cydonna/Photocase.de
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OHREN ZU UND DURCH?

Was sich ändert, wenn wir einander zuhören

Eine atemlose Gesellschaft erlernt in Coachings mühsam wieder die Kunst, achtsam zu kommunizieren und einander zuzuhören, sich Zeit zu nehmen und zu entschleunigen. Sonst können die Folgen teuer werden: menschlich und wirtschaftlich.

Manager hören ihren Kunden nicht zu, Führungskräfte hören ihren Mitarbeitern nicht zu, Abteilungen arbeiten aneinander vorbei und Kollegen machen dicht. Der volkswirtschaftliche Schaden einer unachtsamen Kommunikation im Arbeitsalltag ist groß: Managementfehler, die im Zusammenhang mit mangelndem Zuhören stehen, sollen weltweit einen Schaden von 158 Millionen Euro jährlich verursachen, so eine Studie von Proudfoot Consulting. (1)

Selbst wenn diese Zahl schwer nachvollziehbar ist, sind Kommunikationsprobleme eine der Hauptursachen für Stress im häuslichen und schulischen Bereich. Überarbeitete Eltern haben kein Ohr für ihre dauernörgelnden Kinder, Männer wenden ihren Blick nicht vom Bildschirm ab, wenn man mit ihnen spricht. Handy-verkabelte Schüler hören ihren Lehrern nicht zu.

Das Desinteresse aneinander wächst, das Mitgefühl und Verständnis füreinander sinkt. Will eine Mutter heute zeitgemäß kommunizieren, erreicht sie ihren Spössling vielleicht noch mit Sätzen wie „Welcome in our Chatroom“ statt „Das Mittagessen ist fertig!“ Will man sich überhaupt noch Gehör verschaffen, muss man sich gewaltig anstrengen oder sehr kreativ sein. Wohin führt so eine gesellschaftliche Entwicklung langfristig?

„In einer Gesellschaft, in der man sich zuhört, geht es allen besser. Nur wer zuhört, kann mitreden. Nur wo man sich zuhört, gibt es gemeinsame Ziele“, steht auf der Homepage der Stiftung Zuhören, die mit vielen Projekten neue Formen des Zuhörens einübt, um das gemeinsame Wohl zu finden und zu sichern. (2)

Auch in den vielfach angebotenen Kursen „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“  (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn wird die Kunst der achtsamen, bewussten und wertschätzenden Kommunikation mit den Teilnehmern durch Achtwochen-Kurse heute wieder neu trainiert.

Mit dem Herzen hören

Eine zentrale Übung des Achtsamkeitstrainings ist das achtsame Zuhören. Indem wir mit dem Herzen zuhören, fühlt sich unser Gegenüber wahrgenommen und gesehen. Die Kunst ist es, bewusst und nicht wertend zuzuhören. So schenken wir unserem Gesprächspartner Vertrauen und Offenheit.

Wirkliches Zuhören bedeutet, sich frei von eigenen Vorstellungen und Meinungen zu machen. Um wirklich zuhören zu können, müssen wir zunächst innehalten und die Beschäftigung mit eigenen Themen zurückstellen. Wer nicht zugehört hat, kann sich entschuldigen: „Bitte, kannst du das noch einmal wiederholen?“

Zuhören ist ein aktiver Prozess und spiegelt echtes Interesse, sich mit dem Gesprächspartner zu verbinden sowie Achtung vor der Person und den Werten des anderen. Der andere nimmt unsere Präsenz als Geschenk wahr, weil wir ganz bei ihm sind.

Wussten Sie eigentlich schon, dass beim Anderen nur sieben Prozent des Gesprächsinhalts ankommen? Der Rest spielt sich auf nonverbaler Ebene ab. Wahrgenommen werden vom Zuhörer überwiegend die Körpersprache und die Absicht des Gegenübers. Stimme, Sprache, Mimik, Gestik und Erscheinungsbild werden stärker wahrgenommen als die Inhalte des Gesprächs.3

Stress in der Kommunikation

Woher kommt der Megastress in der Kommunikation? Das hat oft damit zu tun, dass wir unbewusst reagieren. Wir nehmen das Gesagte durch unsere eigene Brille wahr, durch unseren Filter unerfüllter Erwartungen und emotionalen Altlasten. Die berühmte Geschichte von Paul Watzlawik mit dem Hammer zeigt dies eindrücklich.

Wir reagieren impulsiv, weil wir uns bedroht oder angegriffen fühlen und projizieren unsere eigenen Bedürfnisse auf andere. Solange wir uns dessen nicht bewusst sind, setzen wir den unheilsamen Kreislauf von Beschuldigungen, Enttäuschungen, Ärger und Rachestrategien fort und produzieren noch mehr Leiden.

