„Obdachlose Kinder – ein No-Go!“

Foto: Dirk Schiff
Jutta Speidel kümmert sich mit ihrem Verein um obdachlose Familien. |
Foto: Dirk Schiff

Interview mit Jutta Speidel

Vor 25 Jahren gründete die Schauspielerin Jutta Speidel den gemeinnützigen Verein HORIZONT, der obdachlosen Frauen und Kindern in München ein sicheres Zuhause gibt. Speidel spricht im Interview über ihr Engagement, Hilfe für Frauen, die isoliert sind, und wie sie mit Hilfe des Vereins gestärkt ins Leben zurückfinden.


Der Verein HORIZONT in München bietet obdachlosen Müttern und Kindern aus verschiedenen Nationen ein sicheres Dach über dem Kopf und konnte seit Gründung mehr als 2.800 Menschen in ein selbstständiges Leben begleiten und den Betroffenen wieder neue Perspektiven geben.

Das Gespräch führte Michaela Doepke

Frau Speidel, was haben Sie bisher mit Ihrem Herzensprojekt erreicht und was wollen Sie mit Ihrem sozialen Engagement bewirken?

Speidel: Für mich ist das Wichtigste, die Gesellschaft in ganz Deutschland darüber zu informieren, dass es in unserem Land obdachlose Kinder und Mütter gibt. Und dass diese Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft leben und es wahnsinnig schwer haben, auch weil sehr viele glauben, Obdachlosigkeit sei selbstverschuldet. Und das stimmt einfach nicht. Wir haben hoch traumatisierte Menschen.

Sie sind offensichtlich eine Kämpfernatur. Welche Charaktereigenschaft hat Ihnen am meisten geholfen, Ihre Ziele durchzusetzen?

Speidel: Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann rudere ich das Boot durch alle Wogen und Wellen hindurch an das andere Ufer des Sees. Das nennt man Standhaftigkeit, oder? Dieser Charakterzug ist bei mir gepaart mit der Courage bzw. dem Mut, auch etwas einstecken zu können, ohne dabei sofort den Kopf in den Sand zu stecken.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Moment, an dem Sie die Idee zur Vereinsgründung hatten? Was war Ihre Motivation damals?

Jutte Speidel engagiert sich seit über 25 Jahren, viele Jahre neben Familie und Schauspielberuf. Foto: Cordula Treml

Speidel: Ich habe einen Artikel in der Zeitschrift Biss (1)  über obdachlose Kinder in München gelesen. Das ist ein absolutes No-Go für mich. Das geht eigentlich auf der ganzen Welt nicht. Doch man kann es in vielen Drittländern einfach nicht verhindern. In Deutschland müssen wir etwas dagegen tun! 

Sie selbst sind eher behütet und privilegiert aufgewachsen. Woher kommen Ihre ethische Einstellung und Ihre Empathie für hilfsbedürftige Menschen?

Speidel: Ja, ich bin in einem geschützten Familienumfeld aufgewachsen. Ob ich privilegiert bin, weiß ich nicht, weil meine Eltern viel dafür gearbeitet haben, so weit zu kommen. Ich kann sehr wohl kleine Brötchen backen. Und ich habe immer bei meinen Eltern, Großeltern und auch in der Verwandtschaft erlebt, dass Mildtätigkeit und Dasein für andere Menschen mit eines der wichtigsten Dinge im Leben sind.

In einer wohlhabenden Stadt wie München kaum vorstellbar: Mehr als 1.700 Kinder haben hier kein Zuhause. Fast immer sind sie und ihre Mütter durch häusliche Gewalt traumatisiert. Diese Entwicklung hat sich durch Corona verstärkt. Wie beurteilen Sie diesen aktuellen Missstand in einer Zeit, in der immer mehr Menschen wohnungslos werden?

Speidel: Als wir vor 27 Jahren anfingen, dachten alle, die Obdachlosigkeit sei ein temporäres Problem. Aber mein gesunder Menschenverstand hat mir gesagt: Dieser Trend wird sich verstärken.  

Wenn ich heute in diese Welt schaue, dann sage ich: Diese Welt ist auf einem Nomadenpfad. Wir werden in den nächsten 20 bis 30 Jahren eine große Zahl von Menschen aufzunehmen haben. Weltweit werden Menschen auf Wanderschaft gehen und sich die Plätze suchen, wo sie überleben können. Einigen wollen wir direkt helfen.

Viele Frauen mit Gewalterfahrung sind total allein gelassen.

Sie haben ein Schutzhaus für obdachlose Frauen und Kinder und ein zweites Haus der Begegnung gegründet. Hier gibt es vielfältige soziokulturelle Angebote, die den Bewohnern, Nachbarn und allen Interessierten offenstehen. Wie wichtig sind Vernetzung und Integration für Menschen, die lange am Rand der Gesellschaft gelebt haben?

Speidel: Das ist mit einem Wort zu beantworten: lebenswichtig! Weil du dich nur in einer Gemeinschaft entwickeln kannst. Und diese Förderung wird gebraucht, damit du die Menschen stark machst, damit sie sich auch wirklich trauen, kommunikativ zu sein und sich zu vernetzen. Und das ist, was wir versuchen, mit unserem Verein HORIZONT zu bewerkstelligen.

