Valentia Petrov/ shutterstock.com
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Mit Assad reden? Was sonst!

Ein Plädoyer für den Dialog

Wie viele verheerende Konflikte brauchen wir noch, um zu begreifen, dass wir Aggression und Vermeidung nicht weiterkommen – nicht bei Assad, Putin und auch nicht im persönlichen Umfeld. Autorin Antje Boijens plädiert dafür, durch das Gespräch mit Gegnern die Beziehung wieder aufzunehmen.

 

Jedes Mal, wenn ich zum Kiosk geht, treffe ich ihn. Nennen wir ihn Murat. Er steht da, Sommer wie Winter, als würde er genau dahin gehören. Er ist türkischer Herkunft und hat den Anschluss hier nicht geschafft. In der Schule würde man sagen, sein Deutsch sei schlecht.

Gemeinsam sind wir Meister für das Wesentliche geworden. Neulich hat Murat mich gefragt, was ich von Putin’s Politik halte. Einen Moment hab ich innegehalten. Er sagt „Putin“ – und nicht etwa „die Russen“. Dann entgegne ich: „Das wird schlecht ausgehen.“ Murat nickt, sein Gesicht ist düster. Ja, sagt er und dann nichts mehr. Dann klopft er mir freundlich auf die Schulter.

Auf dem Weg nach Hause wundere ich mich. Was habe ich gesagt? Warum bin ich mir so sicher? Aber ich bin mir sicher, wenn ich an Putin denke, an seine Machtpolitik, seinen Geheimdienst-Hintergrund, seine Pläne. Die Situation in Russland verfolge ich mit großem Interesse. Heute kann man in Svetlana Alexejewitschs „Secondhand Zeit“ lesen, welches Ausmaß die Zerstörung von Identität beim Einzelnen angenommen hat, die die gesellschaftlichen Entwicklungen in Russland und insbesondere das autoritäre Regime Putins hinterlassen haben.

Murat sucht mit mir immer wieder das Gespräch über Politik, im Gegensatz zu anderen, eher gebildeten Zeitgenossen aus meinem Umfeld. Denen scheint das Thema Politik eher auf die Nerven zu gehen. Auf Gesprächsangebote reagieren sie mit immer gleichen Formeln:  „Was können wir schon tun“, „Ich kann’s nicht mehr hören“ und „Hat sowieso kein’ Sinn“.

Im Urlaub habe ich den freundlichen deutschen Tischnachbarn das Frühstück verdorben. Der Politik-Smalltalk landete nach zwei Sätzen bei „Was können wir schon tun“ und nach weiteren zwei Sätzen von mir folgte Stille.„Hat sowieso kein Sinn“.

Bad things happen, because good people do nothing

Es ist genau dieser fatale Hang zur Vermeidung, unsere Sprachlosigkeit gegenüber kaltblütigen Machtstrategien, die fatal sind. Für Vietnam sind wir noch auf die Straße gegangen. Seitdem flüchten wir in die Machtlosigkeitseinrede. Ähnlich äußerte sich auch Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz unlängst im Deutschlandfunk. Zur aktuellen Situation habe der Westen „durch kollektives Wegschauen und Nichthandeln“ beigetragen.

Daraus zieht er aber nicht den Schluss, dass dann eben nichts zu machen ist. Ganz im Gegenteil: „Natürlich ist Assad der derzeitige Präsident, auch wenn er nur einen immer kleiner werdenden Teil seines Landes unter Kontrolle hat. Und natürlich muss man auch mit diesem Regime reden. Aber wer glaubt, dass man durch Unterstützung Assads den Islamischen Staat bekämpfen kann, der zäumt das Pferd von hinten auf. Denn erstens hat Assad viel, viel, viel mehr Tote auf dem Gewissen als der Islamische Staat, und zweitens hat er durch das brutale Vorgehen in diesem Bürgerkrieg den Islamischen Staat und andere extremistische Gruppen ja überhaupt erst auf den Plan gerufen. Ich glaube, wir brauchen ein intensives Gespräch, um hier eine gemeinsame Linie zu entwickeln. Das wird schwierig sein, aber ohne Moskau wird es nicht gehen.“

Vermeidung und Angst sind Verbündete

Langzeitstudien zur Resilienz zeigen, dass Vermeidung und Angst enge Verbündete sind. Vermeidung schafft überhaupt erst Angst und nährt Gefühle von Hilflosigkeit. In Deeskalationstrainings lernt man die aggressive Seite der Vermeidung kennen. Die Lust auf aggressive Gegenschläge wächst direkt proportional mit dem Ausmaß der Kontaktvermeidung in Bezug auf den sog. Gegner, der nichts anderes als ein Mitmensch ist.

