Mit dem Frieden ernst machen

milie-lmt/ unsplash
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Das Trennende überwinden

In Friedenszeiten sind wir in der Lage zu differenzieren, doch im Krieg verengt sich unser Blick, wir sehen nur noch schwarz-weiß. Autor und Zen-Übender Sven Precht warnt vor Polarisierung und ruft zu einer echten Friedenspraxis auf: Nur wenn wir das Trennende überwinden, kann Frieden gedeihen. Fangen wir jetzt damit an.

Im Krieg sterben Menschen. Im Krieg fallen Schüsse und werden Bomben geworfen. Im Krieg werden Städte zerstört und Menschen getötet. Die brutale Realität eines echten Kriegs konnten sich in Europa die wenigsten Menschen vorstellen. Bis vor einigen Tagen.

Es hat immer Scharmützel gegeben. Sogar an den Rändern Europas. Und wir haben das schweigend hingenommen. Will sagen: Die meisten der in Europa lebenden Menschen haben das schweigend hingenommen. Andere haben Petitionen unterschrieben oder sind auf Demos mitgelaufen. Geändert hat sich wenig.

Der Krieg fand in der Ferne statt. Wir waren nicht unmittelbar betroffen. Aber das ändert sich gerade. Die brutale Realität des Krieges wird langsam, aber sicher zu unserer eigenen Realität. Noch fallen keine Bomben auf Polen, Frankreich, England, Spanien, Italien oder Deutschland. Doch die Einschläge kommen spürbar näher.

Und wir haben auch schon einen Aggressor ausgemacht, den wir verantwortlich machen für all das Leid, für die vielen Toten, für die geflüchteten und flüchtenden Menschen. Wir haben diesem Aggressor einen Namen und ein Gesicht gegeben.

Doch ich bezweifle, dass wir damit der Komplexität dessen gerecht werden, was gerade geschieht. In einem Kinofilm können wir mit ausgemachten Bösewichtern arbeiten. In der Realität sind es selten einzelne Menschen, die für das Leiden von Hunderttausenden von Menschen alleine verantwortlich sind.

Ich plädiere dafür, genauer hinzuschauen. Die Expertinnen und Experten tun das bereits. Größtenteils. Doch auch die Laien, die Nicht-Experten, müssen ein Bewusstsein für die Komplexität entwickeln. Sonst sind die Schlüsse, die wir aus den Bildern im Internet und Fernsehen ziehen, einseitig, falsch und sogar gefährlich.

Emotionen wühlen auf

Es steht außer Frage, dass uns die Bilder und Nachrichten aufwühlen. Wir müssten schon aus Stein sein, wenn wir reglos mit ansehen könnten, wie Frauen und Kinder nach einer tagelangen Irrfahrt erschöpft auf einem unserer Bahnhöfe ankommen und keine Ahnung haben, wie es für sie weiter gehen soll.

Ihre Dörfer und Städte sind teilweise komplett zerstört, ihre Männer und Söhne mussten oder wollten in der Heimat zurückbleiben, um Widerstand zu leisten. Wir hören Kinder schreien, sehen in Gesichter, die bleich und ausgezehrt scheinen. Wir sehen die Angst in den Blicken der Menschen.

Und nicht selten verspüren wir einen Impuls, jetzt – gerade jetzt etwas zu tun. Zur Waffe zu greifen und in die Ukraine zu fahren. Zu kämpfen. Oder unser eigenes Militär – die Truppen der Nato in diese Kriegsgebiete zu schicken.

Es fällt so schwer, nichts tun zu können und einfach immer nur weiter diese Bilder und Nachrichten zu konsumieren. Unsere Emotionen suchen überdies nach Schuldigen, nach dem einen Schuldigen, den wir schnell ausgemacht haben. Und an diese Adresse richten wir unsere heftigsten Emotionen. Wir haben einen Feind ausgemacht, einen Dämon, einen Teufel – den Teufel in Person. Den Teufel und seine Sippe. Vorsicht!

Verengung auf Freund und Feind

In Friedenszeiten gibt es viele Schattierungen und Übergänge. In Friedenszeiten haben wir die Möglichkeit, das Leben in seiner ganzen Bandbreite zu erfahren. In den Zeiten des Krieges verengt sich unweigerlich unser Fokus. Aus den vielen Grautönen wird schnell ein Schwarz-und-Weiß.

Die europäischen Länder stehen heute selten vereint dem Aggressor Russland gegenüber. Alle Streitigkeiten zwischen Polen, Ungarn und den westlichen Staaten scheinen vergeben und vergessen zu sein. Im Krieg gilt es, eng zusammen zu stehen – im Angesicht einer existenziellen Gefahr.