25-Jahr-Feier von HORIZONT e.V. in München. Foto: Cordula Treml

Und so machen Sie die Menschen hier stark?

Speidel: Bei meiner Familie zu Hause habe ich immer gewusst: Wenn ich stark bin, wenn ich geben kann, dann geht es meinen Kindern automatisch wunderbar. Und wenn ich in einer Krise war und meine Kinder das gespürt haben, dann waren sie auch verunsichert und haben sich auch nicht so verhalten wie sonst.

Laut Statistik hat in Deutschland jede dritte Frau in ihrem Leben Gewalt erfahren (2), vor allem häusliche Gewalt durch den eigenen Mann. Was ermutigt diese Frauen Ihrer Erfahrung nach am meisten, wieder ein selbstständiges Leben zu führen?

Speidel: Das ist ein langer Weg, und manchmal muss es wirklich so schlimm werden, dass man es nicht mehr anders aushält, bevor man geht. Wir haben Frauen in einer Verfassung aufgenommen, in der du wirklich sagst, wie kann man so etwas ertragen über so viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Wie kann ein Mensch so eine Demütigung, − ob das physische oder psychische Gewalt ist – wie kann man so etwas ertragen?

Viele Frauen sind total allein gelassen, ohne Bezugsperson. Und die Männer schaffen es, sie zu isolieren. Je isolierter eine Mutter mit ihren Kindern ist, desto weniger hat sie die Chance, aus diesem System auszubrechen.

Wenn ich es nicht mache, macht es keiner.

Heute bietet HORIZONT in zwei Häusern sicheren Wohnraum. Im Moment ist ein drittes Haus in Planung: Welche Vision haben Sie für dieses Haus und die Zukunft Ihrer Schützlinge?

Speidel: Wir werden wieder ein Schutzhaus bauen, um dauerhaftes Wohnen zu ermöglichen. In unserem zweiten Haus haben wir das schon umgesetzt. Hier wohnen inzwischen 48 Familien, die von Wohnungsnot betroffen waren.

Aber Wohnraum bauen kann jeder. Nur diese Familien wirklich so weit zu bringen, dass sie auch fähig sind, eigenständig zu leben, das ist ein langer Weg. Und da wollen wir sie begleiten. Dieser Weg muss präventiv und nachhaltig begleitet werden. Und das ist sehr schwierig. Das kann in Sozialwohnungen nicht bewerkstelligt werden.

Sie sind eine beliebte Schauspielerin. Inwiefern hat Ihre Bekanntheit die Spendenaktionen unterstützt?

Speidel: Ich habe den Verein in einer Zeit gegründet, in der jeder sagte: „Bist du wahnsinnig? Du hast einen Fulltime-Job und deine Kinder und erziehst sie. Das ist ja Wahnsinn! Und jetzt willst du dir das auch noch auf den Hals binden.“ Da habe ich gedacht: Wenn ich es nicht mache, macht es keiner. Also ich mache das jetzt!

Ich bin in die gemeinnützige Arbeit reingewachsen und kann mich gut organisieren. Nach 50 Jahren im Schauspielerberuf sage ich: Wenn etwas Schönes kommt, mache ich es, und wenn nichts Schönes kommt, kommt halt nichts. Da geht die Welt auch nicht unter. Ich bin ja schon Rentnerin und kann von meiner Rente leben.

Für das neue Projekt brauchen wir riesige Spendensummen. Neben allen Förderungen, die wir einreichen, und Stiftungen, die wir ansprechen, brauchen wir auch Privatpersonen, die sagen, ich habe Geld, das ich euch gerne geben würde. Ich weiß, hier ist es sinnvoll angelegt.

Vielen Dank für dieses Interview und viel Kraft für dieses Herzensprojekt!

Anmerkungen:

(1) BISS ist ein Zeitschriftenprojekt, das Bürger in sozialen Schwierigkeiten unterstützt, sich selbst zu helfen.

(2) https://de.statista.com/themen/6635/gewalt-gegen-frauen/#dossierKeyfigures

 

Jutta Speidel, 1954 in München geboren, ist eine deutsche Schauspielerin, Autorin, Hörbuch- und Synchronsprecherin. 2005 erhielt sie für Ihr Engagement für den Verein HORIZONT e.V. das Bundesverdienstkreuz. Es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen.

Infos zum Verein HORIZONT:
Seit 25 Jahren gibt HORIZONT wohnungslosen Müttern und ihren Kindern ein sicheres Zuhause und neue Lebensperspektiven. Im HORIZONT-Schutzhaus erhalten obdachlose Frauen und ihre Kinder Wohnraum auf Zeit und ganzheitliche pädagogische Betreuung. Ein zweites offen konzipiertes Haus ist das dauerhafte Zuhause für 48 sozial benachteiligte Familien. Hier ist auch eine Einrichtung integriert, in der mit verschiedenen Angeboten Bildung, Kultur und ein soziales Miteinander gefördert werden.

Seit Gründung im Jahr 1997 hat der Verein Menschen aus mehr als 60 Nationen aufgenommen und bereits mehr als 2.800 Menschen eine neue Lebensperspektive geboten. Mehr Infos unter: www.horizont-muenchen.org

 

Warchi | iStock

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