Deswegen lernt man in den Trainings, wie wichtig es ist, bei Auseinandersetzungen auf aggressive Mitmenschen zuzugehen. Die meisten wissen aber nicht wie oder sie trauen sich nicht. Deswegen vermeiden sie lieber. Letzten Endes, so die Forschung, ist es eine Typfrage, ob Sie Konfliktvermeider oder Aggressor sind. Seinen Typ kann man allerdings entwickeln.

Natürlich hat jeder seine Gründe für die Vermeidung, besonders im Nachhinein. Vermeidung ist immer gerahmt von Rationalisierungen. Gutes Beispiel ist die Aussage, man solle das Gespräch mit Assad meiden, weil er ein Mörder und Verbrecher sei. Das ist die erste der typischen Standardrationalisierungen für das Vermeiden: „Die Anderen sind so böse. Mit denen darf man gar nicht reden !“- Wie „böse“ wir sind oder waren, das vermeiden wir damit auch. Moralische Kategorien sind hier einfach nicht hilfreich.

Gleichzeitig haben wir es hier mit der Überhöhung des Bösen zu tun, mit dem unüberwindbaren Bösen. Dafür ist natürlich wieder allein der Gegner verantwortlich , die Interdependenz in der Eskalationsspirale nimmt man nicht war. Meist sagen das genau diejenigen, die zur Konfliktregelung nach dem big brother rufen (aus Russland/ aus Amerika). Vermeider rufen nach Aggressoren. Doch seit wann ist irgendein Böses oder auch irgendeine Herrschaftsform unüberwindbar? Ich kenne nichts, was bleibt, und kein Terrorregime, das nicht irgendwann zerfallen wäre.

Standardrationalisierung Nr 2: „Bei denen bringt Reden nichts.“- Heißt: die Anderen sind zu keiner Einsicht in der Lage. Kann schon sein, aber so lange es nicht getan wird, bleibt es eine Hypothese und man redet sich einfach aus der Verantwortung. Obendrein ist es meist nichts weiter als ein weiterer Legitimationsschritt, um selbst zu Bomben und schwerem Gerät zu greifen und damit zu Nr. 3 überzugehen: „Die haben’s verdient“! Jetzt ist man nur noch Vollstrecker des Unausweichlichen und hat damit eine natürliche Legitimation und Lizenz zum Töten.

Das Desaster beginnt in den Köpfen

Wie viele verheerende Konflikte brauchen wir noch, um endlich zu begreifen, dass Konfliktsituationen so nicht zu bewältigen sind. Wann begreifen wir, dass das Desaster zuerst in unseren Köpfen beginnt? Mit dem ganz normalen Denken.

Konflikte, so Friedrich Glasl, einer der Altmeister der Friedens- und Konfliktforschung, basieren auf kulturell angeeigneten Denkmodellen, Zuschreibungen und Ablaufschemata. In einer Stammeskultur konnten wir es vielleicht nicht anders, als es zuzulassen. Aber Tribalismus als Lösung im komplexen Feld der globalen Politik des 21. Jahrhunderts?

Wir könnten vielleicht fruchtbarer reden und verhandeln, wenn wir uns den kulturellen Tiefenstrukturen zuwenden würden, die jeden Konflikt bewusst und vor allem unbewusst dominieren. Erkennbar zum Beispiel in unserer Tendenz, im Konflikt sofort zwischen „ICH/WIR“ und „DIE“ zu trennen, polare Perspektiven einzunehmen, statt das große Bild zu sehen. Ob in der Familie, am Arbeitsplatz, in Randgebieten der Städte oder in Syrien: Wo am Anfang Auseinandersetzungen und Spannungen standen, steht am Ende die Zerstörung und das Bewusstsein „Gemeinsam in den Untergang“.

So in etwa dürften es Dschihadisten und Terroristen fühlen, wenn sie ihre Zündschnüre ziehen, nur, dass sie den Untergang ihr Paradies nennen. Auch ihre Motivation lässt sich mit dem polaren Modell des kulturellen Tiefensyndroms abbilden: „WIR“ und „DIE“ verbindet man einfach mit den Werturteilen (absolut) gut und (absolut) schlecht.

