dieterkowallski/Photocase.de
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„Religionen müssen am Puls der Zeit sein“

Interview mit Professor Wolfram Weiße, Direktor der Akademie der Weltreligionen

Die Religionen haben keineswegs ausgedient, sagt Prof. Wolfram Weiße. Der Religionspädagoge spricht im Interview über Sinnsuche, Patchwork-Religion und Radikalisierung. Die Religionen sollten sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, so Weiße.

 

Das Gespräch führte Birgit Stratmann

Welche Rolle haben die Religionen heute in unserer Gesellschaft?

Es ist erstaunlich, wie stark seit den 1990er Jahren das Interesse verschiedener Disziplinen an der Religion gewachsen ist, sei es in der Erziehungswissenschaft, der Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte. Heute gibt es viele Forschungsprojekte zur Bedeutung von Religion, mit Blick auf individuelle und gesellschaftliche Fragen. Darunter sind auch große interdisziplinäre Projekte, für die viel Geld bereitgestellt wird.

In der Öffentlichkeit hat sich das Bild auch gewandelt. Dachte man noch vor 20 Jahren, dass Religion nur etwas für Alte und Kranke sei, spielt sie heute eine größere Rolle bei der Sinnsuche. Zwar haben sich viele Menschen von den Institutionen wie der Kirche abgesetzt, aber für den Einzelnen ist Religion dort wichtig, wo es um fundamentale Lebensfragen geht: Was trägt mich, auch in schwierigen Zeiten, was kommt nach dem Leben?

Nach den Terroranschlägen vom 11. September stand Religion plötzlich im Scheinwerferlicht. Hier wurden auch die negativen Seiten offenbar. Religionen können eine destruktive Kraft entfalten, wobei es dahin gestellt ist, ob die Attentäter wirklich religiös waren oder nicht.

Der Einfluss der Kirchen geht zurück

Man könnte aber auch den Eindruck bekommen, dass der Einfluss der Religionen zurückgegangen ist. Gibt es dazu belastbare Daten?

Es kommt darauf an, welche Ebene wir betrachten. Die großen Kirchen haben immer noch sehr großen Einfluss. Ihre Vertreter sitzen in Gremien, z.B. Rundfunkräten. Die Kirchen sind große Arbeitgeber und setzen ihre Macht im Spiel der Interessen ein. Die Kirchensteuer fließt immer noch reichlich, so dass all die kirchlichen Aktivitäten, auch sozialer Art, weiterlaufen können. Hier gibt es keine Einbrüche.

Prof. Weiße ist Direktor der Akademie der Weltreligionen. Foto: Jens Nagels

Prof. Weiße ist Direktor der Akademie der Weltreligionen. Foto: Jens Nagels

Auf der anderen Seiten sagen uns die Statistiken klar, dass es mehr Kirchenaustritte gibt, weniger Interesse, weniger Wissen über Religion, weniger Bindekraft. Die letzten Shell-Jugendstudien zeigen eindeutig, dass bei den Jugendlichen die Bindung an die Kirchen nachgelassen hat und dass die Sinnsuche im Vordergrund steht.

Nicht-christlichen Religionen wie der Islam oder der Buddhismus, so können wir den Zahlen entnehmen, sind im Aufwind. All das ist Ausdruck einer Sinnsuche, und hier geht der Einfluss der etablierten, christlichen Religionen zurück. Natürlich gibt es auch Teile der Bevölkerung, die mit religiösen oder spirituellen Fragen gar nichts anfangen können und die sich nicht auf Religion stützen, weder die Institutionen noch die Inhalte.

Was es kaum mehr gibt, ist ein bekennender Atheismus oder Agnostizismus. Das liegt daran, dass wir insgesamt freier mit Religion umgehen können. Es gibt nicht mehr die klassische religiöse Sozialisation, gegen die man sich auflehnen müsste; die Menschen sind unabhängiger.

In mehreren Religionen beheimatet sein

Wir sprechen im Westen von pluralistischen Gesellschaften und „Patchwork-Religionen“, also dass Menschen aus verschiedenen Quellen schöpfen. Sie machen zum Beispiel Bibelkreise, buddhistische Meditation und japanische Heilriten. Wie beurteilen Sie diese neue Freiheit?

In der Wissenschaft wird dies sehr unterschiedlich beurteilt. Als wir feststellten, dass Jugendliche Elemente aus verschiedenen Religionen übernehmen, etwa den Glauben an Gott und die Vorstellung von Wiedergeburt, gab es die große Befürchtung, dass damit das christliche Gebäude zusammenfällt. Hier ist man heute etwas entspannter.

Wir haben gesehen, dass dies in den USA an der Tagesordnung ist und dass Menschen durchaus zwei Religionen angehören können. Viele tun dies nicht aus Leichtsinn, sondern weil sie das Gefühl haben, dass sie ihre eigene Religion nur in der Tiefe verstehen können, wenn sie auch in einer anderen Religion beheimatet sind.

