Ein Essay von Ina Schmidt

Liebe hat viele Facetten: Die Liebe in der Partnerschaft, Eltern- und Kindesliebe, Freundschaft. Die Philosophin Ina Schmidt regt an, über die Liebe nachzudenken. Damit Liebe gelingen kann, empfiehlt sie eine Praxis der Liebe.

 

Man kann ohne Liebe Holz hacken,
Ziegel formen, Eisen schmieden.
Aber man kann nicht ohne
Liebe mit Menschen umgehen.

Leo Tolstoi

Der griechische Philosoph Platon berichtete in seinem Dialog „Symposion“ von einer kurzen Geschichte, die der Dichter Aristophanes auf einem rauschenden Fest zum Besten gegeben habe, um das Wesen der Liebe zu erklären. Es ging um das Leben der „Kugelwesen“, kugelförmige Menschen, die einst auf der Erde in schönster Harmonie gelebt hätten, mit vier Armen und Beinen, zwei Köpfen und zwei Geschlechtsorganen – auf ewig mit ihrer besseren Hälfte in einer Einheit verbunden und entsprechend wunschlos glücklich.

Allerdings sei ihnen dieses Glück zu Kopf gestiegen. Der große Zeus sei überaus wütend geworden, so dass er seinem Schmied Hephaistos befohlen habe, die Kugelmenschen in der Mitte entzwei zu schlagen. So – nach der Geschichte des Aristophanes – ist es zu erklären, dass wir Menschen seitdem unser Leben auf Erden damit verbringen, nach unserer verlorenen Hälfte zu suchen, mal mehr und mal weniger erfolgreich.

Der Wegweiser, den wir dafür haben, ist die Liebe, aber er führt leider nicht an ein garantiertes Ziel zu der verlorenen Einheit. Aber wir alle sind der Liebe begegnet, auf unterschiedlichsten Wegen und Weisen: Für die einen ist sie das Schönste, was ihnen je passiert ist, für andere eine der größten Enttäuschungen. Sie lässt uns über uns hinauswachsen, nährt und hält uns lebendig, und ihr Verlust schmerzt und kann uns an ihr verzweifeln lassen.

Was sie aber nie ermöglicht, ist so etwas wie eine Sicherheit, dass sie bei uns bleiben wird. Was aber ist es eigentlich, was wir da suchen? Wieso können wir uns ein Leben ohne die Liebe nicht vorstellen, selbst wenn es nicht immer um einen geliebten Menschen gehen muss?

Liebe hat viele Gesichter

Unzählige Lieder, Gedichte, Bücher und Briefe sind im Namen der Liebe geschrieben, gesungen und gedichtet worden. Und doch fehlen uns gerade in Sachen Liebe immer wieder die Worte, wenn wir sie zu erklären versuchen. Ist sie so etwas wie ein Ereignis, das uns zustößt, eine eigene Kraft, die uns den Kopf verdreht und die Schmetterlinge flattern lässt?

Was passiert, wenn sich Julia in Christian verliebt und wie geht es weiter, wenn die zwei zusammenziehen, sie Karriere macht und er nicht, sie eine Familie gründen und nach Berlin ziehen? Was ist mit der Liebe zum Fußball oder zu guten Filmen, dem alten Auto oder dem Ferienhaus in der Bretagne?

Offenbar gibt es so viele Spielarten und Gesichter der Liebe, dass wir uns nie einig werden, wenn wir versuchen, sie auf einen einzigen Nenner zu bringen. Also sollten wir viel weniger versuchen , die Liebe bis ins Letzte verstehen zu wollen, sondern viel eher, sie in ihren unterschiedlichen Spielarten in unserem Leben gelingen zu lassen.

Zunächst aber müssen wir ihr tatsächlich begegnen, einer Ahnung folgend, die dem ersten Empfinden von Liebe folgt, die wir hoffentlich erlebt haben, als wir auf die Welt gekommen sind – hinein in eine völlig neue Umgebung, fremd und kalt und doch verbunden mit Menschen, zu denen wir von diesem Moment an gehören, die uns bedingungslos lieben ohne zu fragen. Diese besondere Form der Liebe von Eltern zu ihren Kindern erfahren wir also qua Geburt, zumindest in den meisten Fällen.

