Jay Garfield
C Spitz

Muss ich meine Schwiegermutter pflegen?

Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” beantwortet der Philosoph Jay Garfield eine Frage zur Pflege in einer Familie: „Mein Mann hat seit 20 Jahren Schizophrenie, meine Mutter ist seit 40 Jahren krank. Muss ich mich auch noch um meine Schwiegermutter kümmern?“

 

 

Frage: Meine Schwiegermutter ist dement, sie hat aber auch wache und klare Momente. Im Moment hilft uns eine Betreuerin, die nicht ausgebildet ist, aber die Wohnung sauber macht und mit ihr einkaufen geht. Ich kümmere mich um Arztbesuche und Medikamente, außerdem besuchen wir sie einmal in der Woche und sonntags kommt sie zum Essen.

Meine Schwiegermutter ist seit 30 Jahren alleine, und mein Mann musste sehr viel für sie erledigen. Das Problem, warum ich ihnen schreibe ist, dass die Anforderungen und Erwartungen über unsere Grenzen gehen. Seit sie krank ist, ist es natürlich nicht besser geworden.

Mein Mann hat seit 20 Jahren eine Schizophrenie, meine Mutter ist seit 40 Jahren krank, jetzt kam auch noch Krebs dazu. Da ich immer wieder Schuldgefühle habe, aber eher noch mehr zurücktreten möchte, wollte ich Sie fragen, was meine moralische oder etische Verpflichtung in diesem Fall wäre.

Jay Garfield: Das ist eine schwierige Frage und eine wirklich herzzerreißende Lage! Das Leben konfrontiert uns leider oft mit solchen Situationen, in denen wir keine Lösung finden, um mit unserem eigenen Handeln zufrieden sein zu können. Klares Denken ist dennoch nötig, damit wir sowohl auf moralischer als auch sozialer Ebene handlungsfähig bleiben. Und auch, um uns unsere geistige Gesundheit und die Fähigkeit zu erhalten, unser eigenes Leben fortzuführen. Mein Rat wird Ihre Probleme also nicht lösen, aber er zeigt Ihnen einen Weg auf, wie Sie mit dieser Situation umgehen können.

In der Moraltheorie gibt es das allgemein anerkannte Prinzip „Sollen impliziert können“. Das heißt, wer etwas tun soll, muss dazu auch in der Lage sein. Umgekehrt bedeutet dies: „Unmögliches ist nicht verpflichtend“. Die Vernunft gebietet es, dass wir nicht verpflichtet sein können etwas zu tun, das außerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Wir sollten uns auch nicht schuldig fühlen, wenn wir etwas nicht tun, weil wir einfach nicht in der Lage dazu sind, sei es in körperlicher oder psychischer Hinsicht, auch wenn uns solche Schuldgefühle unausweichlich scheinen.

In Ihrem Fall ist es für mich klar, dass Sie als einzelner Mensch unmöglich einen schizophrenen Ehemann, eine Mutter mit Krebs und eine demente Schwiegermutter ausreichend versorgen können. Das würde die körperlichen und psychischen Fähigkeiten eines jeden übersteigen. Sie sind daher nicht verpflichtet, sich um alle drei zu kümmern.

Meiner Meinung nach bestehen für Sie unmittelbare Verpflichtungen Ihrem Mann und Ihrer Mutter gegenüber. Sollte sich niemand sonst um Ihre Schwiegermutter zu Hause kümmern können, wäre es am besten, wenn sie betreutes Wohnen oder ein Heim in Anspruch nehmen würde und damit professionelle Unterstützung erhielte.

Das wird letztendlich für alle Beteiligten das Beste sein, da Sie aufgrund Ihrer anderen Belastungen nicht ausreichend für Ihre Schwiegermutter sorgen können. Wenn Sie ihr helfen wollen, dann indem Sie eine gute Unterbringung für sie finden und ihr beim Umzug und der Umstellung helfen. Dann haben Sie wieder etwas Freiraum, um sich um Ihren Mann, Ihre Mutter und auch um sich selbst zu kümmern.

Letzteres ist sehr wichtig, denn Sie befinden sich in einer äußerst schwierigen und stressigen Situation. Egal, wie viel Sie tun, Sie werden immer das Gefühl haben, dass es nicht genug ist, selbst wenn Sie mehr getan und geleistet haben, als von einem Menschen erwartet werden kann.

Ich rate Ihnen daher dringend, dass Sie sich auch Zeit für sich selbst nehmen, um Depressionen, Erschöpfung oder unangemessene Schuldgefühle zu vermeiden. Sie sollten auch regelmäßig mit jemandem über Ihre Situation sprechen. Wenn Sie sich nicht um sich selbst kümmern, werden Sie viel weniger für die sorgen können, für die Sie so viel Verantwortung tragen.

Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Balbach

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