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Mensch sein in der modernen Arbeitswelt

Achtsamkeitstrend in Unternehmen

Arbeitnehmer leiden zunehmend unter der wachsenden Beschleunigung der globalen Arbeitswelt. Google und SAP motivieren ihre Mitarbeiter zu Achtsamkeitstrainings. Doch viele Unternehmen bleiben skeptisch. Die Fachtagung Achtsamkeit am Arbeitsplatz 2017 vermittelte neue Erkenntnisse.

 

Führt der neue Achtsamkeitshype in Unternehmen nun zur Leistungssteigerung oder ist er eine Gegenbewegung zum steigenden Druck in der Arbeitswelt? So jedenfalls thematisierte der Spiegel1 vor einiger Zeit die kontroverse Fragestellung.

Fakt ist, dass die Herausforderungen am Arbeitsplatz zunehmen: Führungskräfte und Mitarbeiter bewältigen kaum noch die täglich wachsende E-Mail-Flut. Überfordert hetzen sie ohne Pausen von Termin zu Termin. Konflikte am Arbeitsplatz steigen an und die Work-Life-Balance gerät ins Wanken.

Das Mantra der heutigen Zeit lautet: „Ich habe keine Zeit zum Innehalten“, so Rüdiger Standhardt, Leiter des Forums Achtsamkeit in Gießen. Hier wurden bereits 1.500 Dozenten in achtsamkeitsbasierten Verfahren, u. a. auch im „Training Achtsamkeit am Arbeitsplatz (TAA)“ ausgebildet.

Zur 5. Fachtagung „Achtsamkeit am Arbeitsplatz“ lud Standdhardt namhafte Vorreiter der Achtsamkeitsbewegung in Unternehmen ein. Seinem Verständnis nach unterstützt die achtsame Persönlichkeitsentwicklung eine humane Wirtschaftsethik.

Wollen Initiatoren zögerliche Firmenchefs und Mitarbeiter von der Sinnhaftigkeit von Achtsamkeitstrainings überzeugen und zur Teilnahme inspirieren, vermitteln sie dazu gerne Zahlen, Daten, Fakten. Die liefert heute die Neurowissenschaft.

Dr. Britta Hölzel, renommierte Neuropsychologin, referierte dazu den Stand der Forschung. Sie warnte jedoch vor einer Überschätzung der positiven Befunde durch die bisherigen wissenschaftlichen Studien. Hölzel: „Die Datenlage ist noch nicht so überzeugend. Es handelt sich häufig um mittlere Effektstärken.“

Als gut bestätigt hingegen gelte der Nutzen der Achtsamkeitspraxis als Gesundheitsprophylaxe in Bezug auf: Wohlbefinden, Verminderung von Stress, depressiven Verstimmungen und Schmerz.

Meditierende können Störreize ausblenden

Eine neue Studie bestätige: weniger Krankheitstage durch Achtsamkeitsprogramme am Arbeitsplatz. Neben einer erhöhten Emotions- und Selbstregulationsfähigkeit sei besonders die Aufmerksamkeitsregulation unterstützend, um die Präsenz bei zunehmender Reiz- und Informationsüberflutung zu schulen.

Dank der Neuroplastizität des Gehirns, der Fähigkeit, sich den laufenden Veränderungen anzupassen, könnten Meditierende Störreize besser ausblenden als jene, die nicht praktizieren. Das sei besonders hilfreich bei der Arbeit im Großraumbüro oder um bei Ablenkungen den roten Faden im Gespräch zu behalten.

Während Langzeitstress Kreativität blockiere, fördere Achtsamkeit das Selbstgewahrsein sowie die Problemlösefähigkeit und helfe, eingefahrene Denkmuster loszulassen. Hölzels Fazit: „Positive Effekte werden nur erzielt, wenn die Achtsamkeitspraxis langfristig aufrechterhalten und ins Leben integriert wird.“

Die Befunde seien vielversprechend hinsichtlich der Relevanz für Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft. Doch, so Hölzel, einschränkend: „Das Leistungsdenken steckt uns noch tief in den Knochen.“

Die Fachtagung präsentierte ermutigende Projekte. So berichtete Chris Tamdjidi, Geschäftsführer der Kalapa Academy in Köln, von seinen Erfahrungen, Achtsamkeit in den Firmenalltag und in Führungskräftetrainings zu integrieren. Tamdjidi arbeitet hier eng mit Forschungsinstituten zusammen.

