Ein Erfahrungsbericht von Sabine Breit

Sabine Breit ist seit Beginn der Corona-Pandemie ohne Maske unterwegs. Mittlerweile trägt sie ein Schild „Ich habe ein Attest“. Was sie erlebt hat und was es mit ihr gemacht hat, schildert sie in einem persönlichen Bericht. Dahinter steht die Frage: Wie reagieren wir auf das, was nicht der Norm entspricht?

Ich gehöre zu den Menschen, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen können. Seit dem 27. April 2020, dem Datum der Einführung der Maskenpflicht, hat sich mein Leben deshalb fundamental verändert.

Meine Geschichte ist kein Einzelfall. Deshalb will ich davon berichten. Denn sie gehört zur Geschichte dieser Pandemie. Natürlich ist diese Geschichte geprägt von meinem eigenen Erleben. Doch will ich versuchen, sie so ausgewogen wie möglich zu erzählen.

Als die Maskenpflicht verkündet wurde, war mir instinktiv klar, dass dies die Dinge verändern würde – noch bevor ich wusste, wie es mein eigenes Leben verändern würde. Vor meinem ersten maskenlosen Besuch eines Supermarkts hatte ich eine schlaflose Nacht. Nie hätte ich mir jedoch träumen lassen, dass mir das Fehlen eines Stücks Stoffs einen unmittelbaren Geschmack davon geben würde, wie Marginalisierung funktioniert.

Geschichten, die im Außen passieren

Was im Außen passiert lässt sich, grob gesagt, in drei Arten von Geschichten einteilen: Zum einen Geschichten von Bemächtigung, Willkür und Anmaßung. Von Menschen, die glauben, sie hätten das Recht, andere wie Abschaum zu behandeln, weil sie die aktuell gängige Norm nicht erfüllen. Für die die Würde des anderen sehr wohl antastbar ist.

Die Reaktionen reichen von Mikroaggressionen wie aggressiven, vorwurfsvollen und angewiderten Blicken und im Vorbeigehen hin gezischten schulmeisterlichen Ermahnungen zum Maskentragen, über Pöbeleien, bevorzugt aus der Ferne, gerne aber auch von Angesicht zu Angesicht, bis hin zu einer von wüsten Beschimpfungen begleiteten Verfolgungsjagd durch den Supermarkt. Diese gipfelte darin, dass der Verfolger, ein junger Mann, mich fotografiert, um mich an den Social Media-Pranger zu stellen.

Sie handeln von Geschäften, die Menschen wie mir unter Missachtung geltender Gesetze den Zutritt willkürlich verweigern. Von einem Klima, in dem der Alltag immer unberechenbarer wird und der rechtliche Grundsatz des Vertrauensschutzes für Menschen wie mich immer weniger gilt.

Dann sind da sie Geschichten der Absurdität. Wie etwa die Regelung einer großen Warenhauskette, dass Menschen wie ich nur in Begleitung des Hausdetektivs Zutritt gewährt wird. Ich habe dankend abgelehnt, mich aber gefragt, was er macht, der Hausdetektiv – sich heldenhaft zwischen mich und das Virus werfen?

Oder das Ding mit meinem Schild: Wann immer die Zahlen steigen, steigt auch mein Stresslevel. So habe ich mir Ausgangs des Sommers 2020 ein Schild gemalt, das ich mir bei allen Fahrten mit dem Nah- und Fernverkehr um den Hals hänge. Darauf steht in großen Buchstaben: „Ich habe ein Attest“. Ein lieber Freund meint, ich solle darunter schreiben: „Hier könnte ihre Werbung stehen.“

Absurderweise hilft dieses Schild. Es deeskaliert, es bringt manche Menschen zum Lachen. Andere zum Verstummen, wo sie gerade deutlich erkennbar zur Empörung anheben wollten, die eine oder andere schaut ein wenig beschämt. Und es ergeben sich gute, witzige und interessante Gespräche.

Mein Schild ändert alles, aber warum?

Und so sitze ich irgendwann im Zug und frage mich: „Warum“? Ich trage immer noch keine Maske, und doch ändert dieses kleine, selbstgebastelte Schild mit den lila Bändern um meinen Hals die Interaktion mit meinen Mitmenschen. Wovor haben die Menschen denn nun wirklich Angst, oder was treibt sie tatsächlich um? Das Virus kann es nicht in allen Fällen sein, sonst würde das Schild nichts ändern.

Und dann sind da die Geschichten der Menschlichkeit. Menschen, die freundlich und interessiert nachfragen, wie das ist ohne Maske und mit denen sich ein Gespräch entspinnt. Die mit einem verständnisvollen: „Ach herrjeh, in Ihrer Haut möcht ich nicht stecken“ ein Stück Solidarität bekunden.

Menschen, die mich mit einem Lächeln und einem freundlichen „Herzlich Willkommen“ in ihren Geschäften, Hotels und Restaurants begrüßen. Zugbegleiter, die mir eine gute Fahrt wünschen, mir ihre eigenen Geschichten erzählen und mich gegen pöbelnde Mitreisende verteidigen. Supermarktmitarbeiter, die meinen Verfolger stellen, die Löschung der Fotos durchsetzen und mir in der Zwischenzeit in ihrem Büro einen sicheren Hafen bieten.

So ähnlich diese Geschichten sind, so interessant sind doch die Unterschiede ihres Erscheinens, die sich im Laufe meiner Reisen durchs Land gezeigt haben. Und wieder ist es mein Erleben und meine Filterblase, aber in diesen bisher 16 Monaten zeigen sich die gleichen Muster eben doch immer und immer wieder.