Das aber bedeutet auch: Wir haben das Konzert der vielen Stimmen auf ein Konzert von Freund und Feind reduziert. Russland, Belarus, Serbien und Syrien stehen auf der anderen Seite, auf der Seite des Bösen. China und Ungarn müssen sich noch entscheiden.

Fast alle anderen Nationen stehen eng beieinander und zeigen Solidarität. Ich muss sagen: So rührend die Solidarität unter heterogenen Partnern auch ist: Es bleiben doch viele Details und Zusammenhänge auf der Strecke.

Die Falle der Polarisierung

Ein Krieg fordert Opfer. Menschenleben werden geopfert, unzählige Menschenleben, großenteils sinnlos. Häuser und Straßen, medizinische Einrichtungen sowie die Infrastruktur für unser ziviles Leben werden gewollt oder ungewollt zerstört. Und wir beklagen den Verlust von Wahrheit, von Objektivität, von Überparteilichkeit und Vernunft.

Der Krieg lässt niemanden kalt und stellt uns, unserem Denken und Urteilen eine Falle. Wir tappen in die Falle, eben weil wir ein Herz haben, weil wir mitfühlend sind und uns von unseren Gefühlen mitreißen lassen. Wir tappen in die Falle des Schwarz-und-Weiß-Denkens, des Kastendenkens, des Polarisierens und Anklagens.

Das ist auf der einen Seite allzu menschlich. Auf der anderen Seite behindern wir uns aber selbst daran, einen Ausweg aus dem Leiden, ein Ende von Kampf und Krieg zu finden. Denn ein Gegner, ein Feind steht uns nicht mehr gleichberechtigt, gleichwertig gegenüber. Im Gegenteil.

Gerade in Zeiten des Krieges werten wir auf eine ebenso brutale Weise. Der Feind wird als ein Monster hingestellt, mit dem sich nicht verhandeln lasse. Der Feind steht als notorischer Lügner und Wortbrecher, als Feind der Menschlichkeit da. Auf beiden Seiten, wohlgemerkt.

Es ist richtig, dass die russischen Streitkräfte ab 2015 in Syrien gezielt auch Krankenhäuser bombardiert und sogar zerstört haben. Das ist alles belegt. Doch wir dürfen nicht vergessen: Auf der anderen Seite stehen ebenfalls Menschen, die vielleicht Fehler gemacht haben und viel zu weit gegangen sind – aber immer noch Menschen sind.

In Kriegszeiten mache ich mich mit solchen Einwänden fast schon strafbar. Und das ist das Problem – die Falle. In Zeiten des Krieges können wir nicht mehr objektiv und gerecht denken und handeln. Das sollte uns allen bewusst sein.

Folgen und Tragweite des Krieges

Ein Krieg hinterlässt Spuren. Tiefe Spuren in der Seele jedes einzelnen Menschen. Und Spuren in den nachfolgenden Generationen. Nicht ohne Grund arbeiten wir seit Jahrzehnten daran, den Krieg endgültig aus der Welt zu bringen. Allerdings ohne nachhaltigen Erfolg.

Der Krieg ist wie das Unkraut im Garten. Wenn wir einen Augenblick nicht Acht geben, also im übertragenen Sinn, steht er wieder auf. Und die Folgen eines Krieges sind gar nicht absehbar.

Ich habe diese Tage einen unseren Nachbarn, einen Deutschrussen gefragt, wie es seiner Familie und ihm mit den aktuellen Nachrichten so geht. Er nahm gleich eine andere Körperhaltung ein und wirkte verlegen, bedrückt. Er sprach davon, dass sie den allgemeinen Russenhass spüren könnten.

Ich versuchte dagegen zu halten, doch er wollte das Gespräch, das von meiner Seite wohlwollend gemeint war, nicht mehr weiterführen. Der Schatten des Krieges hatte sich auch bereits über uns gelegt. Obwohl wir keinerlei feindliche Absichten gegeneinander hegten und hegen.

Ich haben keine Feinde

Ich möchte jetzt über meine Praxis sprechen. Ich praktiziere Zen-Meditation, fühle mich aber in vielen unterschiedlichen Traditionen zuhause. Das Zen ist eine überkonfessionelle Praxis, die von Buddhisten und Taoisten, von Juden, Christen und Muslimen, von Hindus sowie von Agnostikern und Nonkreationisten gleichermaßen geübt werden kann.