Nun, bereits hier regen sich die ersten kritischen Stimmen, dieses Empfinden von liebender Geborgenheit sei nichts als ein chemisches Zusammenspiel unserer Hormone, mit denen die Natur geschickter weise dafür gesorgt hat, dass wir uns anständig um die Aufzucht unserer Nachkommen kümmern: Das Zauberhormon Oxytocin hilft hier sowohl Mutter als auch Kind dabei, sich auf besondere Weise einander zugehörig zu empfinden. Ob das viel mit Liebe zu tun hat, kann also aus rein naturwissenschaftlicher Sicht bestritten werden.

Ja, und interessanterweise ist es auch ebendieses Hormon, das uns in Phasen größter Verliebtheit dafür sorgt, dass wir zwar vor lauter Dopamin und Serotonin kaum einen klaren Gedanken fassen können, dennoch aber ein Empfinden von Vertrautheit und Sicherheit empfinden, wenn wir mit dem geliebten Menschen zusammensind, ja, nur an ihn oder sie denken. Ist die Liebe am Ende also nur ein Tanz der Hormone?

Die Frage ist hier natürlich die nach der Henne und dem Ei: Sind es die Hormone, die ein Gefühl der Liebe auslösen, oder ist es die Liebe, die der Grund für das Ausschütten all dieser chemischen Botenstoffe ist?

Betrachten wir doch unser Liebesleben einmal genauer: Wenn es in der Liebe tatsächlich nur um das Empfinden eben dieses Hochgefühls, dieser unbedingten Ausnahmemomente gehen würde, dann würde es wohl kaum liebevolle Elternkindbeziehungen geben, die die Achterbahnfahrten der Pubertät überstehen. Auch gäbe es keine Liebesbeziehungen, die sogar an Konflikten und Krisen wachsen können. Lieben wir das Gefühl der Liebe, oder lieben wir einen Menschen – vielleicht gerade weil es nicht immer nur einfach und himmelhochjauchzend ist und uns dennoch bereichert?

Wie sprechen wir von der Liebe?

Damit kommen wir wieder auf die Frage zurück, ob wir für diese unterschiedlichen Formen der Liebe ganz unabhängig von ihrem Ursprung eigene Begriffe finden sollten. In der griechischen Antike wurde z.B. sehr fein unterschieden, ob von der Liebe des „Eros“, der „Philia“ oder der „Agape“ die Rede war.

Dem „Eros“ ging es um eine begehrende Liebe zum Schönen, die aber nicht auf die sinnliche Leidenschaft beschränkt blieb, sondern auch die Schönheit des Geistigen in weiteren Stufen des Liebens in sich trug.

Die „Philia“ beschrieb die freundschaftliche Liebe zu einem Menschen, der einem auf seelische Weise verwandt erscheint, eine Liebe, die nach Aristoteles ein Wohlwollen dem anderen gegenüber zum Ausdruck bringt, das allein durch das getragen ist, was den anderen ausmacht.

Und die „Agape“ meinte die Liebe zu einer übergeordneten Instanz, eine Form der universalen Liebe, die wir nicht in menschlichen Beziehungen finden können.

Wenn wir heute von der Liebe sprechen, scheint es, als würden wir all diese Formen in einem großen romantischen Ideal vermengen, um uns dann zu wundern, dass das „Lieben“ eine Kunst zu sein scheint, an der wir in all den Erwartungen an sie zum Scheitern verurteilt sind. Aber Scheidungsraten und Singlehaushalte sagen noch nichts über die Abwesenheit der Liebe in unserer Welt aus, sondern vielleicht mehr darüber, dass wir in aller individueller Freiheit mehr und mehr verlernen, ihr in ihrer Unterschiedlichkeit einen Platz in unserem Leben einzuräumen.

Sich zu verständigen, von welcher Liebe wir wie sprechen und welche Formen des Handelns das nach sich zieht, ist eine wichtige Komponente in Sachen modernes Liebesleben: Wir müssen etwas tun – für die Liebe und offenbar aus Liebe. Und aus dieser Perspektive entsteht eine neue mögliche Facette: Die Liebe ist eine Praxis, für die wir uns entscheiden können, oder auch nicht.

Liebe als Praxis: Was können wir tun?

Eine Praxis beschreibt ein Handeln, das wir um seiner selbst willen tun und nicht, um einen weitergehenden Zweck damit zu verfolgen. Beim Tanzen geht es um Tanzen, beim Lieben geht es ums Lieben und nicht darum, im Alter versorgt zu sein oder auf der nächsten Party nicht allein aufzutauchen. Es geht nicht darum, eine Familie groß zu ziehen oder anständige Rollenbilder zu verwirklichen – es geht darum, sich zu lieben.