So schlägt mir in Städten mehr Aggression entgegen als auf dem Land. Und in manchen Städten mehr als in anderen. In sehr wohlhabenden Stadtteilen mit großer Akademikerdichte ist es deutlich schlimmer als in weniger wohlhabenden. Beim Nobelbäcker schlimmer als im Discounter. In der 1. Klasse unangenehmer als in der 2. oder in der S-Bahn.

Was im Inneren passiert

Diese Veränderungen im Außen lassen das Innen nicht unberührt. Auch die Beobachtung dieser Veränderungen ist lehrreich. Ich bin eine Frau, mittelgroß, mittelblond, mittelschwer, offensichtlich harmlos. Ich wurde beim Zoll nie gefilzt und höchstens mal auf den Besitz einer Fahrkarte kontrolliert. Die Obrigkeit war für mich praktisch nie spürbar existent.

Seit 16 Monaten bekomme ich Schweißausbrüche, wenn die Polizei oder Security breitbeinig durch den Bahnhof oder die Stadt läuft. Alles zieht sich in mir zusammen. Ich werde klein und versuche, möglichst unsichtbar zu sein. Oder über alle Maßen nett und freundlich.

Ich bin auch sonst am liebsten freundlich. Aber seit 16 Monaten zuweilen ganz besonders und ausdrücklich, vielleicht um noch als Mitmensch wahrgenommen zu werden. Nach jeder größeren Attacke braucht es eine Weile, bis sich der Nebel aus unbändiger Wut und Demütigung in mir wieder legt, ich mich innerlich wieder entfalte, aufrichte, meinen Mut zusammennehme und mich wieder in die Welt traue.

Ich, die ich nie genug bekommen konnte vom Entdecken von Orten und Menschen, merke, wie ich mir „Safe Spaces“, sichere Orte, suche und sich mein Bewegungsradius zunehmend auf diese konzentriert. Mein Wunsch, neue Orte, Geschäfte, Cafés auszuprobieren, hält sich in Grenzen.

Dasselbe gilt für fremde Menschen. Ich werde wehrhaft. Rüste mich zuweilen für die Reaktion auf den nächsten Angriff, bevor ich einkaufen gehe. Ich nehme wahr, wie mein Vertrauen erodiert. Vertrauen in den Rechtsstaat, in Gerechtigkeit und in meine Mitmenschen. Ich merke, wieviel Kraft mich das alles kostet.

Und wie ich immer wieder Gefahr laufe, in eine Opferrolle zu verfallen. Zu vergessen, dass ich von den meisten Mitmenschen nichts zu befürchten habe und es nur eine Minderheit ist, die mir gegenüber ihre Menschlichkeit und ihren Anstand vergisst.

Je länger es dauert und je heftiger die Übergriffe sind, umso schwerer ist es, die Geschichten der Mitmenschlichkeit nicht zu vergessen und nicht zu verhärten. Es braucht alle Fähigkeiten und Strategien, die ich in Jahren der Meditation gelernt habe, um sich bildende Verhärtungen wieder zu lösen.

Wir müssen gütig zueinender sein

Im Frühjahr 2020 berichtete ich einer Freundin, ihres Zeichens schwarze Amerikanerin, die ein paar Jahre in Deutschland gelebt hatte, von meinen ersten Erlebnissen und was diese mit mir machen. Nach meinem Bericht lachte sie laut und sagte: „So, nun weißt Du ja, wie es sich für mich angefühlt hat, in Deinem Land zu leben.“

Stille. So funktioniert also Ausgrenzung, und so fühlt sich das also an. Sie hat viele Erscheinungsformen. Für manche Menschen nicht nur für 16 Monate, sondern über Jahre und vielleicht ein ganzes Leben lang und mit gravierenden Folgen. Weil sie in welcher Hinsicht auch immer nicht einer gängigen Norm entsprechen.

Was mich zurückbringt, zu einem Gespräch aus dem Frühjahr 2020, das mich bis heute begleitet. Es geschah am Hamburger Hauptbahnhof, Gleis 3. Zwei Sitze neben mir sitzt ein junger Mann aus Ghana, wie er mir später erzählte sollte.

Plötzlich klopft der Mann mit der Hand auf den zwischen uns liegenden Sitz, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich drehe mich um, und er zeigt auf eine Gruppe von Sicherheitsleuten, die gerade mit einer Gruppe Jugendlicher beschäftigt ist.

Dann empfiehlt er mir auf Englisch, ich solle besser meine Maske aufsetzen. Ich erkläre ihm, dass ich keine tragen kann, und auch ein Attest dafür habe. Und ich füge hinzu: „But thank you, for your kindness“ – vielen Dank für Ihre Güte und Menschlichkeit. Woraufhin er entgegnet: „We have to be kind with each other. This is all we have. What they do to you, they do to me.” – Wir müssen gütig und menschlich zueinander sein. Das ist alles, was wir haben. Was sie mit Ihnen machen, machen sie auch mit mir.

Sabine Breit hat angewandte Sprachwissenschaft studiert und ist seit über 20 Jahren als Linguistin in die Unternehmenskommunikation sowohl mittelständischer Unternehmen als auch internationaler Großkonzerne eingebunden. Sie ist u.a. Mitgründerin von LogosLogos. Sabine hat eine bezaubernde Tochter, eine sehr kommunikative Katze und findet Ausgleich vom Kommunizieren im Reisen, beim Lesen, beim Sport und in der Meditation.