Ein achtsamer Weg zu inneren Kraftquellen

Was trägt, wenn alle Sicherheiten im Außen wegbrechen? Das fragt sich die Journalistin und Achtsamkeitslehrerin Michaela Doepke in Zeiten von Corona. In ihrem Beitrag erinnert sie an innere Kraftquellen, die Mut machen und Menschen in unsicheren Zeiten stärken und unterstützen.

 

Die Welt ist eine andere geworden. Corona hat gezeigt, dass alle vermeintlichen Sicherheiten von einem Moment auf den anderen wegbrechen können. Viele staunen, als würde ihnen der Himmel plötzlich wie ein riesiger blauer Pfannkuchen auf den Kopf fallen.

Teilnehmer meiner Achtsamkeitskurse kommen derzeit vermehrt mit Ängsten, Unsicherheit und Gefühlen von Verlorenheit, so mein subjektiver Eindruck. Eine Teilnehmende drückte das neulich so aus: „Ich fühle mich, als wäre ich im offenen Meer ausgesetzt worden.“ Ein anderer: „Ich erlebe mich in dieser Zeit so, als würde ich in ein Nichts fallen. Ich komme mit den ständigen Änderungen im beruflichen und im öffentlichen Leben nicht mehr zurecht und weiß nicht, woran ich mich noch halten kann.“

Wenn alles zusammenbricht

Der feste Boden unter den Füßen bricht bildlich gesehen weg oder beginnt zu zittern. Alte gewohnte Strukturen, ob im Berufsleben, in der Schule oder im Privaten lösen sich auf, neue entstehen oder sind noch nicht in Sicht. Alles brüchig geworden. Reihenweise brechen Existenzen zusammen, sogar große Unternehmen wie Lufthansa standen vor dem Aus. Bekannte Gastronomen wie Sarah Wiener melden Insolvenz an. Äußere Werte wie Geld, Status und Macht, die bisher Sicherheit suggerierten, greifen nicht mehr.

Die Zukunft ist nicht mehr planbar, nicht berechenbar. Das war sie zwar noch nie, aber wir haben es bisher fest geglaubt. Plötzlich erleben wir schmerzlich Einschränkungen der persönlichen Freiheit und des öffentlichen Lebens. Einsamkeit, Verlorenheit, Gefühle von Scheitern, Depression und Angst machen sich breit, Isolation im Homeoffice, im Altenheim. Mein Onkel starb im Krankenhaus an Corona, die Familie musste ihm hilflos beim Sterben durch ein Fenster zusehen.

Wake up Call: Transformation von innen

Wir leben heute nicht nur in einer Zeit des raschen äußeren Wandels, sondern einer tiefgreifenden Transformation von innen heraus. Aber diese birgt auch große Chancen. Es könnte ein Wake-up-Call sein, die Geburt eines Bewusstwerdungsprozesses über das Leben und seinen tieferen Sinn.

Bisher haben wir noch kein Navigationssystem für diesen Prozess entdeckt. Für uns gilt es, aufzuwachen und der Welt, der Erde, den Menschen in ihrem Schmerz tief zuzuhören. Dann nachhaltig zu handeln, indem wir nach den wahren Ursachen des Leidens forschen und diese dauerhaft beheben. Auch haben wir die Möglichkeit, unser Bewusstsein zu wandeln hin zu Werten, die wirklich tragen.

Nachhaltig unterstützend sind dabei meiner Ansicht nach vor allem die Kultivierung von Herzqualitäten, ethischen Werten und Grundhaltungen der Achtsamkeit wie Bewusstheit, Dankbarkeit, Liebe, Vertrauen, Wertschätzung für das Leben, Mitgefühl und Akzeptanz der Veränderungsprozesse im Leben. Diese werden in jedem Achtsamkeitstraining durch Meditationspraxis wiederholt eingeübt.

Loslassen und Akzeptanz

Gerne möchte ich dazu motivieren, innere Kraftquellen und positive Geisteshaltungen durch folgende Überlegungen zu reaktivieren: Wir haben als Menschen viele Fähigkeiten in uns, um für uns und andere Gutes zu tun. Wir sollten dieses Leben nicht vergeuden, indem wir unglücklich sind, oder es nur vergehen lassen und dabei nur versuchen, zu überleben.

Oft klammern wir uns an die Vergangenheit, besonders, wenn die Gegenwart schmerzlich und die Zukunft ungewiss ist. Diesbezügliche Grübeleien versetzen uns jedoch immer wieder in unnötigen Stress und machen unseren Geist giftig, und − laut wissenschaftlichen Studien aus der Gehirnforschung − den Körper krank. Wir sollten einsehen: die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft noch nicht da. Daher ist es sinnvoll, sich um die Gegenwart zu kümmern und im realen Leben anzukommen.

