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oben: Joachim Bauer und Russel Kolts, unten: Luidse Reddemann und Ronald Siegel

Resilienz entwickeln

Fachkongress zu Achtsamkeit und Mitgefühl

Auf dem Fachkongress „Achtsamkeit und Mitgefühl in Therapie und Gesellschaft“ informierten weltweit führende Vertreter achtsamkeitsbasierter Verfahren über neue Forschungsergebnisse und vermittelten, wie Leiden im therapeutischen Kontext gelindert und Resilienz gestärkt werden kann.

 

 

Achtsamkeitsbasierte Methoden haben heute in medizinischen und therapeutischen Bereichen ihren festen Platz. Aktuelle Forschungen, die auf dem Kongress vom 23. bis 25. September 2016 in Freiburg präsentiert wurden, belegen, dass eine mitfühlende Haltung von besonderer Bedeutung für die heilsame Wirkung der Achtsamkeit ist.

Mitgefühl ist nicht rosa!

„Mitgefühl ist nicht süßlich oder rosa! Es konfrontiert mit dem eigenen Leid“, erklärte Russel Kolts, klinischer Psychologe und Vertreter der Compassion-Focused Therapie (CTF) aus den USA. Er räumte, ebenso wie andere Referenten, mit einem in der Öffentlichkeit weit verbreitetem Missverständnis auf, dass Selbstmitgefühl zwangsläufig zu Egozentrik und Selbstmitleid führe.

Öffentliche Beachtung hatte Kolts vor allem mit seiner Methode im Umgang mit Wut und Traumata bei Gefängnisinsassen gefunden. Klienten müsse man qua Selbsterfahrung mitfühlendes Verständnis entgegenbringen. Kolts: „Schmerz und Schwierigkeiten gehören zum Leben dazu.“

Auch andere Kollegen aus den USA wie Chris Germer bestätigten, dass Selbstitgefühl erst den probaten Umgang mit den eigenen Problemen ermögliche, indem sich der Klient dem eigenen Leid und den Schmerzen mit einer Haltung der Freundlichkeit und der Akzeptanz zuwende und dadurch Heilung erfahren könne.

Germer ist klinischer Psychologe an der Harvard Medical School in Boston und gehört zu den Pionieren der heute weltweit angewandten Methode MSC (Mindfulness Self-Compassion). Er hat gemeinsam mit Paul Gilbert und Christine Neff das Selbstmitgefühlstraining international bekannt gemacht hat.

Die Achtsamkeitswelle bezeichnete er als die stille globale Revolution, die sich nicht nur im Westen, sondern auch im Osten verbreite, wie er von seinen Besuchen in China und Korea bestätigen konnte.

Zwei Flügel eines Vogels: Mitgefühl und Weisheit

In seinem Vortrag bezeichnete Germer Weisheit und Mitgefühl als zwei Flügel, die notwendig seien, damit der Vogel fliegen könne. Achtsamkeit sei die Grundlage für Mitgefühl. Mitgefühl definierte er als liebevolle Güte und den Wunsch, die Menschen mögen frei sein von Leid.

Damit Mitgefühl wachsen könne, brauche es Selbstmitgefühl. Er zitierte den Dalai Lama: „Um wahres Mitgefühl mit anderen zu entwickeln, muss man selber ein Fundament haben, auf dem Mitgefühl entwickelt werden kann.“ Selbstmitgefühl sei daher die Bedingung, um für andere zu sorgen.

Mitgefühl ohne Weisheit sei jedoch gefährlich. So wies er die anwesenden Therapeuten auf das interessante Phänomen des Backdrafts hin. Germer: „Wenn Mitgefühl kommt, öffnet sich oft die Tür für Schmerz.“ So könne man mit der Mitgefühlspraxis unerwartet heftige Reaktionen oder Retraumatisierung auslösen, wenn der Therapeut nicht fachkompetent vorbereitet sei.