Darin liegt kein Pflichtempfinden, keine institutionelle Absprache, sondern wir tun all diese Dinge des täglichen Miteinanders im besten Fall „aus Liebe“: aus der Erfahrung einer intensiven und wunderbaren Bezogenheit auf einen anderen Menschen, die sich vielleicht nicht erklären lässt und dennoch eine große Gewissheit für uns bedeutet. Dieses Erleben der Liebe ist der Grund und nicht das Ziel unseres Handelns, wie es der Philosoph Harry G. Frankfurt sehr schön zusammenfasst.

In dieser Form der Liebe erleben wir eine „Notwendigkeit“, die uns keine Wahl lässt, selbst wenn wir aus dem siebten Himmel wieder zurück auf die Erde kommen, den Alltag bewältigen, 20 Jahre verheiratet sind und zwei Kinder haben. Es gibt eben nicht nur den Eros, die Philia und die Agape in Reinform, sondern eine sehr individuelle Mischung aus dem, wie wir die „Liebe“ zum Teil unserer Lebenswelt machen.

Vielleicht ärgern wir uns maßlos über all das morgendliche Chaos, zucken dann aber mit den Schultern, fahren unseren Kindern die Sportsachen hinterher, hängen die Jacke an den Haken und räumen das Frühstücksgeschirr weg. Und abends bringt ihr Mann ihnen das neue Buch ihrer Lieblingsschriftstellerin mit, das er gerade in der Buchhandlung entdeckt hat und ihr 15jähriger Sohn drückt Ihnen einfach so einen Kuss auf die Wange – weil sie sie sind und geliebt werden.

Das, was wir tun können, ist diesen Momenten Bedeutung und Gewicht zu verleihen, der Liebe Aufmerksamkeit zu schenken und ihr Räume zu öffnen, in denen es nur um sie geht. Und das nicht nur an Hochzeitstagen, sondern vielleicht gerade dann, wenn es hektisch ist und tausend Dinge zu erledigen wären. Nur dann gelingt es, der Liebe die Möglichkeit zu geben, sich wieder und wieder aufs Neue zu zeigen, sich zu „ereignen“

Für die Liebe sorgen

Die Liebe ist etwas, das uns begegnet, ein Ereignis, wie es die Philosophin Hannah Arendt beschreibt, sie „trifft“ uns tatsächlich wie der Schlag, und in den meisten Fällen hat dieses Ereignis fast notwendige Folgen. Wir können uns dem nicht entziehen, wir können uns aber prüfend mit diesem Ereignis beschäftigen: Was ist es, was mir hier passiert, und wie will ich damit umgehen? Was bedeutet mir dieser Mensch und welche Form von Liebe ist es, die mir widerfährt?

Aus diesem „prüfenden“ Umgang mit dem Ereignis der Liebe entsteht kein blutleeres Vernunftkonstrukt, das sofort mit dem Ehevertrag wedelt, sondern im Gegenteil, die Möglichkeit, sich nicht nur von seinen Hormonen verwirren zu lassen, sondern das, was diesem Ereignis als Potenzial innewohnt, auch wirklich mit allen Sinnen zu erleben. Ein Erlebnis, das andauern kann und weit über die erste Begegnung einer rauschhaften Verliebtheit hinausreicht.

Denn genau dann beginnt das, was wir als „Praxis“ der Liebe erst in die Hand nehmen und wofür wir uns tatsächlich entscheiden können – aus Liebe zu einem Menschen, der uns möglichst lange von Bedeutung bleiben soll, den wir als den kennenlernen wollen, der er ist und wahrscheinlich immer wieder aufs Neue wird und der sich mit uns gemeinsam wandelt und entwickelt.

Die Liebe ist in diesem Sinne vielleicht die schönste Form der Wirklichkeit, die wir in unserem Handeln zum Ausdruck bringen und damit bedeutsam werden lassen. Und dann ist es völlig unerheblich, wen oder was wir lieben – wichtig ist, dass wir es tun und gut für diese Liebe sorgen.

Ina Schmidt

privat

Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und freie Mitarbeiterin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“. Neuestes Buch:  Eine Liebeserklärung, GU München 2018. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg.