Ein Buch über den Umgang mit Projektionen

Als Menschen hegen wir Ressentiments, oft ohne dass es uns bewusst ist. Dadurch verbauen wir uns die soziale Anerkennung, die wir suchen. Der Philosoph Thomas Gutknecht erklärt, wie wir Ressentiments erkennen und auflösen können. Eine Buchbesprechung von Natalie Knapp.

 

 

Wer sich politisch engagieren oder auch nur in sozialem Frieden leben will, kommt um die Auseinandersetzung mit Ressentiments nicht herum. Das philosophisches Buch von Thomas Gutknecht unterstützt dabei. Er erklärt, wie Ressentiments entstehen, wie man sie erkennt, worauf sie uns aufmerksam machen und wie man sie auflösen kann.

Dabei geht es um nichts weniger als das begehrteste Gut der Menschheit: die soziale Anerkennung. Als soziale Wesen sind wir auf Anerkennung angewiesen. Denn nur durch die Achtung der anderen lernen wir, uns selbst zu achten und schließlich zur besten Version unserer selbst zu werden.

Soziale Anerkennung ist das Resultat von Beziehungen, in denen wir uns gegenseitig ermöglichen, uns selbst zu erkennen. Selbstachtung und Fremdachtung sind aneinander gekoppelt. Ressentiments verhindern jedoch dieses fundamentale Spiegelungsereignis und werden so zu einer Quelle für Wut, Hass oder Depression.

Entstehung von Ressentiments

Ressentiment meint ursprünglich eine nachwirkende Empfindung, ein Wiederfühlen (re-sentir). Heute benutzen wir diesen Begriff, um die emotionale Nachwirkung einer Erniedrigung zu beschreiben, die unsere Wahrnehmungsfähigkeit einschränkt, unsere Weltsicht verzerrt und unsere Wahrheitsfähigkeit vernebelt.

Gutknecht arbeitet heraus, dass es sich dabei nicht um ein einfache Vorurteile handelt, sondern um eine ‚komplexe Affektlage’. Unverarbeitete Kränkungen und Verletzungen werden oft über Generationen weitergegeben und prägen die Ressentiments ganzer Kulturen.

Ressentiments unterstellen wir meistens anderen. Vor allem jenen, die unsere eigene politische oder spirituelle Einstellung ablehnen, unsere Hautfarbe, unser Geschlecht oder unser Weltbild. Ressentiments, so glauben wir, sind die verfestigten Vorurteile anderer Menschen, die uns daran hindern miteinander ins Gespräch zu kommen oder einander auf Augenhöhe zu begegnen.

Doch wir alle hegen zuweilen Ressentiments. Sie entstehen aus Kränkungen, denen wir uns machtlos ausgeliefert fühlten und die in unseren Seelen und Körpern Spuren hinterließen, schreibt Gutknecht.

Indem wir Ressentiments gegen andere hegen, können wir die eigene soziale Erniedrigung für einen Moment vergessen und uns überlegen fühlen. Deshalb beschreibt Gutknecht das Ressentiment auch als missglückten Heilungsversuch.

Wie lassen sich Ressentiments erkennen?

In der Gegenwart von Menschen mit Ressentiments fühlen wir uns häufig ohnmächtig, weil wir keine Möglichkeit sehen, mit Argumenten zu ihnen durchzudringen. Wir fühlen uns abgewertet, verärgert oder auch moralisch überlegen. Manchmal sind diese widersprüchlichen Gefühlslagen sogar gleichzeitig präsent und erzeugen im ungünstigsten Fall auch neue Ressentiments in uns.

Da unsere eigenen Ressentiments dann ebenfalls von einem Gefühlsgemisch aus Abwertung und Überlegenheitsempfinden begleitet werden, kann man kaum noch entscheiden, wessen Ressentiment gerade am Werk ist. Dazu passt auch die Einschätzung Gutknechts: „Das Ressentiment hat keine sozialen Grenzen bzw. lässt sich nicht soziologisch lokalisieren.“

Doch wie lassen sich Ressentiments am besten erkennen? „Ressentiment ist die dem Geist der Liebe entgegengesetzte Geistesverfassung“, schreibt Gutknecht und liefert damit einen wichtigen Kompass. Das Ressentiment sei keine Brille, die man auf- oder absetzen könne, sondern einem Augenleiden, einer Sehschwäche vergleichbar.

Ein Ressentiment hat man nicht nur, sondern man lebt darin wie in einem geistigen Gefängnis. Die dazugehörige Unzugänglichkeit für Argumente ist eine Folge dieser Befangenheit. Die emotionalen Ingredienzien dieser geistigen Verfassung sind steter Groll, Hass, Rachewünsche, herabsetzende Verachtung und häufig auch Selbstmitleid.

Wie lassen sich Ressentiments auflösen?

Im letzten Kapitel zeigt Gutknecht Wege auf, wie Ressentiments entmachtet werden können. Zu den wichtigsten gehört ein bewusster Umgang mit eigenen Ängsten. Denn „zur Angst, zu Ängsten und zur Furcht hat das Ressentiment beachtliche Verbindungen.“

Wer sich seiner Ängste nicht bewusst ist, projiziert sie häufig nach außen und entwickelt Feindbilder. Sie reichen vom Impfstoff über die Wissenschaft und neue Technologien bis hin zu religiösen oder politischen Gruppierungen.

„Angst verbirgt sich tausendfältig hinter allen möglichen leisen Masken, nicht nur hinter Hass und Gewalt.“ Daher gilt es, zunächst die eigene Verletzbarkeit als Teil des Menschseins akzeptieren zu lernen.

„In Summe scheint es nur eine einzige voll befriedigende Antwort auf die Grundangst zu geben: das Sein mutig im Angesicht des Nichtseins zu bejahen.“ Diese grundlegende, ja spirituelle Antwort auf die Angst braucht sicherlich viel Übung. Gutknecht weist darauf hin, dass die Angst nicht nur zum menschlichen Dasein dazugehört, sondern auch eine wichtige Funktion hat. Daher geht es ihm nicht darum, sich von der Angst zu befreien, sondern darum, sie ernst zu nehmen und sie als Teil der emotionalen Integrität eines erwachsenen Menschen zu betrachten. Dazu braucht es Mut, der schließlich in Verantwortung mündet für alles, was ist.

Als wichtigste Charakterstärken auf dem Weg zu einem kreativen Umgang mit der eigenen Angst nennt Gutknecht den Mut zur Wirklichkeit, die Fähigkeit zu hoffen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Sowohl für das eigene Leben als auch für die Folgen eines ausbeuterischen Lebensstils, den wir über Generationen als kulturelle Gemeinschaft gepflegt haben.

Das Buch „Mut und Maß statt Wut und Hass“ ist kein Ratgeber im herkömmlichen Sinne. Es ist vielmehr eine intellektuelle Begleiterin, die in ihrer Präzision und Detailliertheit weit darüber hinausgeht.

Thomas Gutknecht hat eine kluge Gesprächspartnerin erschaffen, die auch professionelle Begleiterinnen dabei unterstützt, Ressentiments zu erkennen und ihre Funktion zu verstehen. Damit möglichst viele Menschen die soziale Großzügigkeit entwickeln können, die wir als Einzelne und als Gesellschaft brauchen, um die zahlreichen Krisen der kommenden Jahre zu meistern.

Natalie Knapp

Thomas Gutknecht. Mut und Maß statt Wut und Hass: Ressentiments angemessen begegnen und Verantwortung übernehmen. 160 Seiten, Springer-Verlag 2021