Veränderung durch Akzeptanz

Die Familientherapeutin Linda Graham aus San Franciso bestätigte, dass Achtsamkeit und Selbstmitgefühl aus neurowissenschaftlicher Sicht die wirksamsten Mittel seien, um das Gehirn zu verändern und die Fähigkeit zu Resilienz zu entwickeln. Sie zitierte das Paradoxon von Karl Rogers: „Wenn ich mich genauso akzeptiere, wie ich bin, verändere ich mich.“

Ron Siegel, Assistenzprofessor für Psychologie an der Harvard Medical School in Boston und bekannter Buchautor, bezeichnete Mitgefühl und Weisheit als Ergebnis der Achtsamkeitspraxis. Er definierte Weisheit im buddhistischen Kontext und plädierte für eine Psychotherapie ohne „Selbst“.

Siegel: „99 Prozent der Menschen beschäftigen sich mit ihrem Selbst, aber es gibt kein Selbst.“ Seine These: Wir konstruieren das Ich über das Denken („Ich habe eine To-do-Liste, also bin ich.“). Achtsamkeit helfe uns, vom Nachdenken in den Seins-Modus zu gehen und weniger ego-zentriert wahrzunehmen.

Durch das Annehmen der eigenen vergänglichen Gefühle, das Wahrnehmen der Anteile in uns (wer sitzt gerade am Steuer in meinem Bus?) und die Distanzierung (Nicht ich bin die Wut, sondern da ist Wut) würden die Emotionen weniger persönlich wahrgenommen. In diesem Sinne setzte er sich für die Integration von Geist und Körper in die psychotherapeutische Behandlung ein.

„Menschen fühlen sich besser, wenn sie präsenter sind.“

Thorsten Barnhofer, klinischer Psychologe, berichtete über Studien an der Uni Oxford zur Anwendung von MBCT (Mindfulness Based Cognitive Therapie). Er vermittelte, wie Achtsamkeit zur Behandlung von Depressionen beitragen könne, die sich in der westlichen Kultur endemisch ausbreiteten.

Laut Forschungsergebnissen verringere sich durch Meditationspraxis die Rigidität von Depressionen. Auch seien Grübeln, Sorgenmachen und Verdrängen Risikofaktoren für Demenz. „Die Menschen fühlen sich besser, wenn sie präsenter sind.“ Diese Haltung habe Bedeutung dafür, wie lange und wie gut sie leben.

Joachim Bauer, habilitierter Hochschulprofessor für Medizin und Psychatrie, Arzt und Neurowissenschaftler, referierte über die Fähigkeit des Menschen zu Empathie und den Stand der aus neurowissenschaftlichen Forschung.

Er fesselte die Zuhörer mit Forschungsergebnissen über die Beziehungen von Menschen durch Spiegelresonanz. Bei Menschen führe Sprache und Körpersprache zur Spiegelreaktion. Daher sei die Körpersprache so wichtig bei Lehrern. Wegen der emotionalen Ansteckung seien politische Hetzreden gegen Minderheiten daher so gefährlich. Doch die Resonanz gehe immer zu dem zurück, der sie ausgestrahlt hat.

Wenn ein Patient schwierige Gefühle auslöse, solle man daher immer darüber mit ihm sprechen, denn bei negativer Resonanz gäbe es nur geringe Therapieerfolge. Die Intervision sei auch wichtig für Lehrer und Juristen.

Als bahnbrechend bezeichnete er die aktuelle Forschung über Self-Projection. Danach existierten gemeinsame neuronale Netzwerke für das sog. Selbst und Andere. Das heißt, das „Selbst“ und „Nicht-Selbst“ entstünden immer zusammen.

Die Tatsache der dyadischen Spiegelresonanz sei von besonderer Bedeutung für die Arbeit in Krippen und Kitas. Viele Kinder in diesen Einrichtungen hätten später Defizite wie ADHS, deren Therapie im Nachhinein Zeit und Geld erfordere. Die Entwicklung bewertete er hier als skandalös. Kinder könnten nur dyadisch angesprochen werden bei einem Personalschlüssel 1:3. Die Fachleute wies er auf die lebenslange Aufgabe der Individuation hin.

