Mit regenerativer Landwirtschaft gegen den Klimawandel

Intreegue Photography/ shutterstock
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Eine Ermutigung von Geseko von Lüpke

Können wir die Klimakatastrophe doch aufhalten? Der Autor schildert, wie regenerative Landwirtschaft im Kleinen umgesetzt wird. Einzelinitiativen von Biobauern belegen, wie gesunde Böden Humus aufbauen, unsere Nahrungsmittel sichern und sogar CO2 aus der Atmosphäre speichern.

 

Einer, der den Ansatz der Regeneration ernst genommen hat, ist der oberbayerische Bioland-Bauer Sepp Braun. Oben am strahlend blauen Himmel brausen die Jumbo-Jets dem Münchner Airport entgegen. Unten auf dem 60 Hektar großen Hof in Dürneck bei Freising hat er ein Idyll geschaffen. 22 glückliche Milchkühe, ein paar Schweine, eine große Schar Hühner sind sichtbar. Doch die Besonderheit dieses Hofes liegt unter der Erde verborgen.

Dort leben auf einem Kubikmeter Boden rund 600 Regenwürmer, die im Jahr sage und schreibe 80 Tonnen Humus erschaffen. Während auf den Nachbarfeldern kaum Würmer zu finden sind und der wertvolle Boden jährlich um zwei Millimeter abnimmt, hat er es nach zwanzig Jahren des Experimentierens mit ‘aufbauender Landwirtschaft’ hinbekommen, vom Land zu leben, ohne es zu schädigen.

„Boden ist für mich ein Mitgeschöpf“

„Mit Fruchtwechsel, Agroforst, mit Pflanzenkohle, mit der Rinderhaltung, die komplett ohne Kraftfutter arbeitet, wo ich dann einen guten Kompost habe, haben wir es geschafft, die letzten 30 Jahre inzwischen wahrscheinlich schon vier Prozent Humus aufzubauen“, erklärt der 58jährige Bauer, dessen Hof längst international zu einem Modell geworden ist.

Sepp Braun lebt vom Land, ohne es zu schädigen

Denn nirgendwo sonst konnte mit vernetzten Systemen aus Forst- Feld- und Gartenkulturen, gesunden Tieren, sich gegenseitig unterstützenden Pflanzen und minimal inversiven Eingriffen der Boden so regenerieren wie bei Joseph Braun und seinen Würmern.

Sie lockern den Boden, graben kilometerlange winzige Tunnel, die den Boden belüften und Wasser aufnehmen und mit Bakterien, Pilzen, Milben, Mikroben, Insekten kooperieren. „Boden ist für mich wirklich ein Mitgeschöpf“, so der Landwirt: „Da gibt es viel mehr Bodentiere wie Menschen auf der Erde. Wir Menschen haben eine Verantwortung für dieses Leben.“

Und fast wie nebenbei erklärt er, dass der Hauptbestandteil von Humus CO2 ist. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Humus aufgebaut wird, desto mehr Kohlendioxid wird der Atmosphäre entzogen und gebunden. Paradox und doch zukunftsweisend: Die Abgas-Wolken aus den Triebwerken am Himmel über Freising können von Orten wie diesem neutralisiert werden.

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Vielfalt auf Agrarwüsten wiederherstellen

Noch wird der Ansatz der Regeneration vor allem im Kleinen umgesetzt, an den Graswurzeln der Gesellschaften, am meisten im Bereich der ‘regenerativen Landwirtschaft’. Immer mehr Bauern und Bäuerinnen erkennen, dass eine fortgesetzte Ausbeutung der Böden die Herstellung von Lebensmitteln in Zukunft immer schwieriger macht. Zerstört doch die industrielle Landwirtschaft die lebendigen Böden durch Übernutzung, Pestizide und Monokulturen.

Foto: Andrea Ilgner

„In der Praxis bedeutet das erstmal, Landschaften wieder herzustellen“, beschreibt Thom Meiseberg, Permakultur-Gestalter am Bioland-Hof Luna im niedersächsischen Freden den Alltag des regenerativen Hoflebens. Meiseberg: „Wir kennen alle diese ausgeräumten Landschaften, wo nichts stört, wo alles, was früher da war – Hecken und Baumreihen – ausgeräumt sind. In solchen Agrarwüsten muss die Vielfalt wiederhergestellt werden. Auf diesem Hof haben wir erst kleinräumige Strukturen geschaffen, die Biotope vernetzt und konnten dann Humus wieder aufbauen.“

Seitdem die Welternährungsorganisation jüngst errechnete, dass bei gleichbleibender konventioneller landwirtschaftlicher Praxis der verbleibende Humus nur noch für 60 Jahre reichen würde, ist hier die Regeneration für die zweite Generation nach uns zur Überlebensfrage geworden.

