Joseph Sohm/ shutterstock.com
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Rassismus in den Herzen

Ein weißer Amerikaner zu Gewalt und versteckten Vorurteilen

Der Rassismus ist tief in der amerikanischen Gesellschaft und im Bewusstsein von Weißen und Schwarzen verankert, schreibt der US-Philosoph Jay Garfield. Ein Ende der Gewalt und ein Erfolg der Black Lives Matter-Bewegung sei nur möglich, wenn es gelingt, versteckte Vorurteile zu überwinden.

 

Wieder einmal wird Amerika von schrecklichen Gewaltausbrüchen erschüttert. Sie spiegeln einen systematischen Rassismus in unserer Kultur und die Reaktionen darauf. Es folgen Diskussionen über das Rassenthema, die häufig in gegenseitige Beschimpfungen, Phrasendrescherei und Geschrei ausarten, bevor man sich wirklich mit der Sache beschäftigt.

Wer nicht unserer Kultur angehört, wird dies nur schwer begreifen. Ich möchte versuchen, aus der Perspektive eines weißen Amerikaners, der gezwungen ist, sich über dieses Thema Gedanken zu machen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Rasse ist ein Konstrukt, etwas Künstliches und nichts Gegebenes. Verschiedene Rassen und daraus entstehende Identitäten werden in den Kulturen konstruiert. Sie sind Ausdruck unterschiedlicher Historien von Ausgrenzung, Diskriminierung und Unterdrückung.

Nichts, das ich zu sagen habe, kann über den amerikanischen Kontext hinaus verallgemeinert werden, ein Kontext, der durch die Geschichte der Sklaverei entstanden ist und in dem die Rassenzugehörigkeit ein zentrales Identitätsmerkmal ist – sowohl in Bezug auf sich selbst als auch auf die anderen.

Die Identität vieler Amerikaner ist hauptsächlich von der Rasse bestimmt, mit der sie sich identifizieren oder die ihnen zugeschrieben wird. Wie man spontan auf jemanden reagiert, wird wesentlich durch die eigene rassenbezogene Identität und die des Gegenübers bestimmt.

Dies gilt sogar für Menschen, denen diese Identifizierung nicht bewusst ist oder die sie verdrängen. Viele Leute, die man als weiß bezeichnen würde, behaupten, sich selbst nie als zu einer bestimmten Rasse zugehörig zu betrachten. Aber gerade eine solche Einstellung verrät einiges über ihre rassenbezogene Identität: Mitglieder der dominanten Gruppe einer rassifizierten Gesellschaft sind in der luxuriösen Position, sich ihrer eigenen Rasse und der damit verbundenen Identität gar nicht bewusst zu sein. Diese ist für sie so angenehm, dass sie kaum wahrnehmbar ist, aber genau dieses Phänomen, keine Probleme mit der eigenen Identität zu haben, ist ein Ausdruck der rassenbezogenen Identifikation.

Weiße profitieren vom Rassismus, ohne es zu merken

In einer rassifizierten Gesellschaft wie der amerikanischen gibt es überall Rassismus, sowohl impliziten wie auch expliziten. Letzterer zeigt sich vielerorts in der Gesellschaft – in Stereotypen, gezielter Ausübung von Gewalt, Diskriminierung usw. Rassismus gibt es bei der Vergabe von Arbeitsplätzen, Wohnungen, in der Rechtsprechung, im Finanz-, Bildungs- und Gesundheitswesen. (Allerdings gibt es zwischen dem amerikanischen Rassismus und anderen Ausprägungen einen entscheidenden Unterschied: Selbst ganz offen rassistische Amerikaner betrachten Afroamerikaner nicht als Außenseiter oder Nicht-Amerikaner, sondern als Teil des amerikanischen Staatswesens. Deshalb ist die Debatte auch so emotional.)