In allen Trainings der Kalapa Academy werden Forschungsinstrumente eingesetzt – teilweise PC-gestützte Tests, Fragebögen und eine eigens entwickelte App – und wissenschaftlich ausgewertet, um ein individuelles Feedback über die Wirksamkeit des Trainings zu vermitteln. „Manchmal gibt es auch keine Effekte.“ Da sei Ehrlichkeit das Gebot der Stunde.

Der studierte Physiker arbeitet vorwiegend in Technologieunternehmen, in denen ein intensives Tempo vorherrscht. Hier hat die Zahl der E-Mails in den letzten Jahren um rund 50 Prozent zugenommen. „Wichtig ist angesichts der hohen Anforderung an Genauigkeit bei gleichzeitiger Fragmentierung der Umgang mit Unsicherheit und Vergänglichkeit“, so Tamdjidi.

Führungskräfte oft nicht präsent

Führungskräfte seien oft nicht präsent, eingeengt in ihrer Wahrnehmung und häufig fehle die Fähigkeit zu reflektieren. In seinen Trainings arbeitet Tamdjidi oft mit Ingenieuren im Automobilbereich oder im Flugzeugbereich zusammen. Die Eigenverantwortung und Selbststeuerung steige, wenn er z.B. Führungskräften die Daten über ihre Herzraten zurückspiegele. Über die Akzeptanz seiner Schulung: „Wenn das Alphatier im Raum sagt, das ist gut, machen die anderen Führungskräfte auch mit.“

Referenten: Dr. Britta Hölzel, Rüdiger Standhardt, Justus Ludwig, Andreas Mohr, Angelika von der Assen, Chris Tamdjidi (Foto: Henning Löhmer)

Referenten: Dr. Britta Hölzel, Rüdiger Standhardt, Justus Ludwig, Andreas Mohr, Angelika von der Assen, Chris Tamdjidi (Foto: Henning Löhmer)

Tamdjidis Fazit über seine Achtsamkeitsschulungen: „Im Kern geht es darum, was es heißt, Mensch zu sein in der modernen Arbeitswelt.“ Wichtig ist aus seiner Erfahrung im Unternehmenskontext, Verhalten und Gewohnheitsmuster nicht nur individuell zu verändern, sondern Veränderungen auch durch Firmenrituale im Gruppenverhalten zu etablieren.

 


Teamrituale stärken Effekte

„Stärkere Effekte gibt es mit einer Intervention bei Teams“, so Tamdjidi. Erhöht wird die Langzeitwirkung durch virtuelle Peergroups im Anschluss an die Intervention. Ein guter Weg sei es, dem Team psychologische Sicherheit zu vermitteln und durch Gruppenrituale im Zuhören die Achtsamkeit langfristig zu verankern. Tamdjidi: „Teamrituale verstärken nachhaltige Effekte.“

Eine Möglichkeit sei es, etwa einstündige Meetings auf 45 Minuten zu verkürzen und 15 Minuten-Pausen einzuführen. Durch Offsite-Tage und Inhouse-Schulungen werden kollektive Intelligenz, Kreativität und Innovationsbereitschaft geschult, und die Teilnehmer über kognitive Geistesöffnung und das Verstehen der Wirkmechanismen ins Spüren gebracht. Der Aufbau von neuen Gewohnheiten soll so nachhaltig die Atmosphäre im Unternehmensalltag zum Positiven verändern.

Mit Search Inside Yourself gegen die VUCA-Welt

Führungskräfte stehen vor immer größeren Herausforderungen, wenn es gilt, in der wachsenden Komplexität und Ambiguität der „VUCA-Welt“2 erfolgreich zu sein. Im Silicon Valley gilt dies schon lang. So ist es kein Zufall, dass gerade dort, und zwar bei Google, schon 2007 das vielleicht weltweit bekannteste und erfolgreichste Achtsamkeitsprogramm der Businesswelt „Search Inside Yourself“ (SIY) – entwickelt wurde. Dieses Programm wird nun auch in deutschsprachigen Unternehmen angeboten.

Angelika von der Assen, eine der wenigen zertifizierten SIY-Trainerinnen, zeigte auf, was dieses Programm aus ihrer Sicht für die Businesswelt so wertvoll macht. Sie ist als Führungskräftetrainerin des größten Schweizer Energieversorgers AXPO mit global rund 30 Unternehmen tätig. Dort vermittelt sie nach langjährigem Eigenengagement heute nicht nur das SIY-Programm erfolgreich, sondern hat auch das Tool  für das „Training Achtsamkeit am Arbeitsplatz (TAA) “ ins Ausbildungsprogramm übernommen.

