„Papa, mir ist langweilig!“

llike/ shutterstock.com
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Langeweile und Muße im Leben mit Kindern

Erwachsenen fällt es in der Rush-Hour des Lebens oft schwer, sich in Langweile von Kindern einzufühlen. Doch statt die Kinder zu immer neuen Aktionen zu animieren, kann Langeweile die Chance bieten, vom dauernden Tun ins Sein zu kommen, sagt der Buchautor, Pädagoge und Achtsamkeitslehrer Steve Heitzer.

Mir ist langweilig! Was soll ich tun?“ Welche Eltern hören das nicht von ihren Kindern? Wenn ich das von meiner 10jährigen Tochter höre, entfährt mir meist eine Antwort, die interessant ist, sich näher anzuschauen: „Langweilig? Mir nicht. Ich wüsste, was du tun könntest: staubsaugen, den Müll raustragen, kochen, den Geschirrspüler ausräumen …“.

Wenn ich es bis dahin überhaupt schaffe, ohne durch einen Rüffel seitens meiner Tochter abgewürgt zu werden („Ma Papa!“), seh ich mich selbst als diesen typischen Erwachsen, dem und nur dem solche Dinge einfallen können auf so eine Bemerkung. Wie fühlt sich Langeweile an? Was ist bei meinem Kind, wenn es sich langweilt? Und was ist bei mir, dass mir eine solche Antwort einfällt. Was können wir beide tun?

Als Erwachsener in der „Rush-hour des Lebens“ (Kinder, Beruf, Haus und tausend Verpflichtungen und Bedürfnisse – nicht zuletzt eigene!) fällt es mir immer wieder schwer, mir vorzustellen, was Langeweile ist. Noch schwerer: mich hineinzufühlen in diese Langeweile, von der meine Tochter spricht.

In der Achtsamkeitspraxis würden wir uns fragen: Wie fühlt sich das an, ganz konkret, wo und wie spüre ich das in meinem Körper? Wenn ich meine pubertierende Tochter so frage, schießt mich ihr Gesichtsausdruck endgültig auf den Mond.

Natürlich schwingt auch der Gedanke mit: Kein Problem, tolle Gelegenheit, euch „nützlich“ zu machen, wenn ich meinen Mädels Haushaltsjobs anbiete. Es ist ständig so viel zu tun, dass ich gar nicht auf die Idee käme, es wäre mir langweilig. Es gibt eigentlich keinen Zeitpunkt, wo ich mal gerade nicht wüsste, was ich tun soll. Schon eher, was ich zuerst tun soll.

Wir Erwachsene leben oft in einem Hamsterrad und nicht selten mit dem permanenten Gefühl, es läuft uns die Zeit davon. Im Laufe eines Tages, eines Monats, eines Semesters, eines Jahres. Ja selbst im Urlaub erlebe ich manchmal, wie mir dieses psychologische Konstrukt „Zeit“ im Nacken sitzt, um mich anzutreiben, um mich unglücklich zu machen, weil mir die Zeit davon läuft, die Dinge zu tun, die ich noch tun wollte.

Und dabei sind wir vielleicht bei dem, was sich hier als Erkenntnis aufdrängt: Vielleicht lädt uns Langeweile ein, für jetzt aus dem Tun auszusteigen und einfach zu sein. Wenn „Ich weiß nicht, was ich tun soll“ wie eine Definition von Langeweile ist, ist Muße die Einladung, gerade das Nicht(s)-Tun zu kosten, ja sich darin zu üben.

Sich im Nichtstun üben

In einem Meditationsretreat vor zwei Jahren hat unsere Leiterin Nicole Stern Zeiten der Muße eingebaut, und ich habe das in meinen eigenen kontemplativen Retreats übernommen. Warum? Selbst die Meditation kann uns zum Tun werden. Zum (mechanischen) Befolgen einer Anleitung (etwa, den Atem zu beobachten), zum Einhalten einer vorgegebenen Tagesstruktur, bis hin zu einer quasi „sportlichen“ Haltung, möglichst viel, lange, oder „intensiv“ zu meditieren.

Selbst das stille kontemplative Gebet als Meditation in der christlichen Tradition kann zu einem Tun werden, ähnlich wie ein mechanisches Beten von Texten. Und womöglich ist unser Geist währendessen munter dabei, seinem eigenen Trip zu folgen.

Und selbst und gerade wenn wir „beste Absichten haben“, sind wir beim Meditieren nicht gefeit davor, es „richtig machen“ zu wollen – womit wir schon wieder beim Machen sind. Deswegen halte ich es für eine wunderbare Übung, Zeiten einzurichten, wo nicht einmal meditieren am Programm steht. Uns selbst und das Nicht(s)-Tun aushalten.

Kommen wir zurück zu unserem gelangweilten Kind. Manchmal kommt bei meiner jüngeren Tochter diese „Langeweile“ nach einer intensiven Zeit (viele Stunden oder sogar Tage) mit ihrer besten Freundin auf. Dann ist es vielleicht ein Moment der Neuorientierung: Jetzt war lange völlig klar, was dran war, aber was jetzt?

Auch in unserem Kindergarten gibt es manchmal Kinder, die mit diesem Gefühl kommen und es auch sagen: „Mir ist langweilig. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Wir nehmen dieses Gefühl in Kauf und schätzen es hier auch als wichtige Chance für das Kind, sich selbst zu orientieren. Dies ist eine wichtige Aufgabe, da wir mit unserem nicht-direktiven Ansatz nicht durchgehend Programm machen, sondern auf eine „vorbereitete Umgebung“ setzen, in der die Kinder ihren eigenen Bedürfnissen und Impulse folgen können, und denen auch auf die Spur kommen müssen.

