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Mit der Kraft des Wir die Demokratie stärken

Kevin Hackert/ Shutterstock
Kevin Hackert/ Shutterstock

 

Was die Demos gegen rechts bewirken

Lange hat die Mehrheit der Gesellschaft zum Rechtspopulismus geschwiegen. Jetzt ist die Zivilgesellschaft aufgewacht. Die Philosophin Ina Schmidt erklärt, warum es so kraftvoll ist, gemeinsam für den Schutz der Demokratie auf die Straße zu gehen. Das Politische ist nur im Zwischenmenschlichen zu finden.

Es sind Hunderttausende, die im Januar 2024 überall in Deutschland gegen den Rechtsextremismus auf die Straße gehen. In großen wie kleinen Städten geschieht ein „demokratisches Wunder“, wie es am 21.1. 2024 in der ZEIT zu lesen ist. Die Protestierenden stellen sich gegen Demokratiefeindlichkeit, Rassismus und die ausgrenzende Politik der AfD, die mit Fantasien von „Remigration“ unliebsamer Staatsbürger in die Schlagzeilen geriet.

Wer ist dieses „Wir“ auf der Straße? Es ist ein bunt gemischtes Wir aus Menschen unterschiedlicher Generationen, kultureller Hintergründe und Zugehörigkeiten, ein Bündnis über Parteigrenzen, Kirchen und Religionen hinweg.

Die Gemeinschaft, die spür- und erlebbar wird, zeichnet sich durch zweierlei aus: eine trotz aller Unterschiedlichkeit klare Haltung gegen Rassismus, Ausgrenzung und Intoleranz sowie eine ebenso klare Haltung für die Demokratie und die offene Gesellschaft. Menschen, die vorher schweigend den Kopf geschüttelt haben, schließen sich im öffentlichen Raum zusammen.

Die Kraft sozialer Energien

Darin wird eine besondere Kraft spürbar, eine Form der „sozialen Energie“, wie es der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa am 11.1.2024 (also noch vor den Protesten) in einem Essay in der ZEIT beschrieb.

Soziale Energie sei so etwas wie eine kollektive Kraft, und sie entstehe „in actu in ihrer Verausgabung“ so Rosa. Das bedeutet, diese Energie wird nur in der Bewegung, im eigenen Geben spürbar und nicht wenn man dem klassischen „Input-output“- Gedanken folgt. Es ist also keine Investition in ein gemeinsames Ziel, sondern eine „Interaktionsenergie“, die im gemeinsamen Tun erst frei werden kann.

Das ist für alle spürbar, die in einer Menschenmenge gestanden und die Stimmung trotz winterlicher Temperaturen als wärmend, friedlich und hin und wieder fast schon feierlich empfunden haben.

Etwas, das über uns selbst hinausreicht

Soziale Energie ist mit Hartmut Rosa also das, was wir erleben, wenn wir uns nicht nur berühren, sondern von etwas „anstecken“ lassen, was über uns selbst hinausreicht. Die Gewissheit, Teil von etwas zu sein, das durch die Hingabe einzelner etwas anderes, nämlich eine Gemeinschaft, eine im wahrsten Sinne des Wortes gesellschaftliche Bewegung entstehen lässt. Und diese stellt wiederum für jeden von uns Energie zur Verfügung.

Energie im psychosozialen Sinn können wir aber nicht her- oder bereitstellen. Wir dürfen daran teilhaben, wenn wir uns dafür öffnen. Rosa selbst gibt zu bedenken, dass wir hier in die Nähe zweideutiger esoterischer Denkgebilde geraten können. Daher rät er, den Begriff eher als Metapher für ein Phänomen zu sehen, das wir erleben und spüren, auch wenn wir es als Substanz nicht wirklich greifen können.

Das, was Menschen da erleben und spüren, ist die Energie eines zwischenmenschlichen Wir, das sich aus der sinnvollen Übereinstimmung mit sich und der Welt ergeben kann: Wir schauen in eine Richtung, wir nehmen eine gemeinsame Haltung ein und stellen fest, dass wir damit nicht allein sind.