Aus dieser Sicht forderte er angesichts der konfliktreichen Begegnung der Kulturen in einer globalisierten Welt mehr Einfühlungsvermögen in arabische Gemeinschaftskulturen, die sich von den individualistischen westlichen Kulturen stark unterschieden.

Achtsamkeit für Eltern

Achtsamkeit für Eltern war das Thema von Susan Bögels, Professorin für Entwicklungspsychopathologie an der Uni Amsterdam. Die Regierung der Niederlande möchte ihren 8-Wochen-Kurs Mindful Parenting als Präventivmaßnahme für Eltern einführen.

Als häufigste Diagnose bezeichnete sie nicht ADHS oder Autismus bei Kindern, sondern Angst-Störung. Als Eltern könnten wir die Kindperspektive nicht mitfühlen, sollten im Konfliktfall aus der Situation gehen und uns selbst Mitgefühl entgegenbringen, so ihr Rat.

Kritischer Ansatz: Mitgefühl und Ethik in der Psychotherapie

Für viele Zuhörer wohltuend war der kritische Ansatz von Luise Reddemann, ein Urgestein der Psychotherapie und Trauma-Expertin. Sie ist Nervenärztin und Psychoanalytikerin und hat sich auf die Behandlung von Menschen mit schweren Traumatisierungen spezialisiert. Von besonderer Bedeutung ist für sie die ethische Frage, wie Mitgefühl in der Psychotherapie vermittelt werden kann. Wichtig sei in ethischer Hinsicht, dem Patienten den Vorrang zu geben. Sie verwies dabei auf das Ethikhandbuch des Weltärztebundes.

Skeptisch äußerte sie sich über die Achtsamkeitswelle und zitierte Paul Grossmann. Ihm zufolge werde die große Begeisterung von der wissenschaftlichen Erforschung angefacht. Doch die derzeitigen Forschungsmethoden seien begrenzt. „Eine Welt, in der Fragebogendaten als Fakten wahrgenommen werden, ist dramatisch.“ Oft werde Achtsamkeit, die dem buddhistischen Kontext entstamme, lediglich mit Aufmerksamkeit identifiziert und die Ethik, Heilsames zu tun, weggelassen.

Individualisierung der Probleme

Reddemann wies auf das Missbrauchspotenzial hin, wenn mit Hilfe der Achtsamkeitswelle und der positiven Psychologie Achtsamkeit als Allheilmittel propagiert werde, das im industrialisierten Medizinbetrieb wie in der Betriebswirtschaft gerne „verordnet“ werde. Sie kritisierte die Individualisierung der Probleme nach dem Motto: „Nimm du dein Leben in die Hand, übe dich in Achtsamkeit, Mitgefühl und positiver Einstellung, und du hast keine Probleme mehr.“ Aus Sicht der Mächtigen könne dies sogar zu einem  Unterdrückungsinstrument werden.

Schmerz und Leid der Patientinnen benötigten Mitgefühl, aber auch Geduld, Hingabe und auch Mitgefühl mit der Person des Therapeuten selbst, um ein Scheitern zu ertragen. Das Würdeprinzip verbiete es, den Klienten etwas aufzudrängen, selbst wenn es der Therapeut für sinnvoll hält.

Reddemann: „In dem Moment, wo Achtsamkeit und Mitgefühl in der Heilkunde Anwendung finden, besteht die Gefahr, dass eine Machen-Orientierung in die Arzt-Patient-Beziehung kommt.“ Daher plädierte sie dafür, dass dem Mitgefühl stets auch ein Wunsch nach Veränderung in Richtung auf heilsames Tun innewohnen müsse, „selbst wenn wir daran scheitern.“

Michaela Doepke

Sämtliche Vorträge des Fachkongresses gibt es bei www.auditorium-netzwerk.de

lienhard ValentinDer Veranstalter Lienhard Valentin, Gründer von Arbor-Seminare und des Arbor Verlages, engagiert sich seit Jahren für die Begegnung von buddhistischer Meditationspraxis mit westlicher Psychologie und Wissenschaft.

 

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