Dass es das in der Wirklichkeit nicht gibt, „vergessen“ wir im Konflikt einfach. Schlussendlich gesellt sich zu diesem fatalen Denken die tief verwurzelte Vorstellung vom Armageddon, als gäbe es zur Klärung des Konflikts nur ein Mittel, nämlich in die letzte Schlacht zu ziehen. Und dann? Was kommt nach den Bomben? Gibt es zum Reden, hier und jetzt, überhaupt eine Alternative?

Die Wahrheit eines Konflikts ergründen

Zuallererst muss man also mit denen reden, die in Molenbeek und anderswo ihre irre Version des Weltfriedens verbreiten – und ebenso mit Assad, mit Putin, den Pegida-Leuten, den gewaltbereiten Bürgern von Geldersmalden und all den anderen, die nur in der Aggression einen Fortschritt sehen. Leicht wird es nicht sein, aber was soll diese Überlegung angesichts der Chancen, die darin stecken, die Beziehung wieder aufzunehmen?

Auch wenn Gespräche mühselig sind – ohne Gespräche geht es nicht. Konflikte entschärfen sich nur in dem Maß, wie die Akteure des Konfliktgeschehens fähig werden, miteinander in Beziehung zu treten. Und was ist mit Drohungen, Machtpolitik, Erdogan? Damit müssen wir lernen umzugehen. Aber auch das geht nur durch Kontakt.

Egal, wie furchtbar und falsch Menschen sich verhalten und verhalten haben: Ohne ihre Geschichte und Stimmen einzubeziehen, kann es keinen dauerhaften Frieden geben. In ihrem Buch Everything is workable regt Diane Musho Hamilton, dazu an, „die Wahrheit des Konflikts“ zu ergründen. Sie fragt nach den Bruchstellen in der Entwicklung, die „geheilt“ werden müssen, statt bekämpft und verdammt.

Wie kann es sein, dass wir uns vor dieser Heilung so sehr fürchten? Wo wir doch gleichzeitig meinen, wir seien auf so vielen Ebenen, wirtschaftlich, technisch usw. schon fortgeschritten? Dazu haben wir als Deutsche doch ein gutes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, dass und wie man aktiv aus dem Desaster raus kommt. Ohne diesen Mut zur Heilung kann vielleicht der ein oder andere Brandherd ausgetreten werden, aber Frieden ist etwas anderes. Wer Frieden will, muss daher etwas tun, das anders ist.

Ich weiß natürlich: noch sind wir nicht soweit. Zu viele mögen es noch, das Weg- und Zuschauen. Zwar leicht angespannt, aber was soll man sonst tun? Außerdem ist hier alles so ruhig, so beschaulich. Der Kiosk und die paar, die sich dort regelmäßig die Beine in den Bauch stehen. Die blühenden Bäume. Die milde Frühlingssonne. Die intakten Häuser.

Es mutet fast an wie ein Stadium des Weggetreten-Seins. Carl-Gustav Jung beschreibt es so: „Denken ist schwierig. Darum urteilen die Menschen lieber“. Murat bittet mich um eine Zigarette. Er lächelt. „Du verstehst das mit Putin?“ Ich lächle zurück. „Klar. Wird wohl schief gehen.“

Antje Boijens seit 1996 selbständig tätig als Leadership-Trainerin, Coach und Moderatorin national und international; Weiterbildung in den Bereichen Coaching, Dialogbegleitung, Teamentwicklung, interkulturelle Kompetenz und Konfliktmanagement. Meditationspraxis seit 1989, Ausbildung zur MBSR-Lehrerin 2013/14.

 

 

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Ein Gedanke zu „Mit Assad reden? Was sonst!

  1. Ich würde sehr gerne glauben, dass ein Dialog möglich ist, aber ich bin sehr skeptisch. Der Theorie von Spiral Dynamics (Beck/Graves/Wilber) zufolge ist eine Kommunikation zwischen verschiedenen Entwicklungs- und damit Wertebenen kaum möglich. Wenn ich Gewalt als legitim ansehe, warum soll ich mit jemandem reden, der Gewalt ablehnt und an Dialog glaubt? Andererseits gibt es universelle menschliche Grundbedürfnisse wie die nach Sicherheit, Anerkennung etc.. Nur die Wege zur Erfüllung dieser Grundbefürfnisse sind eben sehr verschieden (und von den Grundwerten abhängig!).

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