Wir schaffen gemeinsam, was ich allein nicht schaffen kann

Dieses Gefühl, nicht allein zu sein, sich nicht ausgeliefert und ohnmächtig zu fühlen, weil es Mitstreiter*innen und Gleichgesinnte gibt, hat in der politischen Mitte lange gefehlt. Selbst wenn nicht klar und eindeutig ist, welche Lösungen und Handlungen zum gemeinsamen Ziel führen, hat sich mit den Demonstrationen der Fokus verlagert: weg vom Trennenden hin zum Gemeinsamen, was so viel größer ist.

Die Emotionen, die dabei wach werden, muten in aufgeklärten politischen Kreisen fast seltsam an. In der Politik geht es schließlich um Fakten, sachliche Debatten und die besseren Argumente. All dies darf ganz sicher nicht fehlen, aber es reicht nicht. Es ersetzt nicht die gemeinschaftliche Teilhabe an einer gemeinsamen Idee von dem, was wir für ein gutes Leben halten wollen.

Das gute Gefühl, Teil von etwas zu sein, ist eine politische Grundfigur und muss sich nicht auf einzelne politische Führungspersönlichkeiten beschränken, die man wählt. Auch hier geht es um eine besondere Form emotionaler Nähe, die nicht allein durch gute Argumente zu erklären ist – es ist das Erfahren von sozialer Energie.

Sich für die eigenen Vorstellungen und Werte, für eine tolerante Gesellschaft und eine zukunftsfähige Welt einzusetzen, braucht auch ein emotionales Bekenntnis, das mehr ist als eine individuelle Überzeugung. Wir schaffen gemeinsam, was ich allein nicht schaffen kann. Auch im Denken, im Aufstehen, im Dafürsein. All dies braucht beides: ein Erkennen und ein Erleben.

Das Politische gedeiht im Zwischenmenschlichen

Das bedeutet nicht, dass sich jede Großdemonstration wie ein Event der gelebten Gefühlsansteckung verliert und wir danach adrenalingeschüttelt wieder zurück aufs Sofa sinken. Nein, es bedeutet, dass wir das, was wir wissen und erkennen, in gelebte Erfahrung überführen, Begegnungen möglich machen und die Komfortzone verlassen.

Wir führen Gespräche außerhalb unserer Bubble, die vielleicht auch die Grenzen eines allzu romantischen Gefühlsgebildes deutlich macht. Nur so entsteht ein Gefühl von Wirksamkeit, das die Anfangseuphorie des gemeinsamen Interesses überdauern kann.

Die politische Denkerin Hannah Arendt hat das Wesen des Politischen im „Zwischenmenschlichen“ verankert, in den pluralistischen Zwischenräumen sozialer Wirklichkeiten, in denen Menschen mit Menschen ins Gespräch, ins gemeinsame Handeln kommen – gerade im öffentlichen Raum.

Eine solche Handlung beginnt mit einem Bekenntnis, mit einem ersten Schritt, in dem sichtbar wird, was für uns wichtig ist und erhalten werden soll. Und genau das geschieht gerade auf deutschen Straßen.

Hoffentlich führt es dazu, dass wir weitere Schritte gemeinsam gehen werden, um Intoleranz und Ausgrenzung, Rassismus und faschistische Hetze etwas entgegenzusetzen – und uns dem öffnen, worin das frei werden kann, was ein demokratisches Wir schützt und stärken kann.

Foto: privat

Dr. Ina Schmidt ist Philosophin, Autorin und Gründerin der denkraeume, einer Initiative zur Vermittlung philosophischer Praxis. Autorin philosophischer Sachbücher für Erwachsene und Kinder, zuletzt erschienen „Die Kraft der Verantwortung. Über eine Haltung mit Zukunft“ in der Edition Körber (2021) und „Wo bitte geht´s zum guten Leben?“ im Carlsen Verlag (2022).

 

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Sehr gut auf den Punkt gebracht, liebe Ina! Danke!

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