Paul Knitter, ein katholischer Theologe in den USA, schreibt, dass er ohne Buddha kein Christ sein kann. Das ist der Titel eines Buches von ihm. Und das ist keine oberflächliche Aneignung, sondern er meditiert seit vielen Jahren jeden Tag und ist in der buddhistischen Tradition zu Hause. Das ist nicht oberflächlich und nicht unseriös.

Sehen Sie das Phänomen der Patchwork-Religionen also eher positiv?

Ich sehe den Pluralismus durchaus positiv, weil er uns Wahlmöglichkeiten eröffnet. Menschen sind heute offen, über religiöse Themen übergreifend nachzudenken und nicht nur innerhalb einer Tradition. Das entspricht den Prinzipien einer offenen Gesellschaft.

Die Gefahr wäre, dass man sich oberflächlich bei den Religionen bedient und letztlich keiner gerecht wird. So etwas kann allerdings auch innerhalb einer Religion geschehen, etwa dass Jugendliche sich konfirmieren lassen, weil sie es auf die Geschenke abgesehen haben.

Könnte eine Gefahr beim Pluralismus bestehen, dass Menschen die Orientierung verlieren, dass es eine Haltlosigkeit gibt?

Das wird immer wieder behauptet, aber wir finden dafür keine Anhaltspunkte, keine empirischen Nachweise. Ich glaube, es ist eher eine Klage über den angeblichen Werteverfall und kein wirkliches Hinsehen. Dahinter steht auch oft ein Bedauern, dass es keine religiöse Verankerung mehr gebe, wobei ich mich frage, ob diese jemals selbstverständlich war.

Selbst die Leitfiguren der Religionen wie z.B. Martin Luther haben ja nicht aus der Selbstverständlichkeit des Glaubens gelebt, sondern mit Zweifeln und zwar erheblichen, existenziellen Glaubenszweifeln. Sie haben um ihren Glauben immer wieder gerungen.

Vorsicht vor dem Gerede über einen militanten Islam

Die Freiheit, von der Sie sprechen, bedeutet mehr Wahlmöglichkeiten und auch mehr Verantwortung. Schauen wir uns die jungen Männer an, die sich dem Islam zuwenden, der westlichen Gesellschaft den Rücken kehren und in den heiligen Krieg ziehen. Wir reden über eine Minderheit, aber wie erklären Sie sich das?

Dem müssen wir genauer nachgehen, das ist jetzt noch zu früh zu sagen. Die Frage ist: Was sind die tieferen Beweggründe, was steckt hinter der Fassade der Religion? Ist es ein Protest gegen die Gesellschaft, ein Aufbruch der Jungen oder Hoffnungslosigkeit? Wir sollten uns vor vorschnellen Erklärungsmustern hüten.

Dieses Phänomen hat vermutlich mehr mit unserer Gesellschaft zu tun als mit dem Islam. Was läuft in unserer Gesellschaft schief, dass junge Menschen nach Syrien gehen oder Anschläge verüben wie auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris am 7. Januar 2015?

Das ist genau die Frage! Vielfach macht man es sich zu einfach, etwa wenn in den Medien von einem „militanten Islam“ gesprochen wird. Ich würde den Blick lieber auf unsere eigene Gesellschaft lenken. Aber hier müssen wir noch viel genauer erforschen, was die Motive sind, sich dem Islamismus anzuschließen, und wie stark eigentlich die Konversion zum Islam mit religiösem Leben verbunden ist.

Ein Punkt, der mir wichtig erscheint: Die extremen Gruppen bieten einfache Antworten auf komplexe Fragen. Sie versuchen, mit wenigen Parolen komplexe Zusammenhänge zu erklären. Das hat eine Entlastungsfunktion, stimmt aber eben nicht.

Andererseits sprachen wir davon, dass der Einzelne ein großes Angebot an Möglichkeiten hat. Vielleicht brechen manche unter der Last der Verantwortung zusammen. Der Fundamentalismus als Schattenseite der pluralistischen Gesellschaft?

Das kann durchaus sein, dass das Individuum überfordert ist. Ich sehe das auch als eine Aufforderung an die Kirchen, sich damit stärker auseinanderzusetzen. In der Jugendarbeit etwa sollten sie mehr auf das schauen, was die jungen Menschen brauchen und Räume der Begegnung schaffen. Es gibt einige erfolgreiche Gemeinden, die eine hervorragende Jugendarbeit machen. Die anderen müssten sich mehr an diesen orientieren.

Wir sehen in unserer Forschung übrigens, dass in Gebieten, die sehr pluralistisch sind, das Klima eher tolerant ist. Man könnte denken, dass es hier mehr das Bedürfnis gibt, sich abzugrenzen und seine eigene Identität zu wahren. Aber genau das Gegenteil ist der Fall!

Werte werden vor allem in der Familie vermittelt

Wo werden in einer säkularen Gesellschaft ethische Werte vermittelt?

Das ist eine große Frage. An erster Stelle sehe ich die Familie. Eltern sind Vorbilder, von denen die Kinder lernen, und sie tragen die meiste Verantwortung, wobei ich hier nicht unterscheide zwischen konventioneller Familie oder Patchwork.