Als Weiße merkt man gar nicht, dass man permanent vom Rassismus profitiert. Die Tatsache, dass man den eigenen Vorteil nicht erkennt und die Tendenz, diejenigen, die durch die ungerechte Behandlung benachteiligt werden, als Verlierer in einem fairen Wettbewerb zu behandeln, sowie die Weigerung, irgend etwas dagegen zu unternehmen, ist eine Form des impliziten Rassismus – Rassismus. Diesen erkennen wir nicht bewusst und lehnen ihn eigentlich ab, aber er bestimmt maßgeblich, wie wir die Welt sehen und in ihr handeln. Impliziter Rassismus durchzieht die gesamte amerikanische Gesellschaft.

Impliziter Rassismus zeigt sich auch in versteckten Vorurteilen, die ebenso weit verbreitet sind. Hunderte psychologische Studien haben gezeigt, dass selbst Amerikaner, die sich absolut sicher sind, völlig frei von rassistischem Gedankengut zu sein, ja sogar Mitglieder von antirassistischen Bewegungen, implizite rassistische Vorurteile haben. Diese entziehen sich ihrer Selbstwahrnehmung, beeinflussen jedoch die eigene Wahrnehmung und emotionale Reaktionen sehr stark.

Ein Beispiel ist ein Test über implizite Vorurteile, den Sie im Internet machen können. Hier hat man die Aufgabe, in schneller Abfolge Wörter zu assoziieren und Gesichter zu erkennen. Anhand der Reaktionsdauer kann man feststellen, wie stark man mit weißen oder afroamerikanischen Gesichtern positive oder negative Assoziationen verknüpft. Manche Ergebnisse sind erschreckend. Einen solchen Test zu machen ist eine demütigende Erfahrung. Wir fallen alle durch.

Bilder von afroamerikanischen Gesichtern lösen häufiger spontanes Unbehagen aus als Bilder von weißen Gesichtern. Wir verknüpfen damit schneller Begriffe, die emotional negativ besetzt sind. Konkret äußert sich das dadurch, dass Objekte wie Waffen oft schneller erkannt werden, wenn man zuvor das Gesicht eines Schwarzen gesehen hat.

Es gibt unzählige Untersuchungen auf diesem Gebiet, aber sie führen alle zu dem selben Ergebnis: Wer in einer rassistischen Gesellschaft aufwächst, erwirbt automatisch einen tief verwurzelten Rassismus , der selbst gegen bewusste Anstrengungen resistent ist. Die einzige Methode, ihn abzuschwächen ist ein Langzeit-Training, das speziell darauf abzielt, implizite Vorurteile zu beseitigen. Es gibt allerdings bisher noch keine Belege dafür, dass ein solches Training langfristig zu Veränderungen führt.

Tragischerweise haben schwarze Amerikaner genau die selben impliziten Vorurteile wie weiße. Auch bei ihnen ist eine unterschwellige Angst beim Anblick schwarzer Gesichter erkennbar, und die gleichen Mechanismen wie bei weißen Testpersonen werden ausgelöst. Was daraus folgt, ist erschreckend:

Die unmittelbare emotionale Reaktion der meisten Amerikaner auf ein schwarzes Gesicht, vor allem ein männliches, ist Angst, auch wenn sie diese nicht bewusst wahrnehmen. Eine Interaktion mit einer schwarzen Person verbinden sie eher mit Bedrohung als mit Kooperation. Stellen Sie sich vor, sie seien jemand, der durch sein bloßes Dasein derartige spontane Reaktionen bei anderen auslöst. Allein dieser Gedanke müsste Ihnen Tränen in die Augen treiben. Und nun stellen Sie sich vor, dass Sie diese Erfahrung in jedem Augenblick ihres Lebens machen.

Eine unmittelbare Konsequenz aus diesen Tatsachen ist eine große wirtschaftliche Ungleichheit zwischen dem schwarzen und dem weißen Amerika. Man könnte viele Statistiken anführen, aber eine fasst es besonders gut zusammen: Ein durchschnittlicher weißer amerikanischer Haushalt ist sechzehn mal wohlhabender als ein schwarzer. Sie können sich vorstellen, welche Konsequenzen das auf die Ressourcen im Bereich Ernährung, Bildung, Freizeit, Zugang zu Informationen, Reisen, usw. hat.

