umzugehen.

Wir müssen lernen, mit digitalen Medien zu leben, die nicht auf nationale Rechtsprechung eingeschränkt werden können. Deshalb ist der wichtigste Punkt die Kompetenz der Nutzerinnen und Nutzer. Wir müssen die Menschen innerlich stark, auch emotional stark und kompetent machen, um mit diesen Medien umzugehen. Das ist ein Bildungsauftrag.

Wir müssen von der nachfolgenden Generationen her denken und nicht von uns her.

Haben Sie konkrete Ideen, wie dieser Bildungsauftrag besser umgesetzt werden könnte?

Rath: Der Vorteil der Schule ist, dass ich damit jede Person erreiche. Natürlich ist auch die Erwachsenenbildung oder Jugendarbeit sinnvoll, aber die Menschen, die wir so erreichen, sind für das Thema schon sensibilisiert.

Deshalb bleibt der wichtigste Impuls die schulische Bildung, durch die wir ja auch die Familien erreichen. Schüler und Studentinnen gehen nach Hause und können die erlernte Kompetenz weitergeben. Man kann also die Eltern bilden, indem wir die Kinder und Jugendlichen bilden.

Ich finde es interessant, wie Sie hier betonen, dass die Jugendlichen die Bildung auch in die Familien bringen.

Rath: Wir kennen die richtigen Haltungen und Werte für ein gelingendes Leben in der Zukunft noch nicht. Das Maß unseres Handelns ist eine Zukunft, die sich von unserer Gegenwart unterscheidet.

Wir müssen von der nachfolgenden Generationen her denken und nicht von uns her. Wir müssen fragen, wohin geht die nachfolgende Generation, was sind ihre Interessen und Wünsche und wie können wir diese pädagogisch begleiten?

Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir die jüngere Generation, die ja sukzessive die zukünftige Welt vor Augen hat, immer wieder fragen, wie sie die Welt sehen und was ihnen wichtig ist.

Nur dann werden wir diese Generation für die normativen Grundfragen und Werte sensibilisieren, die sie in der Zukunft brauchen. Wir brauchen also eine pädagogische Zuneigung zu den Heranwachsenden, um sie ernst zu nehmen, weil wir sie sonst für eine Welt erziehen, deren Zeit schon abgelaufen ist.

Das ist also eine Bildung im Dialog mit den Heranwachsenden.

Rath: Ja, diese Generation wird mit einer Welt konfrontiert sein, die wir nicht kennen. Deshalb müssen wir diese Welt zusammen mit ihnen gestalten und ihnen nicht vorschreiben, wie diese Welt auszusehen hat. Das trifft auch ganz besonders für die digitale Welt zu.

Foto: privat

Prof. Dr. Dr. Matthias Rath ist Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und leitet das Interdisciplinary Media Ethics Center. Er studierte Philosophie, Erziehungswissenschaft, Psychologie, Soziologie und Germanistik und war vor seiner Professur mehrere Jahre für ein internationales Medienhaus tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Medienbildungsforschung und Medienethik.