So kommt es also vor, dass Kinder nicht wissen, was sie tun sollen. Umso mehr, wenn sie es zuhause mit sehr aktiven und animierenden Erwachsenen zu tun haben. Was also tun, wenn die Kinder nicht wissen, was sie tun sollen?

Vielleicht gelingt es uns – zumindest fürs Erste – dem Impuls zu widerstehen, mit dem Kind tatsächlich etwas zu tun, zu spielen, ihm was vorzulesen. Anstatt die Gelegenheit für eine Lektion, Darbietung oder ein wie immer geartetes pädagogisches Angebot zu nützen (das ist dann fast wie mein Vorschlag an meine Mädels, sich im Haushalt nützlich zu machen), könnten wir es als Einladung nehmen, uns selbst aus unserem Getriebe herauszunehmen, den Gang sozusagen in den Leerlauf schalten, und uns dem Kind zuzuwenden.

Die Leerstelle finden

Wir müssen auch das Gefühl der Langeweile nicht (lange) thematisieren. Oft genügt es, sich einzulassen auf eine kurze Begegnung, ein Zuhören, vielleicht aber auch sich nur zuzuwenden, (bei einem kleinen oder auch beim eigenen größeren Kind) es auf den Schoß zu nehmen, kurz zusammen zu sitzen, vielleicht sogar in Stille.

Wenn wir selbst Ruhe finden und uns nicht treiben lassen von all dem, was noch zu tun ist, dann wird vielleicht auch das Kind einen Moment Ruhe finden. Und es erübrigt sich letztlich die Frage, was man tun könnte, weil für diesen Augenblick das schlichte Da-Sein im Vordergrund sein darf. In einer Zeit und einem Lebensgefühl der ständigen Beschleunigung entsteht ein eklatantes Ungleichgewicht zwischen dem Tun und dem Sein. Wir wissen das alle. Aber es ist so schwer, Ansatzpunkte zu finden für ein bisschen mehr Gleichgewicht. Wenn uns ein Kind mit seiner Langeweile konfrontiert, könnte das so eine Gelegenheit sein.

Was also tun, wenn mein Kind mich fragt: „Was soll ich tun?“ Vermutlich nicht staubsaugen oder andere abenteuerliche Hausarbeiten anbieten. Vielleicht auch kein Spiel oder eines der üblichen Angebote. Eher das Tun weglassen. Es ist zu viel Tun in unserer Welt. In der langweiligen Langeweile steckt das Abenteuer des schlichten Daseins – nicht als moralische, erzieherische oder spirituelle Maßnahme, sondern als heilsame Leerstelle für uns Erwachsene mit unseren Kindern.

Der große buddhistische Lehrer Thich Nhat Hanh sagte einmal: „Viele Leute werden aktiv, aber wenn ihr Geisteszustand nicht friedvoll oder glücklich ist, säen ihre Handlungen nur noch mehr Unruhe und Ärger und verschlimmern die Situation. Statt also zu sagen: ‚Sitz nicht einfach herum, tu lieber etwas‘, sollten wir im Gegenteil sagen: ‚Tu nicht einfach etwas, setz Dich lieber hin.“

Miteinander nichts tun – wie geht das?

Ich bin mit zwei unserer Kindergartenkinder im Bewegungsraum im Keller. Anna, Michael und ich liegen auf den Turnmatten am Rücken. Wir reimen so vor uns hin. Manchmal berühren wir uns, manchmal balgen wir kurz, um dann wieder am Rücken zu landen und nichts zu tun.

Ich widerstehe dem Impuls, jetzt irgendetwas („Sinnvolles“?) mit ihnen tun zu müssen oder nach oben zu schauen, wo meine Kollegin mit dem Rest der Gruppe alleine ist. Und ich bleibe jetzt doch einfach mit ihnen liegen. Exklusiv mit zwei Kindern, ohne etwas zu tun.

Paula und Michael kommen oft nicht gut miteinander aus. Manchmal aber finden sich die beiden. So wie jetzt, wo wir miteinander nichts tun. Und doch zusammen sind, einfach da. Und ich spüre, dass in dieser „Leerstelle“ Wichtiges geschehen kann. Paula sagt schließlich, sie möchte heute gern jemanden zu sich nach Hause einladen. Aber wen?“, fragt sie.

Wir liegen immer noch zu dritt auf dem Rücken und ich frage mich, ob sie ihre Frage jetzt indirekt an Michael richtet. Der jedenfalls meint vorsichtig: Vielleicht mich?“ Paula weiß nicht recht und sagt, sie möchte es sich noch überlegen.

Soll ich sie ermutigen? Ich entscheide mich wieder dafür, nichts zu tun. Und bin berührt von dieser zarten Begegnung und Annäherung, aber auch von der Kompetenz einer Sechsjährigen, sich das noch einen Moment offen zu lassen, und der eines Fünfjährigen, mutig zu fragen und damit gut leben zu können, dass er noch auf eine Antwort warten muss. Am Ende vereinbaren sie tatsächlich, dass Michael mittags mit zu Paula geht.

steveheitzerSteve Heitzer ist Pädagoge und Theologe, Achtsamkeitslehrer und Seminarleiter. Er gründete im Jahr 2000 einen Kindergarten.

Seit 2015 bringt er seine Schwerpunkte im Projekt cordat-herzensbildung ein. Im Arbor-Verlag erscheint in Kürze sein Buch „Kinder sind nichts für Feiglinge. Ein Übungsweg der Achtsamkeit.“ www.cordat.org

 

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