In einem durchschnittlichen weißen Haushalt liegt der Fokus auf der Zukunft, etwa der Freizeitgestaltung, der Förderung der Kinder, während die meisten schwarzen Familien hauptsächlich damit beschäftigt sind zu überleben und die nächste Mahlzeit zu organisieren. Sicher gilt das nicht für alle, aber es ist sehr schwer, diesem Muster zu entkommen.

Rassismus bei der Polizei

Kommen wir nun zum Thema Polizeiausbildung. Das National Public Radio [eine Kooperation nichtkommerzieller Hörfunksender in den USA] sendete vor kurzem eine Sonderreportage über die Arbeit der Polizei und das Rassenproblem in Amerika. Ein Polizeibeamter berichtete, was das erste war, das er auf der Polizeiakademie zu hören bekam: “Im Gerichtssaal vor zwölf Geschworenen zu stehen ist besser als von sechs Sargträgern zu Grabe befördert zu werden.”

Die Polizeiausbildung in Amerika entspricht eher einem Militärtraining als einer Ausbildung zu einem Dienst für die Allgemeinheit. Ein anderer Polizist berichtete, dass in einem Zeitraum von sechs Monaten der Einsatz von Gewalt täglich unterrichtet worden sei. Lediglich acht Stunden lang sei geübt worden, wie man eine Gewaltsituation deeskaliert.

In Amerika lernen Polizeibeamte, so wie Soldaten, dass sie einen gefährlichen Beruf ausüben, und dass es das oberste Ziel ist, am leben zu bleiben. Außerdem bringt man ihnen bei, dass jede Person, mit der sie zu tun haben, eine potentielle Bedrohung darstellt. In einem Land, in dem über 300 Millionen Waffen im Umlauf sind – ihre Zahl ist größer als die der Einwohner – , ist das vielleicht nicht völlig irrational. Doch eine solche Einstellung hat katastrophale Folgen.

Zusammengenommen ergeben diese Erkenntnisse über den Rassismus, die versteckten Vorurteile und die Polizeiausbildung eine explosive Mischung. Schwarze Männer erzeugen Angst, und das häufig in Bezirken, in denen hohe Armut zu vermehrter Gewalt und erhöhtem Polizeieinsatz führt. (Obwohl man darauf hinweisen muss, dass schwarze Männer selbst in wohlhabenden Gegenden gefährdet sind: Der Harvard Professor Henry Louis Gates wurde festgenommen und in Handschellen gelegt als er sein eigenes Haus in Cambridge, Massachusetts, betreten wollte. Der Polizist konnte einfach nicht glauben, dass ein Schwarzer in einer solchen Gegend wohnt.)

Polizisten handeln Angst gesteuert und sind bewaffnet. Schwarze Männer werden von amerikanischen Polizisten getötet, obwohl sie häufig gar nicht an Gewalthandlungen beteiligt sind oder sich der Polizei gegenüber sogar kooperativ zeigen.

Die Bewegung „Black Lives Matter“

Das ist der Hintergrund der Black Lives Matter-Bewegung. [“Black lives matter” bedeutet in etwa: „Auch ein schwarzes Leben ist wertvoll“]. Seit es Handys und Überwachungskameras gibt, wurde der Öffentlichkeit klar vor Augen geführt, was sie zuvor aus reiner Unkenntnis immer abgestritten hatte: Die Polizei tötet regelmäßig unbewaffnete schwarze Männer. Auch ich gehörte zu denjenigen, die das nicht glaubten. Jetzt können führt kein Weg mehr daran vorbei – wir müssen es sehen.

Das, was uns Afroamerikaner schon seit Jahren sagen, ist nun bewiesen, und es zeigt sich, dass unser Schweigen und unsere Verblendung uns praktisch zu Mittätern gemacht haben. Deshalb sehe ich die grausamen Videos und Handy-Fotos von Menschen, die durch Polizisten zu Tode kamen, als einen moralisch notwendiger Bürgerjournalismus. Selbst wenn der auf Facebook im Livestream gezeigte Tod eines Schwarzen als Voyeurismus erscheinen mag, so ist er doch ein wertvolles Dokument, das beweist, wie tief der Rassismus in unserer Gesellschaft und im Bewusstsein der Menschen verankert ist.