Beim MBSR-Übungsprogramm geht man dem Leiden auf den Grund und erkennt, wie unsere Muster und Erwartungen uns und anderen immer wieder Schmerz zufügen. Beim achtsamen Umgang mit Mustern ist es hilfreich, den äußeren Film (Worte, Gestik, Mimik und Körperhaltung des anderen) als neutraler Beobachter wie durch eine Kamera anzuschauen und von den eigenen automatischen inneren Reaktionen zu trennen, um so mehr Klarheit über die Situation zu gewinnen.

Hindernisseder Kommunikation erforschen

Für eine achtsame Kommunikation ist es wichtig, uns selbst gegenüber so ehrlich wie möglich zu sein und Hindernisse der Kommunikation möglichst objektiv zu erforschen. Bevor wir in Kontakt mit anderen treten, vergewissern wir uns zuerst, ob wir in Kontakt mit uns selbst sind. Um uns selbst besser zu spüren, können wir unseren Körper bewusst wahrnehmen, etwa den Kontakt der Füße mit dem Boden, und einmal tief durchatmen.

Achtsames Zuhören bedeutet also auch, die Achtsamkeit auf die eigene Person zu lenken, auf die eigenen Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Reaktionen. Eine Meditierende namens Emma bemerkte während eines Retreats: „Wenn ich mich in die Geschichte von jemand anderem hineinziehen lasse, bin ich als Zuhörer nicht mehr präsent. Ich bin nicht mehr für ihn da, um ihn zu unterstützen, und ich bin mir selber weniger bewusst.“ (4)

„Wir können dann am aufmerksamsten zuhören, wenn wir bei einem Gespräch mit ca. 50 Prozent der Aufmerksamkeit bei uns sind“, erklärt Nicole Stern, erfahrene Dharma-Trainerin in Firmen, auf einem Achtsamkeitstag des Center for Mindfulness München den Zuhörern. Das führe zu der Bereitschaft, dem anderen mit Aufmerksamkeit und Präsenz zuzuhören.

Bei gelingender Kommunikation geht es also um Respekt und die Bereitschaft, selbst bei Nichtübereinstimmung zu einer Übereinstimmung zu kommen. Eine hilfreiche Grundlage dazu bietet eine regelmäßige Meditations- und Achtsamkeitspraxis. Wenn wir achtsam sind, wissen wir, wie wir uns fühlen. Wenn wir unserer selbst bewusst sind, sind wir nicht in Gefahr, an anderen etwas auszuagieren, was mit ihnen gar nichts zu tun hat. Achtsamkeit ermöglicht eine stabile innere Präsenz, die uns darin unterstützt, klar zu kommunizieren und verantwortlich zu handeln.

Ein Gespräch ist wie ein Improvisation

Das Wichtigste bei stressiger Kommunikation: Der Weg zu nachhaltiger Versöhnung beginnt im Herzen jedes Einzelnen. Davon weiß der Friedensaktivist und Mönch Thich Nhat Hanh zu berichten, der seit 2005 regelmäßig Friedensgespräche und Retreats mit Israelis und Palästinensern sowie anderen Streitparteien abhält. Für ihn beginnt die praktische Friedensarbeit mit Menschen, die sich scheinbar unversöhnlich gegenüber stehen, mit der liebevollen Zuwendung und Einfühlung, zunächst in die eigenen Gefühle und dann in die des anderen. Versöhnung und Frieden, so seine Erfahrung, sind überall möglich. Jeder Einzelne hat die Kraft in sich, den ersten Schritt dazu zu tun.

Aber wir müssen ihn tun und aufeinander zugehen. Dann hören in Zukunft vielleicht Manager ihren Mitarbeitern zu, Mütter ihren Kindern und Schüler ihren Lehrern. Jeder Einzelne ist gefragt, etwas für eine gelingende Kommunikation zu tun und immer wieder zu üben. Vielleicht finden wir auch neue ideenreiche Ansätze für Kommunikation, die Spaß machen und motivieren.

Neulich sagte ein Avantgarde-Jazzmusiker, ein Gespräch sei für ihn sei wie eine Improvisation in der Musik. Wenn wir bewusst in eine Kommunikation gehen, gibt es viele kreative Gestaltungsmöglichkeiten.

Michaela Doepke

 

(1) www.financialtech-mag.com/_docum/11.Estudios_de_mercado02.pdf und
www.zuhoeren.de/home/projekte/familie-gesellschaft/wirtschaft.html

(2) www.zuhoeren.de/home/projekte/familie-gesellschaft.html

(3) www.nonverbal-kommunikation.de

(4) Gregory Kramer, Einsichts-Dialog, Arbor Verlag 2009, S. 210

(5) Marshall B. Rosenberg, Die Sprache des Friedens sprechen, Junfermann Verlag und Maren Schneider, Stressfrei durch Meditation, O. W. Barth Verlag, München 2012, S. 158)

Tipps zum Lesen

Thich Nhat Hanh, Versöhnung beginnt im Herzen, Herder Verlag

drs. Achtsam sprechen – achtsam zuhören, O. W. Barth Verlag

 

 

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