Foto: branislavpudar/Shutterstock.com
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Mitgefühl mit Tieren endet beim Essen

Matthieu Ricard kritisiert die Massentierhaltung

In seinem jetzt erschienenen Buch „Plädoyer für Tiere“ fordert der buddhistische Mönch und Bestsellerautor Matthieu Ricard eindringlich ethisches Handeln. Mit der Lebensmittelindustrie und den Medien geht er hart ins Gericht. Lesen Sie einen Auszug aus dem neuen Buch.

Aus den Augen, aus dem Sinn

… Die schlechte Behandlung von Tieren wird weiterhin zumeist ignoriert, toleriert oder sogar gutgeheißen. Wie kommt es, dass man so einfach über ihre Leiden hinwegsieht? Ein Grund ist sicherlich, dass die überwältigende Mehrheit dieser Misshandlungen in den Einrichtungen der Massentierhaltung und den Schlachthäusern stattfindet, die uns nicht zugänglich sind.

Die Lebensmittelindustrie betreibt eine Politik des Stillschweigens und sorgt tunlichst dafür, dass keines der schockierenden Bilder seinen Weg aus den gut abgeschirmten Folterstätten ihrer Produktion findet. In den reichen Ländern bekommen wir die Tiere, die wir verspeisen, nicht mehr zu Gesicht.

Eine US-amerikanische Studie zeigt, dass die meisten fünfjährigen Kinder, die im urbanen Umfeld aufwachsen, nicht einmal wissen, woher das Fleisch kommt, das man ihnen vorsetzt. Auf die Frage, ob sie Tiere essen, antworten die meisten von ihnen mit einem entschiedenen „Nein!“ – so als schockiere sie bereits die Vorstellung, dies zu tun. Kinder empfinden für die Tiere, die sie umgeben, fast immer eine ganz natürliche Sympathie.

Tolstoi und seine Familie waren strikte Vegetarier. Seine Tochter erzählt, dass eine ihrer Tanten bei einem Besuch darauf bestand, unbedingt Fleisch essen zu wollen. Als man sie zu Tisch rief, fand sie dort zu ihrem Erstaunen ein lebendes Huhn, das an ihrem Stuhl festgebunden war. Neben ihrem Teller lag ein scharfes Messer.

Die Menschen haben eigentlich eine Abneignung zu töten

Man hat nachgewiesen, dass die Mehrheit der Menschen eine tiefe Abneigung hat, ihresgleichen zu töten. Da uns aber auch das Töten von Tieren nahegeht, versucht die Fleischindustrie zu verhindern, dass der Konsument sich über das Leiden, das das Tier durchstehen musste, bevor es seinen Weg auf dessen Teller fand, zu viele Gedanken macht, da er eventuell Widerwillen empfinden könnte.

Deshalb stellt man das Fleisch von Tieren als harmloses Produkt dar und versucht zu vermeiden, dass man das Fleisch mit dem Tier, das dafür sein Leben lassen musste, in Verbindung bringt. Dies konstatierte der französische Dichter und Diplomat Paul Claudel bereits 1947:

„In meiner Jugend teilten wir die Straßen noch mit Pferden und anderen Tieren. Heute sind sie verschwunden. Die Bewohner der großen Städte bekommen Tiere nur noch in Form von totem Fleisch, das man ihnen beim Metzger verkauft, zu sehen. […] Heutzutage ist eine Kuh ein lebendes Labor. […] Das Huhn – eigentlich stets abenteuerlustig und unterwegs – wird eingepfercht und nach wissenschaftlicher Kalkulation gemästet. Sein Legerhythmus wird mathematisch kalkuliert. […] Tiere sind zu nützlichen Maschinen geworden, zu lebenden Rohstofflagern …. “

Oft müssen Eltern ihre Kinder dazu überreden, sich an das Fleischessen zu gewöhnen. Zu diesen Bemühungen gesellen sich die Anstrengungen der Lebensmittelindustrie, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen und ihr vorzuenthalten, wie das Fleisch in den modernen landwirtschaftlichen Betrieben erzeugt wird. Kinderbücher und Zeichentrickfilme tun ihr Übriges, um das Bild der Wirklichkeit zu verschleiern: Sie zeigen fröhliche Tiere, die auf Bauernhöfen ein angenehmes Leben führen, viel Platz haben und sich fürsorglich um ihre Nachkommen kümmern.

Nichts sehen, nichts sagen oder wie man das Thema auf Distanz hält

Mit wenigen Ausnahmen (wie etwa dem von ARTE ausgestrahlten Dokumentarfilm „Nie wieder Fleisch?“) enthält uns das Fernsehen vor, was tagtäglich in der Massentierhaltung geschieht. Andere hervorragende Filme, wie „Earthlings, Food, Inc. und LoveMEATender“, die unter großen Schwierigkeiten gedreht wurden, sind auf den Kanälen der großen Fernsehanstalten nicht zu sehen. Jedes Mal, wenn Earthlings-Produzent Shaun Monson sich bei einer Fernsehanstalt um die Ausstrahlung seines Filmes bemühte, bekam er zur Antwort, dass die gezeigten Bilder Kinder und sensible Zuschauer schockieren könnten.

2009 fiel das Endspiel um den US –amerikanischen Footballpokal auf Thanksgiving. Die weltweit wichtigste Tierschutzorganisation PETA war bereit, dem Sender NBC, der das Spiel zeigte, zwei Millionen Dollar für die Ausstrahlung eines zweiminütigen, relativ harmlosen Spots während dieser besten Sendezeit zu zahlen.