Anschaulich berichtete die Zen-Praktizierende über Ihre einjährige Ausbildung als SIY-Trainerin in den USA und Chade-Meng Tan, den Begründer des Programms und Autor des gleichnamigen Bestsellerbuches „Search Inside Yourself“. Dessen Intention war es, einen Perspektivwechsel in der Businesswelt vorzunehmen, um den Planeten nicht an die Wand zu fahren, nach dem Motto: „Richte die Suchmaschine nach innen statt nach außen.“

Da Mitarbeiter manchmal Mühe hätten, sich zu outen, hängen vor dem Meditationsraum im AXPO-Unternehmen motivierende Plakate mit der Aufschrift: „Meditieren bei AXPO? Ja klar, Google, SAP, … tun es auch.“ Angelika von der Assen: „Auch das Thema Selbstfürsorge stößt bei Führungskräften immer noch auf Widerstand. Es gibt immer noch sehr viel Abwehr, wenn ich Gesundheitsmanagement für Führungskräfte anbiete.“

Lange Warteliste bei SAP

Auch Andreas Mohr ist interner SIY-Trainer und Business-Coach im Software-Unternehmen SAP mit weltweit 84.000 Mitarbeitern. Während einer persönlichen Krise war er auf das achtsamkeitsbasierte MBSR-Programm gestoßen und ist seit Beginn im Kernteam der SAP Global Mindfulness Practice aktiv. Gestartet hatte er mit einer Graswurzelinitiative 2012 gemeinsam mit drei Kollegen. Die Frage lautete: „Wie können wir Achtsamkeit zu SAP bringen?“

Seine positive Bilanz heute: 4.000 Mitarbeiter wurden bisher im SIY-Programm geschult. 5.000 Mitarbeiter stehen auf der Warteliste. „Wir kommen nicht hinterher“, so Mohr. Am eigenen Standort bei Heidelberg wird derzeit ein Raum der Stille ausgebaut. Um die Akzeptanz von achtsamkeitsbasierten Programmen in der Unternehmenswelt zu erhöhen, sei es beim Marketing wichtig, auf die Kommunikationssprache zu achten. So bezeichne man wohlweislich die „Liebende Güte-Meditation“ als „Freundlichkeitsmeditation“.

Blockaden in der Akzeptanz bei Mitarbeitern werden auch umschifft, indem man säkular bleibe, religiöse und spirituelle Anklänge vermeide und den Fokus nicht mit Stressreduktion auf Defizite, sondern auf Potenzialerweiterung lege. Hiermit bestätigte er auch die Ausführungen von Frau von Assen. Unterstützung finde man bei Top-Managern auch durch das SIY-Leadership Institute.

Achtsamkeitsschulungen werden bei SAP immer populärer. Jedes Jahr führt SAP Mitarbeiterbefragungen durch. Alle Werte bei der Vermittlung von Sinn, Fokus und Kreativität seien angestiegen. „Die Verbesserung steigt laufend mit der Länge und Dauer der Achtsamkeitspraxis“, so Mohr. Die Folge sei, dass TOP-Manager nach erfolgreichen Pilot-Projekten und Auswertungen immer mehr Trainings und Teachertrainings bewilligen.

Virtuelle Meditation für die Kollegen in Indien

Auf sehr positive Resonanz stoßen virtuelle Angebote. So leite er virtuelle Meditation für die Kollegen in Indien morgens an, während er sie abends für amerikanische Kollegen anbiete. Achtsames Mittagessen sei genauso üblich wie achtsames Gehen nach dem Essen. Die virtuelle Gemeinschaft Global Mindfulness Practice wächst, und derzeit werden 5.000 Klicks pro Monat auf der Website verzeichnet.

SAP führt im Moment das umfangreichste Achtsamkeitstraining von allen Firmen durch und die SIY-Schulung ist derzeit die begehrteste Schulung.  Der Achtsamkeitshype ist offensichtlich ansteckend. „Diese Woche unterrichten wir das erste Mal bei Kunden. Der Kulturwandel hat angefangen“, so Mohr.

Michaela Doepke

Das Forum Achtsamkeit und die Bildungsakademie des Landessportbundes Hessen luden zur 5. Fachtagung Achtsamkeit am Arbeitsplatz am 27. April nach Frankfurt am Main ein. Die 6. Fachtagung Achtsamkeit am Arbeitsplatz findet am 12. April 2018 in Frankfurt statt.
Mehr: www.forumachtsamkeit.de

Anmerkungen:
1) Spiegel, Nr. 52/23.12.2016
2) VUCA ist ein Begriff aus dem Militär und bezeichnet eine komplexe und mehrdeutige Welt, die permanent im Wandel ist. VUCA steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity.

 

 

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