Als der Ausdruck “Black lives matter” aufkam, sagten viele Weiße in guter Absicht “All lives matter” (“Jedes Leben ist wertvoll”). Sie waren entsetzt, von ihren afroamerikanischen Landsleuten und Freunden des Rassismus bezichtigt zu werden. Wir dachten immer, wir seien neutral. Wir haben es einfach nicht verstanden. Sie hatten recht. Wir haben nicht begriffen, dass man, wenn man sagt, dass auch ein schwarzes Leben wertvoll ist, damit nicht meint, andere Leben seien nicht wertvoll. Sondern es bedeutet ganz einfach, dass auch ein schwarzes Leben ein Leben ist.

Der geschichtliche Hintergrund spielt eine entscheidende Rolle. Als Afrikaner nach Amerika gebracht wurden, sah man die Afrikaner als Vieh, nicht als Menschen. Dieser Zusammenhang bestimmt das Rassenproblem bis zum heutigen Tag. Wenn jemand also in diesem Zusammenhang gutgläubig sagt, dass “jedes Leben wertvoll ist”, denkt er normalerweise nicht an Schafe oder Hühner, Kakerlaken oder Stechmücken. Es geht um Menschenleben. “Black lives matter” soll uns daran erinnern, dass ein schwarzes Leben ein (Menschen-)Leben ist. Wer den gut gemeinten Spruch äußert, jedes Leben sei wertvoll, hat den Punkt nicht begriffen.

Gerade jetzt, nachdem fünf Polizisten in Dallas grausam ermordet und sechs weitere verletzt wurden, reagieren viele weiße Amerikaner auf die Black Lives Matter-Bewegung als hätte das schwarze dem weißen Amerika oder zumindest dessen Polizeibeamten, den Krieg erklärt. Sie betonen, dass nicht nur ein schwarzes Leben, sondern auch das eines Polizeibeamten wertvoll ist. Der Ausdruck “Blue lives matter” [etwa “Auch ein blaues Leben ist wertvoll”– eine Anspielung auf die blauen Uniformen der amerikanischen Polizisten] ist immer häufiger zu hören.

Schwarze werden darauf wiederum mit Verbitterung und Verzweiflung reagieren. Aber der Krieg wurde mit der Ankunft des ersten Sklavenschiffs erklärt. “Black Lives Matter” ist keine Kriegserklärung, sondern der Versuch, auf einen schon sehr lange andauernden Krieg aufmerksam zu machen. Einen Krieg, der immer erstaunlich einseitig verlaufen ist. Jedes Leben ist wertvoll, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass ein schwarzes Leben genauso wie ein weißes ein (Menschen-)Leben ist. Die Ermordung weißer Polizisten ist eine schreckliche Sache, hat aber damit überhaupt nichts zu tun.

Wie es weitergeht, ist unsicher. Die Gesellschaft ist polarisiert. Angst und Wut beherrschen die öffentlichen Medien. Fortschritte sind kaum erkennbar. Eines aber ist klar: Erst wenn das weiße Amerika erkennt, dass der Rassismus und die versteckten Vorurteile eine Realität sind, die die ganze Gesellschaft durchziehen und was dies für Auswirkungen hat; erst wenn diese Realität als ein Problem anerkannt wird, das es zu lösen gilt, und nicht als natürliche Struktur einer Gesellschaft; erst wenn diejenigen, die von dieser inakzeptablen Situation profitieren, ihre eigene Position nicht mehr als Früchte ihres Verdienstes sondern als unrechtmäßigen Gewinn sehen, erst dann gilt: Black lives matter. Erst dann kann es weiter gehen.

Jay Garfield, aus dem Englischen übersetzt von Barbara Marx

Jay Garfield

C Spitz

Jay Garfield ist Professor für Philosophie am Smith College, Northhampten, USA, und Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen: „Engaging Buddhism. Why It Matters to Philosophy“, Oxford University Press 2015

 

 

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