Ich muss sagen: Das gefällt mir ungemein. Ich bin ein einfacher Zen-Schüler und übe täglich, sogar mehrmals täglich, indem ich mich hinsetze oder eine Wanderung unternehme und in mich gehe. In der eigenen Praxis habe ich zwei Dinge erfahren, die für dieses Thema relevant sind: Meine Praxis – die Praxis von vielen Tausend und Hunderttausend Menschen ist wesentlich eine Friedenspraxis.

Und: Ich habe keine Feinde. Es gibt Menschen, deren Nähe ich nicht unbedingt suche. Es gibt Menschen, die mir auf die Nerven gehen. Doch ich habe keine Feinde. Grundsätzlich. Das ist gewissermaßen meine eigene Messlatte.

Es gibt Tage, an denen ich meinen eigenen Vorgaben nicht immer gerecht werde. Ich bin halt ein Mensch. Doch ich habe Erfahrungen mit der Qualität des Mitgefühls gemacht, die eine Feindschaft mit anderen Menschen, mit anderen fühlenden Wesen grundsätzlich und dauerhaft ausschließen. Selbst ein Wladimir Putin, selbst ein Xi Jinping, selbst ein Donald Trump – um stellvertretend nur drei männliche Vertreter zu nennen – ist nicht mein Feind.

Diese Menschen sind nicht vom Bösen ergriffen oder gar selbst böse. Diese Menschen haben sich vielmehr von sich selbst, von ihrem wahren Selbst entfernt und entfremdet. Oder wie Jesus im Matthäus-Evangelium so treffend ausrief: “Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!”

Es geht um das Thema Unwissenheit, um Verblendung, um die Folgen eines fehlgeleiteten, ideologisierten Denkens, das für die Belange der Außenwelt nicht mehr wirklich empfänglich ist. In meiner – in unserer Praxis möchte ich sagen – geht es vornehmlich darum, durchlässig zu werden, empfänglich zu werden und das eigene Denken, die Beschränktheit des eigenen Denkens, die eigene Konditionierung zu durchschauen und zu durchbrechen.

In dieser Praxis geht es darum, alles Trennende aus dem Weg zu räumen oder abzuschmelzen. Dahinter steckt eine Idee oder sogar eine Utopie: Wenn es zwischen uns Menschen nichts Trennendes mehr gibt, dann herrscht echter Frieden. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt.

Frieden ist ein Gemütszustand

Der Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg. Nur weil die Waffen schweigen, die ballistischen und die verbalen Waffen, herrscht noch lange kein Frieden. Frieden ist mehr als Waffenstillstand. Frieden ist ein Gemütszustand, ein Zustand unseres Geistes.

Im Frieden hege ich keinerlei feindliche Absichten gegen den Anderen. Im Frieden urteile ich auch nicht über einen anderen Menschen im Sinne von Verurteilen. Im Friede ergreife ich nicht Partei gegen einen anderen Menschen, sondern ausdrücklich immer für einen anderen Menschen.

Das erscheint vielen Zeitgenossen unvorstellbar und geradezu unrealistisch. Und in diesen rauen Zeiten eines neuerlichen handfesten Krieges tun wir uns schwer damit. Das ist alles keine Frage. Gleichwohl: Die Forderung bleibt bestehen.

Wenn wir nicht das menschliche Leben und überhaupt alles Leben auf diesem Planeten auslöschen wollen – wenn wir nicht immer nur kämpfen und uns gegenseitig aus dem Weg räumen, sondern unser Leben in seiner ganzen Tiefe und Schönheit auskosten, genießen wollen: dann müssen wir mit dem Gedanken des Friedens ernst machen.

Im Frieden herrscht nicht Schwarz und Weiß, sondern es gibt viele – zahllose Farben und Farbtöne. Der Frieden macht eben nicht alles gleich, sondern respektiert und feiert sogar die Unterschiede.

Foto: privat

Sven Precht hat Philosophie und Literatur studiert und ganz unterschiedliche Berufe und Tätigkeiten ausgeübt: Redakteur (Zeitschriften, Online-Portale) , Autor, Projektleiter, IT-Sicherheitsbeauftragter, Technischer Redakteur, Podcaster (!auf ZENdung!). Er praktiziert formale Zen-Meditation seit 19 Jahren und leitet eine Zen-Gruppe in Ravensburg. Seine Themenschwerpunkte sind Deutscher Idealismus, fernöstliche und indische Kultur und Philosophie, Lyrik und Musik, Naturwissenschaften sowie Sprachen.

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