Oleg Ivanov IL/Shutterstock
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Religionen zwischen Krieg und Frieden

Was haben Glaube und Gewalt wirklich miteinander zu tun?

Im säkularen Westen wird häufig behauptet, dass Religionen Menschen zu Gewalt anstacheln. Ein Vortrag des Friedensforschers Prof. Hasenclever in Hamburg klärte auf: Glaube und Gewalt hätten weniger miteinander zu tun, als viele meinten.

Es ist eine weit verbreitete Meinung in westlichen Gesellschaften, dass Religionen Menschen radikalisieren und zur Gewalt anstacheln. Seit den Anschlägen am 11. September 2001 hat sich diese Sicht epidemisch ausgebreitet. George W. Bush machte eine „Achse des Bösen“ aus und versuchte damit, die Jagd seiner Regierung auf die radikal-islamistische Taliban-Milizen zu rechtfertigen.

Die Medien greifen diese spektakulären Themen gern auf. Seit die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) ihr Unwesen treibt, vergeht kein Tag, an dem man nicht von Greueltaten hört, die, so die landläufige Meinung, im Namen des Islam begangen werden. Oftmals wird ein grelles Bild des Islam gezeichnet, dem man pauschal und ohne zu differenzieren Gewaltbereitschaft unterstellt.

Doch entspricht diese konstruierte Beziehung von Religion und Gewalt überhaupt den Tatsachen? Professor Andreas Hasenclever klärte in einem Vortrag am 1. Dezember 2014 an der Akademie der Weltreligionen in Hamburg auf. Der Professor für Friedensforschung und Internationale Politik an der Universität Tübing erklärte, dass Glauben und Gewalt viel weniger miteinander zu tun hätten, als viele meinen.

Wirtschaftliche und politische Diskriminierung als Ursache für Gewalt

Die Zahl der Menschen, die sich zu einer Religion bekennen, nimmt weltweit zu. Insbesondere in den Ländern des Südens steigt die Bedeutung von Religion, gleichzeitig sind hier die meisten Gewaltkonflikte zu verzeichnen. Daraus ziehen Gegner der Religion den Schluss, dass der Glaube die Gewalt schüre.

Und dafür gibt es Beispiele, die Hasenclever anführte: bewaffnete Konflikte religiöser Gruppen, etwa in Afghanistan, Nigeria, Palästina und Thailand. Hier werde Religion dazu benutzt, Gewalt zu rechtfertigen.

Doch der Friedensforscher nannte auch andere Beispiele: ethnische und ideologische Konflikte, in denen die Religion keine Rolle spielt, etwa in Guatemala, Ruanda oder Somalia. An der Wurzel der meisten Gewaltkonflikte liege nicht die Religion, sondern ökonomische und politische Faktoren seien ausschlaggebend: Wirtschaftskrisen, Verteilungskonflikte, schwache Staaten. Insbesondere wenn ganze Bevölkerungsgruppen politisch oder wirtschaftlich diskriminiert würden, bestehe die Gefahr der Bildung bewaffneter Oppositionsbewegungen.

Allen gewaltsamen Auseinandersetzungen seien in der Regel eine starke kollektive Identität, Feindbilder und Abgrenzung von gegnerischen Gruppen gemeinsam. Und hier komme mancherorts wieder die Religion ins Spiel. Sie fungiere dann aber nicht als Glaubenssystem, sondern vielmehr als Ideologie, die die beteiligten Gruppen zusammenschweißt.

Die empirische Forschung hat also bisher nicht den Zusammenhang zwischen religiösen Differenzen und dem Risiko von Gewaltkonflikten beweisen können. Dafür gebe es keine belastbare Evidenz, so Hasenclever. Vielmehr stünden hinter den Gewaltkonflikten säkulare Interessen.

Der Islam und der Vorwurf der Gewaltbereitschaft

Der Islam gehört derzeit zu den am schnellsten wachsenden Religionen weltweit. Ihm wird vielfach unterstellt, die Gewaltbereitschaft zu schüren. Auch das, so Hasceclever, sei empirisch nicht belegt.

Zwar habe die Intensität der Gewalt durch Terroristen im 21. Jahrhundert zugenommen. Die Extremisten von Al-Qaida und IS seien aber nur die Spitze des Eisbergs. Anschläge in anderen Erdteilen mit vielen Toten, etwa in Afrika oder Asien, würden im Westen kaum beachtet.

Hasenclever warf auch die Frage auf, ob der Terror von Al-Qaida und IS wirklich religiös motiviert sei. Dass sich die Terroristen selbst für lupenreine Muslime hielten, die einen heiligen Kampf führen, sei kein Beweis für ihre religiöse Motivation. Vielmehr sei offensichtlich, dass islamische Kämpfer zum Teil Analphabeten seien, die den Koran nicht besonders gut kennen. Die Anführer griffen sich wenige Stellen heraus, um damit ihren Kampf zu legitimieren.

Er erwähnte eine Studie des BKA zu den Motiven von Deutschen, sich extremen islamischen Gruppierungen anzuschließen. Hier sei nicht die Religion ausschlaggebend, sondern Menschen, die das Gefühl haben, am Rande der Gesellschaft zu stehen, kämen mit diesen Gruppierungen in Kontakt. Sie suchten Halt und Orientierung, fielen auf Hassprediger und Fundamentalisten rein und würden dadurch erst radikalisiert.

Religionen als Friedensstifter

Am Ende führte Hasenclever Beispiele für das Friedenspotenzial von Religionen an. Er erwähnte einflussreiche Persönlichkeiten wie Bischof Desmond Tuto, den Großajatollah im Irak Ali al-Sistani oder des muslimischen Gelehrten Muhammed N. Ashafa in Nigeria. Auch gibt es religiöse Bewegungen für den Frieden wie die Quäker in Nigeria, Maha Ghosanda mit seinen Friedensmärschen in Kambodscha oder den Weltkirchenrat in Sierra Leone und Liberia.

Es war ein lehrreicher Vortrag, den die Akadmie der Weltreligionen hier veranstaltet hat, und auch eine Ermutigung, den Dingen auf den Grund zu gehen und das Zerrbild, das in den Medien, etwa vom Islam gezeichnet wird, zu hinterfragen.

Birgit Stratmann

Weitere Informationen:

Die Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg veranstaltet Ringvorlesungen und andere Veranstaltungen, die öffentlich sind.

Mehr Infos

Im Wintersemester läuft eine Vortragsreihe zum Thema „Gewalt und Gewaltfreiheit in den Religionen“

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