Die Gegenwart ist der einzige Moment, in dem wir lebendig sind und unser Leben gestalten können. Wir besitzen ein einzigartiges, kostbares Leben, das wir jeden Moment wertschätzen und uns daran erfreuen können, wenn wir die Aufmerksamkeit darauf richten.

Die Zukunft ist offen und ungewiss

Eine andere Kraftquelle könnte die Kultivierung von Offenheit sein. Wie heißt es so schön beim Meditationsmeister Suzuki Roshi: „Im Geist eines Anfängers gibt es unendlich viele Möglichkeiten, im Geist eines Experten nur wenige.“

Die Zukunft ist offen und ungewiss. Wenn wir wach sind und die Welt mit offenem Blick, frei von übereilten Werturteilen, frisch und staunend entdecken, können wir sie neu betrachten. Und wir können versuchen, in unserem Leben einen Schritt achtsam und behutsam vor den anderen zu setzen. Diese achtsame Haltung üben wir in der Gehmeditation ein. Denn es ist von Bedeutung, ob wir einen rastlosen, von Verwirrung geprägten Fußabdruck auf die Erde setzen oder einen bewussten, der es uns ermöglicht, eine lebenswerte Welt für unsere Kinder hinterlassen, die unsere Zukunft sind.

Um diese Form der Bewusstheit und universellen Weisheit zu erfahren, bedarf es, in die Stille zu gehen und auf unser Herz zu hören, damit wir Vertrauen entwickeln können in unsere Herzensstimme. Dann öffnet sich manchmal ein weiter Raum, in dem wir uns gehalten und geborgen fühlen und die Dinge aus einem gewissen Abstand in einer weiteren Perspektive sehen.

Kraftquellen: auf die Stille und das Herz hören

Praktizierende erleben dies häufig in der Meditation durch die  Verbundenheit mit einer spirituellen Ebene, in religiösen Menschen keimt die Kraft des Glaubens auf, andere beginnen sich als Teil der Natur zu fühlen. In dieser Verbindung kann tiefes Vertrauen in ein höheres Ganzes wachsen, das uns trägt und hält. Ein Gefühl von Sicherheit wächst und muss nicht mehr panisch im Außen gesucht werden. Dies geschieht aber nur, wenn wir loslassen von Erwartungen, selbstbezogenen Wünschen, starren Konzepten und Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat und lernen, flexibel und gelassen auf das Leben zu reagieren, so wie es sich von Moment zu Moment entfaltet.

Aus meinem inneren Herzraum heraus weiß ich, dass nicht Ich die Kontrolle habe, sondern geführt werde. Durch die Praxis der Meditation und Achtsamkeit entstehen Demut, Liebe zum Leben, Mitgefühl und Dankbarkeit als Nebeneffekt ganz natürlich.

Diese Haltungen wirken als starke Kraftquelle in mir, die es ermöglicht, mich dem Ungewissen ohne Angst anzuvertrauen. Im tiefsten Inneren kann ich so erfahren, wie schön es ist, in diesem Augenblick lebendig zu sein und das vergängliche und mysteriöse Leben zu feiern, das ein Wunder ist.

„Was machst du mit deinem einzigartigen, wilden und kostbaren Leben?“ (Mary Oliver)

Besonders Frauen tragen, auch wenn sie nicht meditieren, dieses Wissen im Umgang mit der Ungewissheit in sich. Wenn sie schwanger werden, lernen sie geduldig, dem Leben zu vertrauen, es zu nähren und achtsam zu hüten. Neun Monate praktizieren sie eine Haltung von Fürsorge für sich, das Leben in ihrem Bauch und später oft für das Wohl der Familie. Wäre es vielleicht sinnvoll, diese weibliche Form der Weisheit und Fürsorge für die Gemeinschaft als ein Zukunftsmodell für eine lebenswerte Welt anzudenken?

Als ich selbst mit meinem dritten Kind in der sechsten Woche schwanger war, meinte mein Frauenarzt, dass das Kind zu klein sei und wenn ich Blutungen hätte, sollte ich sofort kommen. Aber ich ließ mir keine Angst machen. Meine Intuition und mein sicheres Bauchgefühl sagten mir, dass mit meinem Kind alles in Ordnung sei, und ich wechselte zu einem anderen Frauenarzt. Acht Monate später gebar ich einen kerngesunden Jungen.

Bei aller Vorsorge- und Rückversicherungsmedizin ist es doch immer eine Zeit der Ungewissheit und Unsicherheit, bis ein Kind zur Welt kommt. In dieser Zeit wissen wir Frauen, dass wir nicht wissen und es letztlich keine Kontrolle über das Leben gibt. Das Ungewisse ist das Leben selbst. Es zu leben bedeutet, diese Ungewissheit zu akzeptieren.

Foto: York Dertinger

Michaela Doepke, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin, Journalistin und Redakteurin im Netzwerk Ethik heute, Buchautorin.
Mehr: www.michaela-doepke.de