Interview mit dem Gehirnforscher Richard Davidson

Der Meditationsforscher Richard Davidson zählt laut New York Times zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten auf der Welt. Seine Zukunftsvision ist es, dass mentale Übungen in Form von Meditation genauso verbreitet sein werden wie heute sportliche Aktivitäten. Ethik heute hatte die Gelegenheit, den Neurowissenschaftler zu seinen aktuellen Forschungen zu befragen.


Das Interview führten Michaela Doepke und Mahalia Brózda

Frage: Durch Ihre neurowissenschaftliche Forschung haben Sie als Pionier dazu beigetragen, dass Meditation heute gesellschaftlich hohe Anerkennung findet. Meditationsforschung ist heute Teil der Wissenschaft. Wie ist es dazu gekommen und was war ausschlaggebend?

Richard Davidson: Es gab eine Reihe von Entwicklungen, die ausschlaggebend waren. Zum einen waren das wichtige grundlegende Ergebnisse in der Wissenschaft, vor  allem in den Neurowissenschaften. Dazu gehört Forschung zu den grundlegenden Mechanismen der Neuroplastizität. Wir wissen, dass sich das Gehirn als Reaktion auf Erfahrung und Training verändern kann. Dies war eine Grundlage dafür, wie wir die Wirkungsweise von Meditation verstehen können.

Der buddhistische Mönch Matthieu Ricard im Labor von Richard Davidson. Foto: Jeff Miller / University of Wisconsin–Madison

Dann haben wir uns in unserem Labor dazu verpflichtet, diese Fragen präzise zu untersuchen und die Ergebnisse in den besten wissenschaftlichen Zeitschriften der Welt zu veröffentlichen. So kam es, dass wir 2004 die erste wissenschaftliche Studie mit Langzeitmeditierenden in einer sehr renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen konnten. Das hat sehr geholfen, die Dinge so richtig ins Rollen zu bringen.

Daraufhin begannen viele Wissenschaftler die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es da wirklich etwas gibt. Wir konnten ungewöhnliche Veränderungen im Gehirn nachweisen, über die vorher noch nie berichtet wurde. Dies öffnete Menschen die Augen dafür, dass diese Art von Training hilfreich sein kann. Das waren die ersten Schritte, die dazu geführt haben, wo wir heute stehen.

Wo stehen wir in der Meditationsforschung? Gibt es eine stichhaltige Evidenz, dass sich durch Meditation mentales, emotionales und körperliches Wohlbefinden trainieren lassen? Und wie sehen Sie die Qualität der Studien?

Davidson: Das sind alles wichtige Fragen. Wenn wir Meditation untersuchen, müssen wir unterscheiden zwischen dem Einfluss, den sie auf das Wohlbefinden und auf die Behandlung von Krankheit hat.

Meditation wird heutzutage angewandt, um psychische Störungen zu behandeln. Auch wird sie als Ergänzung zur Behandlung bestimmter körperlicher Störungen eingesetzt. Die Faktenlage ist unterschiedlich.

Wirksamkeit von Meditation auf das Wohlbefinden 

Meiner Meinung nach gelten die Nachweise der Wirksamkeit zur Förderung des Wohlbefindens als relativ gesichert. Die Evidenz in Bezug auf die Wirksamkeit von Meditation als Behandlungsmethode bei Krankheiten ist weniger gut belegt. Ich würde sagen, dass die Evidenz gemischt ist.

Es gibt auf jeden Fall einige sehr gute und wichtige Studien dazu. In dem kürzlich erschienenen Buch „Altered traits“ (Science Reveals How Meditation Changes Your Mind, Brain, and Body, Avery 2017), das ich zusammen mit Daniel Goleman geschrieben habe, überprüfen wir die wissenschaftliche Evidenz zu Meditation. Wir haben aus der wissenschaftlichen Literatur die besten wissenschaftlichen Studien gefiltert.

Ich würde sagen, dass nur etwa zehn Prozent der veröffentlichen Studien wirklich präzise sind.  Das heißt, dass wir besser werden müssen. Wir versuchen die Leute zu ermutigen, in ihrer Arbeit die präzisesten Methoden zu verwenden. Eine Herausforderung besteht darin, dass die finanziellen Mittel, die zur Verfügung stehen, begrenzt sind, wodurch die Möglichkeiten der Wissenschaftler einschränkt sind.

Forschungsobjekt Achtsamkeitsmeditation

Wenn wir über Meditation sprechen, etwa in der Forschung, ist da hauptsächlich Achtsamkeitsmeditation bzw. MBSR gemeint?

Davidson: Das Wort Meditation bezieht sich auf Hunderte von Übungen. Es ist vergleichbar mit dem Wort Sport. Wir haben viele verschiedene Sportarten. Die Wissenschaft hat jedoch nur eine kleine Anzahl von Meditationspraktiken ernsthaft untersucht. Die überwiegende Mehrheit ist nicht wissenschaftlich erforscht.

Deshalb gestaltet sich die Lage so, wie auch in Ihrer Frage angedeutet, dass der größte Teil der verfügbaren Forschung auf Achtsamkeitsformen der Meditation ausgerichtet ist. Zu den am häufigsten untersuchten Meditationstechniken gehört Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)/Achtsamkeitsmeditation, ein standardisiertes 8-wöchiges Programm, das von Jon Kabat-Zinn vor vielen vielen Jahren entwickelt wurde.

Wir sehen jetzt, insbesondere in den letzten fünf Jahren, eine zunehmende Anzahl an guten Studien über andere Arten von Meditation, vor allem solche, die den Fokus auf liebevolle Güte und Mitgefühl legen.

Zum Unterschied zwischen Gehirn und Geist

Meditation kann das Gehirn verändern. Gibt es aus Ihrer Sicht einen Unterschied zwischen Gehirn und Geist?