Regenerative Landwirtschaft heißt hier, bäuerliche Kreislauf-Wirtschaft wiederzubeleben, Kompost auf das Land zu bringen, jährlich andere Früchte anzubauen, den Boden mit leichtem Gerät möglichst wenig zu verdichten, ihn tiefer zu verwurzeln, wenig mit dem Pflug aufzureißen. Das braucht Zeit. Und weil Zeit oft Geld ist, machen es wenige. Wie Humusaufbau tatsächlich funktioniert, wird auf vielen Höfen erst erforscht.

Terra-Preta-Technik: Die mächtigste Klimaschutzmaschine

Klar aber ist – man erinnere sich an das Beispiel von Sepp Braun – dass es möglich ist und enorm positive Wirkungen haben kann – für die ganze Welt. Wenn überall Landwirtschaft mit Humusaufbau regenerativ betrieben würde und nur ein halbes Prozent des wertvollen Mutterbodens wiederherstellen könnte, dann wäre damit zum Beispiel der Klimawandel aufgehalten. Denn der gesunde Boden würde dann all das CO2 speichern, was momentan zu viel in der Atmosphäre ist.

„Wenn wir es schaffen, diesen Kohlenstoff in der Atmosphäre wieder zurückzuholen in den Boden, dann packen wir ja die Klimakatastrophe an der Wurzel, das kann keine andere Methode!“, sagt enthusiastisch die Ökologin und Autorin Ute Scheub: „Das könnte die Terra-Preta-Technik garantieren, wenn sie massenhaft praktiziert würde. Das könnte die mächtigste Klimaschutzmaschine sein, die wir überhaupt haben!“

Was ist ‘Terra Preta‘? Ute Scheub erklärte diese regenerative Methode, die schon unsere keltischen Vorfahren und die alten Inkas in Südamerika praktiziert haben so: Wenn Essensreste, kompostierbare Pflanzen, Holzkohle und menschliche Exkremente gemischt werden, entsteht in erstaunlich kurzer Zeit die ‘Terra Preta‘ genannte ‘Schwarzerde’. Es ist ein natürlicher Dünger, der in den alten Kulturen zu metertiefen Schichten von Humus führte, die bis heute hohe Ernten garantieren. Die uralte Methode des Humusaufbaus, die heute als ‘regenerativ’ gilt, wird zurzeit weltweit erforscht, um Zukunft möglich zu machen.

„Der Garten Eden ist mitten unter uns“

Auch Sepp Braun in Dürneck nutzt das alte Wissen. Doch die Regeneration einer schwer geschädigten Welt geschieht nicht erst, wenn ein Gesellschaftssystem sich ändert. Regeneration entsteht von unten − durch Kreativität und Liebe zum Leben! So, wie in Dürneck beim oberbayerischen Freising, wo die Zusammenhänge erkannt wurden, die Konsequenzen gezogen, mutig experimentiert und bislang Unmögliches verwirklicht wurde.

„Es geht wirklich um Heilung“, so Sepp Braun leise, aber mit Nachdruck: „Es geht tatsächlich drum, dass wir Verantwortung für unsere Schöpfung übernehmen, dass wir die Fruchtbarkeit der Böden wiederherstellen, die Gesundheit der Pflanzen, des Bodens, der Mitgeschöpfe!“ Sagts, schaut raus auf sein Idyll unter den röhrenden Jumbo-Jets und fügt hinzu: „Wenn wir das verstehen und wirklich wieder einen anderen Umgang mit der Natur, mit der Schöpfung finden, ist der Garten Eden nicht irgendwo, sondern der wär mitten unter uns!“

Dr. Geseko von Lüpke ist freier Journalist und Autor von Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung und ökologische Ethik.

Hinweise zum Biobauern Sepp Braun:
Video (5 Min.): https://www.youtube.com/watch?v=7_FUwqfZzcA
TAGWERK – Sepp Braun, überzeugter Pionier der ökologischen Landwirtschaft
Mehr: www.biolandhofbraun.de; www.tagwerk.net

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Warchi/ iStock

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Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

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