Dworkin

Plädoyer für einen religiösen Atheismus

Intellektuelle Kampfansage an den Fundamentalismus

Kann es eine Religion für Atheisten geben? Was ist das Wesen von Religion? Und können religiöse und nicht religiöse Menschen eine gemeinsame Basis in menschlichen Werten haben? Der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin (1931-2013) packt in seinem kleinen, provokanten Buch „Religion ohne Gott“ dieses heißen Eisen an.

Das Werk beinhaltet die Skripte seiner „Einstein-Vorlesungen“, die er im Dezember 2011 in Bern hielt. Eigentlich war es sein Plan, diese in einer erweiterten Ausgabe herauszubringen. Es ist sehr bedauerlich, dass er nicht mehr dazu kam. Doch auch die Fragmente, die er mit diesen knapp 150 Seiten hinterlassen hat, sind für die Welt von heute sehr bedenkenswert.

Menschen machen die Erfahrung des Heiligen

Ausgangspunkt für Dworkins Überlegungen ist ein Gefühl: die Erfahrung des Heiligen, des Erhabenen, die fast alle Menschen machen können – religiöse Gläubige ebenso wie Atheisten und Wissenschaftler. Er zitiert Einstein, um dies zu beschreiben: „Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestation tiefster Vernunft und leuchtender Schönheit, die unserer Vernunft nur in ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinne und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen.“

Die Wissenschaft hat unsere Welt entzaubert und diese wichtige Dimension des Menschseins ausgeklammert: „das Numinose“, wie Dworkin es in Anlehnung an den Theologen Rudolf Otto nennt, also Gefühle des Heiligen und Schönen, etwa wenn man in den nächtlichen Sternenhimmel schaut und sich die Unendlichkeit der Galaxien bewusst macht.

Das Staunen über die Erhabenheit des Universums sei die Wurzel religiöser Gefühle und könne rational nicht begründet werden. In der Religion wird diese Erfahrung in Symbolen ausgedrückt. Gott beispielsweise sei so ein Symbol, aber eben nur eines unter vielen. Atheisten würden diese Erfahrung lediglich anders ausdrücken, aber nicht leugnen. Insofern seien die Gemeinsamkeiten von Gläubigen und Atheisten tiefgreifender als die Unterschiede. „Religion ist etwas Tieferes als Gott“, so die starke These des Buches.

Religionskriege finden heute zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen statt

In der Realität jedoch bekämpften sich beide Seiten gnadenlos. Religionskriege, so der Philosoph, fänden heute zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen statt. Dies entzünde sich zum Beispiel an Fragen, ob in der Schule christliche Symbole aufgehängt werden und Frauen in öffentlichen Räumen eine Burka tragen dürften.

„Religionskriege“, so Dworkin, „sind wie ein Fluch, der auf unserer Spezies lastet. Überall bringen Menschen andere Menschen um, weil sie deren Götter hassen“, wobei der Autor auch die Wissenschaft als eine Art Glaubensrichtung ansieht. Die Annahmen, dass es Gott gibt oder dass kein Gott existiert, seien aus wissenschaftlicher Sicht gleichwertig. Diese Fragen seien „lediglich eine esoterische wissenschaftliche Meinungsverschiedenheit ohne moralische und politische Bedeutung“, so die provokante Aussage.

Dabei nutzt Dworkin die Unschärfe des Begriffs Religion aus, für den es keine festgelegte Definition gibt. Man fragt sich, warum er als Atheist darauf besteht, religiös zu sein. Es ist nicht anzunehmen, dass er mit diesem Vorstoß Fundamentalisten zur Räson rufen kann. Dahinter steckt eher ein praktisches Anliegen: Dworkin will Brücken bauen zwischen Religion und Wissenschaft, er will den Kern dessen herausschälen, was alle Religionen eint.

Worauf es eigentlich ankomme, seien die gemeinsamen Werte, die uns als Menschen verbinden. In diesem Zusammenhang postuliert er eine Weltsicht, derzufolge es „eine eigenständige Wirklichkeit von Werten“ gibt. „Jeder Einzelne hat eine angeborene und unausweichliche Verantwortung, danach zu streben, ein gutes Leben zu führen.“

Dworkin war einer der Philosophen, die sich immer wieder zu aktuellen Grundsatzfragen der Gesellschaft geäußert haben. Sein letztes Buch ist ein Appell, den Fundamentalisten in Religion und Wissenschaft nicht das Feld zu überlassen, sondern sich auf das zu besinnen, was uns Menschen eint.

Birgit Stratmann

Ronald Dworkin: Religion ohne Gott                                                                                             Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 146 Seiten, 19,95 Euro

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Ein Gedanke zu „Plädoyer für einen religiösen Atheismus

  1. „Zitat: Die Annahmen, dass es Gott gibt oder dass kein Gott existiert, seien aus wissenschaftlicher Sicht gleichwertig. “

    Das ist vollkommener Unsinn. Die Existenz von Göttern würde wegen deren Anspruchs auf Allmächtigkeit den Naturgesetzen widersprechen, neben anderen Gründen…

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