Das ist ja eine enorme Verantwortung…

Ich meinte nicht die ethischen Werte, die man ausformuliert oder den Kanon, auf den sich die Gesellschaft einigt, sondern die Werte, wie sie gelebt und vermittelt werden. Wenn wir einen schönen Wertekanon haben, aber auf der praktischen Ebene etwas ganz anderes gelebt wird, zum Beispiel, dass sich der Stärkere durchsetzt, dann ist das bloße Theorie.

Neben der Familie sind sicher die Schulen maßgeblich. Hier spielt soziales Verhalten eine große Rolle: Verantwortung für andere, Rücksichtnahme, Respekt und Toleranz. Und auch andere Institutionen sind zu nennen, etwa Sportvereine, Freiwillige Feuerwehr, Musikschulen – und hier geschieht es eher intuitiv.

In Schulen und Universitäten hat man eher den Eindruck, dass junge Menschen fit für die Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft gemacht werden. Verstehen sich die Bildungseinrichtungen überhaupt noch als Wertevermittler?

In den Geisteswissenschaften spielen Werte eine große Rolle. Gerade die Erziehungswissenschaften befassen sich damit, wie Bildung aussehen und welche Elemente sie enthalten soll. Ich würde auch den Naturwissenschaftlern nicht per se unterstellen, dass sie kein Interesse an ethischen Fragen hätten.

Es gibt genügend Spielräume in den Bildungseinrichtungen, sich mit ethischen Werten zu befassen. Ich räume aber ein, dass wir diesem Thema mehr Aufmerksamkeit schenken müssen, denn das, was unser Leben vor allem ausmacht, sind Werte wie Zuneigung, lebendige Beziehungen, Respekt usw.

Hier sind wir wieder bei den Religionen, denn sie könnten doch eine Vorreiterrolle übernehmen, wenn sie bereit sind, auf das einzugehen, was die Menschen heute bewegt.

Ja, hier sehe ich ein großes Potenzial – und zwar dann, wenn sich die Religionen wieder stärker auf ihre Ursprünge besinnen und fragen: Was hat Menschen so bewegt, dass sie sich dieser Religion angeschlossen haben, dass sie mit alten Lebensentwürfen gebrochen und sogar Verfolgung auf sich genommen haben? Was war die Faszination, was waren die Kernbotschaften? Wir sollten eingeschliffene Glaubensmuster überprüfen, die womöglich am Kern des Ganzen vorbeigehen.

Darüber hinaus müssen die Religionen am Puls der Zeit sein und sich fragen: Was bedrückt Menschen, wo brauchen sie Unterstützung? Wo können wir ihnen Räume eröffnen, Impulse für Lebendigkeit geben? Eine Lebendigkeit, die nicht ausgerichtet ist auf Karriere und Leistung, sondern auf das, was Menschen am Herzen liegt.

Professor Dr. Wolfram Weiße ist Direktor der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind:  Funktion von Religionen in der Gesellschaft (z.B. Rolle der Religionen im Südafika der Apartheid und im Übergang hin zur Demokratie), Dialog in Theologie und Religionspädagogik, internationale Theologie. Leiter großer internationaler Forschungsprojekte, gegenwärtig des Projektes „Religion und Dialog in modernen Gesellschaften“.


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5 Gedanken zu „„Religionen müssen am Puls der Zeit sein“

  1. Es gibt hierzu einen interessanten Artikel von William J. Hoye: „Toleranz und interreligiöser Diskurs.“ Darin sagt er:

    „Das interreligiöse Gespräch wird nicht nur durch Dummheiten und Missverständnisse blockiert, als müssten wir bloß Hindernisse abbauen. Um Vorurteile zu überwinden, muss man Wahrheitsgründe erkennen. … Wahrheiten sind von sich aus intolerant. Sie wollen gesehen und bejaht werden. … Eine Religion, die die Wahrheit nicht an die höchste Stelle setzt ist außerstande, gegenüber anderen wahrheitsbeanspruchenden Religionen wirklich tolerant zu sein. Erforderlich ist die Absolutsetzung der Wahrheit.“

    Nur wenn man die Wahrheit absolut setzt, d.h. an die Wahrheit als solche glaubt, kann das Streben nach Wahrheit bei anderen, die andere Wege gehen, akzeptiert werden.

    In den Religionen wird jedoch nicht die Wahrheit und das Streben nach der Wahrheit absolut gesetzt, sondern Glaubensinhalte, die sich von Religion zu Religion unterscheiden. Wiedergeburt ist keine Wahrheit, sondern ein Glaubensinhalt. Erlösung durch Christus ist keine Wahrheit, sondern ein Glaubensinhalt. Das Problem ist, dass jede Religion ihre Inhalte für Wahrheiten hält. In diesem Punkt unterscheidet sich die Lehre von Buddha allerdings angenehm von einer Religion. Buddha selber hat metaphysische Aussagen abgelehnt. Ein kluger Mann!

  2. ohne Religion könnte die Menschheit friedlich weiter existieren und alle kriegswaffen könnten vernichtet werden. Die Profiteure werden jedoch
    nicht einverstanden sein.

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