Dieser zeigte eine Familie bei Tisch, die gerade den für Thanksgiving traditionellen Truthahn verspeisen wollte. Als die Eltern ihre kleine Tochter bitten, das Tischgebet zu sprechen, erzählt diese vom grausamen Schicksal, das die Pute erlitt, bis sie schließlich geschlachtet wurde. Obwohl man im Clip nur die harmlosen Tischszenen sah, weigerte sich die Fernsehanstalt, den Spot auszustrahlen.

Man kann nicht gerade behaupten, dass die Medien und das Fernsehen sich scheuten, Bilder zu zeigen, die zarten Seelen nahegehen könnten. Sind es nicht genau sie, die ununterbrochen Bilder von Krieg, Attentaten und Naturkatastrophen verbreiten, um uns zu informieren und in manchen Fällen unser Mitgefühl zu wecken sowie uns zu ermuntern, den Opfern zu helfen? Auch Horrorfilme sind sicher nicht für Kinder bestimmt und dennoch werden sie das ganze Jahr im Fernsehen ausgestrahlt, ohne dass es den Intendanten der Sender Gewissensbisse zu bereiten scheint.

Abgesehen von den Kampagnen der Tierschützer wird in den reichen Ländern tunlichst darauf geachtet, uns das Schicksal derer, die wir verzehren, vorzuenthalten. Man tut alles, um die Wahrheit vor dem Konsumenten zu verbergen. Lediglich die kleinen Viehzüchter sowie die Jäger und Angler sind mit den Tieren in direktem Kontakt und wissen, was sie verspeisen. Die Lebensmittelindustrie baut darauf, dass wir gerne Fleisch essen – und zwar immer mehr und immer billiger.

Wir sind gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Tiere

Das Gesetz von Angebot und Nachfrage sichert dem gesamten Wirtschaftszweig einen entsprechend satten Gewinn. Diese Industrie erklärt immer wieder, dass sie keinen Grund hätte, ihr Handeln zu bereuen. Doch warum bemüht sie sich dann derart, ihre Praktiken zu verheimlichen? Sie weiß genau, dass die Nachfrage nach Fleisch stark zurückgehen würde, wenn die Konsumenten sähen, was sich in den Massentierhaltungen und Schlachthöfen abspielt.

So ist es keinesfalls erstaunlich, dass Journalisten und anderen Besuchern der Zugang zu den Einrichtungen systematisch verwehrt wird, die die Fleischproduzenten wie geheime Militärlager überwachen. Der französische Journalist Aymeric Caron bemerkt in diesem Zusammenhang:

„Haben wir jemals davon gehört, dass eine Schule einen Ausflug in ein Schlachthaus organisiert hat? Nie! Und warum? Woher kommt diese Scham, warum enthalten wir unseren Kindern das Schicksal, das wir Tieren zumuten, vor? Ein Halsschnitt, eine Exekution per Stromschlag, das Ausnehmen der Eingeweide, sind dies obszöne Szenen, die unschuldige Augen nicht sehen dürfen? Die Antwort ist eindeutig: Ja!“

Kurz gesagt: Wir denken wenig über das Thema nach, da wir wenig Gelegenheit haben, uns seiner Tragweite und Tragik bewusst zu werden. Die französische Philosophin Élisabeth de Fontenay bemerkt hierzu:

„Der Gedächtnisschwund angesichts unserer gewöhnlichen Realität und ihrer tagtäglichen Grausamkeiten hat einen ganz einfachen Namen: Gleichgültigkeit. Wir sind weder blutrünstig noch sadistisch, sondern desinteressiert, passiv, überheblich, unbeteiligt, unbekümmert, dickhäutig und etwas komplizenhaft. Wir erfreuen uns eines ausgezeichneten Gewissens, das uns die unerbittliche, schonungslose und stillschweigende Übereinkunft unserer monotheistischen Kultur, der technokratischen Wissenschaft und ökonomischen Interessen beschert hat. […] Es ist alles andere als eine Entschuldigung, dass wir über das, was andere für uns tun, nicht im Bilde sind, denn eigentlich macht es dies sogar noch schlimmer, geben wir doch immer vor, mit Bewusstsein, Erinnerungsvermögen, Vorstellungskraft und Verantwortungsgefühl begabte Wesen zu sein.“

Was Tierversuche angeht, sind die Forschungseinrichtungen so angelegt, dass die Öffentlichkeit weder sieht, wie die lebenden Tiere hinein-  noch wie die toten herausgebracht werden. Peter Singer berichtet von einem US-amerikanischen Handbuch für Tierversuche, das den Laboratorien zur Einrichtung eines hauseigenen Krematoriums rät, da der Anblick von Dutzenden von Tierleichen, die wie gewöhnlicher Abfall weggeworfen werden, dem öffentlichen Ansehen der Forschungsanstalt mit Sicherheit nicht dienlich ist.

Das Buch erschien im März 2015. Buchauszug mit freundlicher Genehmigung des Nymphenburger Verlages.

ricard_plaedoyer_ok.inddMatthieu Ricard,

Plädoyer für Tiere.

Aus dem Französischen von Gerd Bausch.

432 Seiten. 29,00 Euro

Nymphenburger Verlag, März 2015

 

 

Dr. Matthieu Ricard, 1946 in Frankreich geboren, ist promovierter Molekularbiologe. 1979 wurde er als buddhistischer Mönch ordiniert und lebt heute im Kloster Shechen in Nepal. Er ist Übersetzer des Dalai Lama und Autor zahlreicher Bücher. Er engagiert sich für Meditationsforschung in den Neurowissenschaftenen sowie den Dialog von kontemplativen Traditionen und modernen Wissenschaften.

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