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Noten geben – das Dilemma der Lehrer

bibiphoto/ shutterstock.com
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Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” beantwortet der Philosoph Jay Garfield die Frage eines Hochschullehrers: Das Bildungssystem zwingt uns, Noten zu geben. Wie wägt man ab zwischen der Wahrung gesetzter Standards und dem Versuch, auf die persönliche Situation der Studierenden einzugehen?

 

 

Frage: „Ich arbeite als Professor an der Universität und muss die Seminar-, Haus- und Abschlussarbeiten meiner Studentinnen und Studenten benoten. Das ist eine heikle Aufgabe. Das System verlangt von mir, Noten zu geben, und diese spiegeln gewisse Anforderungen der Ausbildung. Doch manche junge Menschen bringen nicht die Voraussetzungen mit, gute Arbeiten abzuliefern. Das fängt schon bei der Rechtschreibung und dem Schreibstil an.

Wie wäge ich ab zwischen der Wahrung wissenschaftlicher Standards und dem Versuch, auf die persönliche Situation der Studierenden einzugehen? Wie gehe ich damit um, dass ich Studierenden mit der Vergabe einer schlechten Note bestimmte Zukunftsmöglichkeiten eventuell verbaue? Und schließlich: Wann muss ich schonungslos gegenüber Studierenden sein, die unbedingt eine akademischen Karriere machen wollen, die ich aber für ungeeignet halte?“

Jay Garfield: Das ist eine Frage, die mich ganz persönlich angeht, denn als Universitätsprofessor ich bin tagtäglich damit konfrontiert. Und sie betrifft auch nicht allein uns, die an der Universität lehren, sondern in gleicher Weise alle Lehrerinnen und Lehrer, die an Grund- und Sekundarschulen unterrichten.

Wir haben als Lehrer einen grundsätzlichen Interessenkonflikt: Wir müssen uns mit aller Kraft für das Wohl unserer Studenten einsetzen, ihnen das Lernen erleichtern und Zukunftsperspektiven sichern. Als Sachverständige müssen wir sie dann in einer Weise beurteilen, die es zukünftigen Lehrern und Arbeitgebern ermöglicht, sie fair mit anderen zu vergleichen. Beide Forderungen vollständig zu erfüllen ist unmöglich, daher müssen wir unsere Pflichten sorgfältig abwägen.

Wenn wir unterrichten, ist zum Glück der zweite Teil der Forderungen nicht von Bedeutung. Hier müssen wir unsere gesamte Energie darauf verwenden, unseren Studierenden zu nützen. Wer dazu nicht bereit ist, ist in unserem Beruf fehl am Platze.

Oft, wenn wir benoten – und das variiert je nach den Umständen, die wir vorfinden, und den Regeln, die in den Schulen und Universitäten gelten – dienen die Noten der reinen Information zwischen uns und den Studierenden. Allgemein kann man sagen: Je mehr Möglichkeiten wir für informelle Benotungen schaffen können, also für Bewertungen, die nicht für ihre Personalakten bestimmt sind, sondern nur ihrer Fortbildung dienen – desto besser. Wir können ihnen ein ganz ehrliches Feedback geben, das ihnen ermöglicht, auf ihren Stärken aufzubauen und ihre Schwächen zu überwinden, ohne befürchten zu müssen, dass dies hinderlich sein könnte für ihre Zukunft. Das ist der eine Aspekt.

Der andere ist, dass wir als Lehrer auch eine gesellschaftliche Verantwortung tragen. In dieser Hinsicht sind wir nicht nur unseren eigenen Studierenden gegenüber verantwortlich, sondern auch jenen gegenüber, mit denen man sie vergleichen wird, gegenüber deren Lehrern und nicht zuletzt auch gegenüber der Gesellschaft insgesamt, die uns überhaupt die Möglichkeit bietet zu lehren. Auch dieser Verantwortung müssen wir gerecht werden.

Wenn wir die Fähigkeiten unserer eigenen Studierenden durch eine entsprechende Benotung oder ein Empfehlungsschreiben beschönigen, dann schaden wir anderen Studierenden damit ebenso wie unseren Kollegen. Denn sie würden sich dadurch veranlasst fühlen, ihrerseits mit uns in einen Wettstreit von Euphemismen zu treten. Und wir schaden der Bildung insgesamt, die nicht die besten Ärzte, Anwälte, Beamten oder künftigen Akademiker bekommt, sondern nur solche, die das Glück hatten, dass es die Lehrer mit den wenigsten Skrupeln waren, die sie benotet und sich für sie eingesetzt haben.

Daher meine ich, wir haben die Pflicht, sowohl ehrlich zu uns selbst zu sein als auch ehrlich zu sein gegenüber unseren Studierenden. Ja, es gibt Umstände, in denen die Erfordernisse der einen Seite überwiegen, und andere, in denen die der anderen Seite Vorrang haben. Aber wir müssen uns und andere daran erinnern, dass unser Wort als Gutachter nur so viel wert ist wie die Integrität, mit der wir diese Rolle ausfüllen.

Wenn unsere positiven Beurteilungen und Schreiben ernst genommen werden sollen, dann müssen ihre Empfänger wissen, dass wir gegebenenfalls auch mittelmäßige und schwache Einschätzungen und Bewertungen abgeben. Wenn wir unsere eigene Glaubwürdigkeit untergraben, dann werden es unsere besten Studierenden sein, die am meisten darunter zu leiden haben, denn deren Empfehlungen und Benotungen durch uns würde niemand mehr ernst nehmen. Uns zu unglaubwürdigen Fürsprechern zu machen, wäre ein Unrecht ihnen gegenüber.

So hart es ist – das ist die schwierige moralische Aufgabe, auf die wir uns eingelassen haben, als wir uns für diese wichtige Arbeit entschieden.

Jay Garfield, aus dem Englischen übersetzt von Bernd Bentlin

Alle Beiträge von Jay Garfield in der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” im Überblick

 

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