Davidson: Ich würde sagen, es gibt einen Unterschied zwischen Gehirn und Geist, obwohl ich in der Minderheit bin. Die überwiegende Mehrheit der Neurowissenschaftler würde sagen, dass der Geist das ist,  was das Gehirn tut. Und wenn man sich die traditionelle, vorherrschende Neurowissenschaft ansieht, sieht man diese Meinung über die gesamten Neurowissenschaften hinweg vertreten: dass im Grunde genommen der Geist das Gehirn ist.

Meine Sichtweise ist viel differenzierter, selbst wenn wir eine rein materialistische Sichtweise beibehalten. Wir wissen, dass der Körper den Geist und das Gehirn beeinflusst. Wir wissen, dass zum Beispiel der Darm ein eigenes Nervensystem hat, das das Gehirn moduliert. Und zu sagen, dass sich der Geist nur im Gehirn befindet, ist wirklich eine extrem enge Sichtweise und meiner Meinung nach nicht vertretbar mit dem Wissen, das wir heutzutage besitzen.

„Meditation sollte in einem ethischen Rahmen gelehrt werden“

Der Dalai Lama sagt in einem Artikel auf Ethik heute „Meditation ist kein Allheilmittel“. Wo sehen Sie die Grenzen von Meditation?

Davidson: Nun, ich würde sagen, dass, wenn Meditation authentisch gelehrt wird, dies innerhalb eines ethischen Rahmens geschieht. Das geht nicht anders. Und Teil dieses ethischen Rahmens ist die Annahme einiger universeller ethischer Grundsätze. Der Dalai Lama selbst spricht von Prinzipien wie dem Nicht-Verletzen anderer.

Wenn Meditation in einen ethischen Rahmen eingebettet ist und auf diese Weise unterrichtet wird, glaube ich, dass sie sehr sehr hilfreich sein kann. Es ist bedauerlich, dass heutzutage vielfach Achtsamkeitsmeditation ohne ihren ursprünglichen ethischen Kontext gelehrt wird. Ich denke, dass hier gewisse Gefahren liegen.

Welche Veränderungen und welche Persönlichkeitsentwicklung haben Sie selbst in Ihrem Leben durch Meditation erlebt?

Davidson: Ich würde sagen, dass ich mich sehr verändert habe, obwohl die Veränderung nach und nach stattgefunden hat. Ich praktiziere das schon sehr lange, meditiere seit mehr als 40 Jahren und praktiziere täglich zwischen 30 und 90 Minuten. Dabei habe ich viele verschiedene Phasen der Praxis durchlaufen. Und mit der Zeit habe ich mich verändert, würde ich sagen. Am besten ist es, die Leute um einen herum zu fragen. Zum Beispiel den Ehepartner oder die Kinder oder die Menschen, mit denen man arbeitet.

Ein Bereich, in dem es wirklich eine spürbare Veränderung gab, ist das Arbeitsumfeld. Am Anfang meiner Karriere war ich leicht reizbar und wurde sogar wütend, wenn die Dinge nicht so liefen, wie ich es erwartet hatte. Ich würde sagen, dass das heutzutage selten, wenn überhaupt, passiert. Das ist ein Bereich, in dem es einen wirklich großen Wandel gegeben hat, auch wenn es viele Jahre gedauert hat.

„Die Welt wird ein anderer Ort sein, wenn Meditation zur Alltagspraxis gehört“

Welche Vision haben Sie für die Zukunft?

Davidson: Meine Vision für die Zukunft ist, dass mentale Übungen in Form von Meditation genauso verbreitet sein werden wie heutzutage sportliche Aktivitäten. Wenn wir 50 Jahre zurückblicken und fragen, wie viel Prozent der Bevölkerung im Alltag körperlich aktiv war, waren es viel weniger Leute als heute. Die Menschen haben, glaube ich, die wissenschaftlichen Befunde geschätzt, die zeigen, dass körperliche Bewegung gut für die Gesundheit ist.

Ich denke, dass wir einen Punkt erreichen werden, an dem die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung erkennt, dass mentale Übungen wichtig sind für unsere geistige Gesundheit und für das menschliche Wohlergehen und unsere Entfaltung. Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der Meditation zur Alltagspraxis gehört und in unseren Schulen, in unserer Bildung und in der Arbeitswelt umgesetzt wird. Für die meisten Menschen würde es Teil ihres alltäglichen Lebens werden. Ich denke, die Welt wird ein anderer Ort sein, wenn das passiert.

Herr Davidson, vielen Dank für das Interview.  

Davidson: Sehr gerne, vielen Dank Ihnen!

Das Interview mit Richard J. Davidson fand anlässlich des ersten Forums für den Wandel der Edith-Haberland-Wagner Stiftung am 19. März 2019 in München statt. Mehr zum Bericht über den Vortrag: www.ehw-stiftung.de/projekte/forum-fuer-den-wandel/

Buchtipp:

Daniel Golman and Richard J. Davidson: Altered Traits. Science Reveals How Meditation Changes Your Mind, Brain, and Body, TB, Random House, New York 2019

Richard J. Davidson ist Professor für Psychologie und Psychatrie sowie Gründer und Direktor des „Center of Healthy Minds an der Universität von Wisconsin-Madison. Er gilt als renommierter Gehirnforscher und Pionier auf dem Gebiet der Achtsamkeit. Seine Forschung fokussiert sich auf die neuronalen Grundlagen von Emotionen und Methoden wie Meditation, die das Wohlbefinden fördern. Sie belegt, dass sich mentales, emotionales und körperliches Wohlbefinden durch mentales Training trainieren lassen.
Mehr: www.richardjdavidson.com; www.centerhealthyminds.org; www.go.wisc.edu/kindnesscurriculum